Zähl nicht die Stunden (Taschenbuch) / Joy Fielding Testbericht
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Erfahrungsbericht von BulmaZ
Light my fire.
Pro:
sehr lesenswert
Kontra:
so gut wie nichts
Empfehlung:
Ja
Zähl nicht die Stunden – Joy Fielding
:: Bezugsquelle & Preis ::
Gekauft habe ich den Roman als gebundene Weltbild Ausgabe in einem entsprechenden Weltbild Shop. Dort habe ich 6,00 € bezahlt. Als normale Ausgabe, wie man sie sonst überall bekommt, kostet das Taschenbuch 9,95 €.
:: Eckdaten ::
Titel: Zähl nicht die Stunden
Originaltitel: The first time
Autorin: Joy Fielding
Übersetzung: Mechthild Sandberg – Ciletti und Kristian Lutze
Erscheinungsjahr: 2001
Verlag: Weltbild
Genre: Drama
Seitenanzahl: 448 Seiten
:: Die Autorin ::
Joy Fielding (geb. Tepperman) (* 18. März 1945 in Toronto, Kanada) ist eine kanadische Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie lebt mit Ihrem Mann Warren in Toronto und Palm Beach und hat zwei Töchter, Shannon und Annie. […]
Joy Fielding schreibt Thriller und Psychothriller, die jedoch immer auf verschiedene Weise unterschiedliche Abgründe der Gesellschaft zeichnen. Die Themen spiegeln die ganze Palette der Gewalt wider: Vergewaltigung, Psychoterror, Gewalt in der Ehe, Kindesentführung und dergleichen. Die Geschichten sind fast durchgehend in großen US-amerikanischen Städten angesiedelt. Hauptfiguren sind immer Frauen, die oftmals gut ausgebildet und gut aussehend sind, die es im Leben "zu etwas gebracht haben", in einer scheinbar perfekten Beziehung leben und Kinder haben. Doch häufig tragen sie Geheimnisse, unverwirklichte Wünsche oder nie gelebte Sehnsüchte in sich, die durch zufällige Begebenheiten, Nervenzusammenbrüche oder schleichende Prozesse ans Tageslicht kommen. So gelingt es Fielding in oft überzeugender Weise, mal subtil und schleichend, mal ganz offensichtlich und brutal die Entwicklung und Veränderung der Identität ihrer Charaktere und des Umfeldes, in dem sie leben, pointiert darzustellen.
Quelle: www.wikipedia.de
:: Zähl nicht die Stunden ::
Die inzwischen schon sechzehn Jahre andauernde Ehe von Mattie und Jake Hart ist eine einzige Farce. Geheiratet haben die beiden lediglich, weil Mattie mit zwanzig bereits von Jake schwanger wurde. Wirkliche Liebe gab es zwischen den beiden nie. Dementsprechend wenig ist Mattie verwundert, als sie immer wieder Hotelrechnungen findet oder kleine Zettelchen mit unbekannten Telefonnummern darauf. Ihr ist eindeutig klar, dass Jake sie betrügt. Doch Mattie hat schon lange resigniert.
Ihr Leben ändert sich jedoch schlagartig, als sie nach einem Autounfall im Rahmen verschiedener Tests die niederschmetternde Diagnose bekommt: Sie leidet an der unheilbaren und tödlich verlaufenden Krankheit, die der Volksmund als Lou – Gehrig – Syndrom kennt – einer amoytrophen Lateralsklerose. Die Krankheit bewirkt, dass nach und nach die Nerven im Körper absterben, was am Ende dazu führt, dass der Mensch vollkommen gelähmt ist, kurzatmig wird und damit ein Gefangener in seinem eigenen Körper. Jake weiß noch nichts von der Diagnose, als er beschließt, Mattie wegen einer anderen Frau zu verlassen. Als er jedoch ebenfalls von dem Ergebnis der Untersuchungen erfährt, beschließt er, die letzten ein bis zwei Jahre, die Mattie vermutlich noch bleiben, an ihrer Seite zu sein.
:: Eindrücke ::
Nun, der Klappentext ist deutlich allgemeiner und viel reißerischer gehalten, sodass man von „Zähl nicht die Stunden“ eigentlich alles erwartet, nur kein Herz zerreißendes Drama. Entsprechend überrascht dürfte man also auch sein, wenn die Geschichte ihren Lauf nimmt und offenbart, dass der vorliegende Roman alles andere ist als ein Thriller oder Krimi. Aber muss er deswegen schlecht sein? Mitnichten.
„Zähl nicht die Stunden“ beginnt ziemlich klassisch damit, wie Mattie im hauseigenen Pool ihre Bahnen schwimmt und überlegt, wie sie ihren Mann töten könnte. Nach und nach wird klar, wieso die hübsche Frau sich mit solchen Gedanken trägt und es offenbart sich eine dermaßen kaputte Ehe, dass es einem selbst schon an dieser Stelle an die Nieren geht. Was folgt, sind die verschiedenen Sichtweisen von Mattie und Jake auf ihr gesamtes bisheriges Zusammenleben. Dies mag zunächst langweilig erscheinen. Ist es aber nicht. Denn es ist so erschreckend realistisch, dass man sicher sein kann, dass es so sicherlich schon millionenfach abgelaufen ist. Jake betrügt seine Frau, Mattie weiß bescheid, tut jedoch nichts. Bereits auf den ersten Seiten, auf denen man einen Einblick von dieser verworrenen und eingefahrenen Situation bekommt, tut Joy Fielding eines nicht: Sie drückt nicht auf Tränendrüse. Sie schildert die Fakten einer Ehe sachlich, fast nüchtern. Aber genau diese Art ist es, die einen als Leser wohl aufhorchen lassen dürfte. Obwohl viele Seiten über nur Gedanken verfolgt werden, Rückblicke und Erinnerungen, kommt keine Langeweile auf. Im Gegenteil, es setzt sich ein echt wirkendes Bild zusammen, das einem beim lesen ein flaues Gefühl im Magen verursacht.
Interessant ist dabei, dass Joy Fielding ihre Hauptfiguren nicht ellenlang herum lamentieren lässt. Es wird nicht versucht, Entschuldigungen zu finden. Vielmehr werden Ursachen gesucht, die in der Vergangenheit der beiden Eheleute liegen. So haben sowohl Mattie als auch Jake eine furchtbare Kindheit hinter sich, in der sie von ihren Eltern alles andere als geliebt wurden. Es verbindet sie auch die Tatsache, dass beide nicht mit ihren Taufnamen angesprochen werden wollen. Einzig, die gemeinsame Tochter, Kim, scheint die Zwei noch zusammen zu halten.
Joy Fielding zieht ihre Linie konsequent durch. Selbst, als die Hauptfigur Mattie Hart ihre Diagnose bekommt, wohnt der Leser keinen Heulkrämpfen bei, keinen Szenen, in denen die betreffende Person in Lethargie versinkt. Die Art, auf die Fielding ihre Protagonistin agieren lässt, ist viel realitätsnaher und macht einen als Leser viel betroffener. Auch hier führt die Tatsache, dass die Autorin absichtlich nicht auf die Tränendrüse drückt, vielmehr dazu, dass man betroffen ist. „Zähl nicht die Stunden“ verkommt also definitiv nicht zu einem lapidaren Frauenschicksal, sondern erzählt eine Geschichte, die nicht nur nicht weit hergeholt wirkt, sondern einen auch noch mit einem unangenehmen Gefühl zurücklässt, wenn man den Roman weggelegt hat. Trotz der Trostlosigkeit, die der Plot bedingt, strahlt der Roman aber auch eine unheimliche Hoffnung aus. Auch hier ist Joy Fielding nicht in die Falle getappt, aus jener Hoffnung reißerisches Kapital zu schlagen. Es sind plötzlich die kleinen Dinge im Leben der Familie Hart, die Sinn ergeben.
Bei allem Realismus sei aber natürlich gesagt, dass zumindest die Tatsache, dass Jake an der Seite seiner Frau bleiben will, bis diese stirbt, obwohl er sie nicht liebt, schon etwas aus der Luft gegriffen wirkt. Dass auch seine Freundin damit einverstanden ist und vollstes Verständnis aufbringt, ist wohl recht weit entfernt von dem, was Frauen im wirklichen Leben bereit sind zutun. Aber dies sind meiner Ansicht nach eher kleine und unbedeutende Dinge. Vielmehr wird der Roman durch die große Hauptstory echt und nicht durch kleinere Handlungen. Was außerdem noch zur Realitätsnähe beiträgt, ist die Tatsache, wie einzelnen Figuren immer wieder mit sich ringen. Sie grübeln, ändern ihre Ansichten, wachsen charakterlich und sind am Ende nicht mehr dieselben wie am Anfang. Jedem ist wohl klar, dass eine solche Situation, wie man sie hier vorfindet, genau dies mit sich bringt.
„Zähl nicht die Stunden“ ist aus auktorialer Sicht geschrieben. Wobei aber anzumerken ist, dass sich einzelne Kapitel oder zumindest Teile derer meist auf eine der Hauptfiguren fokussieren und ihre Gedankengänge und inneren Monologe zeigen. Dadurch entsteht ein sehr flüssig zu lesender Stil, der einen als Leser stark in die Geschichte einbindet. Joy Fielding bringt auch keinerlei unnötigen Passagen für Nichtigkeiten auf. So spielt der Roman eigentlich über einen Zeitraum von vielen Monaten, ohne, dass man dies merken würde. Nur ab und zu wird mal erwähnt, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Der reine Schreibstil ist in Satzbau und Ausdruck sehr simpel zu lesen, sodass man das Buch mit der durchschnittlichen Seitenanzahl wohl sehr bald durchhaben dürfte. Es gibt keinerlei Längen, was vielleicht überrascht angesichts der dramatischen Geschichte. Mich jedenfalls konnte diese Tatsache sehr überraschen.
Das Figurenensemble ist wieder einmal sehr gut gelungen. In den Thrillern von Joy Fielding neigen die stets weiblichen Hauptfiguren ja dazu, sich sehr zu ähneln. Alle sind sie gut situierte Karrierefrauen. Nicht so Mattie Hart. Sie ist Kunsthändlerin, lebt aber dennoch irgendwie mehr vom Geld, das ihr Mann als erfolgreicher Staranwalt verdient, als von ihrem eigenen. Mattie wirkt zerbrechlich, obwohl sie nach außen hin stets versucht, hart zu sein. Sogar nachdem sie von ihrer Diagnose erfährt, will sie diese nicht wahrhaben und baut auf einen Irrtum. So ist es wohl nicht verwunderlich, dass sie zunächst von niemandes Seite Hilfe annehmen will. Leider muss sie aber bald erkennen, dass sie ohne nicht mehr auskommt. Mattie ist trotz des Wissens über den Ehebruch ihres Mannes kein hässliches Häufchen Elend, das sich zu Hause verschanzt und alles Erdenkliche versucht, um ihn dazu zu bringen, sie zu lieben. Im Gegenteil. Zwar hat sie resigniert, aber dies bringt sie eher dazu, auch Spaß zu haben. Klar ist wohl dennoch, dass sie unter der Oberfläche zuriefst verletzt ist.
Ähnlich verhält es sich mit Jake Hart. Er hat Mattie nur wegen der gemeinsamen Tochter Kim geheiratet, aber nie geliebt. Jake ist kein ehebrecherisches Arschloch, wie man zu Beginn vielleicht vermuten könnte. Er geht zwar regelmäßig fremd und unterhält auch eine Beziehung zu einer anderen Frau, aber ihm macht diese Situation zu schaffen. Er sieht sich in einem schweren Zwiespalt, dem zu entrinnen er erst kurz vor Matties Diagnose imstande ist. Jake Hart kommt sehr plastisch herüber, sodass man seinen anfänglichen Groll ihm gegenüber schnell über Bord wirft. Schnell wird klar, dass auch Jake nur ein Mensch ist. Einer, der eine grausame Kindheit hatte, dazu. Joy Fielding nutzt dies aber allerdings keineswegs als Alibi für sein unrühmliches Verhalten. Vielmehr ist es ein Aspekt seiner Person. Festzuhalten bliebe wohl also, dass Joy Fielding mit ihren beiden Protagonisten sehr menschliche Figuren erdacht hat, sie plastisch erscheinen, mit denen man mitfühlt und –fiebert und denen man ihre Situation sowie ihr Wesen voll und ganz abnimmt.
Alles in allem konnte mich „Zähl nicht die Stunden“ also von Beginn an in seinen Bann ziehen. Zwar hatte ich etwas gänzlich anderes erwartet, als das, was sich einem mit dem Buch dann in Wirklichkeit bietet, aber ich war dennoch zu keinem Zeitpunkt enttäuscht. Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Roman eine sehr gute Abwechslung zu dem war, was ich sonst lese, konnte dieses Buch mich als eines der verschwindend wenigen wirklich auch emotional beeindrucken. Dies auf eine Weise, die viel tiefer geht, als einfach nur ganz offensichtlich auf die Tränendrüse zu drücken und daran zu kneten. Trotzdem vergebe ich an dieser Stelle „nur“ vier Sterne. Denn derartige Dramen sind einfach nicht wirklich mein Genre und ich bin mir ganz sicher, dass ich so etwas in dieser Art so bald nicht mehr lesen werde. Trotzdem kann ich dieses Buch wirklich jedem empfehlen.
64 Bewertungen, 16 Kommentare
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15.03.2010, 09:38 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLG von mir zu Dir Martina
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12.03.2010, 21:17 Uhr von fantagirlie
Bewertung: sehr hilfreichIch danke dir, für die gegenseitigen Lesungen. Liebe Grüße, einen schönen Freitag Abend und ein angenehmes Wochenende wünsche ich Dir.
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09.03.2010, 12:36 Uhr von Steinbock78
Bewertung: sehr hilfreichGanz liebe Grüsse Steinbock78
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08.03.2010, 16:43 Uhr von mima007
Bewertung: sehr hilfreichViele Gruesse, mima007
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08.03.2010, 12:18 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichviele grüße von der marnie
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08.03.2010, 00:45 Uhr von bigmama
Bewertung: sehr hilfreichLG Anett
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07.03.2010, 13:53 Uhr von Mondlicht1957
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und schönen Sonntag
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07.03.2010, 11:46 Uhr von rainbow90
Bewertung: sehr hilfreichEin toller Bericht. LG
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07.03.2010, 11:23 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLG, Daniela
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07.03.2010, 11:08 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichWünsche einen schönen Sonntag...
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07.03.2010, 10:53 Uhr von minasteini
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich. LG Marina
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07.03.2010, 10:50 Uhr von hjid55
Bewertung: sehr hilfreichSehr hilfreich und liebe Grüße Sarah
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07.03.2010, 10:36 Uhr von oskermit
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich! Vielen Dank für deinen Besuch bei mir!
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07.03.2010, 10:00 Uhr von Arinicia
Bewertung: besonders wertvollDanke für diese Rezension, ich liebe Joy Fielding, hab dieses Buch aber noch nicht gelesen
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07.03.2010, 09:45 Uhr von Nina1805
Bewertung: sehr hilfreichSH und noch einen schönen, sonnigen Sonntag wünsche ich dir! LG!
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07.03.2010, 09:40 Uhr von Janne0033
Bewertung: sehr hilfreichSehr gut, schönen Sonntag , LG Janne0033
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