Ben liebt Anna (gebundene Ausgabe) / Peter Härtling Testbericht

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Erfahrungsbericht von killermieze

Zurück auf die Schulbank...

Pro:

Eine wunderbar sensible und unkomplizierte Darstellung...

Kontra:

... mit leicht misslungenen Illustrationen

Empfehlung:

Ja

Peter Härtling – Ben liebt Anna. Roman für Kinder. – 1979 (Aufl. 1997). Beltz & Gelberg (Guliver Taschenbuch 276). Ab 8-10 Jahren.



Ben ist ein Junge von 9 Jahren, also in der zweiten Häfte der Grundschule, und verliebt sich, wie der Titel des Buches schon sagt in Anna. Eine kindliche Liebe – was keine Geringschätzung bedeutet -, keine des Erwachsenseins, nicht einmal eine der Pubertät, denn auch diese Phase hat andere oder anders akzentuierte Probleme.

Doch Probleme gibt es erst einmal für Anna. Sie ist ein Kind polnischer Einwanderer und obwohl Anna Deutsch spricht – die Eltern sind deutscher Herkunft - , dadurch doch danz anders, als die anderen: »Alles war komisch an Anna. Sie hatte keine Jeans an, sondern nur ein langes, altmodisches Kleid. Sie hatte nur einen Zopf und auch der war zu lang. Sie war blass und dünn und schniefte. Ben fand Anna scheusslich.« (S.12).

Das ist natürlich noch vor Bens Liebe zu Anna beobachtet. Aber erst einmal hat es Anna nicht leicht. Sie ist neu in der Schule und sie ist »komisch«. Und andere Kinder sind gnadenlos in der Beurteilung der Anna: »Katja fand Anna ekelhaft. Die stinkt, meinte sie, und richtig schreiben kann sie auch nicht. [...] Wahrscheinlich hatte sie in Polen nicht bleiben dürfen, meinte Bernhard. Wegen Dauerstinken, sagte Katja.« (S.13).

Und so steht Anna auf dem Pausenhof abseits und allein und niemand mag etwas mit ihr zu tun haben. Und Ben, da keine Ausnahme, reiht sich ein in die Riege derer, die mit Hänseleien und Neckereien ihre kindliche Grausamkeit entfalten, und wirft einen Ball auf Anna, trifft sie auch – aber dann geschieht nicht mehr viel. Anna weint nicht, wie erwartet (zumindest sieht es niemand), Ben ärgert sich über sich selbst - »sowas doofes« (S.16), Regine aus seiner Klasse findet sowas sogar gemein und Bernhard, Ben Freund, der Beifall klatscht, bekommt von diesem ein »du Arsch« zur Antwort.

Denn Ben schämt sich nun und über die Scham und den Wunsch, etwas gutzumachen, sich zu entschuldigen (S.17) beginnt er sich für Anna zu interessieren. Und verliebt sich. »[...] dann denkt man dauernd an das Mädchen. Und es ist, als ob man Bauweh hat.« (S.11). Das hat ihm sein grosser Bruder Holger schon erklärt. Und der grosse Bruder ist dann, wie grosse Brüder so sind, der, der ihn verpetzt, herausposaunt »Ben hat eine Freundin« (S.27) - wobei »eine Freundin haben« soviel bedeutet, wie »sich für ein Mädchen interessieren« - da muss dies Mädchen gar nichts von wissen.

Und für einen Jungen (dies auch ein Beispiel für die Unterschiede zur Phase der Pubertät) kann diese Aussage dennoch im Kreise seiner Freunde das Todesurteil bedeuten. Denn eigentlich, so die Spielregeln, findet man Mädchen doof, auch wenn mit knapp zehn Jahren schon jeder weiss, dass dies nicht so bleiben wird.

So auch bei Ben, der nun allerdings schon verliebt ist. Er passt Anna ab, muss dazu aber erst seinen Kumpel Jens aus einer zu zentral gelegenen Bäckerei entfernen, dass er dabei nicht gesehen wird. Denn soviel Umsicht muss sein. Sonst leidet der Ruf. Nun aber gibt er sich »einen Ruck« (S.32), folgt Anna (nachdem er Jens fortgedroht hat), holt sie ein und lernt sie kennen, lernt ihre Familie kennen, ihre »Barackenwohnung« (S.34), in der sie zu neunt leben. Und er lernt Anna kennen und aus der verschüchterten, ängstlichen Anna, die er bislang beobachten konnte, wird eine facettenreichere Anna.



Über Peter Härtling, den Autoren, soll nun nur kurz etwas gesagt werden. Er ist am 13. November 1933 in Chemnitz geboren, also nun beinahe siebzig Jahre alt. Nach dem Krieg, 1946, flieht er mit seiner Familie vor der Roten Armee nach Zwettl in Niederösterreich. Die sowjetischen Truppen gelangen aber auch in diese Gegend. Härtlings Vater wird gefangengenommen, die Mutter vergewaltigt. Mutter, Tante und Grossmutter fliehen nun mit Peter nach Nürtingen (der Roman »Herzwand« erzählt hiervon ein wenig). Hier nimmt sich die Mutter das Leben.

Härtling wächst bei seiner Grossmutter auf, geht im schwäbischen Nürtingen zur Schule, bricht das Gymnasium dann aber ab und arbeitet als Redakteur für verschiedene Zeitungen. Bis 1973 dann arbeitet er für den Samuel Fischer Verlag. Zu dieser Zeit ist Härtling jedoch auch als Schriftsteller bekannt – sein erster Roman »Im Schein des Kometen« erschien 1959. Zu Härtlings 50.Geburtstag stiftete der Beltz & Gelberg Verlag dann den »Peter-Härtling-Preis«.

Härtlings Werk lässt sich in drei Passagen gliedern, das belletristische Werk, zu dem unter andrem der Roman »Nachgetragene Liebe« (1982) zu rechnen ist, der den immer wieder in Härtlings Werk behandelten Komplex der unaufgearbeiteten Vaterbeziehung behandelt, dann »Der Wanderer« (1988) und der oben erwähnte Roman »Herzwand« (1990), um nur einige, wenige zu nennen.

Einen zweiten Komplex in Härtlings Werk bilden die fiktionalen Lebensbeschreibungen, wie über Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau und besser bekannt unter dem Namen Nikolaus Lenau, in »Niembsch oder der Stillsstand. Eine Suite.« (1964) oder über Hölderlin in »Hölderlin. Ein Roman« (1976).

Den dritten und nicht unbedeutenden Teil des Werkes aber machen die Kinderbücher aus. Die mag einerseits nicht verwundert, durchzieht die Bewältigung der eigenen Kindheit doch auf vielfältige Weise auch das restliche Werk Härtlings, ist aber dennoch erfreulich, begeben sich doch nur wenige Autoren in diese »Niederungen« der Literatur für Kinder. Auch hier seinen nur exemplarisch genannt »Oma« (1975), der »Geschichte von Kalle, der seine Eltern verliert und von seiner Grossmutter aufgenommen wird«, die auch dem genannten Themenkreis Härtlings erwuchs und die wunderbare Geschichte »Das war der Hirbel« (1982), die sich, ebenfalls ganz leicht erzählt, mit dem Leben eines behinderten Menschen beschäftigt (also auch einem, der »ganz anders« ist). Für den »Hirbel« erhielt Härtling den Deutschen Jugendbuchpreis, für den auch »Ben liebt Anna« nominiert war.



»Ben liebt Anna« nun ist eine Geschichte, die in der Wortwahl zwar hier und da den Fundus der angesprochenen Neunjährigen verlassen dürfte – was kaum schädlich ist -, in der Beschreibung der diffusen und doch wichtigen und kaum zu erklärenden und immer wieder durcheinander gehenden, nahezu fliessenden Gefühle der ersten kindlichen Liebe aber um so mehr die Angesprochenen erreichen dürfte. Unprätentiös, offen und erstaunlich empfindsam gelingt es Härtling, abzubilden, in welche Wirren ein Kind dieses Alters geraten kann - Wirren, die schon allein dadurch bestimmt sind, dass alle diese Gefühle der Wärme und der Verletzlichkeit, auch des Stolzes, der Angst vor Abweisung, der Sehnsucht und der Eifersucht, der Unzulänglichkeit und der Hoffnung zum ersten mal erlebt werden und, als sei dies nicht genug, nun auch noch alle auf einmal auftauchen, durcheinandergeraten, sich gegenseitig im Wege stehen.

Dann aber sind da noch die Erwachsenen, Eltern, Geschwister, die nun ihrerseits mit diesem Kind ihre Schwierigkeiten bekommen, nicht umzugehen wissen mit den Launen, als die sich dies Gefühlewirrwarr äussert, nicht wissen, was ernst zu nehmen ist, was vergeht, was bleibt, und auch nicht darüber sprechen können. Einerseits (dies hoffentlich ein aussterbender Zustand), da sie selbst ihre Hemmungen überwinden müssten, das Kind als Erwachsenen, nein: wie einen Erwachsenen ernst zu nehmen hätten, dann aber auch, da dieses Kind selbst nicht darüber reden mag. Und nicht darüber reden kann, da ihm wenig klar ist und noch weniger in Worte sich fassen lässt und schliesslich die wenigen Zeiten, die das Kreiseln und Schwirren in Kopf und Bauch vielleicht nachlässt, auch auf andere Dinge verwenden mag. Und umgekehrt, die Misslichkeit der Sache perfekt zu machen, findet sich dann wieder zu den wenigen Gelegenheiten, die das Kind nun gerne angesprochen werden würde, niemand dazu bereit (vgl. S.37), was auch enttäuschend ist.

Härtling fängt dies alles, erstaunlich leicht und dennoch treffend ein, bietet eine Geschichte, die mit den Vorurteilen gegen Fremde einsetzend, den Ressentiments gegen die, die »anders« sind, dies Thema dann nicht verlässt, sondern einbettet in ein noch wichtigeres, das wichtigste vielleicht, die Liebe, es darin nicht erstickt, auch keine Lösung sucht, sondern auflöst. Denn die Liebe kennt keine Grenzen, keine Vorurteile. Jedoch eine Menge anderer Probleme.

So erzählt Härtling also eine Liebesgeschichte, die sich leicht erzählt und doch jedem Kind, dass sich so oder ähnlich und darin allein gelassen fühlt, ein Stück weit Vertrautheit bieten dürfte, eine Brücke heraus aus der Einsamkeit des Unverstandenseins schlägt, hinein in die »Normalität«, mit der hier gemeint ist: So geht das allen.

Und Härtling will erzählen nicht für ein Kind, sondern wie ein Kind in diesem Alter. Dies lässt sich nicht immer durchhalten, gelingt ihm aber im wesentlichen doch wunderbar. So finden sich bspw. kaum Nebenfiguren, das Ganze bunt zu halten und selbst die Hauptfiguren werden kaum mit irgendwelchen Eigenschaften überlastet, die mit der Liebesgeschichte nichts zu tun hätten. Man wird sich nach der Lektüre vielleicht schon nach wenigen Tagen an einige der Figuren nicht mehr erinnern – lediglich der »seltsame« Onkel Gerhard bildet hier eine Ausnahme, da er ein Onkel ist, wie er in jeder Kindheit, fiktional oder nicht, vorkommen sollte – sehr gut aber an den Kern der Geschichte selbst und Ben und Anna noch deutlich vor Augen haben.

Zudem bringt diese Beschränkung der Geschichte auch einen angenehmen Mangel an Rollenklischees, wie er sich sonst so häufig nicht findet – gerade in Geschichten, die vom Anspruch her für Kinder, vom Stil der Ausbreitung der Erzählung her aber zumindest deutlich spürbar von Erwachsenen geschrieben sind. So nun schreibt Härtling nicht. Er erzählt, wie gesagt, für und wie Kinder. »Manchmal sagen Erwachsene«, schreibt Härtling einleitend (was jedoch kein Vorwort sein soll) zu dem Buch, »zu Kindern: Ihr könnt noch gar nicht wissen, was Liebe ist. Dass weiss man erst, wenn man gross ist. Dann haben die Älteren eine Menge vergessen, wollen mit euch nicht reden oder stellen sich dumm« (S.5).

Und genau dieses Gefühl, dass da einer schrieb, der nicht nur nicht vergessen hat, sondern dem dies noch so deutlich erinnerbar ist, dass er auch darüber schreiben kann, genau dies verlässt einen auch nicht beim Lesen. Ein Buch, dass ein Stück weit in eine Kinderwelt hineintaucht, in der nicht nur Kinder sich wohlfühlen, sich verstanden fühlen werden, sondern dass auch Erwachsenen zu empfehlen ist, diese Kinderwelt, in der sie einst auch einmal umherliefen, die sie aber schon lange verlassen haben, wieder aufzusuchen, kennen und schätzen zu lernen, vor allem dann ,wenn sie ein Kind dieses Alters neben sich leben haben, aber auch, um zu sehen, wie nah sich diese Probleme des Kindes und des Erwachsenen dann letztlich doch sind und vielleicht ein wenig von sich selbst wiederzufinden, von dem, wie alles begann.

So bleibt für die Kritik nun nur noch, sich an die Illustratorin Eva Muggenthaler zu halten, deren Titelbild noch recht ansprechend (und zudem auch farbig) daherkommt, der bei den zwölf im Text sich befindlichen Bildern aber, so scheint es, die Freude sich auf andere Dinge gerichtet haben muss: Die Illustrationen, oft in antikisierendes Nikotingelb getaucht und ähnlich wirkend – manchmal auch im Zweifarbigen mit einem Blau an der Seite – wirken ein wenig, wie fünf Minuten vor Abgabetermin im Wartezimmer des Lektors auf den Block gebracht, unbeholfen, teilweise plump, von minderem perspektivischen wie anatomischen Verständnis und mit »Kindern«, denen die Augen nahezu aus den Ohren wachsen, die selten fröhlich dreinblicken und die zudem eher Zwölf- oder Dreizehnjährige darzustellen scheinen.

48 Bewertungen, 17 Kommentare

  • Schattenesserin

    02.06.2006, 00:27 Uhr von Schattenesserin
    Bewertung: sehr hilfreich

    ♪♫ SH :o) ♫♪

  • Zzaldo

    18.05.2006, 21:23 Uhr von Zzaldo
    Bewertung: sehr hilfreich

    Da hast du mal wieder einen sehr informativen und interessanten Bericht geschrieben. Daher ein klares sh von mir für dich.Was anderes wäre echt nicht angebracht. LG Stephan

  • anonym

    17.05.2006, 15:53 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Lieben Gruss, Manuela :o)

  • creedy18

    06.04.2006, 22:08 Uhr von creedy18
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh LG Andrea

  • Django006

    06.04.2006, 21:22 Uhr von Django006
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & *lg* Alan :o))))

  • henna82

    06.04.2006, 20:26 Uhr von henna82
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, greetz henna82!

  • luna1011

    06.04.2006, 17:09 Uhr von luna1011
    Bewertung: sehr hilfreich

    Eideutig sh!! Gruß Luna1011 :-))))))))))

  • Lotosblüte

    06.04.2006, 16:08 Uhr von Lotosblüte
    Bewertung: sehr hilfreich

    Dein Bericht zeigt wirklich ein geschultes Auge. <br/>lg

  • schnekuesschen

    06.04.2006, 14:52 Uhr von schnekuesschen
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein klares sh für deinen Bericht...LG Sandy :-))

  • lara03

    06.04.2006, 14:38 Uhr von lara03
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schönes Buch-LG

  • lana80

    06.04.2006, 14:35 Uhr von lana80
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hab ich damals selbst in der Schule lesen müssen. Ein schönes Buch. SH und LG Lana

  • PublicEnemy

    06.04.2006, 14:29 Uhr von PublicEnemy
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH! Gruß, Konrad

  • popipu

    06.04.2006, 14:24 Uhr von popipu
    Bewertung: sehr hilfreich

    Daumen hoch weiter so!

  • peterundpaul01

    06.04.2006, 14:18 Uhr von peterundpaul01
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH und LG

  • Nina1805

    06.04.2006, 14:14 Uhr von Nina1805
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH! Hab ich damals auch in der Schule gelesen, ist echt toll!

  • dealer903

    06.04.2006, 14:13 Uhr von dealer903
    Bewertung: sehr hilfreich

    ~sh~ gruss lars

  • SeriousError

    06.04.2006, 14:13 Uhr von SeriousError
    Bewertung: sehr hilfreich

    <b>Ein "sehr hilfreich" von mir für diesen tollen Beitrag. :o) Gruß SeriousError!</b>