Die Chirurgin (Taschenbuch) / Tess Gerritsen Testbericht

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Erfahrungsbericht von winterspiegel

Operation gelungen – Patientinnen tot

Pro:

Gut konstruierte und durchdachte Story, die sehr gut beschriebenen Details, der grausamen Operationen

Kontra:

Insgesamt ein wenig zu konventionell und überraschungsarm

Empfehlung:

Ja

Jemandem der eine bevorstehende Operation, oder einen sonst wie gearteten Krankenhausaufenthalt vor sich hat, würde ich von nachstehend beschriebenem Buch dringend abraten. Wer aber einen rundum gelungenen Kriminalschocker sucht, bei dem sich einem die Eingeweide unwillkürlich zusammenziehen, und wer einer Handlung nicht abgeneigt ist, die sich in atemberaubender Weise zuzuspitzen beginnt, dürfte hier genau richtig liegen. Wobei mit Liegen nach dieser Lektüre auch nicht gerade die angenehmsten Assoziationen verbunden sein dürften.



Handlung


Das Unwesen, dass ein Vergewaltiger und Frauenmörder in Savannah treibt, indem er seine Beute bestialisch quält, bevor er sie tötet, endet, als sich sein letztes Opfer Catherine Cordell befreien- und ihren Peiniger im allerletzten Moment erschießen kann...

Als die Verbrechen zwei Jahre später in Bosten, unter sehr ähnlichen Begleitumständen wieder aufflammen, glaubt die Polizeibehörde erst noch an einen Nachahmungstäter. Die Ermittler in diesem Fall: der routinierte Detective Thomas Moore und die ehrgeizige Inspectorin Jane Rizzoli erkennen sehr schnell, dass die als Ärztin am örtlichen Krankenhaus tätige Catherine Cordell, die den damaligen Täter in Notwehr umbringen konnte und jetzt in dieser Stadt lebt, noch immer das Ziel eines - jetzt anderen, aber genauso gefährlichen - Psychopaten ist.

Die Frauen, die der als Chirurg betitelte Killer schon zuvor gepeinigt, ihnen ein Stück herausgeschnitten und umgebracht hat, scheinen für den Verbrecher nur so etwas wie ein appetitanregender Vorgeschmack gewesen zu sein. Der Chirurg beginnt mit der noch immer unter dem Trauma des zurückliegenden Verbrechens leidenden Catherine zu spielen, als er der Ärztin sein letztes Opfer (diesmal noch am Leben) in die Notaufnahme schickt. Doch Catherine Cordell kennt die Verstümmelungen nur zu genau, die der Täter seinen Gefangenen zufügt. Sie ist im ersten Augenblick schockiert, als sie die einigermaßen bewältigt geglaubte Vergangenheit auf ein Mal einzuholen beginnt. Doch damit gibt sich der – im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verborgenen operierende - Killer nicht zufrieden. Denn sein teuflisches Spiel hat gerade erst begonnen...



Kritik


Der Roman beginnt mit einem dieser, in der Ich-Form geschriebenen knappen Gedankenschübe, die von Zeit zu Zeit eingestreut werden, um so den Hirngespinsten des Mörders ein wenig näher zu kommen. Das ist aber auch schon alles was vom geheimnisvollen Täter, der den gefangenen Frauen mit einem Skalpell zu Leibe rückt, anfangs in Erfahrung gebracht wird. Im Vordergrund stehen erst einmal der Alltag im Büro der Polizei, die aufwendige Ermittlungsarbeit; aber auch der Betrieb in der Klinik und der Notaufnahme, die im Stil der Fernsehserie „ER“ die Hauptprotagonistin, sowie das Objekt der Begierde des Killers Catherine Cordell, bei ihrer aufreibenden Tätigkeit zeigt. Hier hat das Geschehen zweifellos sogar so viel Potenzial, um als eigenständige Krankenhausgeschichte auszukommen. Mit dem Darbieten einiger absolut kranken (um im Fachjargon zu bleiben) Elemente, die der Frauenmörder immer nachdrücklicher einbringt, potenziert sich diese ohnehin nicht gerade heile Welt von Blut und Desinfektionsmitteln noch einmal um ein vielfaches.

Gerritsen, die selbst erfolgreiche Internistin war, bevor sie ins Literaturfach wechselte, hat jede Menge detaillierte Beschreibungen auf Lager, wenn es darum geht dem mörderischen Chirurgen bei seiner makaberen Tätigkeit über die Schulter zu schauen. Zartbesaitete, die schon ein mulmiges Gefühl beim bloßen Anblick von Blut bekommen, ist deshalb dringend von dieser ungemein intensiven Lektüre abzuraten. Und dennoch – so denke ich – fehlen doch insgesamt ein bisschen die Überraschungsmomente beim Schlag auf Schlag eingebrachten, spannenden Geschehen. Krimileser und Kenner des gepflegten Thrillers, die sich schon sämtliche gängigen Handlungsabläufe verinnerlicht haben, dürften deshalb sehr schnell dahinter kommen wie hier der Hase läuft.
Das ist insbesondere auch dem Showdown anzumerken, der ein klein wenig nach Schema F abzulaufen beginnt. Packend inszeniert ist er aber ohne Zweifel ganz sicher dennoch, auch wenn das Ganze dann zweifelsohne keinen Innovationspreis mehr für sich verbuchen kann.

Die Autorin hat es gut verstanden, bei einem Buchumfang von immerhin über 400 Seiten, langatmige oder gar langweilige Passagen größtenteils auszuklammern. Sie kann mit der Beschreibung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die in dem Buch immer wieder in interessanten Geschichtchen eingeflochten wurden, ohne das Konzept der düsteren Geschichte zu sprengen, den Leser sehr unterhaltend in das Handlungsgeschehen einbeziehen. Und erfreulicher Weise hat Gerritsen auch die wohl nicht vermeidliche Love-Story zwischen Cordell dem finalen Opfer, und Moore dem scheinbaren Helden auf niederer Flamme gekocht, sodass diese Herzschmerz-Episode im Rahmen eines Thrillers nicht all zu übertrieben erscheint.



Fazit


Was bleibt ist ein gut gemachter Medical-Reißer ohne viel Ecken und Kanten im besten Sinne, der für den Liebhaber dieses Genres einfach einen Riesenspaß verspricht. Die Handlung ist ausgefeilt, in sich stimmig und kann alles in allem durchaus überzeugen. Am eindringlichsten dürften dem Leser die mit einiger Fachkenntnis inszenierten operativen Eingriffe in Erinnerung bleiben, die mit fast abgebrühter Routine vonstatten gehen, beim Betrachter aber die Situation der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins sehr bildhaft vermitteln. Zurück bleibt sicher noch geraume Zeit ein unangenehmes, nachhaltiges Gefühl der Beklemmung.

Das was meiner Meinung dann doch noch ein wenig zur Höchstwertung fehlt, sind emotionale Höhepunkte, sei es die Figuren betreffend, oder aber was die wirklichen Überraschungsmomente anbelangt. Hier hätte die Autorin sicherlich noch das eine oder andere Quäntchen herausholen können, um einen noch intensiver an der Erzählung teilhaben zu lassen.

© winterspiegel für Ciao & Yopi





Tess Gerritsen

Die Chirurgin

Roman

Blanvalet-Verlag

414 Seiten

Preis. 8,95 €

33 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Madrianda

    17.11.2004, 17:43 Uhr von Madrianda
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hab das Buch auch zu Hause, es bereits angefangen und vorläufig so bei Seite 100 erstmal beiseite gelegt. Mir floss da wirklich etwas zu viel Blut...Da liegt mir die Lektüre P. Ustinov doch wesentlich mehr ;-) Werd`s aber sicherlich noch zu Ende

  • JanoschBerlin

    17.11.2004, 17:04 Uhr von JanoschBerlin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein wirklich guter Bericht. Verständlich geschrieben. Klasse großes Lob.