Die Kammer (Taschenbuch) / John Grisham Testbericht

ab 8,46
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Erfahrungsbericht von Anonym114

Mitgefühl mit dem Täter?

Pro:

hat ziemliche Längen

Kontra:

interessante Figuren, psychologische Spannungen

Empfehlung:

Ja

Mitgefühl mit dem Täter? Das hat man meist in zwei Fällen: Wenn der Täter lange Zeit sympathisch war, als einer der Guten erschien und erst zum Schluß seine Hinterhältigkeit und die Boshaftigkeit seiner Tat deutlich werden. Oder wenn der Täter jemand ist, der mit seiner Tat nur noch gemeineren oder schlechteren Personen geschadet hat. Aber kann man mit einem Mann Mitgefühl haben, der an einem schäbigen Anschlag beteiligt war, an einem Anschlag, bei dem zwei unschuldige kleine Kinder ums Leben gekommen sind. Man kann, wie John Grisham in seinem Roman Die Kammer zeigt.

ORT UND ZEIT DER HANDLUNG:
Auch Die Kammer ist ein Roman, der quasi in der Gegenwart spielt bzw. in der Gegenwart, in der der Roman entstanden ist, Anfang der 90er Jahre. Zu einem großen Teil jedenfalls. Denn die eigentliche Tat ereignet sich 1967 in Greenville, Mississippi. Doch relativ bald ist man dann schon zeitlich weiter.


DIE PERSONEN:

SAM CAYHALL:
Er einerseits die Art von Mensch, mit deM ich nicht befreundet sein wollen würde: Ein Mitglied des Ku Klux Klans, ein Mann der Dunkelhäutige und Leute anderen Glaubens verachtet. Als Angehöriger des Klans nimmt er auch an Anschlägen teil, unter anderem an den auf die Kanzlei des jüdischen Anwalts Kramer. Eigentlich wollen Cayhall, sein Mittäter und ihr Hintermann Kramer nur einen Schrecken einjagen. Doch der Anwalt wird schwer verletzt, seine beiden fünfjährigen Söhne kommen ums Leben. Immer wieder kommt Cayhall vor Gericht, eignet sich selber juristisches Wissen an, wird auch zweimal frei gesprochen. Doch der dritte Prozess bringt ihn in den Todestrakt. Auch jetzt noch verachtet er die (wie er sagt) Nigger und Juden. Warum sollte man also Mitleid mit ihm haben? Vielleicht, weil er nicht DER Täter ist, weil er nicht selber den Sprengstoff gelegt hat. Weil er nur aus Angst, dass der eigentlich Täter seine Familie ermorden könnte, schweigt und in die Todeszelle geht. Vielleicht auch, weil man ihn als Mensch kennen lernt, als Großvater, der neben dem Hass auch andere Gefühle hat.

ADAM HALL:
Adam wurde als Alan Cayhall geboren. Wer schon was ahnt, liegt vermutlich richtig: Er ist der Enkel von Sam Cayhall. Alans Familie hatte Mississippi nach wegen der Kramer-Tat verlassen und unter neuen Namen ein neues Leben angefangen. Erst nach dem Selbstmord seines Vaters erfährt Adam von seinem Großvater Sam. Er sammelt alles, was er an Material über den Fall finden kann, studiert Jura, um als Rechtsanwalt seinen Großvater zuverteidigen.
Als Charakter fällt Adam Hall vielleicht ein wenig zu glatt aus: Er hat ohne große Probleme sein Ziel verfolgt und erreicht. Ecken und Kanten erhält er am ehesten durch seinen zerrissenen Familienhintergrund. Lange Jahre (als Kind und Jugendlicher) hatte er es vermisst, eine Herkunft zu haben.


DIE KAMMER:
Klar, John Grisham hat in den meisten Fällen für seine Romane Titel aus der Juristerei gewählt. Schließlich ist der1955 geborene Starschriftsteller auch von Haus aus Jurist.
Unter dem Titel Die Kammer hätte ich eine Geschichte erwartet, die sich um die Strafkammer eines Gerichtes dreht, die sich z.B. mit dem Fall Cayhall beschäftigt hätte. Doch hier ist die Todeszelle oder Todeskammer gemeint, der Ort, in dem verurteilte Straftäter vergast werden.


DIE HANDLUNG:
Alles beginnt mit den Vorbereitungen für den Anschlag. Die sind ausgefeilt: Ein Einheimischer und ein (wie es heißt) Fanatiker und Patriot von auswärts sollen die Tat gemeinsam begehen. Finanziert wird alles von einem Hintermann. Der Sprengsatz geht zu spät in die Luft. Im Gebäude ist bereits der Anwalt Krämer mit seinen Zwillingssöhnen. Und Sam Cayhall, der aus Neugier darüber, das keine Detonation zu hören war, zurück zum Ort des Geschehens gegangen ist, wird festgenommen.
Jahre später: Sams Enkel Adam ist Anwalt. Sein Ziel: Den Großvater, den er nie kennen gelernt hat, vor der Todesstrafe zu befreien. Er hat extra bei einer Kanzlei angeheuert, die Sam auch schon zuvor vertreten hat. Als er seine wahre Identität dort enthüllt, steht Adam kurz vor dem Rausschmiss. Doch der Leiter der so genannten pro bono Abteilung (die unentgeldlich Menschen vertritt, insbesondere Todeskandidaten), Garner Goodman, steht hinter dem jungen Hall. Adam darf nach Mississippi, darf versuchen, seinen Großvater, der dort ihm Todestrakt des Parchman-Gefängnises sitzt, vor der Hinrichtung zu bewahren.
Adam kommt bei seiner Tante Lee, der Schwester seines Vaters unter. Sie lebt seit Jahren getrennt von ihrem Mann, einem Millionär. Auch sie lernt man näher kennen und durch sie erfährt Adam noch mehr über die Hintergründe seiner Familie.
Sam gibt seinem Enkelsohn relativ schnell das Vertrauen und der versucht mit verschiedensten Anträgen seinen Großvater zu retten.
Die wichtigsten Themen sind nun aus meiner Sicht zwei: Die Familiengeschichte der Cayhalls, die eine Familientragödie ist. Und damit steht dann auch der zweite wichtige Punkt im Zusammenhang: Hat Sam die Todesstrafe verdient? Sollte es überhaupt eine Todesstrafe geben?

DIE FAMILIE:
Einen Teil der Familientragödie hat Adam selbst miterlebt und mit erlitten. Doch die Hintergründe dafür werden ihm erst durch die Gespräche mit Lee und Sam klar: Sam war Klan-Mitglied. So wie auch all die anderen Männer in seiner Familie. Der Hass, die Hetze gegen Menschen, die anders waren, war ihnen quasi in die Wiege gelegt. Jetzt mag sich das ein wenig wie eine Rechtfertigung für Sam anhören. Sie ist es auch, zu einem kleinen Teil. Doch das es auch anders geht, zeigt Sam’s Sohn, Lee’s Bruder und Adam’s Vater Eddie: Sein bester Freund in Kindertagen ist ein Afro-Amerikaner, Quince. Eddie verzweifelt am Fremdenhass, an den Klansaktivitäten seines Vaters. Und das erst recht, als Sam Quince’s Vater umbringt und dafür ungestraft bleibt. Doch das ist nicht seine einzige Untat: Sam war auch an Lynchmorden beteiligt. Für Eddie ist das Wissen um diese Taten so quälend, dass er flieht, dass er mit seiner Familie immer wieder umzieht, dass er immer wieder Depressionen hat und sich schließlich das Leben nimmt.
Doch Eddie ist nicht der einzige, der gelitten hat. Auch Lee kann es nicht verkraften, was ihr Vater anderen Menschen angetan hat. Sie scheint zwar auf den ersten Blick die glückliche Frau eines reichen Mannes. Doch hinter der Fassade muss sie sich eingestehen, dass ihre Ehe gescheitert ist und dass sie zur Alkoholikerin wurde. Die Gespräche mit Adam über die Taten von Sam versetzen Lee einen erneuten Rückschlag. Sie greift wieder zur Flasche, ist schließlich verschwunden.

DIE TODESSTRAFE:
Wie würde man sich selber verhalten, wenn der eigene Partner oder ein Kind durch einen Anschlag ums Leben kommt, wenn man weiß, dass jemand die Tat aus rassistischen oder religiösen Gründen begangen hat? Man würde wahrscheinlich um jeden Preis wollen, dass derjenige eine gerechte Strafe bekommt. Auge um Auge, Zahn um Zahn? Vielleicht. Erst recht, wenn der Täter einer ist, der immer wieder rücksichtslos gemordet hat.
Doch gilt das auch für Sam? Ja und nein. Denn ich war schon schockiert über all das, was dieser Mann im Laufe seines Lebens verbrochen hat. Aber im Gefängnis lernt man auch einen anderen Sam Cayhall kennen. Einen, der sich bewußt geworden ist, dass er schreckliches angerichtet hat, einen Mann, der es (soweit man das beurteilen kann) ehrlich Leid tut, dass Menschen ins Unglück gestürzt hat. Sam wurde bestraft indem er Jahre im Gefängnis sitzen musste.


MEINE MEINUNG:
Diese beiden Aspekte, die Frage, wie sehr eine ganze Familie an der Tat eines einzigen Mitgliedes zerbricht, machen den Roman spannend. Denn das, was ich hier so verkürzt dargestellt habe, wird für Adam nur Stück für Stück deutlich. Für meinen Geschmack zieht sich die Handlung allerdings zu lange hin. Ich habe immer wieder darauf gewartet, dass sie an Tempo gewinnt. Das war dann am ehesten auf den letzten 70 bis 80 Seiten der Fall.
Einen weiteren Reiz machen wohl die Figuren aus: Adam, der zwar jung und glatt ist, gut in seinen Absichten, den aber der Kampf ums Leben seines Großvaters und die Enthüllungen aus der Vergangenheit der Familie vor große Herausforderungen stellen und sich weiter entwickeln lassen. Vor allem aber Sam selber ist ein interessanter Charakter: Ein Mann, den man verabscheut und gleichzeitig bemitleidet, weil man nicht weiß, ob aus ihm nicht auch ein guter Mensch hätte werden können, wenn er in einem anderen Umfeld aufgewachsen wäre.

AUSGABE:
Ich besitze John Grisham’s Roman Die Kammer in der gebundenen Version, die von der Bertelsmann Club GmbH, Rheda-Wiedenbrück veröffentlicht wurde. Buch –Nr 011080 . Es handelt sich um eine 608 Seiten lange Übersetzung von Christel Wiemken, die einen sehr guten Eindruck macht. Das Original erschien 1994 unter dem Titel The Chamber.

PREIS:
Der Roman hat mich 1,50 (plus Porto) bei Ebay gekostet. Wer den Roman bei Amazon ungelesen kaufen will, zahlt fürfür das Taschenbuch 9,95. Eine gebundene Ausgabe scheint es dort nicht mehr zu geben.

FAZIT:
Für mich war dies ein interessanter, aber kein hoch spannender Roman. Mehr als bei anderen Grishams hat mich hier das psychologische Moment gereizt, die Frage, wie es sein kann, dass man Mitgefühl mit einem Verbrecher haben kann, der nun mal keine gerechte Tat begangen hat sondern wirklich grausam andere Menschen ermordete. Es stellt sich die Frage: Schafft es Adam, seinen Großvater zu retten? Und falls ja, wie gelingt es ihm? Doch all das hätte mit etwas mehr Tempo geschehen können. Grisham hat das Ganze aus meiner Sicht eine ganze Portion zu langatmig ausgeschmückt. Für mich die größte Schwäche des Romans, die mich auch beim Lesen ausgebremst hat. Aus diesem Grund ziehe ich zwei Sterne ab, kann aber trotzdem eine Empfehlung vergeben.

51 Bewertungen, 3 Kommentare

  • Baby1

    08.08.2008, 09:42 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.

  • sia1052000

    15.11.2004, 16:42 Uhr von sia1052000
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wirklich gute Beschreibung - ist sicher ein interessantes Buch! Gruß Sylvia

  • Panda

    15.11.2004, 15:24 Uhr von Panda
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr gut geschrieben mit viel eigener Meinung. Hab das Buch, wie praktisch alle Grisham-Bücher, geradezu verschlungen...