Harry Potter und der Stein der Weisen (DVD) Testbericht

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  • Action:  viel
  • Anspruch:  durchschnittlich
  • Romantik:  sehr niedrig
  • Humor:  durchschnittlich
  • Spannung:  sehr spannend

Erfahrungsbericht von mima007

Zwischen Dickens und Star Wars (zur Originalfassung)

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Die Verfilmung von Joanne K. Rowlings Jugendbuch-Bestseller bereitet erwachsenen Kinofans herzlich wenig Vergnügen: Über eine Stunde sucht man nach dem Handlungsfaden. Und die Mehrzahl der Darsteller erfüllt nur ein Abziehbild mit Scheinleben aus - es gibt aber zum Glück Ausnahmen.

Anmerkung: Ich bespreche hier ausschließlich die Originalfassung der Leih-DVD, daher können andere namen als in der dt. Fassung auftauchen, z.B. Hermione statt Hermine. Auf die Extras der 2. CD der Kauf-DVD gehe ich nicht ein.

Handlung
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Eines Nachts geben zwei Zauberer (Richard Harris und Maggie Smith) und ihr Gehilfe Hagrid ein Waisenkind bei einer Familie von Nichtmagiern, sogenannten Muggels ab, den Dursleys. Das Kind, der titelgebende Harry, hat beide Eltern beim Anschlag eines bösen Magiers namens Lord Voldemort verloren. Nur der kleine Harry entkam - aufgrund welcher Kräfte, bleibt in diesem Film unklar. Lediglich eine blitzförmige Stirnnarbe zeugt von seinem Schicksal. Daran wird man ihn später unter Magiervolk erkennen.

Elf Jahre später wird Harry (Daniel Radcliffe) an die Zauberschule Schloss Hogwarts berufen. Die Zustellung dieser Anforderung erfordert mehrere hundert Eulen und eine Menge Briefe. Das versetzt die magiefürchtigen Dursleys derart in Furcht und Schrecken, dass sie auf einer einsamen Insel Urlaub machen. An seinem 11. Geburtstag, pünktlich um Mitternacht, wird Harry dann abgeholt. Hagrid (Robbie Coltrane) staffiert ihn in der Dickensianischen Winkelgasse mit allem Nötigen aus; doch der Zauberstab wählt Harry aus, nicht umgekehrt.

Auf Hogwarts freundet sich Harry mit der netten Hermione (Emma Watson) und Ron Weasley an, zusammen erleben sie die restlichen Abenteuer. Hermione entstammt unüberhörbar der gebildeten Mittelklasse und zeichnet sich durch beflissene Strebsamkeit, aber auch durch Loyalität aus. Ron hingegen ist eine treue Seele, ein guter Schachspieler und entstammt unüberhörbar der Arbeiterklasse. Daher wird er ständig von Höherstehenden getriezt, insbesondere von Angehörigen der Upper Class wie etwa von dem superblonden Draco (\"Der Drache\") Malfoy. Diese Akzente sind in der Originalfassung eine wahre Freude; in der Synchronisation verschwinden sie leider völlig.

Ich fand bemerkenswert, wie britisch Hogwarts ist. Es handelt sich offensichtlich um ein exklusives, ehrwürdiges Internat, wie es nur höchst betuchten Familien und ihren Sprösslingen zugänglich ist. Verblüffend bis verdächtig ist die Geschwindigkeit bzw. Reibungslosigkeit, mit der sich alle Neuankömmlinge in das Internat-Reglement wie etwa Krawatten, Uniformen, Essenshallen, Vertrauensschüler (Prefects) fügen. Selbst ein Arbeiterkind wie Ron Weasley hat absolut kein Problem damit, in einem seidenbespannten Vierpfostenbett zu nächtigen. Zauberer scheinen wirklich eine Menge Privilegien als selbstverständlich zu akzeptieren. Vielleicht haben sie ja einen supergeheimen Kutlurschock-Crash-Kurs durchlaufen, der uns nicht gezeigt wird (ist ja supergeheim).

Ein erster Höhepunkt des Films besteht zweifellos in dem grandiosen Quidditch-Turnier, das zwischen den \"Häusern\" Griffindore, dem unser tapferes Trio angehört, und Slytherin, dem sich D. Malfoy und Konsorten zuzählen, ausgetragen wird. Quidditch ist eine Art Kricket für Flieger auf Besenstielen. Hier spielen zahlreiche Spezialeffekte eine wichtige Rolle, und in manchen Momenten wähnt sich in einer infantileren Variante von \"Star Wars\". An dieser Szene wurde mehrere Monate gearbeitet - entsprechend lohnend ist der Endeffekt.

Danach ermitteln die drei detektivischen Freunde in den verbotenen Korridoren der Zauberschule (einem echten englischen Schloss). Sie verdächtigen mit Lehrer Snape (Alan Rickman) den falschen Magister, wie sich zeigt, und Harry begegnet dem echten Voldemort, einem Einhornblut trinkenden Vampir. Zum Glück gibt\'s im Zauberwald auch hilfreiche Zentauren. Dieser hier sieht aber aus wie der Satyr in der Perseussage \"Kampf der Titanen\" - wenig vertrauenerweckend. Weder werden diese Figuren erklärt, noch macht sich einer der Helden über sie irgendwelche Gedanken. Einzige Ausnahme ist natürlich Voldemort - mit ihm trägt Harry den Schlusskampf aus.

Infos zum Film
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GB/USA 2001 (Warner)
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Regie: Chris Columbus
Darsteller: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Ian Hart, Alan Rickman, Maggie Smith, Richard Harris, John Hurt, Robbie Coltrane, John Cleese (fast alles Engländer, doch manche mit amerikanischer Aussprache!) u.v.a.

Die Originalfassung
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...habe ich auf der DVD gesehen. Daher auch meine Anmerkungen zur Bedeutung der unterschiedlichen Akzente, die natürlich (?) im Deutschen nicht zu hören sind. Wenn Hagrid \"Blimey\" ausruft oder Ron ein garstiges \"Bloody hell!\" entfährt, dann dürfte jede Upper-Class-Gouvernante zu rotieren anfangen. Hermione findet überhaupt nichts dabei, Draco Malfoy verzieht jedoch abgestoßen das hübsche Gesicht. Dafür hat er in Sachen Moral keinerlei Skrupel. Die drei Helden sind ihm und seinesgleichen offensichtlich haushoch überlegen. Dies ist nicht bloß Anwendung der Märchenmoral à la Hollywood, bei der das Gute immer siegt. Das ist auch als Rache der Autorin zu interpretieren, die sich als Angehörige der Mittelklasse gegen die Allüren und moralische Verkommenheit der Upper Class zur Wehr setzt.

Die Leih-DVD
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• Sprache: Deutsch, Englisch
• Untertitel: Deutsch, Englisch
• Bildformat: 2.35:1
• Dolby, Surround Sound, Widescreen
• Laufzeit: 152 Minuten (laut Amazon.de; wo kommen die 10 Minuten her?)

Ich konnte lediglich die erste Disc ausleihen. Darauf befinden sich minimale Angaben zu Cast & Crew sowie der Trailer. Für die zweite Disc benötigt man erstens viel Geduld, zweitens eine Anleitung und drittens das Glück, keine defekte CD erhalten zu haben (siehe die aktuelle \"TV-Spielfilm\").

Das ist auf Disc #2 zu finden, sofern man sie hat:

- Interviews mit dem Regisseur Chris Columbus und dem Produzenten David Heyman mit den ersten Einblicken auf \'HARRY POTTER und DIE KAMMER DES SCHRECKENS\'
- Geschnittene Szenen
- eine \"interaktive Hogwarts-Tour\"
- eine Quidditch-Anleitung (sicher sehr hilfreich für nicht-Kricket-Spieler)
- ein \"Besuch der Winkelgasse\"
- ein \"Treffen mit den Geistern\" (darunter John Cleese von Monty Python!)
- ein CD-Rom-Teil (Zitat: \"Der sprechende Hut, der das passende Haus von Hogwarts für den Spieler auswählt; exklusive elektronische Sammelkarten, die man online sammeln und tauschen kann; persönliche Nachrichten per \"Eulen-e-mail\", die neues zu Harry Potter enthalten; Bildschirmschoner\" etc.)


Mein Eindruck
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Diese extrem werkgetreue Verfilmung hat weiß Gott keinen OSCAR verdient; sie wurde in keiner einzige Kategorie dafür nominiert. (Naja, kann ja mit Teil 2 noch kommen.) Höhepunkte sind spärlich gesät: Quidditch-Match, Winkelgasse, Schachspiel und Showdown. Der Rest sind Kinkerlitzchen und Nebenschauplätzchen, die den kindlichen Zuschauer bei Laune halten, so etwa die erste Flugstunde mit dem Hexenbesen.

Die jugendlichen Schauspieler wissen wenig zu beeindrucken. Daniel Radcliffe lässt mehrere Male wortlos den Kopf hängen, statt mit einem kessen Spruch auf den Lippen dem Szenenschluss einen positiven Ausklang zu verleihen. Emma Watson (Hermione) ist noch die lebhafteste Figur des Helden-Trios. Sie spielt (und spricht!) voller Überzeugung.

Ein anderes Kaliber sind die erwachsenen Darsteller. Hier weiß Robbie Coltrane trotz eines wuchernden Bartes als etwas vorlauter, leutseliger Zauberergehilfe eine gute Figur zu machen. Sein Akzent aus der Arbeiterklasse verleiht ihm weitere Glaubwürdigkeit. Alle anderen Erwachsenen verblassen dagegen - mit einer einzigen Ausnahme: der scharzgewandete, etwas unheimliche Magister Snape, den Alan Rickman gibt.

Rickman ist vor allem bekannt durch seine Rolle des Bösewichts in \"Stirb langsam 1\" neben Bruce Willis. Ihm nahm man den Gentleman-Räuber ohne weiteres ab. Seine letzte Komödienrolle war meines Wissens die Parodie auf Spock in \"Galaxy Quest\", in der er einen abgehalfterten Shakespeare-Mimen in den Niederungen der TV-Hölle spielte - aber mit Grandezza.

Auch die Rolle des Snape weiß Rickman trotz seiner wenigen Textzeilen eindrücklich zu gestalten: In der 2. Begegnung mit Harry & Co. macht er eine kurze, aber extrem vielsagende Pause, bevor er seinen Satz beendet. In dieser Pause steckt eine Welt von Andeutungen - einfach große Klasse! (Ich habe die dt. Synchronisation nicht daraufhin überprüft.) Außerdem stutzt er den Superstar unter den Zauberern, \"Mister Harry Potter\", gleich in der ersten Unterrichtsstunde auf Normalmaß zurück. Ungereimt ist lediglich, warum er als Snape Potter im Quidditch-Match gegen Voldemorts Schergen beisteht (und dafür in Flammen aufgeht).

Die britische Schauspielerlegende John Hurt - der Hauptdarsteller in der George-Orwell-Verfilmung \"1984\" neben Richard Burton - ist zu sehen: in der Winkelgasse. Er ist verkauft Harry den richtigen Zauberstab. Der Verdacht drängt sich auf, dass der Film als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für pensionierte britische Edelschauspieler (Harrs, Smith, Hurt, Cleese) diente.

Unterm Strich
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Jugendliche Zuschauer bis ca. 11 Jahre werden ihre helle naive Freude an dieser Wunderwelt haben, schon allein deshalb, weil die Erwachsenen und Muggels allgemein ihr Fett wegkriegen.

Erwachsene Zuschauer sind größtenteils gelangweilt, außer bei den Höhepunkten mit den größten Schauwerten (s.o.). Die Musik, die alle Szenen mit Zuckerguss zukleistert, ist ein wahres Ärgernis und nervt mehr als dass sie unterhält.

Michael Matzer (c) 2002ff

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