Ben liebt Anna (gebundene Ausgabe) / Peter Härtling Testbericht

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Erfahrungsbericht von schneeweisschen

Weil du nicht bist wie alle andern

Pro:

ein leises, positives Buch

Kontra:

die Illustrationen, sonst nichts

Empfehlung:

Ja

Jedes Mal, wenn ich meinen kleinen Sohn händchenhaltend mit unserer Nachbarstochter Marie vor mir herlaufen sehe, stelle ich mir die Frage: wann verliebt man sich zum ersten Mal in seinem Leben? Janek und Marie mögen sich sehr, streiten sich manchmal um das selbe Spielzeug und geben sich dann zur Versöhnung ein Küsschen. Es ist wie bei den meisten Erwachsenen also auch. Bei denen formuliert man es dann nur ein wenig anders: die beiden lieben sich sehr, streiten sich manchmal um die Fernbedienung und zur Versöhnung gibt es oft mehr als nur einen Kuss.

Wenn ich nach meiner ersten großen Liebe gefragt werde, habe ich immer ein Problem. Denn ich kenne keine Antwort auf diese Frage. Und ich bin immer wieder erstaunt, dass die meisten Menschen anscheinend für sich selbst eine klare Antwort haben. Ich nicht. War es R., meine sogenannte Sandkastenliebe? D., mein Beschützer in der 1. Klasse? M., der mir in der 3. Klasse ein Liebesgedicht ins Poesiealbum geschrieben hat? Oder T., den ich jahrelang angebetet habe, ohne ihm je ein Wort davon zu sagen? Meine Güte, wir waren Kinder und hatten ja keine Ahnung, was Liebe ist. Dachten sich zumindest die Erwachsenen und belächelten uns bei unseren ersten zarten Gehversuchen auf dem Laufsteg der Emotionen.

Wer, bitte schön, definiert Liebe? Ist ein Kind erst zur Liebe fähig, wenn es alt genug ist, um seinen Eltern mit (prä)pubertärem Verhalten auf die Nerven zu gehen? Ich weiß, nein, ich bin mir sicher, dass mein Sohn mich liebt. Dass er mich von der ersten Sekunde seines Lebens geliebt hat, obwohl er erst Stunden später zum ersten Mal in meinen Armen lag. Und wahrscheinlich auch schon vorher, als er mir mit nicht immer zärtlichen Tritten sagte: „Mama, bald komme ich auf die Welt und ich bin schon sehr gespannt auf dich.“ Ein Mensch kommt mit der Fähigkeit zu lieben auf die Welt und ist auch zeitlebens auf der Suche nach Liebe und Zuwendung. Die Liebe zu Menschen, in deren Adern quasi das gleiche Blut fließt, ist uns quasi in die Wiege gelegt.
Alle anderen Menschen müssen sich schon ein wenig mehr anstrengen, um von uns geliebt zu werden. Um bei uns etwas auszulösen, für das es keine Worte gibt. Etwas, das sich nicht einfach abstellen lässt. Das uns schlaflose Nächte bereitet, uns motiviert und glücklich macht. Aber auch traurig, wenn sich Sehnsüchte nicht (sofort) erfüllen lassen.

Spätestens ab dem Alter, wo es uncool ist, seine Mutter auch nur annähernd sympathisch zu finden, wird es gefährlich. Dann ist es Zeit für das Buch „Ben liebt Anna“. Allerspätestens dann.

Ist es verrückt, einem Zweijährigen ein Buch vorzulesen, das sich mit der Frage beschäftigt: was ist Liebe? Nun gut, „Ben liebt Anna“ ist ein Kinderbuch, aber nicht gerade für ein Alter gedacht, in dem man gerade beginnt, die Welt mit Worten und Fragen nach dem Warum zu erobern.

Dennoch: Janek, der manchmal mehr versteht und nachplappert als mir lieb ist, war gestern Abend bereitwilliger Zuhörer. Ich hatte es mir auf dem Sessel gemütlich gemacht und begonnen, endlich, endlich „Ben liebt Anna“ zu lesen. Janek kletterte neugierig auf meinen Schoß, kuschelte sich an mich und wartete darauf, dass ich ihm vorlas. Eigentlich ist es mein Buch, jemand hat es mir geschenkt, als ich schon längst erwachsen geworden war. Und das ist noch gar nicht mal so lange her. Dennoch begann ich zu laut vorzulesen, ab der Stelle wo ich aufgehört hatte...


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„Wart mal einen Augenblick. Vater sprach ohne Spott.
Kennen wir sie?
Nein.
Ist es Katja? Mutter war immer furchtbar neugierig.
Nein, die ist es nicht.
Holger wollte schon wieder dazwischenquatschen. Ben brüllte: Halt doch endlich die Schnauze!
Kinder! Vater und Mutter mahnten zweistimmig. Darin waren sie geübt.
Sie heißt Anna und ist neu in der Klasse. Das ist auch schon alles.
Ben drückte sich an Holger vorbei, der fies grinste, und verriegelte die Badezimmertür hinter sich. Er konnte hören, wie Holger erklärte, Anna sei aus Polen.
Die Eltern staunten. Aus Polen? Wie kann denn das sein? Sie wird zu diesen Umsiedlerfamilien gehören, sagte Vater. Ben gefiel es nicht, wie Vater „diese Familien“ betonte. Mit denen rede ich nicht über Anna, schwor er sich, mit Holger auf jeden Fall nicht mehr.
Doch am nächsten Morgen kam Mutter doch noch dazu, mit ihm über Anna zu sprechen.
Wir wollen dir das gar nicht ausreden, das mit Anna.
Das könnt ihr auch nicht.“

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Anna ist neu in Bens Klasse. Sie wird von ihren Mitschülern ausgeschlossen, weil sie anders ist. Sie kommt aus Polen, redet anders und zieht sich anders an als deutsche Kinder in ihrem Alter. Auch Ben ist sie zunächst suspekt, bis er nach und nach feststellt, dass er sie mag. Und Anna mag ihn auch. Die beiden kommen sich näher, werden jedoch von diversen Ereignissen immer wieder aus der Bahn geworfen. Denn natürlich bleibt auch den Mitschülern nicht verborgen, dass sich zwischen den beiden etwas Besonderes abspielt.
Leider hat der Autor, Peter Härtling, für die beiden kein Happy End vorgesehen. Wie gut, dass Janek nach drei Seiten Vorlesen genug hatte, denn in seinem Alter ist der glückliche Ausgang eines Buches von großer Bedeutung. Er wird schon bald selbst lernen müssen, wie es ist, sich von Freunden trennen zu müssen.
Typisch kindliche, irrationale Verhaltensweisen machen das Buch sehr glaubhaft. In diesem Alter ist es nun einmal schlimm, mit anschauen zu müssen, wie die Angebetete vom eigenen besten Freund ein Brötchen geschenkt bekommt. Und sich offensichtlich auch noch darüber freut. Dementsprechend reagiert ein Kind dann schon einmal sehr emotional und verletzt. Natürlich ist auch ein erwachsener Mensch vor Eifersucht nicht gefeit. Aber ab einem gewissen Alter ist man meist gefestigt genug in seinem Glauben an sich selbst, um in solchen Ereignissen nicht gleich das Ende der Beziehung zu sehen und sich beleidigt abzuwenden. Vielmehr ist es schön zu sehen, dass der geliebte Partner auch von anderen Menschen gemocht wird.

Das Buch ist in einer einfachen, kindgerechten Sprache geschrieben, die jedoch an einigen Stellen Weisheiten hervorblitzen lässt, die wohl nur ein erwachsener Mensch bemerken wird. Somit ist es wirklich viel mehr als ein Kinderbuch. Neben der Liebesgeschichte zwischen Ben und Anna lernt man auch etwas über Toleranz Menschen gegenüber, die anders sind als man selbst. Man darf sich nicht von Vorurteilen und vermeintlich moralischen Vorstellungen leiten lassen. Erst recht nicht, wenn es um die Liebe geht.
Natürlich wissen wir das alles schon, aber es ist gut, sich das ab und an wieder bewusst zu machen.

Es gibt nur eine Sache, die mir an dem Buch nicht gefällt. Das kann allerdings auch von Ausgabe zu Ausgabe unterschiedlich sein. Die glücklicherweise spärlich gesäten Illustrationen von Eva Muggenthaler machen einen fast ausnahmslos deprimierenden Eindruck auf mich und passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zur Geschichte.

Auch wenn ich mich selbst nicht daran gehalten habe: eine Altersempfehlung möchte ich dennoch geben. Um das Buch richtig verstehen zu können, sollte man mindestens 9 Jahre alt sein. Ein früheres Lesealter, also in Janeks Fall zwei Jahre, scheint aber auch nicht wirklich zu schaden. Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt. Es sei denn, man ist ein Mensch, der sich mit einem Kinderbuch in der Hand nicht wohl fühlt. Aber der würde die Botschaft des Buches sowieso nicht verstehen.


Fakten, Fakten, Fakten
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Autor: Peter Härtling
Titel: Ben liebt Anna
erstmalig erschienen 1979, aber zeitlos
Beltz & Gelberg Verlag
ISBN 3-407-78276-4
Preis: 4,90 €
Seitenzahl: 91



Euer Schneeweisschen


Erstveröffentlichung bei ciao.de am 13.11.2003

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