Ecuador Testbericht

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Erfahrungsbericht von Swinja

Der lange Weg zu den Huao-Indios

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

4. Januar bis 18. Januar 2002. Ein Freund, der sich immer schon für bedrohte Völker engagierte, lädt mich ein, alte Bekannte von ihm zu besuchen – das Volk der Huaorani im Regenwald von Ecuador.

Wir reisen über Quito an, wo wir die ersten Tage, wo die Tour organisiert werden will, bei unserem Dschungelführer Ghazy, einem getreuen Abbild von Croco Dundee, in der Fabrik verbringen. Richtig: in seiner Fabrik. Er hat keine Wohnung, sondern haust in einer ihm gehörenden Werkstatt.

Die Anreise wird uns mit dem Auto nach Osten, in den „Oriente“ Ecuadors, in militärisches Sperrgebiet in der Provinz Orellana, führen. Ein ausreichend großes Auto muß gechartert werden. Für den letzten Teil der Anreise muß noch ein großes Kanu gefunden werden, samt dazugehörigem Außenborder, da das Siedlungsgebiet der Huao praktischerweise nur auf dem Fluß erreicht werden kann – zumindest wenn man unseren Umfang an Gepäck dabei hat. Lebensmittel und vor allem Trinkwasser brauchen wir in großen Mengen, denn kein Europäer kann unbeschadet das Flußwasser trinken.

Die Vorbereitungen dauern einige Tage, sodaß wir erst nach fast einer Woche abreisen können. Wir sind zu fünft: Ghazy, seine Mutter Grace, mein Freund Ron und ich – und als zweiten Führer, Allroundmann und Koch nehmen wir „Patricio“ mit, einen Ketschua-Indio, der nebenbei auch noch eine Gasgallone und eine Kochplatte mitsamt einer Sammlung Töpfe und Pfannen mitbringt. Es ist nicht unbedingt sein richtiger Name, aber er verwendet ihn, um einen für Touristen aussprechbaren Namen zu haben. Seinen richtigen Ketschua-Namen erfahren wir nicht.

Wir nehmen im späten Abend mit dem Van den Weg von Quito nach Coca, einer in den Dschungel geklotzten Stadt, die hauptsächlich von der Erdölförderung in dieser Region lebt. Das Erdöl ist Segen und Fluch: es bringt eigentlich Geld. Es bringt, wie Ghazy leidenschaftlich versichert, in Wahrheit gar nicht soviel Geld, denn die Branche ist fest in der Hand der Amerikaner, und das meiste Kapital kriegt der Staat Ecuador gar nicht zu sehen, von der Bevölkerung nicht zu reden. (Dementsprechend beliebt sind die „Gringos“ hier auch, und in Quito sahen wir einmal sogar Solidaritäts-Graffiti mit Osama.) Für die Indios ist das Erdöl ein Fluch, nicht nur in ökologischer Hinsicht, sondern auch in kultureller und sozialer.

Die Straße, die von den Anden herunter ins Amazonasbecken führt, ist streckenweise rudimentär asphaltiert, aber größtenteils nur Schotterpiste und führt in engen Serpentinen die Bergtäler hinab. Vor allem schwere Trucks sind hier unterwegs, die eine lange Staubfahne hinter sich herziehen und in halsbrecherischen Manövern überholt werden – laut hupend, um eventuellen Gegenverkehr zu warnen.

In Coca, wo wir früh morgens ankommen, wird es zu einem Poblem, Außenborder (ein 200 kg-Monstrum) und vor allem einen geeigneten Süßwasserkapitän zu engagieren. Die Huaorani, die erst vor 30 Jahren überhaupt entdeckt wurden, gelten (nicht ganz zu Unrecht) als agressiv und kriegerisch und müssen einen Ruf wie Donnerhall haben, und als Ghazy erklärt, mit dem Boot (das wir immer noch nicht haben), nach Wentaro zu wollen, haben alle Kandidaten auf einmal rätselhafte Familienprobleme, Krankheiten und wichtige Termine.

Nach einer nervenaufreibenden Stadtrundfahrt, auf der Ghazy alle „Amigos“ anpumpt, die er kennt (und er kennt, aufgrund seiner kontaktfreudigen Art, scheinbar halb Ecuador. Mit Ausnahme des Präsidenten. Allerdings soll das Land einen relativ hohen Präsidentenverschleiß haben, und da ist es schwer, auf dem aktuellen Stand zu bleiben), gelingt es uns dennoch, einen Außenbordmotor und einige Kanister Treibstoff zu organisieren.
Rein kilometermäßig haben wir das meiste hinter uns, aber es wird erst schwierig. Das Stück, das mit dem Auto noch vor uns liegt, führt bis zu einer Brücke über den Rio Chiripuno. Dort hat Ghazy (selbstverständlich, möchte man fast sagen) einige Amigos, und dort können wir übernachten, das Auto unterstellen und ein 12 m langes Kanu leihen. Der schwere Motor wird das schlammige Ufer hinuntergetragen und unter viel Aufwand an das Boot montiert – wozu erst wieder eine passender Bohrer und eine Handkurbel aufgetrieben werden müssen.
Nachdem wir erstmal eine Nacht hinter uns haben, wird im Morgengrauen das Boot mit unseren Siebensachen beladen: Gasflasche, Kocher, Geschirr, unsere Rucksäcke, Zelte, Benzinkanister, Werkzeugkiste... Das Boot sieht aus wie ein schwimmender Kramladen, und es wird Mittag, ehe wir losfahren können.

An der Brücke sind wir noch im Stammesgebiet der Shuar-Indios, unmittelbare Nachbarn der Huaorani. Das Stammesgebiet der Huao, das von den Flüssen Napo und Cononaco begrenzt wird, liegt von hier aus flußaufwärts. Das Zusammenleben war nicht immer konfliktfrei, soll sich aber mittlerweile deutlich entkrampft haben. Hier stößt auch der 16jährige Ika zu uns, der jüngere Bruder von Moi – ein Huao-Indio, der als politischer Aktivist für die Rechte der Indios überregional bekannt ist. Ika ist unser Lotse durch den Floß und nebenbei – als Bruder des prominenten Moi - unser Eintrittsvisum, denn die Huao reagieren auf unbefugtes Betreten ihres Territoriums sehr prompt und sehr agressiv.

Der Fluß führt zu dieser Zeit – es ist Trockenzeit – unangenehm wenig Wasser. Oft werden wir durch Untiefen oder querliegende umgestürzte Baumstämme aufgehalten, müssen ins bis zu brusttiefe schmutztrübe Wasser aussteigen und das Kanu weiterschieben. Patricio und Ghazy wechseln sich beim Bedienen des Motors ab, Ika steht wie die Galionsfigur einer antiken Trireme am Bug und gibt Handzeichen. So passieren wir irgendwann ein am Flußufer unter Bäumen stehendes pechschwarzes Schild, auf dem „Territorio de Huaorani“ steht. Ein Totenschädel ist nicht darauf gemalt, obwohl es mir so vorkommt.

Ich bin so überwältigt von der Kulisse des Regenwalds, daß ich fast das Fotografieren vergessen. Obwohl das Angebot an Tieren eher verhalten ist. Neben einigen bunten Papageienarten, Tukanen, Enten u. ä., die man gelegentlich am Wasser sieht, sehen wir vor allem handtellergroße Schmetterlinge in leuchtenden Neonfarben. Eine weiß-grüne Variante, wie die Fahne des Bundeslandes Sachsen, ist besonders häufig. Wo z. B. Früchte am Boden verfaulen, finden sie sich in dichten Schwärmen ein.

Wir machen kurz an einer Stelle halt, wo die Mutter des erwähnten Moi zusammen mit ihrer Familie am Flußufer wohnt. Mama Moi ist Großmutter im Kreis ihrer Enkel, hat, wie viele ihrs Stammes, mit einer Art Korkstopfen aufgeweitete Ohren und dichtes halblanges dunkles Haar. Zur Begrüßung erhalten wir eine Schale Chicha (eine Art Dünnbier) und erhalten erste Eindrücke von der mittlerweile nicht mehr ganz reinrassigen Lebensweise der Menschen. Immer noch flechten sie Taschen und Hängematten, leben von Jagd und Fischfang mit Blasrohr und Machete, halten sich Hühner und treiben Gartenbau auf kleinen Bananenplantagen – aber gerade Moi bringt gelegentlich Dinge von außerhalb mit, die er für nützlich hält. Und wenn es nur Teflonbratpfannen sind, Taschenlampen und Edelstahlmesser. Mama Moi interessiert sich vor allem für Grace, bzw. für deren leicht angegrautes lockiges Haar, das sie immer wieder anfaßt und ungläubig dazu lacht. Grace beschließt spontan, mit Bleistift ein Porträt der alten Frau zu malen, und auch wenn das Abbild dann doch etwas jugendlicher gerät, gibt es ihr markantes Gesicht doch gut wieder.

Wir haben keine Chance, das ca. 60 km entfernte Queriono, eine Huao-Siedlung (praktisch alle Huao-Dörfer liegen am Fluß als einzige vernünftige Verkehrsader), an diesem Tag zu erreichen. Gegen Abend – ca. 18.00 wird es fast schlagartig dunkel – erreichen wir ein Camp aus Schilfhütten, das von den Huao für ein Touristikunternehmen gebaut wurde. Hier ist sogar eine von Regenwasser gespeiste Dusche in den Urwald gebaut worden. Wir versuchen unsere vom ständigen Aussteigen patschnassen Kleider zu trocknen, und ich muß lernen: hier im Regenwald wird etwas, das einmal naß ist, praktisch NIE WIEDER trocken. Nebenbei stelle ich fest, daß ich an Armen und Beinen verbrannt bin wie ein gekochter Krebs – und das wird noch zu einem Problem für mich werden.

Auch am anderen Tag haben wir ein deutliches Problem, vorwärts zu kommen. Obwohl Ika fast jede Untiefe auswendig kennt – zaubern kann er nicht. Alle Augenblicke sitzen wir auf der Bootskante und lassen uns ins Wasser plumpsen, um zu schieben oder ein Hindernis aus dem Weg zu räumen. Einmal rammt unser Kanu einen untergetauchten Baumstamm, der ein kleines Loch in die Bordwand reißt. Ron und Patricio verstopfen es notdürftig mit Baumrinde, und ich verwandle mich mit einem abgeschnittenen Plastikkanister in eine Lenzpumpe.

Zu allem Überfluß hat auch noch der Anlasser – wie beim Rasenmäher mit Seilzug – einen Defekt, und wir müssen im Schatten überhängender Bäume eine Pause machen, während Ghazy fluchend repariert. Wir haben davon gehört, daß es im Fluß Piranhas gibt, und Ika hat uns sogar einmal einen „Cayman muerto“ gezeigt, der auf einer Sandbank lag und verweste. Von daher staune ich immer mehr, daß die beiden Indios mehr im Wasser als im Boot unterwegs sind, und gar nicht bereit sind, sich von Piranhas sich auf die Knochen abnagen zu lassen. Sie erzählen – und sie müssen es wissen - daß man, solange man keine offene blutende Wunde hat, auch nicht angegriffen wird – höchstens zufällig. Solchermaßen getröstet, lassen wir uns ins kühlende Naß fallen. Ein Fehler, zumindest für mich. Aber das merke ich später erst.

Mittlerweile ist Ghazy mit der Reparatur fertig, und mit den Nerven. Wir beschließen, den Abend auf einer Sandbank zu verbringen, die im Gleithang einer Flußbiegung entstanden ist. Patricio und Ica bauen aus Stangen und einer Plastikplane ein primitives Küchenzelt auf, und mit einigen Holzdielen entsteht eine Art Biertisch – und Plastik-Gartenstühle haben wir mitgebracht, ein Graus in dieser Umgebung. Patricio leistet Meisterarbeit als Koch, es gibt Püree, Würstchen und etwas gekochtes Gemüse. Und er hat auch daran gedacht, eine Flasche Rum einzupacken – und für mich eine Ladung Wodka.

In der sternenklaren Nacht geraten wir zunehmend ins Philosophieren, während wir vergeblich versuchen, ein vernünftiges Lagerfeuer zu entfachen. Aber es gibt weit und breit kein trockenes Holz, und auch das, das trocken aussieht, qualmt mehr, als richtig zu brennen.

Morgens weckt mich ein Tukan mit durchdringendem Schreien und löst dadurch den Wunsch nach erschossenem Tukan am Spieß in mir aus. Wie immer, ist Patito zuverlässig als erster wach und hat bereits Kaffee gekocht. Er ist als Koch auf dieser Tour absolut unersetzlich.

Mir wird mittlerweile klar, warum das Wasserbad vom Tag vorher nicht ganz sinnvoll war. Gut, es war sowieso unvermeidlich, naß zu werden. Aber die sonnenverbrannte Haut ist nebenbei auch aufgeweicht, und an einigen Stellen haben Baumstämme und dornige Äste sich verewigt – einige Wunden sind jetzt offen. Mein Jodfläschchen muß her, und ich binde die Stellen mit Gaze und Klebeband ab. Nebenbei entwickle ich großen Hass auf meine Gummistiefel, die innen mit einer Art groben Stoff gefüttert sind, der auf der Haut ebenfalls wie Sandpapier wirkt.

Auch heute, am dritten Kanutag, kommen wir um das Schieben und Schleppen nicht herum – auf „uno, dos, tres“ werfen sich alle Mann in die Riemen, und meine Versuche, sich elegant wieder ins Boot zu schwingen, sind immer mehr von dem Erfolg gekrönt, als daß ich auch wirklich auf meinem Sitzplatz lande und nicht, die Beine emporgereckt, auf dem Boden. Aber das ist noch gar nichts gegen eine Teilnehmerin vom vorherigen Jahr, eine Berlinerin, die bei einem derartigen Versuch in Patricios Blechgeschirr landete...
Patricio, seines Zeichens ein großer Kindskopf vor dem Herrn, macht sich einen Fez daraus, jedesmal „Uno, dos, quatro“ zu brüllen und zu beobachten, ob trotzdem alle schieben.

Solchermaßen kommen wir in Queriono an, wo Ghazy, Pato und Ron (sein selbstgewählter Spitzname ist übrigens ein Fehler, denn er ist auch das spanische Wort für „Rum“) bereits wohlbekannt sind, Ika ohnehin. Wir werden mit großem Hallo empfangen, und laden unsere Sachen aus. Wir können hier nicht weiterfahren, bedeuten uns die Indios, der Fluß ist von hier ab zu flach für unser großes Kanu. Nur ihre leichten Einbaumboote haben wenig Tiefgang genug, um bis Wentaro, unserem Ziel, durchzukommen.
Unser Entschluß: nachdem das Begrüßungspalaver abgeebbt ist, werden die dringendsten Dinge auf Einbaumkanus umgeladen und von den Indios nach Wentaro verschifft. Wir machen uns auf dem Landweg auf. Ghazy und seine Mutter, von Ika geführt, marschieren als langsamerer Trupp los. Ich und Ron stürmen mit Patricio als Führer vorneweg.

Der Landweg nach Wentaro ist nicht mehr als ein auf und ab führender Trampelpfad durch dichtes Buschwerk, der gelegentlich den Fluß kreuzt, wobei wir die steilen Flußufer mehr hinunterfallen als steigen. Ron schlägt mit der Machete einen notdürftigen Weg frei, und Paticio hält Ausschau nach Stöcken mit aufgesteckten Papageienfedern – den Wegweisern nach Wentaro.

Der Weg ist inzwischen „ausgebaut“ – das bedeutet, die Indios haben Seitencreeks des Flusses überbrückt, mit nebeneinandergelegten armdicken Baumstämmen, denen manchmal ein Geländer beigefügt wurde. Und an einer dieser Brücken am Kwai geschah es.

Ron (auf Englisch): Patricio, halt mal an. Ich glaube, die Brücke hält mich nicht aus.
Patricio: (auf Englisch): Hm, ja, kann sein, die sieht nicht so stabil aus. Ich probiere erst mal, wartet hier eine Sekunde. (Er geht vorsichtig wie ein Seiltänzer auf die Mitte der ca. 3 m langen Brücke.)
Patricio: (auf Englisch): Scheint aber zu halten. (Er wippt vorsichtig auf und ab.)
Patricio: (auf International): Aaaaaaaaaaaaaah!!!!!!!!!!!
(Der Schrei kommt von einer Stelle in der Luft, wo sich vor Sekundenbruchteilen noch eine Brücke und ein Patricio befanden. Etwa zwei Meter tiefer, in einem schlammigen Graben, befinden sich Patricio und die Bruchstücke einer ehemaligen Brücke.)

Wir springen hinunter – Patricio ist schneller auf den Beinen als wir unten, er ist wie eine Katze – und arbeiten uns die Grabenwand wieder hoch – ich mit der Hilfe meines ehrwürdigen Geologenhammers. Wir sehen aus wie eine Herde Schweine nach einem Schlammbad.

Wir legen eine Pause ein. Meine Füße schmerzen und sind durch das Innenprofil der Stiefel nochmal blutig aufgescheuert. Patricio meint, es wäre noch ca. eine halbe Stunde bis Wentaro. Von ihm ist eine solche Angabe halbwegs realistisch. Hätte einer der Huao, deren Zeitgefühl eine eher flexible Sache ist, das gesagt, hätte man noch von drei Stunden ausgehen können.

Nach etwa 20 Minuten kreuzen wir nochmal den Fluß, der kaum knietief hier ist. Das Wasser ist hier deutlich klarer und fließt schneller. Wir lassen unser Gepäck am Ufer fallen und uns selbst ins Wasser, Ron legt sich längs hin und genießt die Kühle. Wir haben kaum mehr Trinkwasser, seine Feldflasche enthält nur noch einen brühwarmen Schluck. Später kommentiert er: „Viel hätte nicht gefehlt, und ich hätte die Brühe aus dem Fluß gesoffen.“

Aber wir sind fast am Ziel. Wir kreuzen zwei Flüsse, die hier ineinanderfließen, und auf eine kurze Strecke mit etwa einem Viertelmeter Höhenunterschied nebeneinander herfließen – wie zwei ineinandermündende Autobahneinfahrten. Nach wenigen Minuten Fußmarsch sind wir plötzlich auf einem freien rechteckigen Feld mit kurz gemähtem Gras. Es ist der Flugplatz von Wentaro (!).

Pato steuert die ersten Hütten an, und die Indios schauen uns neugierig entgegen. Er ist hier kein Unbekannter, und als sich herumspricht, daß auch „Ron del Almania“ da ist, schaltet der Buschfunk auf Sendung: von überallher tauchen Männer, Frauen, Kinder auf und begrüßen uns. Einer der Indios fragt verwundert, wieso ich mit dem „Martello“ (Hammer) in der Hand herumlaufe – und Pato erzählt kurz unser Erlebnis mit der einstürzenden Brücke.

Wentaro ist nicht allzu groß – ich schätze grob eine Bevölkerung von vielleicht 50 Köpfen maximal. Das Dorf besteht, neben den Wohnhütten der Familien, aus einem etwa doppelgaragengroßem „Gemeindehaus“, einer genausogroßen Schule, und einer als „Banjos“ deklarierten Hütte, wo es Waschgelegenheiten gibt. Alle Häuser sind übrigens Pfahlbauten, um ungebetene (vier- bis achtbeinige) Fußgänger aus den Wohnungen herauszuhalten. Wir lassen uns auf den Boden fallen und warten das Eintreffen der zweiten Gruppe ab. Pato packt den Proviantrucksack aus, und wir stellen fest, daß nicht nur die Kokoskekse nach Benzin schmecken, sondern wir sie auch nicht hinunterschlucken könen – weil wir auch kein Trinkwaser mithaben. Die Folge ist wieder mal eine von vielen Morddrohungen in Richtung Patricio („We kill you!“), die ohnehin einer der Running Gags der ganzen Reise sind.

Das Eintreffen der zweiten Gruppe deutet sich dadurch an, daß die Kinder mit dem Ruf „Ghazy kommt!“ (er ist auch hier bekannt wie ein bunter Hund) in seine Richtung davonstürmen und sofort wiederkommen. Ghazy sagt keinen Ton, sondern schweigt trotzig unter einer Flut von Kraftausdrücken und Verwünschungen, die seine Mutter auf ihren mißratenen Dschungelführer-Sohn herabregnen läßt. Sie hatte mit einem gemütlichen Spaziergang durch den Urwald, aber nicht mit einer derartigen Knochentour gerechnet, und ist „geladen“ wie eine heidnische Gewittergöttin.

Unter den neugierigen Augen der Indios packen wir erstmal aus und mittlerweile ist auch der Einbaum mit unserem Gepäck eingetroffen. Das Hochspannungsfeld um Grace wird mit einigen Gaben aus der Rumflasche vorsichtig abgeleitet, und gute Stimmung macht sich breit. Ron verteilt die Fotos, die er im vorhergehenden Jahr in Wentaro geschossen hatte, und unter großem Hallo und Palavern erkennen sich die Männer und Frauen auf den Bildern wieder und erinnern sich an den vorhergehenden Besuch des „loco Alemano“ („den bekloppten Deutschen“). „weißt du noch, das war da, als das Kanu umkippte, und das Bild, da waren wir fischen... schau mal, so klein war dein Junge damals noch...“

Abends wird im festlichen Rahmen – beim Schein zweier Kerzen – ein Huhn geschlachtet und gebraten, und vor allem Ron und Ghazy pflegen die Konversation mit den Indios. Ron hatte vorheriges Jahr eines der Neugeborenen „getauft“, und das Kind war inzwischen natürlich kräftig gewachsen – und stolz begutachtete der Pate sein Patenkind. Wir Besucher lassen die Rum- und Wodkaflasche kreisen. Positiv fällt mir auf, daß die Indios zwar rauchen, aber vom „Feuerwasser“ die Finger lassen – obwohl sie ansonsten durchaus Alkohol trinken (nämlich besagtes Chicha-Getränk) und dabei auch orgienhafte Exzesse feiern. Das Bild, das manche nordamerikanischen Indianervölker bieten, nachdem der weiße Mann ihnen Hochprozentiges brachte, steht mir abschreckend vor den Augen.

Farbenprächtige Trachten, wie man sie etwa von den Hochlandindios der Anden kennt, gibt es hier übrigens nicht. Als die Huao den ersten Kontakt zur Außenwelt hatten, war ihnen Kleidung praktisch ein Fremdwort, und so richtet sich ihr Äußeres heute ausschließlich nach praktischen Gesichtspunkten: Boxershorts, T-Shirt und Gummistiefel sind eine Art Einheitsmode bei den Männern. Durch den Kontakt mit anderen Indios und Latinos haben viele auch ihr Äußeres angeglichen: die meisten Männer schneiden sich die Haare, und nur wenige, darunter Moi, tragen sie noch lang. Außerdem erfahre ich, daß die Huao bis vor kurzer Zeit, obwohl sie an Flüssen leben, reine Nichtschwimmer waren und das Wasser scheuten. Wir diskutieren noch eine Zeit darüber, daß bei den Huao – abhängig von der jeweiligen Verfügbarkeit der beiden Geschlechter – die Mehrehe erlaubt ist; es sind sowohl Fälle bekannt, in denen ein Mann zwei oder mehr Frauen hat (die, das ist zwingend, Schwestern sein müssen), aber es gibt auch Frauen in anderen Dörfern mit zwei Männern (für die sinngemäß das gleiche gilt. Die erstere Variante dürfte allerdings, aufgrund der kriegerischen Traditionen des Volkes und der deutlich erhöhten Sterberate unter den Männern, die Häufigere sein). Es geht dabei also weniger um viel Spaß in der Hängematte, als um die Notwendigkeit, jedes Stammesmitglied „unter die Haube“ zu bringen – wobei junge Männer, die „keine abgekriegt haben“, halt einfach bei einer der Schwägerinnen „geparkt“ werden (und für die Mädchen gilt wiederum sinngemäß dasselbe). Außerdem ist eine bestimmte Form der Inzucht erlaubt: Cousins und Cousinen dürfen einander heiraten, mit zwei komplizierten Einschränkungen: die blutsverwandten Elternteile des Brautpaars (die logischerweise Geschwister sind) müssen verschiedenen Geschlechtern angehören, und es dürfen nur die Cousin/inen sein, mit denen man über einen Elternteil verwandt ist, der das entgegengesetzte Geschlecht von einem selbst hat. (Ich überlege vorsichtig wie es überhaupt möglich sein sollte, in der Huao-Sprache, die für viele Dinge gar keine Wörter hat, einen derartigen Sachverhalt verständlich zu formulieren. Abgesehen dürften bei einer derartigen Cousinsehe – aufgrund der zahlenmäßigen geringen Größe dieses Volkes, sie werden auf maximal 1500 Köpfe geschätzt – ohnehin alle vier Elternteile kreuz und quer blutsverwandt sein.) In der Praxis heißt das in etwa konkret: Ich (als Mann) darf meine Cousinen heiraten – allerdings nur die von meiner Mutter-Seite her. Und davon auch nicht alle – sondern nur die Töchter des Bruders meiner Mutter. Die Töchter der Tante würden mir genauso verwehrt bleiben wie die Nichten meines Vaters. (Als Frau dürfte ich nur die Cousins heiraten, die von der Vater-Seite stammen – und da wiederum von einer Schwester meines Vaters.)

Steinmüde, nicht nur von der Erörterung dieses Regulariums, fallen wir kurze Zeit später in Schlaf. Es ist ohnehin dunkel, und für die Indios ist mit der Dämmerung generell ihr Tag zu Ende. Mittlerweile ist auch der Mond wieder am zunehmen, die bleiche Sichel steht am Äquator horizontal, ein ungewohnter Anblick.

Am anderen Morgen, nach Patos gewohntem Frühstück, handeln die Indios mit uns. Sie bieten u. a. bunte Halsketten feil, die aus erdnussähnlichen tiefrot/schwarzen Früchten hergestellt werden, geflochtene Tragetaschen und Hängematten, und ähnliche Dinge. Ron ersteht – wir bezahlen die Dinge mit Geld, was mir etwas merkwürdig vorkommt – dazu später noch mehr – außerdem eines der wenigen selbstgefertigten Kleidungsstücke der Indios, eine eher minirockähnliche weiße Short-Hose, die aus einer reißfesten Baumrinde hergestellt wird. Und ich kaufe ein fast 3 m langes Blasrohr mitsamt Pfeileköcher – und der Mann, der es mir verkauft, weist mich auch gleich in die Technik des Schiessens ein. Immerhin, auf eine Entfernung von wenigen Metern treffe ich sogar etwas. Ich schenke dem Mann noch meine Taschenlampe, um ihm wenigstens irgend etwas Nützliches anbieten zu können. Den Gedanken, daß ich das 3m lange Rohr auch irgendwie nach Deutschland bringen muß, verdränge ich ins Unendlichweite.
Und natürlich müssen wir auch fotografieren – damit es fürs nächste Jahr auch wieder Souvenirs gibt.

Durch den zeitaufwendigen Anmarsch müssen wir uns leider schon wieder auf den Rückweg machen – zum allgemeinen Bedauern, denn Ron wollte mir noch sehr viel mehr von den Huao zeigen. Wir fahren mit den Einbaumkanus nach Queriono zurück, wo noch schnell weitere Souvenirs gekauft werden – Ghazy drängt, und die Zeit ist tatsächlich knapp. Jetzt haben wir Eloi, einen der Männer aus Wentaro, als Kapitän am Motor sitzen – und nachdem wir uns aus Queriono verabwunken haben, dreht er auf. Eloi fährt das Boot etwa so wie Ghazy seinen Landrover: wie ein Mörder, er heizt den Kahn ohne Rücksicht auf Verluste über querliegende Baumstämme und verläßt sich weitgehend auf den Schwung, den das vollbesetzte Kanu hat. Ika ist wieder Galionsfigur am Bug und gibt Handzeichen – diesmal etwas hektischer. Wir sind im Wettlauf mit der Zeit, denn wofür wir drei Tage brauchten, müssen wir jetzt an einem schaffen. Wenn wir nicht bis Einbruch der Dunkelheit an der Brücke sind, haben wir ein echtes Problem. Auch die Katzenaugen der Indios finden in dieser Finsternis nicht weiter.

Gelegentlich macht sich das Eigengewicht des Kanus und die daraus resultierende Massenträgheit bemerkbar – beim Lenken. Unvermittelt, in einer engen Flußbiegung, macht Ika einen Hechtsprung wie von einer Tarantel gebissen – und landet mit einem gewaltigen Platschen im Wasser. Keine Sekunde zu früh – mit lautem Knirschen und dem Geräusch splitternder Äste schiebt sich das Boot in das Gebüsch am Flußufer. Wir stecken erstmal fest. Aber nicht lange, mit „uno dos quatro“ (O-Ton Patricio) kämpfen wir uns wieder frei.

Plötzlich kreuzt von links nach rechts ein kleines silbergraues Ubootperiskop unseren Weg. Es handelt sich um eine Schlange, die pfeilschnell den Fluß überquert, ich komme kaum dazu, auf den Auslöser zu drücken.

Etwas unterhalb der Siedlung, wo Mois Mutter wohnt (wo wir außerdem einen aus Queriono mitgebrachten Buschen Bananen abliefern), macht Ika wieder einen Hechtsprung – und wieder kleben wir am steilen Flußufer. Unter Gelächter eisen wir uns wieder los.

Das Lachen vergeht uns jedoch langsam. Mir wird immer bewußter, daß die Schmerzen im Bein kein Sonnenbrand sind, sondern eine Infektion und Entzündung der Gelenke durch Schmutz in den Wunden. Und außerdem nähert sich die Sonne unangenehm schnell dem Horizont. Plötzlich ist das Abendrot gar nicht mehr so schön anzusehen, denn die Brücke, unser unbedingtes Ziel, ist keineswegs in Sicht.

In der Dunkelheit kommen wir nur noch sehr vorsichtig voran. Und wir hätten keine Viertelstunde später sein dürfen – als Eloi plötzlich ruft: „Il puente!“

Wir sind da. Geschafft.

Das Ausladen erfolgt im Schein von Kerzen und Taschenlampen, fast schon gefechtsmäßig. Ghazy, dem man den Streß der letzten Tage nun doch anmerkt, steht inmitten und dirigiert wie ein erfahrener Feldwebel. Und noch muß – es ist 9 Uhr abends und stockduster – der Außenborder abgebaut werden, denn wir wollen ihn noch heute ins Auto laden und das Kanu zurückgeben.

Im Schein von Kerzen, die am Ufer und im Boot stehen, bauen wir das schwere Gerät ab und schleppen es schrittweise mit 5 Mann das schlammige rutschige Steilufer hoch. Eigentlich kriechen wir mehr hoch, und alle Augenblick geht ein anderer in die Knie oder rutscht aus. Irgendeine Kante fährt mir über das Knie und schabt etwas Haut ab, aber es fühlt sich an, als hätte es ein Stück Fleisch vom Knochen abgerissen.

Erschöpft aber erfolgreich stehen wir da, haben den Außenborder an einer sicheren Stelle postiert und rauchen. Das wäre geschafft. Eloi dreht sich in Richtung des Bootes um und ruft etwas Unverständliches – aber ich bin relativ sicher, es war das Huao-Wort für „Verdammte Scheiße.“

Das Boot, das mit den beiden brennenden Kerzen aussieht wie der Begräbniskahn eines antiken Heldenkönigs, treibt in Flußmitte stromabwärts. Es wäre sehr romantisch – müßten wir es nicht seinem Besitzer zurückgeben.

Eloi rennt derart schnell durch das Wasser daß es fast aussieht als könnte er DARÜBER laufen, wie der Nazarener über den See Genesareth... und er schafft es, das Boot wieder zurückzuzerren.

Abends sitzen wir – nun wieder bei Rum und Wodka – zusammen und diskutieren über das Volk der Huao und seine Zukunft. Eloi sagt, daß der zunehmende Geldverkehr immer mehr soziale Pobleme – Verteilungsneid und Mißgunst – schafft. Obwohl sie das Geld dringend brauchen, um Schrotpatronen für ihre Jagdwaffen und andere Dinge zu kaufen, sähe er es lieber, wir würden mit solchen nützlichen Gegenständen gleich bezahlen - das würde weniger Probleme machen. Ich bin erstaunt, wie lernfähig die Indios sind, wenn es darum geht, die Technik der Nachbarn zu gebrauchen – wobei sie aber keinen Jota von ihrer Lebensweise als Jäger und Sammler abgehen wollen. Die Schule in Wentaro, wo ein wenig Lesen und Schreiben, Spanisch und Landeskunde unterrichtet werden (von einem Ketschua-Indio), hat kaum Bücher oder Schulhefte. Aber Queriono und Wentaro besitzen solarbetriebene Funkgeräte, und die Indios können damit umgehen. Medikamente gibt es praktisch nicht, dafür ist allerdings das Naturheilkundewissen der Schamanen beachtlich. Nebenbei versuche ich, einige Vokabeln der Huao-Sprache, die sehr nasal und „gequetscht“ klingt, aufzuschnappen.

Die Rückfahrt über Coca – wo wir den leicht beschädigten Motor zurückgeben – nach Quito dauert den ganzen Tag, wir kommen irgendwann todmüde in Quito an. Dabei müssen wir durch mehrere Militärkontrollen, die vor allem Drogenschmugglern gelten. Ghazy schafft es irgendwie, die Posten davon zu überzeugen, daß es völlig normal ist, einen Indio ohne Papiere – gemeint ist Ika – in die Hauptstadt mitzunehmen. Der Fahrtwind trocknet sogar noch einige meiner Kleidungsstücke – sodaß ich in Quito wenigstens noch ETWAS anziehen kann.

Am anderen Tag führte der Weg zum Flughafen. Zurück ins graue, kalte, reglementierte Deutschland.

Eine derartige Dschungelreise hat einige Besonderheiten. Man sollte die üblichen Impfungen haben, dazu Hepatitis, Gelbfieber und evtl. eine Malariaprophylaxe. Auf der Tour selbst wurde jedes Detail in Plastiktüten verpackt – für den Fall, daß das Kanu kentern sollte, aber auch aufgund der humiden Luft – gerade für Kameras essentiell, für die man auch ausreichend Reservebatterien haben sollte, da sie sich auch aufgrund der Luftfeuchtigkeit schnell entladen. Etwas Spanisch sollte man beherrschen. Jeans sind als Kleidung im Dschungel absolut ungeeignet – sie trocknen nicht und fangen schnell zu „müffeln“ an. Man sollte an ausreichend viele Socken, Gummistiefel, einen Regenponcho denken, an einen Erste-Hilfe-Kasten – Jod und ausreichend Verbandszeug sind ebenso wichtig wie Sonnenschutz! Kleidung sollte imprägniert sein, ebenso Rucksack und Schlafsack. Eine Taschenlampe ist wichtig.
Für Ecuador allgemein: man erhält – als EU-Bürger - sein Visum unproblematisch im Flugzeug. Es gibt keine eigene Währung mehr, sondern es gilt der US-$. Mit der VISA-Karte kann es manchmal problematisch sein, günstiger sind USD-Reiseschecks. Vorsicht mit „Stoff“ – die Drogenpolizei ist sehr humorlos.

Wer mehr über das Volk der Huaorani, ihre Geschichte und Kultur erfahren und vielleicht noch einige weitere Reiseberichte in ihr Gebiet lesen möchte: http://www.huaorani.de bietet umfassende Informationen in Deutsch. Noch detaillierter ist ein mittlerweile allerdings vergriffenes Buch des amerikanischen Journalisten Joe Kane, der in den Siebziger Jahren das Gebiet der Huao bereiste.

18 Bewertungen, 1 Kommentar

  • tinaf7

    31.05.2002, 03:30 Uhr von tinaf7
    Bewertung: sehr hilfreich

    na ich war ja leider noch nicht dort aber jetzt kann ich mir was vorstellen