Die Mütter-Mafia (Taschenbuch) / Kerstin Gier Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

"...als ob man sie dafür belohnen würde, dass sie in der Ehe versagt haben.“

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

„Das zählt nicht mehr, wenn es darauf ankommt. Wir brauchen diese Mütter-Society, Anne. Früher war es völlig in Ordnung, die Kinder in Ruhe zu lassen, aber wenn man das heute genauso macht, dann hinken sie schrecklich hinterher – spätestens, wenn sie in die Schule kommen. Stell dir vor: Julius und Jasper können dann gerade mal ihre Namen schreiben, und die anderen Kinder sprechen schon fließend Englisch und Blockflötisch und haben schon alle Harry-Potter-Bücher gelesen, von anderen Sachen ganz zu schweigen. Willst du das?“
(Zitat, S. 177)

Von eben jenem traurig-wahren Leistungsdruck, den manche Mütter an den Tag legen, hat sicherlich ein jeder Leser bereits schon mal gehört und sich wahlweise darüber lustig gemacht respektive erschrocken die Hände vors Gesicht geschlagen. Ob man darüber erschrocken war, was den Kindern abverlangt wird, oder gar eher darüber, dass die eigenen Kinder hingegen keinen straffen Tagesablauf und sorgsam angelegte Spielzeiten haben, sei einmal dahingestellt.

So oder so: die Autorin Kerstin Gier brachte jenes Tun mit ihrem erstmalig im Jahre 2005 erschienenen Unterhaltungsroman

===“Die Mütter Mafia“=== derartig auf den Punkt, dass die Lektüre eine helle Freude ist. Den Buch- Auftakt bildet ein Blick auf die Homepage der „Mütter Society Insektensiedlung“, welchen der Leser in willkürlich gewählt wirkenden Abständen weitere Male bewundern kann. Im Gegensatz zu der Hauptfigur Constanze, die im Verlauf des Buches unbedingt der Gruppe beitreten will, weiß der Leser somit bereits auf den ersten Seiten, welche Bösartigkeit hinter dem angeblichen Zusammenhalt steckt und ahnt das böse Erwachen aus der Euphorie, mit dem die Erstgenannte noch konfrontiert werden wird:
Unter dem Deckmantel des Gegenseitig-Helfen-Wollens dient das Forum eher dazu, voreinander anzugeben und den jeweils anderem einen reinzuwürgen. Manche Äußerungen hierbei sind derartig vernichtend formuliert, dass es mich persönlich ebenso schmerzte, wie es einen jeden zweiten träfe, der direkt angesprochen werden würde:

„Es kann einfach nicht angehen, dass allein Erziehende in unserer Gesellschaft immer bevorzugt behandelt werden. Das ist so, als ob man sie dafür belohnen würde, dass sie in der Ehe versagt haben.“
(Zitat, S. 46)

Rudelführerin Sabine ist es schließlich auch, die immerfort die Fäden in der Hand hält, ohne dass es den meisten der Charaktere überhaupt auffällt. Grundsätzlich liegt der Erzählfokus jedoch auf der 35jährigern Constanze, die von ihrem Mann völlig überraschend mit dessen Scheidungswunsch konfrontiert und ins Haus der Großmutter abgeschoben wird.
Schon an dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass _„Die Mütter Mafia“_ keineswegs einen a-typischen Frauenroman darstellt, in dem die Heldin erst regelrecht an der Trennung zerbricht um schlussendlich in neuer Form ihren Traummann zu begegnen, wenngleich jene Eckpfeiler im Ansatz gegeben sind.
Dessen ungeachtet hielt sich die Autorin Kerstin Gier nicht lange damit auf, Constanze ob der Scheidung dahinsiechen zu lassen; vielmehr startet der Roman derartig turbulent, dass man die Protagonisten rasch ins Herz schließt. Dadurch, dass das Gesamtwerk – bis auf die Foreneinträge, selbstredend – in Constanzes Egoperspektive geschrieben wurde, konnte ich persönlich mich noch rascher in Zeilen wie

„...war ich gerade mal zwanzig gewesen, im zweiten Semester meines Psychologie-Studiums und immer noch völlig verloren in der großen Stadt. Vor allem das Straßenbahn- und U-Bahnnetz war mir nicht geheuer. Seit ich auf dem Weg zu der Lerngruppe einer Kommilitonin, die nur zwei Bahnstationen entfernt wurde, verloren gegangen und ohne Brieftasche in einem geheimnisvollen Ort namens Zülpich-Ülpenich gelandet war, fuhr ich nur noch mit dem Fahrrad, egal wie weit es auch sein mochte.“
(Zitat, S. 20)

hineinfühlen ~ was nicht zuletzt daran liegt, dass mir selbst der Ort Zülpich durchaus vertraut ist.

Ich schätze, ich verrate vom Inhalt nicht zu viel, wenn ich auf den Wahrheitsgehalt des Klappentextes zu sprechen komme. Nach wie vor ist mir nicht bekannt, wer solche Zusammenfassungen nach wie vielen Zeilen Buchkenntnis verfassen darf ~ und würde mich wirklich allzu gerne dringlich als Klappentexterin bewerben wollen.
Fakt ist auch hier: das, was hier als Inhalt suggeriert wird, trifft meines Erachtens nach äußerst bedingt zu. Durchaus geht es um den eigentlichen Alptraum in Form der selbsternannten Vorzeigemütter; dennoch formatiert sich die „Mütter-Mafia“ erst auf den letzten Buchseiten aus einer Halb-Laune heraus und nimmt somit recht wenig Platz in der Geschichte ein.

Was im Grunde genommen ganz und gar nichts Schlechtes ist.

Wie schon angesprochen konzentriert sich _„Die Mütter-Mafia“_ auf Constanzes neue Lebenssituation; regelrecht abgestellt in dem heruntergekommenen Haus der einstigen Schwiegermutter wird sie mit einem überbordenden Mahagoni-Einrichtungsstil konfrontiert, der sich buchstäblich zu Tränen.... nunja... von „Rührung“ kann man beileibe nicht sprechen. Die Empörung jedoch prallt von Noch-Mann Lorenz förmlich ab, der gekonnt von „Antiquitäten“ spricht und Constanze auffordert, doch endlich mal erwachsen zu werden.
Jene, die allerdings nie einen Beruf erlernt hat und mitsamt ihrer 14järhigen Tochter Nelly nebst dem 3jährigen Julius urplötzlich alleine klarkommen muss, steht am Rande der Verzweiflung, zumal ihre beste Freundin Trudi verreist ist und sich die neuen direkten Nachbarn als Hobby-Kläger entpuppen.
Zum Glück gibt es da die euphorisch-tatkräftige Mimi, die die Dinge kurzerhand in die Hand nimmt und buchstäblich neues Leben in die Bude bringt....

===Die Umsetzung=== hat mich von der ersten Zeile an absolut gefesselt. Natürlich ist es eine gewisse Voraussetzung, dass man sich in der passenden Lesestimmung befindet, um nicht beinahe sämtliche Ereignisse übertrieben oder gar platt zu finden. Jenes Empfinden tat sich in mir zu meiner eigenen Halb-Überraschung jedoch an keiner einzigen Passage auf, vielmehr ertappte ich mich stattdessen bei einer Schilderung einer Kino-Besuchs-Szene dabei, dass ich diese wieder und wieder las, um sodann meinen Nachbarn denken zu lassen, ich hätte jetzt vollends den Verstand verloren. Soll heißen: (nicht nur) jenes Teilkapitel verfasste Kerstin Gier so lebensnah, dass ich lauthals gelacht habe, bis mir sogar die Tränen kamen.
Und das, Freunde der Literatur, ist mir in meinem allzu-erwachsenen Leben wahrlich schon längst nicht mehr passiert.

Ich für meinen Teil konnte mir bildhaft vorstellen, wie sehr sich Constanze danach gesehnt haben muss, förmlich unter dem Kinosessel zu verschwinden, zumal auch ich vor lauter Fremdschämerei schon das ein uns andere male so tat, als wäre meine Kinobegleitung nur ein zufälliger Sitznachbar gewesen. Was spätestens daran scheitert, dass man irgendwann nicht mehr umhin kommt, obskure Bedrohungen rund um das nicht ganz so unschuldige Handy des Kinogängers zu auszustoßen.

Insgesamt betrachtet gingen die 317 Seiten fast schon viel zu rasch vorbei, wenngleich es ebenfalls gut war, die Handlung nicht auf etliche Kapitel mehr auszudehnen. Darüber, wie glatt mal wieder das meiste läuft, mag der ein oder andere den Kopf schütteln ~ doch stetig dann, wenn es ein wenig zuviel des Guten zu werden droht, bricht das nächste als Katastrophe empfundene Ereignis über die
Familie herein.
Man mag dem Buch vorwerfen, dass man ihm eine gewisse Vorhersehbarkeit nicht abstreiten kann. Hinzu kommt, dass viel zu viel viel zu gut wird; das „Leben nach der Trennung“ somit fast schon das beste zu sein scheint, was Constanze je hätte passieren können.
Allerdings lässt sich kaum abstreiten, dass solcherlei ja auch wahrhaftig passiert, die Authentizität somit nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Überraschend ernsthaft nichtsdestominder eine Offenbarung, die sich im letzten Buchviertel ereignet und dem Werk eine weitere Tiefe beschert, die ich persönlich an keiner Stelle erwartet hätte. Jene Enthüllung traf mich somit völlig unverhofft-erschütternd, ging tief unter die Haut und bewies die Einstellung der Society-Mütter als noch haarsträubender, als es ohnehin schon der Fall war.
Bedauerlicherweise wird das hier platzierte hochsensible Thema zu guter Letzt viel zu flappsig abgeschlossen, als das mich die Courage der Freundinnen beeindrucken könnte. Vielmehr verursacht die wagemutige Entscheidung der Damen eine latente Übelkeit in meiner Bauchgegend ~ dass inmitten der Veröffentlichung sodann erneut alles einigermaßen gut endet, tröstet mich in diesem Kontext eher nicht.
Weiterhin halte ich es für etwas zu phantastisch, wie sehr (und vor allem zügig) der erlittene Schock ad acta gelegt wird und „das Problem“ aus der Welt geschafft wird.

===Summa summarum=== bin ich nichtsdestotrotz von _„Die Mütter-Mafia“_ absolut positiv überrascht worden. Hin und wieder ist mir nach einer leichteren Lektüre, wobei die meisten versucht-komischen Publikationen nicht mal ansatzweise an das herankommen, was Kerstin Gier hier zu Papier brachte.
Dadurch, dass das Taschenbuch bereits in der 23. Auflage (zu einem Schnäppchen-Preis von 7,99Euro) erwerbbar ist, kann man ferner davon ausgehen, dass ich nicht die einzige bin, die von dem Roman angetan ist.
Besonders hervorzuheben definitiv durchaus der Aspekt, dass auf ein absolutes rundherum-Happy-End verzichtet wird: es liegt zwar mitnichten alles in Scherben, doch genauso wenig ist alles als wunderprächtig zu betiteln ~ ein Entscheid der Autorin, den ich dieser hoch anrechne.

Die Kritik an dem übertrieben Erziehungsstil kommt an keiner Stelle mit dem moralisch-erhobenen Zeigefinger daher, sondern wird vielmehr zwischen den Zeilen auf unterhaltsamste Art und Weise eingewoben, so dass man nicht zuletzt ein paar entsprechende Grübeleien aus dem Buch heraus mitnimmt.

Punktabzug somit an für sich lediglich für die Auflösung der dramaturgischen Wendung, die ich persönlich schlicht und ergreifend nicht gutheißen kann oder gar nur will; dennoch eine aufrechte Leseempfehlung für die Tage, an denen man eine literarische Bespaßung allzu gut gebrauchen kann.

41 Bewertungen, 11 Kommentare

  • anonym

    14.07.2012, 20:27 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Edith und Claus

  • milabie

    14.07.2012, 09:42 Uhr von milabie
    Bewertung: sehr hilfreich

    Drücke die Daumen, damit die Sonne bei dir vorbei schaut.

  • Schleudersalat

    13.07.2012, 23:27 Uhr von Schleudersalat
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wünsche ein schönes Wochenende :)

  • nadjasturm

    13.07.2012, 22:23 Uhr von nadjasturm
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Grüße aus Nürnberg!

  • sirikit06

    13.07.2012, 21:41 Uhr von sirikit06
    Bewertung: besonders wertvoll

    Wünsche Dir ein schönes WE! LG

  • Noire

    13.07.2012, 18:49 Uhr von Noire
    Bewertung: sehr hilfreich

    Freue mich auf deine Lesungen bei mir. Noire

  • XXLALF

    13.07.2012, 18:23 Uhr von XXLALF
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...und ein wunderschönes wochenende

  • catmum68

    13.07.2012, 18:15 Uhr von catmum68
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreicher Bericht, LG

  • anonym

    13.07.2012, 17:44 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh prima, liebe grüße willi

  • morla

    13.07.2012, 16:49 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    schönes wochenende lg. petra

  • atrachte

    13.07.2012, 13:08 Uhr von atrachte
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh. lg