Narziß und Goldmund (Taschenbuch) / Hermann Hesse Testbericht

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Erfahrungsbericht von Wagnerianer1979

Geschichte einer ungleichen Freundschaft

Pro:

Unterhaltsam; Handlung zyklisch geschlossen; sprachlich ansprechend

Kontra:

Etwas übertriebene Zeichnung von Goldmund; Archaisierung

Empfehlung:

Ja

Ab Herbst 1929 erschien ein siebenteiliger Vorbadruck von Narziß und Goldmund, dem neuen Roman von Hermann Hesse. 1930 folgte dann im S. Fischer Verlag die Buchausgabe. Narziß und Goldmund war ein durchaus erfolgreicher Roman, von dem bis 1940 in mehr als 60 Auflagen 64.000 Exemplare verkauft wurden.
Hesse verarbeitete hierin teilweise seinen schwierigen Aufenthalt im evangelisch-theologischen Seminar Maulbronn (einem ehemaligen Zisterzienserkloster) 1891/1892, widmete sich dabei aber weitergehenden Fragestellungen, etwa dem Verhältnis von Sinnlichkeit und Vergeistigung sowie dem Verhältnis von Kunst und Religion.

Inhalt
Die Geschichte spielt in einer "mittelalterlichen Zeitlosigkeit" (wie es Thomas Mann formulierte). Ein kaiserlicher Beamter bringt seinen Sohn, Goldmund, als neuen Schüler in das Kloster Mariabronn, wo er als Mönch für eine von ihm nicht begangene Schuld büßen soll. Goldmund wird generell freundlich aufgenommen, schätzt aber selbst besonders den Abt Daniel und den Lehrgehilfen Narziß. Dieser ist der geborene Mönch, Asket und Gelehrte; außerdem hat er das Talent, die Bestimmung seiner Mitmenschen zu erkennen. Gerade weil sie so unterschiedlich sind, freunden sich Narziß und Goldmund an, denn der Lehrgehilfe sieht in seinem Kameraden eine große Liebeskraft und ein mögliches Künstlertum, nur nicht die Bestimmung zum asketischen Klosterleben. Daneben macht Narziß Goldmund auf seine völlig verdrängte Kindheit aufmerksam, was bei diesem die Erinnerung an seine Mutter und außerdem den Wunsch nach weiblicher Liebe weckt. Goldmund verläßt bald darauf das Kloster und hat als Landstreicher diverse Liebschaften. Auf seiner scheinbar ziellosen Wanderschaft sieht er eines Tages eine Marienfigur, die ihn so berührt, dass er beim Schöpfer des Kunstwerks, dem Bildhauer Niklaus, in Lehre gehen will. Trotz seiner unsteten Arbeitsweise und einer Reihe von "Ablenkungen" gelingt Goldmund während seiner Lehre eine Figur des heiligen Johannes, die im Grunde seinen Freund Narziß darstellt. Goldmund will nach Vollendung der Figur nicht seßhaft werden und geht wieder auf Wanderschaft. Hierbei erlebt er die katastophalen Jahre der Pest. Er kehrt wieder in die Stadt zurück, in der er zur Lehre bei Niklaus ging und kommt durch eine äußerst riskante Liebschaft in tödliche Gefahr...

Einschätzung
Ähnlich wie in Demian stehen sich hier ein frühreifer Mentor (Narziß) und ein jüngerer Jugendlicher (Goldmund) auf der Suche nach der eigenen Identität und Bestimmung gegenüber. Auch in Narziß und Goldmund ist die Mentor-Figur etwas statisch geraten und taucht zudem im Mittelteil des Buches nicht direkt auf. Daneben wirken die Eskapaden des sinnenfrohen Goldmund etwas übertrieben und überzeichnet (hier kommen einige Assoziationen zu anderen Genres der "leichten Musen" auf). Hesse ging es wohl darum einen wirklichen Gegenpol zum keuschen Klosterleben herauszuarbeiten. Trotz aller Idealisierung und Zuspitzung ist aber die Vorstellung zweier gegensätzlicher und sich gerade deswegen ergänzender Freunde (nach dem Prinzip von Yin und Yang) doch durchaus glaubwürdig. Die romantisierende, durch die "mittelalterliche Zeitlosigkeit" maßgeblich erzeugte Atmosphäre der Erzählung hat ihren eigenen, märchenhaften Charme, auch wenn durch die Archaisierung eine gewissen Distanz zur Moderne erzeugt wird. Großartig, monumental und bewegend ist die Darstellung der Pestzeit gelungen, die auf relativ knappen Raum Untergangsstimmung, Wahnsinn, Morbidität und Trauer einer Gesellschaft außer Kontrolle zeigt. Strukturell ist die Handlung zyklisch geschlossen und sprachlich ansprechend gestaltet.
Insgesamt handelt es sich vielleicht nicht um das beste Buch, das ich je gelesen habe; die angerissenen Grundkonflikte sind aber nicht uninteressant, und beim Lesen habe ich mich doch gut unterhalten gefühlt.

Angaben zum Buch
Hesse, Hermann: Narziß und Goldmund. Erzählung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007, ISBN 3-518-39140-2, 327 S., Neupreis 10,00 EUR.

50 Bewertungen, 10 Kommentare

  • Miraculix1967

    09.10.2011, 12:15 Uhr von Miraculix1967
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schönen Sonntag, SH und LG Miraculix1967

  • mima007

    03.10.2011, 11:56 Uhr von mima007
    Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Gruesse, mima007

  • xSunnyx

    02.10.2011, 01:00 Uhr von xSunnyx
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH ... Mit freundlichen Grüßen

  • Lale

    02.10.2011, 00:27 Uhr von Lale
    Bewertung: sehr hilfreich

    Allerbesten Gruß *~*

  • Luna2010

    01.10.2011, 23:15 Uhr von Luna2010
    Bewertung: sehr hilfreich

    Toll beschrieben und gerne gelesen! Ich freu mich über Lesungen von dir!

  • dsander

    01.10.2011, 22:51 Uhr von dsander
    Bewertung: sehr hilfreich

    Beste Grüße von David - Freue mich über Gegenlesungen!

  • morla

    01.10.2011, 22:46 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    schönes wochenende lg. petra

  • katjafranke

    01.10.2011, 21:08 Uhr von katjafranke
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sonnige Grüße von der KATJA

  • uhlig_simone@t-online.de

    01.10.2011, 19:47 Uhr von [email protected]
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Samstagsgrüße v. Simone

  • anjaangelina123

    01.10.2011, 19:06 Uhr von anjaangelina123
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg,freue mich über Gegenlesungen!