Hair Testbericht

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Erfahrungsbericht von Musical-World

Flower-Power und Vietnamkrieg auf DVD oder CD

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Claude wird 1967 zum Wehrdienst einberufen. Vor seiner Musterung will das Landei noch die Großstadt New York City kennenlernen. Im Central-Park begegnet er einer schrägen Truppe von Hippies und einer schönen, edlen Maid, die aber schnell davonreitet. Seine neuen langhaarigen Freunde, angeführt von Berger, mieten dem Hals über Kopf verliebten Romeo ein Pferd, doch die Verfolgungsjagd ist erfolglos.

Doch nach einem kurzen LSD-Trip ist die Lösung beim Urinieren auf die aktuelle Tagespresse bereits gefunden, da Lady Sheila zur High Society gehört, der der abgewrackte Haufen einen Besuch abstattet. Vor ihrem Rausschmiss kann Berger aber Sheilas Interesse für Claude wecken. Vor seiner Einberufung verbringen beide eine nette Nacht im öffentlichen Teich.

Beim Grundwehrdienst sehnt sich Claude zurück nach seinen Freunden. Auch Sheila möchte ihren Lover noch einmal wiedersehen - kein Problem für Berger! Mit einem geliehenen Auto fährt es sich die 2000 Meilen zu Claude recht zügig. Nicht ganz so einfach ist die Befreiung von G.I. Claude: Berger lässt für seinen Freund buchstäblich Haare und mit militärischem Kurzhaarschnitt und einer geklauten Uniform kommt er leicht an der MP-Kontrolle vorbei.
Für einen Nachmittag tauscht Berger mit Claude die Rollen. Während Claude mit Scheila plaudert kommt der Einsatzbefehl nach Vietnam und ehe Berger sich versieht, ist er auf dem Weg in den Krieg von dem er nicht mehr wiederkehrt...

Milos Forman inszenierte 1979 die Filmfassung des Anti-Kriegs-Musicals von Galt MacDermont in einer abgespeckten Fassung mit veränderter Handlung, um dem Kinobesucher in 115 (statt 180) Minuten das Leben der Flower-Power-Bewegung näher zu bringen. Wie Claude erlebt auch der Cineast die ausgeflippten Hippies zunächst als nichtsnutzige Tagediebe zwischen Drogenwahn und freier Liebe. Doch schnell empfindet man Sympathie mit der kauzigen Truppe, deren allerhöchste Tugend die bedingungslose Freundschaft ist, die schließlich in Aufopferung bis in den Tod gipfelt.

Doch bis dahin entdeckt man einige interessante und grandios gespielte Charaktere (John Savage als Claude, Treat Williams als Berger und Beverly D´Angeloals Sheila) mit erstaunlich viel Musik. Die 22 Songs integrieren sich problemlos in die flüssige Handlung und trumpfen mit so manchem Evergreen auf.
Die Eröffnungssequenz mit "Aquarius", die Haar-Hymne "Hair" im Gefängnis, die Fragen von Claude "Where Do I Go?", die witzige Musterung der "Black Boys - White Boys" vor der entzückten schwulen Berufungskommission, das ergreifende "Easy To Be Hard" der betrogenen Ehefrau von Hud, des lebensfrohe "Good Morning Starshine" und das tragische "Let The Sunshine In" bilden das Gerüst für die Handlung des bewegenden Films, der durch die Möglichkeiten des Mediums völlig neue Wege gehen kann und sich somit grundlegend von der Theaterproduktion unterscheidet. Allein schon deshalb ist der Film eine interessante Ergänzung zu den aktuellen Hair-Produktionen in Wien und Bremen!

Die DVD bringt dieses Lebensgefühl mit einem leicht verwaschenen, leider nicht anamorphen Bild und einer deutschen Stereo-Tonspur nicht ganz ins heimische Wohnzimmer herüber. Zumindest beim Ton kann man sich an der englischen 5.1 Dolby Digital-Abmischung erfreuen, die besonders in den räumlich gut ausfüllenden Songsequenzen richtig zur Geltung kommt (die Lieder wurden auch in der deutschen Version im englischen Original belassen; drei weitere Sprachfassungen bieten die Dialoge nur in Mono). Außer einem original Kinotrailer vermisst man jedoch weiteres Bonusmaterial.

Fazit: Das erfolgreiche Broadway-Musical mit mitreißenden Rhythmen als packender Kult-Film mit Message.

Technische Daten:
Regionalcode: 2
Sprachen: Englisch Dolby-Digital 5.1
Deutsch Dolby-Digital 2.0
Spanisch Dolby-Digital 1.0
Französisch Dolby-Digital 1.0
Italienisch Dolby-Digital 1.0
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Finnisch, Polnisch, Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch für Hörgeschädigte
Bildschirmformat: Widescreen 1,85:1
Länge: 115 min
Hersteller: MGM DVD

Dort, wo vor 33 Jahren bei der Uraufführung noch eine wilde Haarmähne wucherte, ziert nun ein glattrasierter Kahlkopf das Musicallogo - erste Zeichen für die radikale Neuinszenierung des Hippi-Klassikers von 1968, welches am 10 März 2001 die altehrwürdigen Hallen des Raimund Theaters in Wien mit ungewohnten Rock-Klängen erstmals erzittern ließ und ab Herbst 2001 die Nachfolge von Jekyll & Hyde in Bremen antritt.
Vergessen sind Flower-Power, Haschisch und Vietnam-Krieg: Love-Parade, Ecstasy und Balkan-Krieg stehen auf dem Programm. Auch wenn man heutzutage niemanden mehr mit sexueller Revolution und Nackedeis auf der Bühne schockieren kann, ist das Grundthema "make love not war" auch im Jahre 2001 aktuell.
Und so wollen die nach Freiheit strebenden Jungs immer noch ihre Einberufungsbefehle zum Militärdienst verbrennen und in Demonstrationen gegen Umweltverschmutzung, Rassenhass und Ausländerfeindlichkeit marschieren. Die Auflehnung gegen das "Establishment" in der Flucht in eine starke Gemeinschaft, die mit Religion und Regeln nichts anzufangen weiß und die Realitätsflucht in Drogen, Sex und Sekten sucht, scheint immer noch ein aktuelles Thema zu sein, auch wenn heute die emotionale Zusammengehörigkeit der Individualitätsverwirklichung gewichen ist.
Die Grundhandlung von Hair hat sich kaum verändert, auch wenn die Grundhaltung eine neue ist.

Kennengelernt habe ich dieses Musical durch die Verfilmung von Milos Forman von 1979 (siehe oben). Die veränderte Handlung konzentrierte sich hauptsächlich auf die zwei verschiedenen Freunde Claude und Berger, bei der Claude seine Anti-Kriegs-Haltung doch nicht umsetzt und für das Vaterland ehrenhaft im Vietnamkrieg stirbt. Bewegter war ich beim Besuch einer Tourneeproduktion vom Broadway, die vor 10 Jahren durch Deutschland tourte. Zwar war die Handlung immer noch relativ flach, aber in den rund 180 Minuten vermittelten die Schauspieler mir durchaus ein Verständnis der Hippie-Kultur, so daß man doch wesentlich mehr Mitgefühl für die Flower-Power-Clique entwickeln konnte.
Die Wiener Inszenierung macht hier einen Rückschritt, denn durch die ungewohnte Modernisierung der Thematik ins neue Millennium bleiben einige unglaubwürdige Relikte aus den 60er Jahren übrig, die nicht so recht ins Bild der Neuinterpretation passen wollen, oder kennen Sie Teilnehmer der Love-Parade, die fanatisch "Hare Krischna" grölen würden?

Ähnlich erging es mir beim Hören der CD-Einspielung dieser Fassung. Für Wien mehr als ungewöhnlich, beließ man die Stücke im englischen Original, ersetzte aber den weichen Woodstock-Gitarrensound durch harte E-Gitarre und scratschte sich im Trip-Hop, Alternate, Hip-Hop und Chill-Out-Stil durch alte Klassiker wie "Aquarius", "Sodomy", "Manchester England", "I Got Life", "Hair", "Easy To Be Hard" und "Black Boys - White Boys". Der Gitarren-Rock ist mir persönlich bei einigen Stücken einfach zu hart und trifft daher nicht immer die emotionalen Stimmungen auf der Bühne. Andererseits sind die Songs "Where Do I Go?", "Let The Sunshine In" und "Good Morning Starshine" (hier im netten Samba-Sound) immer noch umwerfend und bieten im neuen Soundgewand eine willkommene Abwechslung zu älteren Produktionen.
Alle Darsteller sind nach österreichischer Sitte top besetzt, auch wenn in den vornehmlich auf Ensemble-Nummern ausgerichteten Songs überragende Einzelleistungen einfach untergehen.

Fazit: Die 68er im neuen Jahrtausend: vornehmlich hart, aber manchmal auch herzlich. Für einen 33 Jahre alten Klassiker gibt es für Rockfans Interessantes zu entdecken...

Technische Daten:
Original Cast CD mit Drew Sarich, Kyrre Kvam, Pheton D. Quirante, Susa Meyers, Ilse La Monacas
Höhepunkte der Neuinszenierung des Raimund Theaters
Musik: Galt McDermont
Texte: Gerome Ragni, James Rado
66 min, 33 sec
BMG Classic 2001

10 Bewertungen