Es ist soweit - Böhse Onkelz Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 09/2004
- Cover-Design:
- Klangqualität:
Erfahrungsbericht von helden_gesucht
Frankfurt die Siebte
Pro:
harter, metallischer Sound, Kevins Stimme, dunkle Atmosphäre, dunkle Texte
Kontra:
nüx
Empfehlung:
Ja
======
Es wird mal wieder Zeit, dass ich einen Bericht meiner Lieblingsband widme – den „Böhsen Onkelz“. Immer und immer wieder musste ich lesen, wie toll doch das 90er Album „Es ist soweit“ der Combo ist. Irgendwann auf meinem Weg durch die nahegelegene Einkaufmeile sah ich die CD. Ich musste natürlich nicht lang überlegen und nahm sie mit. Der letzte Stein in meiner Sammlung.
Die Band
=======
Um die gesamte Geschichte der Onkelz aufzuführen dazu müsste hier wohl eine eigene Rubrik eingerichtet werden. Kaum eine andere Band hat so viele Höhen und Tiefen durchlebt wie die Deutschrocker. Deshalb nur einpaar kurze Facts.
In ihren Anfangsjahren kamen die Onkelz vor allem in der rechtsextremen Szene zu Ruhm. Aus diesen Jahren stammen Lieder wie „Judenstaat“ oder „Skinhead“, welche eine eindeutige Sprache sprechen. So wurde ihr erstes Studioalbum „Der Nette Mann“ (1984) verboten und es hagelte Auftrittsverbote, wegen gewaltverherrlichenden Texten und der Idealisierung des Nationalsozialismus. Jedoch meine Meinung ist die, es ist Auslegungssache. Man kann, wenn man will, in jeden Text das reininterpretieren, was man gern lesen würde und was man durch Vorurteile bereits über eine Band zu wissen meint. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen schon beim bloßen Namen „Böhse Onkelz“ an Rechtsextremismus denken und einen schon verurteilen. Dabei kann sich ein Außenstehender kaum ein Urteil über die Band machen. Die Texte klingen recht hart. Das gebe ich zu, jedoch das liegt am sozialen Umfeld aus denen sie stammen. Kevins Familie zerbrach an der Alkoholsucht und Stephan arbeitete in einer Kneipe, die an den Puff seines Vaters gekoppelt war. Außerdem hatte er mit 17 schon Schulverbot für alle Schulen in Hessen. Und schon bald hatten sie ihren schlechten Ruf weg. Als sie ´85 „Böse Menschen – Böse Lieder“ auf den Markt, bekommen sie für dieses Kracheralbum und das nächste keinen einzigen Pfennig. Kevin driftet langsam aber sicher in die Drogensucht ab. Dieser Fakt wird von der Presse immer wieder ausgeschlachtet, jedoch stopfen die Fans der Presse den Mund mit einem fünften Platz in den Albumcharts. Ab nun sollte es bergaufwärts gehen. Einladungen zu diversen „Gegen Rechts“ – Konzerten kamen und auch der kommerzielle Erfolg mit dem Album „E.I.N.S.“...
Soviel zur Band...
Kevin Russell (Leadgitarre/Vocals)
Matthias Röhr (Gitarre)
Stefan Weidner (Bass/Vocals/Keyboards)
Peter Schorowsky (Schlagzeug)
Das Album
=========
Das Coverartwork finde ich so einmal und genial, dass ich damals nicht anders konnte und mir einfach das T-Shirt zur Platte bestellen musste. Auf dem Cover sieht man groß Kevin als Karikatur (ich vermute mal, dass es Kevin ist), der sich versucht zu vermummen in einem schwarzen Mantel und mit einer Kippe in der Hand. Daneben sind kleine Bilder eines Folterstuhls – ein elektrischer Stuhl.
Das Booklet ist sehr einfach gehalten. Eine Doppelseite mit allen Songtexten. Dazu sei noch angemerkt, dass meine CD aus dem Jahr 2001 stammt. Noch ein kleines Bandbild im Innenteil und auf der Rückseite wieder die Tracklist unter der noch die knochige Hand des Typen auf der Forderseite, die hier merkwürdig leblos aussieht. Nur die Kippe ist immer noch in seiner Hand.
Tracklist
=======
#1 10 Jahre
#2 Nekrophil
#3 Wilde Jungs
#4 Nichts ist für die Ewigkeit
#5 Wenn du einsam bist
#6 Keine ist wie du
#7 Hast du Sehnsucht nach der Nadel?
#8 Paradies
#9 Das Leben ist ein Spiel
#10 Es ist soweit
#11 Leiden
...und die Tracks im Einzelnen
======================
> 10 Jahre < - Der Opener der Platte ist gleich ein glattes Brett. Mit fetten Gitarrenakkorden und Riffs geht es in den Track. Dann ein Schrei von Kevin und der Track ist vollkommen am Rollen. „Tag ihr Lügner, ihr wisst schon, wen ich meine...“ Stefan klangt in seinem Text, die Dummheit und Ignoranz der Medien, der großen, aber auch der kleinen an, die es einfach trotz tausender Statements immer noch weiter Lügen über die Band verbreiten. Kevin singt den Track wirklich geil. Und auch Gonzos Zwischenspiel kommt so agil wie immer. Schön ist es, das Schlagzeug im Hintergrund rumsen und den Bass blubbern zu hören. Ein flotter Opener ganz nach meinem Geschmack.
(5/5) -> (4:14)
> Nekrophil < - Auf „Live in Dortmund“ ist diese Lied mit Abstand mein Lieblingsstück. Der Anfang ist schon sehr dunkel. Man hört die Gitarre schnarren, den Bass in unregelmäßigen Abständen brummen und das Schlagzeug sehr ruhig schlagen. Dann kommt Kevin mit seiner unnachahmlichen Stimme dazu und unterstreicht die schwarze Stimmung mit seiner Stimme. Im Song geht es, wie der Titel schon sagt, um eine Kerl, der sich an Leichen vergeht. „Bin ich Mensch, oder bin ich Tier? Oder bin ich nur so wie du?“ Diese Formulierung verweißt schon wieder etwas auf die Gesellschaft. Es gibt so viele Assgeier, die sich am Niedergang anderer Erfreuen und Bereichern. Sehr geiler Track, vor allem wegen der Stimme und des Lachens von Kevin. Gruslig schön!
(5/5) -> (4:01)
> Wilde Jungs < - Hierauf folgt nun ein eher fröhlicher Text. Die Onkelz in jungen Jahren. Jung, stolz und nichts zu verlieren. Fette, treibende Beats heizen Gonzo immer weiter an, der hier wirklich tolle Zwischenspiele hinlegt. Der Text ist wunderschön zum Mitgrölen und macht den Song zu einem Partysong. Motto: Lasst uns was auf die alten Tage trinken!
(5/5) -> (4:10)
> Nichts ist für die Ewigkeit < - Jetzt eine der wohl genialsten Rockballaden, die ich je gehört hab. Der Anfang und die Strophe mit einer Mischung aus Klavier und Gitarre und dazu Kevin. Kevin ist ein Stimmenphänomen. Er kann ebenso gut aggressiv und wutgeladen singen, wie ruhig und gediegen. Hier kombiniert er beides genial. Und nach einem kleinen Zwischenspiel geht es in den Refrain. Doch sehr gediegen. Zwar hart, aber mit langsamen Akkorden. Und dann wieder zurück in den Anfangsrhythmus. Eine Ballade für die Ewigkeit. Und der text ist superstark gemacht. Die Onkelz räumen mit allen Vorurteilen auf und rufen die Kritiker und Skeptiker zum Nachdenken auf. Gonzo spielt hier ein Solo erst auf der Akustikgitarre und dann auf der E-Gitarre. Das Stück ist einfach zum Verlieben. Man hat den Eindruck, es könnte ewig so weitergehen. Und gegen Ende wir das Stück schön rockig, hart und schnell.
(5/5) -> (5:34)
> Wenn du einsam bist < - Per Trommelgewirbel und dann komisch einsetzenden Gitarren beginnt der nächste Track. Doch langsam nimmt das musikalische Gebilde Gestalt an. Nach dem fast Fehlstart macht sich der Track doch ganz gut und entwickelt sich immer besser. Der Text ist wunderschön dunkel, auch mit einem kleinen Hang zum Fiesen. Der Song ist ungefähr vom gleichen Schlag wie „Nekrophil“ nur geht es hier um alptraumgeplagte Nächte. Kevin verleiht den Stück wieder die persönliche Onkelz-Note.
(4/5) -> (4:15)
> Keine ist wie du < - Und auch dieser Track beginnt eher schleppend. Schwere Gitarrenklänge und auch kaum Aktivitäten vom Schlagzeug, doch dann geht’s los. Schneller, treibender Beat und dazu schnelle Akkorde. Kevin singt über seine „erste Liebe“ – das Tätowieren. Seine Gefühle, die er dabei hatte umschreibt er mit „bittersüße Schmerzen“. Wenn man zwischen den Zeilen liest, kann man eine Liebesgeschichte erkennen. Eine Liebe die unter die Haut geht, die prägt, die Schmerzen und Zeichen hinterlässt. Aber es ist auch ein geiler Metal-Track.
(5/5) -> (3:14)
> Hast du Sehnsucht nach der Nadel? < - Und noch so ein geiler Metal-Track. Fett geht es gleich wieder in den Track. Kevin singt von einem Thema, wo er mitreden kann – die Drogensucht. So erscheint schon die Frage „hast du Sehnsucht nach der Nadel?“ fast grotesk, aber dennoch trifft es den Nagel auf den Kopf. Des weiteren zeigt Kevin auch, wie es abläuft „zuerst der Rausch, dann tiefes Leid“. Auch am Ende steht der Tod und irgendwie passt das einfach zu diesem Album. Genialer Track.
(5/5) -> (3:48)
> Paradies < - Diesen Track hab ich zum ersten Mal auf der „20 Jahre - Live in Frankfurt“ gehört und ich fand ihn einfach geil. Zunächst kurz Pe am Schlagzeug doch dann stimmen auch die anderen Instrumente ein. Dunkle Klänge, schnelle Bassline, kaum Höhen drin. Die Strophe beruht quasi nur auf Kevins Stimme. Doch diese Eintönigkeit und die immer wiederkehrenden Ausbrüche zeichnen einfach den paranoiden Zustand, den der Text beschreibt. Gespaltenheit – ein weiterer Effekt, der bei Drogenkonsum auftreten kann. Und sicher kennt den Kevin auch aus eigener Erfahrung. Ich find den Track einfach klasse und Kevin mit seinem „Ja“, das er sowieso ziemlich oft auf der Platte hören lässt, hat deutlich Spaß bei den Liedern.
(5/5) -> (3:37)
> Das Leben ist ein Spiel < - Dunkle, schwerfällige Basseinleitung... Dann erste Gitarrenklänge. Alles immer noch sehr düster. Pe wirkt fast desinteressiert am Schlagzeug. Alles sehr gediegen und ruhig. Doch dann ein Aufbäumen im Bass und dann geht’s in guter Metalmanier los. Fetter, treibender Beat und dazu eine schnell schnarrende Gitarre. Und die fast Metallica-typischen Doppel-Bassdrumanschläge. Kevins Stimme wie immer unvergleichlich. „Scheiß auf Regeln und benutze deinen Verstand“ wohl die beste Aussage des Tracks. Der Refrain passt vom Soundkonzept meiner Meinung nach nicht ganz zu dem Stück, aber trotzdem klingt es ganz nett.
(4/5) -> (4:01)
> Es ist soweit < - Der Titeltrack zum Album. Hohe, starkverzerrte Gitarrenklänge. Ein ansteigender Schlagrhythmus. Anfangs ist alles noch etwas durcheinander, doch dann komm dieses klasse Rock’n’Roll-Riff, dass einfach zum Mitwippen animiert. Dann kommt ein Mittelteil der sehr an Metallica erinnert, aber Parallelen sind mir ja schon früher aufgefallen. Ein sehr geniales Zwischenspiel übrigens, weil man nie weiß, was als nächstes kommt. Alles ist sehr dunkel. Ich würde jetzt mal spontan sagen, dass der Track ganz eng in Verbindung mit den Bildern auf der Vorderseite steht. Es geht wohl um einen Mann, der hingerichtet werden soll auf dem elektrischen Stuhl. Geiler Track.
(5/5) -> (4:47)
> Leiden < - Und auch der letzte Track ist einfach genial. Ein kleines Riff und dazu dunkle Gitarren und ein langsamer Beat, aber alles sehr ruhig. Dann kurz Pause und es geht im Eiltempo wieder weiter. „Komm schon lass uns leiden...“ Sehr geiler Track. Kevin singt mal wieder wie nach einer durchzechten Nacht – ich mag diesen Jungen! Auch Gonzo bringt wieder eines seiner geilen Soli im Ultrahighspeedbereich.
Super Ende der Platte
(5/5) -> (3:59)
Fazit
====
Klasse Artwork, klasse Platte – ich kann manche Leute nicht verstehen, die auf der Platte musikalische Fehltritte der üblen Art entdecken, denn es ist nicht so. Auch ist die Klangqualität erste Sahne, was aber wohl auch etwas damit zu tun hat, dass ich die remasterte Version von 2001 habe, aber dennoch sind die Studiosongs einfach schön dunkel und aggressiv und man findet einzigartige Stücke wie „Nekrophil“ oder „Hast du Sehnsucht nach der Nadel?“ ,die von einer „schwarzen“ Phase Stefans beim Schreiben zeugen. Ich kann das Album nur empfehlen, auch wenn sie die Vorurteile von wegen rechts und Exskins ja hartnäckig halten. Auch wenn’s noch einen geringen Prozentsatz von Onkelz-Anhängern gibt, die genauso denken und das gutieren. Macht euch, euer eigenes Bild. Von der Band und den Platten.
52 Bewertungen, 6 Kommentare
-
19.01.2009, 00:39 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreich.•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.
-
19.01.2009, 00:23 Uhr von ingoa09
Bewertung: besonders wertvollEin super Bericht! Liebe Grüße, Ingo
-
07.12.2008, 21:29 Uhr von wolli007
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße Wolli
-
15.07.2008, 15:17 Uhr von frankensteins
Bewertung: besonders wertvollsüper, liebe Grüße Werner
-
20.06.2008, 17:11 Uhr von Iris1979
Bewertung: sehr hilfreichSuper Bericht. LG Iris
-
07.05.2008, 22:42 Uhr von Striker1981
Bewertung: sehr hilfreichSH und liebe Grüße sagt der STRIKER`
Bewerten / Kommentar schreiben