Freundschaften aus dem Internet Testbericht

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Erfahrungsbericht von togri

Wirklich ein kritisches Thema?

Pro:

siehe Bericht

Kontra:

siehe Bericht

Empfehlung:

Ja

Das ist ja schon irgendwie ein kritisches Thema, denn im Netz kann man sich gut verstellen, da man sein Gegenüber ja nicht kennt, aber ich habe zwei sehr positive Erfahrungen gemacht:

Ich glaub ich war 15, vielleicht auch noch 14, da trieb ich mich in allen möglichen Chatrooms rum. Ich hatte zwar schon viele Leute kennengelernt, verabredete mich auch mit ihnen zum Chatten, aber von einer Freundschaft konnte man nicht reden. Mit einem habe ich aber liebend gerne gechattet, er war irgendwie was besonderes für mich. Wir verstanden uns super, wenn man das im Chat so beurteilen kann, und sprechen über alles, wirklich alles. Irgendwann haben wir dann also unsere E-Mail-Adressen getaucht und zwei Mails am Tag wurden Pflicht. Ich kannte mich im Netz noch nicht so gut aus und kannte daher ICQ noch nicht. Nach einer total süßen Anleitung per Mail hatte ich es dann installiert. So nahm unser Mailkonsum wieder ein wenig ab. Irgendwann haben wir dann auch endlich unsere Handynummern getauscht, aber es war uns einfach zu teuer dauernd SMS zu schreiben oder anzurufen, also haben wir auch unsere Festnetznummern ausgetauscht, was ich im Netz eigentlich nie machen wollte. Wir haben mindestens einmal in der Woche telefoniert und unser Rekord lag glaub ich bei acht Stunden. Zu Weihnachten hatte er dann eine Webcam bekommen. Wir hatten zwar schon Fotos getauscht, aber ihn so zu sehen war natürlich ganz anders.
Mit all diesen „Hilfsmitteln“ hatten wir eine fast dreijährige Freundschaft. Ich konnte ihn immer anrufen, er war immer für mich da und genau so war es natürlich auch umgekehrt. Wir haben wirklich über alles geredet (vom Wetter bis zum Sex der letzten Nacht) und kannten uns irgendwann so gut, dass wir allein am „Hallo!“ erkannten, was mit dem anderen los war.
Natürlich haben wir uns oft gewünscht, dass wir uns mal treffen, aber Zugfahrten sind teuer, zu teuer für Schüler.
Und dann hatte er sein Abi in der Tasche und zog um, um zu studieren und ich kam mit meinem Schatz zusammen. Wir hatten nicht mehr so viel Zeit füreinander du somit ist unsere Freundschaft schlichtweg eingeschlafen.
Ich hab wegen ihm geheult. Ich habe ihn nicht geliebt, wie ich meinen Schatz liebe, aber ich habe ihn geliebt. Er hat mir mal nen Brief geschrieben, in dem er mir gestand, dass er sich in mich verliebt hat, in eine Unbekannte. Und verliebt war ich auch irgendwie in ihn.
Vom einen auf den anderen Tag war unsere Freundschaft also beendet. Es war zum ersten Mal das Gefühl der Eifersucht da. Obwohl wir in der ganzen Zeit immer wieder mal vergeben waren, waren wie nie eifersüchtig gewesen. Warum also jetzt?
Wir haben in den letzten zwei Jahren, wenn wir uns mal bei ICQ getroffen haben, nur Smalltalk gehalten, wenn überhaupt. Da war einfach eine Mauer zwischen uns.
Vor einigen Monaten hab ich versucht die Mauer abzutragen. Wir haben über unsere damalige Freundschaft geredet und mir liefen die Tränen so runter.
Unsere Freundschaft gibt’s nicht mehr, ich will es auch gar nicht mehr. Das hab ich beim besagten Chat gemerkt. Wir haben uns in den letzten 2 Jahren so gegensätzlich entwickelt, es ist keine Mauer, es ist ein tiefer, breiter Fluss, der uns trennt.
Alex, unsere Freundschaft kann nicht wiederbelebt werden, das hab ich gelernt, aber du sollst wissen, dass du immer noch einen Platz in meinem Herz hast und ich dich nie vergessen werde!
(Obwohl sich viel nach einer Beziehung anhört, hatten wir keine Beziehung. Wir haben oft drüber geredet, was denn wäre, wenn wir uns sehen und es funken würde. Eine Lösung haben wir nie gefunden.)

Meine zweite Erfahrung wäre fast nicht zustande gekommen. Ich glaube vor drei Jahren (erschlag mich nicht, wenn’s doch schon 4 sind, Süße) fand ich im Posteingang eine Mail mit dem Betreff „E-Mail-Freundschaft“ oder so ähnlich. Damals florierten die Spams ja noch nicht so sehr wie heute, also guckte ich mal in die Mail rein. Sie war von nem Mädel, das meine Mail-Adresse angeblich von irgendner Site für E-Mail-Freundschaften hatte. Mein Profil habe ihr gefallen, deshalb schreibe sie mir jetzt und würde sich freuen, wenn ich zurückschreiben würde. Das übliche Blabla halt. Ich wollte ihre Mail nicht unbeantwortet lassen und schrieb zurück, dass ich mich über die Mail zwar gefreut habe, aber mich nicht erinnern könne, dass ich mich auf der Site eingetragen habe (kann ich übrigens bis heute nicht). Auf diese einfachen Sätze schrieb das hartnäckige Mädel zurück und erzählte schon ganz offen von ihrem Leben. Das machte mich neugierig, denn beim richtigen Gegenüber werde ich auch offen, man braucht halt so Menschen. Und so fingen wir an uns fast täglich Mails zu schreiben. Die Mails waren von Anfang an nicht wirklich oberflächlich, wir lernten uns also schnell recht gut kennen. Irgendwann mussten wir aber auf Briefe umsteigen (sie hatte Streß mit ihrem Vater wegen dem Internet). Natürlich kam jetzt nicht jeden Tag ein Brief an, dafür waren die Briefe um so länger. Nach etwa einem ¾ Jahr haben wir dann das erste Mal miteinander telefoniert. Noch ganz zaghaft und nur 10 Minuten. Es war halt irgendwie komisch.
In der Adventszeit hatten ich dann die Möglichkeit kostenlos nach Köln zu kommen. Ich wusste, dass sie in der Nähe von Köln wohnt und daher war es sofort beschlossene Sache, dass wir uns treffen. Wir schickten uns vorher noch gegenseitig Fotos, aber sie in echt zu sehen, war natürlich total komisch. Wir brauchten aber keine 5 Minuten um aufzutauen und zogen dann los, um sämtliche Geschäfte in Köln unsicher zu machen. Es warm als würden wir uns schon ewig kennen.
Anderthalb Jahre mussten wir dann wieder warten. Inzwischen dehnten sich die Briefre auf 4 Seiten aus und die Telefonate endeten nicht unter einer Stunde. Anfang Juli waren wir ja auf Chorfahrt und ich hab das schlauer Weise (Eigenlob stinkt, ich weiß) so gedeichselt, dass wir in die Jugendherberge in dem Kaff gefahren sind, wo sie wohnt. Leider haben wir uns nur ne knappe Stunde sehen könne und ich hatte „Anstands-wau-waus“ dabei, so dass wir nicht wirklich quatschen konnten, aber wenigstens haben wir uns noch mal gesehen.

(Eigentlich gehört hier jetzt noch ne dritte Erfahrung rein, ich hab meinen Schatz nämlich auch im Internet kennengelernt, aber ich finde, dass das eher zu „Internetliebe“ gehört, daher lass ich das ganz außen vor.)

Meine Freundschaft mit Frauke ist noch lange nicht so intensiv, wie die mit Alex war, aber meine Süße geb ich trotzdem net mehr her. Wir stehen uns immer bei und versuchen uns zu helfen wo es geht.
Wir wohnen zwar nicht so weit voneinander entfernt, wie Alex und ich, könnten uns also öfter treffen, aber das brauchen wir nicht. Wir sind es gewohnt zu schreiben und zu telefonieren und das reicht uns.
Meine Erfahrungen sind also wirklich positiv. Dass die Freundschaft mit Alex in die Brüche gegangen ist, lag nur zu einem geringen Teil an der Entfernung. Wir hatten eine sehr intensive Online-Freundschaft und obwohl das „Verlangen“ einander zu sehen da war, hat die Freundschaft auch so drei Jahre gehalten.
Die Freundschaft mit Frauke ist auch sehr intensiv, aber anders. Es gibt also doch einen Unterschied zwischen Mädchen-Mädchen-Freundschaften und Mädchen-Jungen-Freundschaften.
Online-Freundschaften können also sehr gute Freundschaften können also sehr gute Freundschaften werden. Natürlich ist es schön, wenn man seine Freundin/seinen Freund (politisch, nicht sexuell) öfters sehen kann und hinfahren kann, wenn was ist, aber Telefonate und Mails bzw. Briefe reichen auch, Frauke und mir zumindest. Wir haben übrigens festgestellt, dass es sehr gut ist, wenn man den Freundeskreis des Anderen gar nicht oder nur flüchtig kennt. Man kann dann objektiver helfen, das hilft meistens eher weiter, als wenn (gutes Deutsch) man mit Vorurteilen (seien’s gute oder schlechte) an die Sache rangeht.
Bevor ihr jetzt meckert: Ich habe auch negative Erfahrungen gemacht. Der Ausgangspunkt war zwar etwas anders, als bei Frauke und Alex, d.h. die Freundschaft stand noch in den Starlöchern und nach dem ersten Treffen war’s dann „aus“, aber als Freundschaft würde ich beides schon zählen. Warum ich nicht drüber berichte? Es ist schon vier Jahre her und ich weiß nur noch, dass nach dem ersten Treffen Schluss war, mehr weiß ich nicht mehr.

Obwohl ich auch schlechte Erfahrungen gemacht habe empfehle ich die Online-Freundschaft reinen Gewissens weiter. Vielleicht sagt ihr jetzt, dass Alex und Frauke Glückstreffer sind, das kann gut sein, ich will es auch nicht abstreiten, aber ich habe nun mal zwei sehr positive Erfahrungen gemacht, die für mich überwiegen und daher vergebe ich eine Empfehlung. Allerdings nur 4 Sterne, weil die Entfernung auf Dauer schon ein Manko werden kann (!) und wegen meiner schlechten Erfahrungen.

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