Die Jury (Taschenbuch) / John Grisham Testbericht

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Erfahrungsbericht von Anonym114

Grishams Geschworene

Pro:

spannend, fesselnde Grundideen, gute Hauptfigur

Kontra:

hat Längen, nicht alle Figuren sind mir ausgefeilt genug

Empfehlung:

Ja

John Grisham? Wer ab und an mal auf die Bestsellerlisten der meistverkauften Bücher schaut oder in Buchhandlungen bzw. Bibliotheken ist, dem sind die Bücher des amerikanischen Autors sicher schon mal ins Auge oder sogar in die Hände gefallen. Nachdem ich von verschiedenen Leuten den Tipp gekriegt hatte, mir mal einige seiner Romane vorzuknöpfen, bin ich bei E-Bay auf die Suche gegangen und fündig geworden. Unter anderem mit Die Jury von John Grisham.

WER IST JOHN GRISHAM?
Es handelt sich um einen 1955 geborenen Amerikaner. Das besondere an diesem Autor: Er ist studierter Jurist (Abschluss an der University of Mississippi) und hat selber als Anwalt (Strafverteidiger, von 1981 bis 1991) praktiziert. Entsprechend handeln seine Romane von Verbrechen, gesehen vom Standpunkt des Rechts, der Juristerei. Sein erfolgreicher Einstand als Autor war die Firma (verfilmt mit Tom Cruise), bekannt ist auch die Akte (als Buch und in der Hollywood-Version mit Julia Roberts). Auch der Hintergrund dieses Romans basisert auf Grishams persönlichen Erfahrungen als Anwalt.

DIE JURY:
Im ersten Moment hatte ich vermutet, dass man den Titel fast eins zu eins aus dem Englischen übertragen hat. Doch in den Staaten wurde der Roman mit dem Titel A Time to Kill ((Eine) Zeit zu(m) Töten) veröffentlicht. Jury verbinde ich eingedeutscht am ehesten mit den Preisrichtern bei irgendwelchen Fernsehshows. Von der Tendenz her geht das zwar in die richtige Richtung, es handelt sich um Menschen, die entscheiden müssen. Passender hätte ich den Titel Die Geschworenen gefunden, der aber sicher schon für andere Romane (bekannt ist ja die 12 Geschworenen, großartig verfilmt mit der herausragenden Marlene Dietrich)verwendet worden ist.
Die Jury, das sind in amerikanischen Prozessen (12) normale Bürger, die die Gerichtsverhandlung verfolgen und ein Urteil fällen, das einstimmig ausfallen sollte. Dazu werden die Mitglieder gemeinsam abgeschirmt von der Öffentlichkeit, die durch Presseberichte oder persönliche Gespräche die Meinung der Geschworenen beeinflussen könnte.

EINIGE WICHTIGE FIGUREN DES ROMANS:
JAKE BRIGANCE:
Er ist ein junger Anwalt in der Kleinstandt Clanton in Mississippi. Jake arbeitet (ziemlich auf sich allein gestellt), gehört also keiner großen Kanzlei an. Seine Anwaltspraxis hat er von Lucien Wilbanks übernommen, einem wohlhabenden Juristen, der aufgrund seiner alkholischen Exzesse seine Lizenz verloren hatte. Jake ist glücklich verheiratet, hat eine kleine Tochter und lebt mit seiner Familie in einem schönen Haus in Clanton.
Für seine Klienten ist Jake Brigance sehr engagiert, hat bislang drei Fälle von Mord verhandelt und jeweils einen Freispruch erzielt. Doch dann steht Jake vor einer neuen Aufgabe, die ihn menschlich und fachlich herausfordernd und ihn, seine Familie und Freunde in Gefahr bringt.
Grisham hat den jungen Brigance als sehr sympathischen, engagierten Anwalt beschrieben. Er ist ganz eindeutig der Held dieses Romans, ein Mann, der sich auch durch Schwierigkeiten nicht von seinen Zielen abbringen läßt.

RUFUS BUCKLEY:
Der Bezirksstaatsanwalt ist naturgemäß Jake Brigance Gegenspieler vor Gericht. Bedauerlicherweise hat der Autor hier ein wenig zu Schwarz-weiß-Malerei gegriffen. Buckley ist vollkommen unsympathisch geraten, ein übermäßig strebsamer Giftzwerg, der hofft, durch einen Sieg gegen Jake Gouverneur werden zu können. Seine Art während des Prozesses ist nervös, wenn er ständig zum Sprung bereit sitzt, um Einspruch zu erheben. Ich hätte es besser gefunden, wenn auch Rufus Buckley angenehme Züge an sich gehabt hätte. Dadurch wäre sicherlich ein zusätzliches Spannungsmoment im Roman entstanden.

CARL LEE HAILEY:
Er ist der Angeklagte, 37 Jahre alt, vierfacher Familienvater und schwarz. Die Hautfarbe spielt gerade in den Staaten und besonders in diesem Prozeß eine besondere Rolle. Eigentlich ist er ein unbescholtener Bürger, arbeitet fleißig und zuverlässig in der Papierfabrik, kümmert sich liebevoll um Frau, Tochter und die drei Söhne. Doch gerade diese Tochter Tonya wird auf brutalste Weise von zwei Weißen (einer davon vorher schon als Drogenhändler aufgefallen) mißhandelt und mehrfach vergewaltigt. Carl Lee Hailey verkraftet es nicht, die Täter vor Gericht zu sehen, beschließt sie zu erschießen und führt die Tat mit einem Maschinengewehr aus. Aus dem Vater des Opfers wird der neue Angeklagte.
Im Gegensatz zu Buckley wirkt Carl Lee Hailey auch als sehr komplexe Figur: In ihm kommt zum einen die Zerrissenheit eines an sich harmlosen, liebevollen Familienmenschen, der von sich aus nie einer Fliege etwas zuleide tun würde und des verzweifelten Vaters zusammen, der fast daran zerbricht, seine kleine Tochter fast zu Tode geschunden zu sehen. Dann ist da noch der Carl Lee als Gefangener, unschlüssig, ob er Jake Brigance, der schon einen Freispruch für seinen Bruder Lester Hailey erzielt hat, zu vertrauen, den teuer bezahlten Anwalt seines früheren Vietnam-Kameraden zu nehmen oder einen Juristen, den die Schwarzenvereinigung ihm empfiehlt.

OZZIE WALLS:
Der einzige schwarze Sheriff von Mississippi steht in gewisser Wiese symbolisch für den gespaltenen Umgang vieler Amerikaner mit ihren afro-amerikanischen Mitbürgern. Ozzie wird von schwarz und weiß aufgrund seiner guten Fähigkeiten als Gesetzeshüter respektiert, ist in seine Funktion sogar offiziell hinein gewählt worden. Gleichzeitig zeigt der Fakt, dass er der einzige Schwarze im Amt eines Sheriffs ist, die Schwierigkeiten für Schwarze. Walls gehört eindeutig zu den Guten, versucht Jake Brigance in seinem Bestreben, einen Freispruch für Hailey zu erzielen, zu unterstützten.


DIE HANDLUNG:
Es ist ein wenig das bekannte Krimi-Prinzip: Am Anfang war das Verbrechen. Auf grausame Weise wird die zehnjährige Tonya Hailey immer wieder von zwei weißen Männern vergewaltigt, geschlagen, gedemütigt. Die Täter wollen die Kleine eigentlich sogar umbringen, finden aber keine geeignete Möglichkeit, schmeißen das Mädchen halbtot schließlich in einen Graben.
Aufgrund des Fahrzeugs des einen Vergewaltigers gelingt es Ozzie Walls schnell, die beiden Männer ausfindig zu machen. Es kommt zum Prozess. Carl Lee Hailey hält es nicht aus, im Gerichtssaal die Kerle zu sehen, die seine kleine Tochter auf grausamste Weise mißhandelt zu haben. Er spricht Jake, der vorher seinen Bruder Lester schon bei einem Prozess heraus geboxt hat, an, ob er ihn vertreten würde, falls er, Carl Lee, sich an den Vergewaltigern seiner Tochter rächen würde. Von einem früheren Vietnam-Kameraden läßt er sich ein Maschinengewehr besorgen und erschießt die beiden Männer, als sie gerade zurück zu ihren Zellen geführt werden sollen.
Schon bevor die Verhandlung gegen Carl Lee beginnt, lassen Jake und Buckley ihre Muskeln spielen. Der junge Anwalt will auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Unterstützung erhält er von seinem früheren Chef Lucien, von Harry Rex (einem mittelprächtigen Scheidungsanwalt) und von der überaus talentierten jungen Jurastudentin Ellen.
Doch vor und während des Prozesses muss Brigance auch an anderen Fronten kämpfen: Der Ku Klux Klan (ein schwarzenfeindlicher Geheimbund von Weißen, der mit brutalen Aktionen (Brandstiftung, Mord, Auspeitschungen seine Gegner einschüchtern will) hat es auf den Anwalt abgesehen, weil er einen schwarzen Mörder von zwei weißen Männern verteidigt. Gleichzeitig versuchen die Klan-Mitglieder auch andere Beteiligte (Jury-Mitglieder, Ellen, Jakes Sekretärin Ethel) unter Druck zu setzen, legen einen Koffer mit Sprengstoff vor sein Haus, lassen einen Schützen auf Brigance zielen, brennen das Haus des Anwalts schließlich sogar ab. Auf der anderen Seite steht die NAACP, eine Schwarzenorganisation, die Carl Lee einen schwarzen Anwalt stellen will.
Erst relativ spät beginnt der eigentliche Prozess, der zum Schachspiel zwischen Jake und Rufus wird. Die Jury besteht vorwiegend aus weißen Frauen, für den Angeklagten tendentiell schlecht, da sie am wenigsten nachvollziehen können, wie ein schwarzer Vater sich an den Vergewaltigern seiner Tochter rächt.
Alles weitere soll hier nicht verraten werden.

STÄRKEN UND SCHWÄCHEN DES ROMANS:
Als Leserin habe ich schon den Eindruck, dass da einer schreibt, der von juristischen Dingen Ahnung hat, der sie mir aber auf eine Art und Weise erzählt, dass sie auch für mich als Nichtjuristin spannend sind. Mit Jake Brigance hat John Grisham einen sehr sympathischen Charakter geschaffen, der als Anwalt überzeugt.
Schon die Grundfragen des Romans bieten genügend Stoff für Spannung. Denn schließlich hat man es hier gleich mit zwei Taten zu tun: Einer Vergewaltigung und der Tatsache, dass der Vater des Opfers die beiden Täter erschießt. Dadurch, dass die Sache noch im Konfliktfeld von schwarz und weiß spielt, wird die Sache noch spannender.
Doch ich finde nicht alle Figuren hundertprozentig gelungen. So hätte ich mir gewünscht, dass beim Staatsanwaltschaft Buckley irgendwo ein Moment auftaucht, in dem ich mit ihm mitfühlen kann. Doch Grisham beschreibt ihn nur als nervigen Typen. Auch der Charakter Ozzie Walls hätte vielleicht noch einen Tick runder gestaltet werden können.
Die größte Schwäche des Romans ist aber eine zeitweilige Länge: Im Mittelteil, so ab Seite 200 bis 300 wird die Sache etwas zäh. Der Prozess hat immer noch nicht angefangen, Grisham hält sich ein wenig mit klein klein auf, so z.B. mit Treffen von Jake und seinen Mitstreitern, die gemeinsam dann trinken (was recht ausgiebig geschildert) und die Verteidigung vorbereiten. Zum eigentlichen Prozeß (und damit auch zum Eintreffen der Namensgeber des Romans, der Jury) kommt es erst recht spät.
Ein weiteres Minus ist das Ende des Romans. Mit dem Urteil zerschlägt sich erstaunlicherweise auch recht plötzlich der Konflikt zwischen schwarz und weiß, der eigentlich nach der Spannung, die vorher geherrscht hatte, richtig aufbrechen müsste. Ich sage damit nicht, dass ich persönlich für diesen Konflikt bin. Aus meiner ganz privaten Sicht wäre ein friedliches Miteinander aller Menschen (egal welcher Hautfarbe und Religion) wünschenswert.

DIE DATEN:
Meine Ausgabe ist ein Taschenbuch, erschienen in Deutsch im Heyne-Verlag für 16,90 DM. Ich habe es bei E-Bay für 2 Euro ersteigert. Hier ein Tipp von mir: Wenn man in der eigenen Stadt bzw. Region sucht, kann man die Portokosten sparen, dann lohnt der Preis wirklich.
ISBN-Nr: 3-453-06118-7
Originaltitel: A Time to Kill (erschienen 1989)
Deutsche Ausgabe: 1992, Wilhelm Heyne Verlag GmbH München.

FAZIT:
Ein Stück weit habe ich das ja schon bei den Stärken und Schwächen vorweg genommen. Ich finde, dass die Jury eine Menge Spannung bietet und dadurch über lange Strecken einen Sog entwickelt, der dafür sorgt, dass man gerne bei den Charakteren bleiben und erfahren möchte, was weiter mit ihnen geschieht. Leider gibt es einige Längen in dem Roman, die zeitweise bei mir zumindest diesen Sog unterbrochen haben. Insgesamt kann ich diesen Grisham aber guten Gewissens empfehlen und vergebe vier von fünf Sternen.

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