J. Tolkien Testbericht

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Erfahrungsbericht von mima007

*Tolkien Calendar 2002. Illustrated by Ted Nasmith*: Sammlerstück

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

In diesem Jahr trägt der traditionsreiche Tolkien-Kalender den Titel \"The Fellowship of the Ring\". Wen wundert\'s, denn schließlich kam zu Weihnachten 2001 genau dieser 1. Teil von Tolkiens Trilogie auf die Leinwand.

Es lohnt sich, knapp 40 Mark auszugeben. Die deutsche Ausgabe lässt weiter auf sich warten.

Der Illustrator
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Der Kanadier Ted Nasmith gehört zu den bekanntesten Tolkien-Illustratoren. So bestritt er etwa die kompletten Tolkien-Kalender von 1990, 1992 und 1996. Sein Hauptberuf hat mit dem Rendering von Architektur zu tun, also mit dem Erstellen der Oberfläche von Gebäuden usw.

Aus der Beschreibung: \"Sein interpretierender Ansatz in seiner Kunst ist eine Kombination aus dem Romantizis mus des 19. Jahrhunderts mit der Dynamik des 20. Jahrhunderts. In seinen neuesten Illustration zu \"Fellowship of the Ring\" versucht er die Schönheit sichtbar zu machen, die seiner Meinung nach in der Prosa Tolkiens zum Vorschein kommt. Tolkiens wiederkehrende Themen Licht und Dunkelheit sowie sein Talent, mythologische Vorstellungen zu verwirklichen und in epischer Form miteinander zu verweben, sind für den Künstler zugleich Einladung als auch Herausforderung, die visuellen Möglichkeiten zu erforschen.\" Nasmith arbeitet zur zeit an den Bildern für den Tolkien-Kalender 2003 mit dem Titel \"The Two Towers\".

Der vordere \"Einband\" des Kalenders
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Das erste Blatt zeigt das Post des Kalenders (siehe unten) eingefasst in ein bemerkenswertes Faksimile: Über einer Lage bemalter Leinwand scheint ein Künstler reichlich Blattgold gelegt zu haben. In dieses edel schimmernde Material wurden smaragdgrüne, saphirblaue, malachit-grünblaue und rubinrote Steine eingesetzt. Der Schriftzug \"Tolkien\" scheint aus Holz ausgesägt oder aus Leder geschnitten zu sein, wurde dann aber mit violettblauer Farbe ausgefüllt. Ein toller Effekt, der sich im Wort \"Calendar\" wiederholt. Dieses Wort ist hinterlegt mit einem grauen Auge, das wie das einer Katze senkrecht geschlitzt ist und zudem noch in Flammen steht. Alles klar?

Die Bilder
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Last sight of Hobbiton: Die Hobbit-Gefährten schauen auf Hobbingen zurück. Es ist Nacht, und ein Mond scheint durch Wolken.

Beyond the Old Forest (Goldflower): Die Hobbits haben den Alten Wald überwunden und werden von Goldblume, Tom Bombadils Gefährtin, in eine Art schottisches Hochland geführt, die Barrow Downs.--Die Figur der Goldblume ist schlecht gezeichnet: Ihr Kopf erscheint zu groß und sitzt irgenbwie falsch auf dem Hals. Wie schon \"Dr. Fantasy\" Helmut W. Pesch von Bastei-Lübbe angemerkt hat, vermag Nasmith nur selten, gelungene Menschenfiguren zu zeichnen bzw. in Szene zu setzen. Auch die Wolkenformation sieht recht merkwürdig aus - sie scheint mehr in die Südsee zu passen als nach Schottland.

A song in the Trollshaws: In den Ettenöden begegnen die Hobbits den versteinerten Figuren von Trollen. Um deren Schrecken zu treiben, stimmen die Hobbits Lieder an. Eine schöne herbstliche Szene.

At the ford (Frodo und 3 Nazgul): Die berühmteste Szene aus dem 1. Band. Frodo hat bereits das Bruchtal-Ufer erreicht, als drei Nazgul ihm durch die Furt nachreiten. Sie kommen in den reißenden Wellen, die in Gestalt weißer Rösser über sie hereinbrechen, um.

Gandalf escapes upon Gwaihir: ...aus Orthanc, der turmartigen Festung des Zauberers Saruman. Eine gespenstische Nacht in den Bergen. Der Fehler im Bild: Der Adler Gwaihir ist wie eine große Krähe gezeichnet. Im alternativen Minibild darunter erscheint wesentlich adlerartiger.

The fellowship leaving Rivendell: Die Gefährten verlassen Elronds Haus Bruchtal. Wieder ein guter Beleg dafür, dass Nasmith zwar tolle Landschaften hinbekommt, aber mit Figuren und besonders gesichter erhebliche Probleme hat.

Poster: Gandalf und die Nazgul. Eine tolle Szene nächtlichen Kampfes. Gandalf scheint in den Ruinen eines verfallenen Turmes (Wetterspitze?) von Ringgeistern eingekreist worden zu sein, und er wehrt sich mit einer Art Fackel oder einem brennden Zauberstab. Die Dynamik der springenden Pferde ist hier sehr gut eingefangen.

At the bridge (Gandalf vs. Balrog): Ein eindrucksvolles Beispiel für die Handhabung von Licht und Schatten (s.o.). Der Balrog will gerade auf der Brücke von Khazad-dum den viel kleineren Gandalf packen, als dieser seinen Zauberstab auf die Brücke stößt: ein Blitz, ein Krachen und Brechen. Wir wissen, was dann folgt. Der Blitz erhellt die Szene und bildet das Gegenstück zum höllischen Feuer, das auf dem Kopf des Balrog brennt.

The great tree at Caras Galadhon: Die idyllische Baumlandschaft von Lothlórien bietet den Hobbits Schutz und rast. Hinter dem Hauptbaum sind weitere Wohnbäume zu sehen. Das alternative Minibild zeigt die gleiche Szene zur Abendstunde. Ein Beispiel für die Handhabung von Tiefenperspektive.

Lady Galadriel: ...geleitet Frodo und Sam zu ihrem wahrsagenden \"Spiegel\". Es ist eine sternenerleuchtete Nacht. Auch in diesem Motiv sehen die Figuren irgendwie falsch proportioniert aus, besonders die Frau mit ihrem edlen Profil.

The pillars of the kings (Argonath): ...sahen letztes Jahr besser aus. Nasmith zeigt eine Szene, die sich auf jedem amerikanischen Wildwasserfluss abspielen könnte. Die Gefährten sausen in waschechten Indianerkanus den Anduin hinunter.

Boromir (hinter Frodo auf dem Hügel): Frodo überlegt, was er tun soll - Osten oder Westen? Da taucht hinter ihm Boromir aus, der ganz genau weiß, was ER mit dem mächtigsten Ring der Welt anstellen würde. Frodos hockende Figur ist gut wiedergegeben, doch Boromir sieht aus, als hätte man sein Gesicht für einen Totempfahl geschnitzt. Etwas merkwürdig: Frodo wachsen auf seinen nackten Füßen grüne Haare!

At the falls: Boromirs Leichnam fällt im Boot über den Rauros-Fall, ein Bild aus \"Two Towers\". Toll wiedergegebene amerikanische Landschaft aus den Rockies. Der Wasserfall ist eines Niagara würdig. Bemerkenswerte Wolkengebilde: ist ein Sturm im Anzug?

Fazit
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Vom Artwork und den Motiven her ein durchaus schönes Werk, das aber durch nasmiths künstlerische Unzulänglichkeiten etwas beeinträchtigt wird. Darüber kann man hinwegsehen, und so wird auch diese Ausgabe zu einem Sammlerstück. Kalender mit Motiven von Alan Lee oder John Howe (Tolkien-Kalender 2001) sind mit aber lieber.

Michael Matzer (c) 2001/2002ff

Info: HarperCollins Publishers, London; ca. 30 Seiten, Pfund 9,99 = ca. DM 38,50, ISBN 0-00-711189-4

Info: www.tolkien.co.uk; Tolkien Society: www.tolkiensociety.org

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-20 15:07:11 mit dem Titel Die Abenteuer des Tom Bombadil und andere Gedichte aus dem Roten Buch

Viele Geschichten, die Tolkiens Gedichte hier erzählen, sind lustig. Der Autor macht sich offensichtlich einen Spass daraus, Tiere auf amüsante und doch hintergründige Weise vorzustellen. Auch die Texte über die Abenteuer Tom Bombadils sind recht lustig. Vorgeblich entstanden diese Texte im Westland, der Region um das Auenland herum.

Andere Texte mit ernsterem Charakter könnten in Gondor entstanden sein, denn hier kommt mehrmals das Meer vor, ebenso die Elben, als sie Mittelerde verlassen.

Diese Sammlung trägt keine neuen Informationen zu den großen Werken \"The Hobbit\", \"Silmarillion\" und \"Herr der Ringe\" bei, doch sie zeigt Tolkien von seiner poetischeren Seite und vertieft die wichtige Figur des Tom Bombadil.

Bombadil-Gedichte
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Die Reihe der Gedichte eröffnen zwei erzählende Texte um die Figur Tom Bombadil. Er ist ja allen Lesern des \"Herrn der Ringe\" aus dem 1. Band bekannt, wo Frodo und seine Gefährten das Auenland verlassen. In der Tat scheint das erste und ältere Gedicht \"Die Abenteuer des Tom Bombadil\" schon vor dem \"Herrn der Ringe\" entstanden zu sein, doch taucht hier bereits Toms Gefährtin, die Fluss- oder Quellnymphe Goldbeere, auf, die er zum Schluss zur Frau nimmt. Auch der Alte Weidenmann hat einen Auftritt, bei dem er Tom – wie später Frodos Gefährten – erst in den Schlaf wiegt und dann zu erwürgen versucht. Na, Tom hustet ihm was! Ebenso wie dem \"Gräbergauch\" (barrow wight), der ihn ins kühle Grab holen will.


Im zweiten Gedicht, \"Tom geht rudern\", macht sich der Held mit seinem wackligen Ruderboot auf den Weg, auf dem Fluss Weidenwinde zu den Hobbits zu reisen. Unterwegs necken ihn zahlreiche Bekannte. Von den Hobbits lässt er sich über den Fluss Brandywein übersetzen, um im Wirtshaus ordentlich zu zechen. Am nächsten Morgen bringen seine tierischen Freunde den Besinnungslosen im Ruderboot nach Hause.

Im folgenden Gedicht \"Irrfahrt\" (The Knight Errant) – einem \"mock heroic\" – tritt eine Art Don Quichotte auf, der sich nach Art der Ritter und Helden machen möchte, aber leider nur von sinnlosem Abenteuer zu Abenteuer taumelt, ohne Frieden und Ruhe zu finden.

\"Prinzessin Ich-mi\" ist eine recht romantische Skizze, die aber einen ernsten Hintergrund hat. Die titelgebende Prinzessin ist nämlich völlig allein und sehr einsam. Nichtsdestotrotz ist sie in feinste Stoffe und Juwelen gekleidet. Am Teich trifft sie auf eine Fremde, die sich Sie-si nennt, aber genau wie sie aussieht. Seltsam! Allmählich wird dem Leser klar, dass es sich um Ich-mis Spiegelbild handelt.

In den nächsten beiden lustigen Balladen geht es um den Mann im Mond. Diese Wirtshauslieder könnte Sam Gamdschie gut im Wirtshaus \"Zum tänzelnden Pony\" in Bree vortragen: \"Die Kuh sprang über den Mond...\" und so weiter. Dementsprechend ist sind Vers und Reim sehr einfach gehalten.

Troll-Gedichte
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Die Balladen \"Der Steintroll\" und \"Luftikus\" gehören ebenfalls thematisch zusammen. bei beiden steht ein Troll im Mittelpunkt. Trolle sind ja, wie jeder \"Hobbit\"-Leser weiß, recht ungemütliche Zeitgenossen: Sie sind aus Stein und fressen Menschen. In \"Steintroll\" gibt Tom dem Troll einen kräftigen Tritt ins Hinterteil, weil der ihm den Bruder Tim gefressen hat – nur dessen Knochen ist noch übrig, und den will Tom zurückhaben, um ihn bestatten. Doch so ein Trollhintern ist eben verdammt hart, Toms Fuß wird auf Lebenszeit gelähmt, und der Troll behält Tims Knochen.

In \"Luftikus\" ist dieser Narr der einzige Mensch, der einem armen, sich sehr einsam fühlenden Einsiedel-Troll Gesellschaft beim Essen leiten will. Alle anderen Menschen nehmen Reißaus. Doch wie staunen sie, als Luftikus vom Troll mit einem vollgefressenen Wanst zurückkehrt! Nun wollen sie auch, doch sie werden abgewiesen. Luftikus hingegen wird ein berühmter Bäcker und bleibt sein Leben lang der Freund des Einsiedler-Troll, den er jeden Donnerstag besucht. – Diese Geschichte erinnert mich an \"Bauer Giles von Ham\", in der Giles Freundschaft (eigentlich einen pakt) mit einem Drachen schließt, dadurch Reichtum erlangt und sein eigenes Königreich gründet.

Tier-Gedichte
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Das erste der folgenden vier Tier-Gedichte treten die unheimlichen Muhlipps (im Original \"mewlips\") auf, die so eine Art gräberbewohnende Vampire sind. Obwohl das Original noch viel unheimlicher und schauriger klingt, vermittelt auch die Übersetzung einen Eindruck vom Horror dieser menschenfressenden Wesen der Schattenwelt.—Dies ist ein allegorisches Gedicht, das an manche Passagen aus \"Die Unendliche Geschichte\" erinnert. Die Sümpfe etc. sind dunkle, negative Gefühle, können aber auch für eine falsche moralische Einstellung stehen. Wer sich in diesen Zustand hineinziehen lässt, braucht sich also nicht zu wundern, wenn er von den dortigen Dämonen verschlungen wird.

In \"Olifant\" stellt sich das elefantenartige Wesen selbst vor, das Leser des \"Herrn der Ringe\" aus der \"Schlacht auf den Pelennorfeldern\" kennen.

\"Fastitokalon\" beschreibt das Fabelwesen eines \"Schildkrötenwalfischs\", das ahnungslose Seefahrer ob seiner Größe für eines Insel halten können. Das erinnert stark an \"Tausendundeine Nacht\" und Sindbad den Seefahrer. Die letzte Fantasie berichtet uns von den Gedanken der scheinbar träge träumenden Katze auf der Fußmatte. Sie erinnert sich an ihre wilderen Artgenossen. Merkwürdig ist dabei jedoch, dass der Gepard als Baumbewohner geschildert wird. Dies trifft eher auf den Leopard zu, denn Geparden bewohnen die Steppen, wo sie als Sprinter das Wild erjagen.

Romantische Balladen
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\"Schattenbraut\" ist eine recht bemerkenswerte Geistergeschichte. Das gibt es also einen jungen Mann, der keinen Schatten besitzt (warum wohl?) und darum offenbar in einen Stein verwandelt wurde. Nun kommt aber eine hübsche junge Frau des Wegs, die lange genug verweilt, dass der Mann lebendig werden und sie überfallen kann. Er klaut ihr ihren Schatten und nacht sich davon. Sie wandelt fortan als Geist. So hat wohl auch der Mann seinen Schatten verloren. Nur in den Stunden des Zwielichts des Geistertags (vermutlich Halloween) kommen die beiden zusammen, um \"einschattig bis frühmorgens\" zu tanzen. Warum aber brach der Bann, der auf dem Mann gelegen hatte? Ganz klar: \"Sie flocht sich Blumen ins Haar, um sich damit zu bekränzen.\" Da sich jedoch nur Mädchen auf Freiersuche solche Kränze flechten, umwarb sie praktisch den Steinmann als zukünftigen Bräutigam, ohne dies natürlich zu wissen. (Aber ihre Oma hatte sie bestimmt davor gewarnt!) Nun sind die beiden Mann und Frau, können sich aber nur einmal im Jahr sehen – wenn sie ihren Schatten teilen.

\"Der Hort\" spielt die Hauptrolle in einer höchst moralischen Erzählung, die vom deutschen Nibelungenlied inspiriert zu sein scheint. Der Hort spielt hier die Rolle des Rheingolds. Ein Zwerg (Alberich?) schuftete all sein Leben, um Gold etc. aus dem Stein zu holen und anzuhäufen. Ein Drache (= Fafner) raubte es ihm. Dem raubte es ein Recke (= Siegfried), der ihn erschlug. Doch auch der Recke wird (anders als Siegfried) wie alle Vorbesitzer des Horts einmal alt und kraftlos. Sein Reich fällt, der Schatz verschwindet hinter einer ewig verschlossenen Tür, Gras wächst über das Gemäuer – und die Welt wird wieder grün und lebendig wie am Anfang, bevor es dem Zwerg einfiel, die Welt auszubeuten, um materiellen Reichtum anzuhäufen.—Es fällt sicher niemand schwer, eine Parallele zur Lage des modernen Menschen zu ziehen, der nach materiellen Werten giert und dabei die Erde immer weiter zerstört.

Das Thema von \"Muschelklang\" deckt sich mit jenem in \"Irrfahrt\". Betört vom Rauschen des Meeres in einer am Strand gefundenen Muschel, macht sich ein Mann in seiner Abenteuerlust auf, über die Meere zu segeln und durch die Welt zu wandern. An einer Stelle hält er sich sogar für den König einer Gruppe von Pflanzen, so groß ist die von der Muschel verursachte Verblendung. Doch er scheint nie das zu finden, was ihn erfüllen könnte. Er endet als Bettelmann, grau und gebrochen.—Bemerkenswert ist an dieser Moritat, dass sie als einziges Gedicht von einem Ich-Erzähler vorgetragen wird.

In \"Das letzte Schiff\" tritt endlich wieder mal eine Figur mit einem Namen auf: Fíriel – der Elbenname für \"sterbliche Frau\" – lebt allein in einer ärmlichen Hütte an einem Fluss in Gondor. Ihr ganzes späteres Leben soll sie an jenen Tag zurückdenken, als sie eines Morgens am Fluss stand und das letzte Schiff der Elben vorbeifuhr. Die Elben luden sie, \"die Elbengleiche\", sogar ein, mit ihnen in die Lande jenseits der Welt der Sterblichen (sprich: nach Valinor) zu fahren. Doch der Augenblick vergeht, als sie zögert, weil ihr Fuß im Schlick steckenbleibt. Sie verzagt. \"Ich kann nicht – bin erdgeboren!\"—Schade, dieser Frau hätte ich durchaus ein besseres Schicksal als Einsamkeit und Arbeit gegönnt, wie Tolkien es ihr zuweist. Von Mann und Kindern jedenfalls erzählt er uns nichts, aber darauf kommt es wohl in diesem Zusammenhang weniger an, vielmehr auf den Unterschied zwischen Elb und Mensch. Dieser Gegensatz jedenfalls ist sauber herausgearbeitet.

Fazit
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Diese Gedichte sind wohl kaum von nationaler oder internationaler Bedeutung wie etwa die von Wordsworth oder Tennyson. Ihr Inhalt erschließt sich am ehesten dem Leser, der mit den literarischen Traditionen, aus denen geboren sind, vertraut ist. Wir wissen ja, dass Prof. Tolkiens Forschungsgebiet die alt- und mittelenglischen sowie die altnordischen Traditionen war. Die literarischen Qualitäten seiner Gedichte müssen sich also eher an diesen Traditionen und deren Themenvielfalt messen lassen. Als Anglist würde ich mal sagen, dass besonders die Balladen in bester englischer Tradition stehen. Für die die Tiergedichte gibt es sicherlich Vorbilder in der reichhaltigen Nonsenslyrik der britischen Inseln.

Bei den ernsteren Gedichten und auch bei den Burlesken (Tom Bombadil, Der Mann im Mond) lässt sich durchaus von einer sauberen Ausführung sprechen. Dies zeigt sich unter anderem an der einwandfreien Handhabung von Reim, Vers und Metrum. Tatsächlich legt Tolkiens Lyrik in dieser Hinsicht eine erstaunliche Vielfalt an den Tag.

Ein aufmerksamer Leser und noch vielmehr ein Sprecher wird entdecken, dass sich viele dieser Gedichte vertonen und singen lassen! Leider hat sich Donovan nie zu Tolkiens Gedichten herbeigelassen, sondern Lewis Carroll und W.B. Yeats bevorzugt.

Michael Matzer © 2001ff

Info: The adventures of Tom Bombadil and other verses from the Red Book, 1961; Klett-Cotta 1984, Stuttgart; 87 Seiten, aus dem Englischen übertragen von Ebba-Margareta von Freymann; ISBN 3-608-95009-5


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-21 18:02:50 mit dem Titel *Roverandom*: Bezauberndes Jugendbuch von Tolkien

Hintergrund: Bevor Professor Tolkien mit seiner Familie nach Oxford übersiedelte, um dort Professor für Angelsächsisch zu werden, machte er 1927 mit seiner Familie Urlaub an der Nordsee. Dabei verlor sein \"Sohn Nummer zwei\", Michael, am Strand einen kleinen schwarzweißen Spielzeughund namens Rover.

Zum Trost dachte sich sein Vater die Geschichte von Rovers Abenteuern aus. Er fertigte allmählich fünf Fassungen davon an, denn er wollte sie ebenso wie den \"Hobbit\" bei seinem Verlag publizieren.

Aufgrund des großen Erfolgs des 1937 veröffentlichten \"Hobbit\" mußte Tolkien jedoch eine Fortsetzung schreiben, den \"Herrn der Ringe\". \"Roverandom\" geriet in Vergessenheit.

Zum Glück wurde er von den zwei Tolkien-Experten Christina Scull und Wayne G. Hammond 1998 in einer kommentierten Ausgabe veröffentlicht, die sogar die teilweise sehr schönen Zeichnungen Tolkiens zu \"Roverandom\" enthält. Die deutsche Übersetzung, die all diese Bestandteile umfaßt, ist sehr gelungen.

Das Buch
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\"Roverandom\" ist ein amüsantes - für den literarisch Eingeweihten sogar witziges - Jugendbuch. Es erzählt von den Abenteuern, die Rover, der von einem bösartigen Zauberer verwandelt wurde, auf dem Mond, auf den Meeren - er segelte bis zu den Inseln der Elben! - und beim Meervolk erlebte. Natürlich lernte er auch Mondhunde und Meerhunde kennen. Wichtiger waren aber zweifellos seine Begegnungen mit guten Zauberern: mit dem Sandkundigen und dem Mann im Mond. Am Schluß wird alles wieder gut, wenn auch nicht für alle : Dem bösen Zauberer wird eine Lehre erteilt.

\"Roverandom\" hat nur geringe Verbindungen zur restlichen Mythologie Tolkiens und ist daher für Tolkienforscher nur von begrenztem Interesse. Daran freuen können sich Kinder schon eher. Es ist eine kurzweilige Geschichte, die Tolkien zwar anfangs etwas mühsam und mit vielen Leseranreden, dann aber zunehmend flüssiger erzählt - so bieten schließlich Rovers Erlebnisse beim Meervolk und der Seeschlange pures Lesevergnügen.

Michael Matzer © 1999/2002ff

Info: Roverandom, 1998; Klett-Cotta 1999, Stuttgart; 143 Seiten, DM 24,80, aus dem Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93454-5, illustriert von Prof. Tolkien.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-24 14:01:49 mit dem Titel Tom Shippey: *J.R.R. Tolkien - Autor des Jahrhunderts*: Tieferes Verständnis für Tolkiens

Wie kam Tolkien auf die ideen zu seinen populären Romanen \"Der Hobbit\" und \"Der Herr der Ringe\"? Diese Fragen und viele andere versucht Professor Shippey in seinem *werkorientierten* Buch darzulegen, zu erklären und sogar zu verteidigen. Denn die Schar von Tolkiens Kritikern ist auch heute noch groß und niemals stumm.

Leser der genannten beiden Bücher und Zuschauer der Filmtrilogie Peter Jacksons dürfen sich freuen, auch mal die zahlreichen anderen Werke Tolkiens erklärt zu bekommen, insbesondere das schier unüberschaubar komplizierte \"Silmarillion\", das auf den ersten Blick nur eine Ansammlung aus Annalen, Chroniken und hie und da einem Epos zu sein scheint. Weitaus zugänglicher sind die \"kürzeren Werke\", so etwas die Geschichte vom \"Bauern Giles von Ham\".

Dieses Buch wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Prof. Shippey lehrt zur Zeit an der Universität von St. Louis, USA. Er hatte die gleichen Lehrstühle wie Tolkien inne, erst in Leeds, dann in Oxford.

Inhalte
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1) Vor- und Nachwort

Vor- und Nachwort dieses Buches lassen sich mit Gewinn und Genuss in einem Zug lesen, so seltsam das auch klingen mag. Wer liest schon das Nachwort am Anfang? Doch ich habe gefunden, dass sich das Nach- nahtlos an das Vorwort anschließt,weil es nämlich, anders als der Rest des Buches, auf die aktuelle Gegenwart Bezug nimmt, und zwar in vielerlei, sehr interessanter Hinsicht.

Natürlich muss Shippey erst einmal erklären, ie er dazu kommt, Tolkien als \"ein\" oder als \"den\" Autor des Jahrhunderts zu bezeichnen. Er bezieht sich auf eine Reihe von Umfragen, die eine Buchhandelskette (Waterstone\'s), die BBC und verschiedene Institute durchführten, um von den Lesern zu erfahren, welches Buch für sie das wichtigste des 20. Jahrhunderts sei. Wie wir inzwischen vielfach erfahren haben - u.,a. bei Amazon.om - fiel die Wahl fast immer auf \"The Lord of the Rings\", nur in Wales auf \"Ulysses\" von James Joyce.

Weitaus interessanter als diese bekannte Ergebnis ist die geradezu entsetzte, wenn nicht gar schockierte Reaktion der britischen belesenen Intellektuellen, der \"literati\", auf eben diese Ergebnisse. Shippey setzt sich auf höchst interessante Weise mit den zahlreichen Kritikern auseinander, die, von allen möglichen Fronten, kommend Tolkien in das Ghetto der populären Literatur sperren wollten. Bedenklich ist dabei besonders, dass selbst Herausgeber von Lexika und Wörterbüchern vor dieser Ausgrenzung nicht haltmachten. Die Gründe hierfür kann ich nicht aufführen, denn sie sind vielschichtig und lassen sich nur im Zusammenhang verstehen.

Nur soviel sei gesagt: Tolkien, der Autor eines Megasellers, setzte sich über die Konventionen aller Akademiker, Intellektuellen und sonstigen geistigen Gralshüter hinweg. Sein Erfolg gab ihm Recht. Infolgedessen mussten diese kritiker um Macht, Einfluss und Pfründe bangen. Es ist das alte Lied: Der Ketzer muss mundtot gemacht, ja am gleich ganz geleugnet werden. Leider geht das nun nicht mehr, nachdem der Megaerfolg der Verfilmung Tolkien wieder einmal mehr bestätigt hat.

Das Nachwort setzt den aktuellen Bezug fort, indem Shippey die zahlreichen Nachahmer Tolkiens untersucht: Angefangen von der geradezu pedantisch durchgeführten Kopie eines Terry Brooks (\"Das Schwert von Shannara\", 1977) über einen Stephen Donaldson bis zu Tad Williams und Konsorten. Während nun manche annehmen, dass Tolkien die Fantasy begründet habe, tritt Shippey aufgrund seines umfassenden Wissens dieser Auffassung entgegen: Schon Lord Dunsany, E.R. Eddison, William Morris, Mervyn Peake, George MacDonald und Charles Williams schrieben Fantasy vor Tolkien. Außerdem gab es Jugendbücher von Beatrix Potter und Edith Nesbitt, die heute nur noch Professoren (wie Elmar Schenkel in Leipzig) kennen.

Tolkiens Neuerung lag in der Erschaffung eines Universums, das sich als Rekonstruktion einer uns verloren gegangenen mythologischen Welt betrachten lässt: Dies ist ist seine bis heute wirkende Bedeutung. Mithin ist \"Der Herr der Ringe\" ein Art englisches Nationalepos geworden, etwas, das zuvor nicht existierte. Erst später entstanden all die darauf fußenden Nachdichtungen der Artus-Sage, von denen die von T.H. White eine der besten ist.

2) Zum \"Hobbit\"

Dies ist ein recht amüsantes Kapitel, zumindest für Leute, die Ironie verstehen. Tolkiens Bestseller \"Herr der Ringe\" (1954/55) sollte die Fortsetzung des erfolgreichen \"Hobbit\" von 1937 sein. Der fand seinen Weg zum Verleger nur durch Zutun einer Reihe anderer Leute. Was nur als Kindererzählung geschrieben worden war (zeitgleich mit dem wudnervollen \"Farmer Giles of Ham\", 1949) war aber so voller Anachronismen, dass man heute nur noch den Kopf schütteln möchte, wüsste man es nicht besser.

In einem heroischen Zeitalter, das mit Zwergen und Zauberern, Orks und trollen aufwartet, tritt nun als Held ein waschechter Engländer auf: Bilbo Beutlin, ein Bourgeois, wie er im Buch steht. Entsprechend hochnäsig weist er zunächst dem hereingeschneiten Zauberer und dessen Zwergengesocks die Tür. Welcher Hobbit mit einem Funken Selbstachtung möchte sich schon als \"Meisterdieb\", eigentlich als \"Einrecher\" engagieren lassen? Als nächstes wird der Präsident der Deutschen Bank einen Hacker anheuern!

Anachronistisch ist Bilbo in vielfacher Hinsicht: Er raucht Tabak, redet gebildet, bekommt seine Post pünktlich um 10:45 zugestellt und braucht nicht zu arbeiten. Er gehört zur oberen Mittelklasse, hat sein eigenes Auskommen, ohne jedoch reich zu sein. All dies empfiehlt ihn nicht gerade als Meiserdieb bei der Eroberung eines Drachenschatzes! Sehr amüsant sind daher Shippeys Untersuchungsergebnisse, wenn Bilbo, Gandalf und Zwerge, von Elben, Werbären (Beorn!) und Drachen ganz zu schweigen, miteinander reden.

3) Drei Kapitel zum \"Herrn der Ringe\"

a) Struktur: 1939, zu Ausbruch des Krieges, hatte Tolkien schon einige Kapitel des HdR geschrieben, aber immer noch keinen blassen Schimmer, wie die Handlung im Endeffekt aussehen sollte! Immer noch meinte, es mit dem 1. Band des Epos bewenden lassen zu können. Dann erst verfasste oder besser gesagt: komponierte er das umfangreiche Kapitel \"Elronds rat\", das den Angel- und Wendepunkt des gesamten Unternehmens darstellt. Denn nun werden drei Tagesordnungspunkte geklärt: Ist Frodos Ring wirklich der Eine Ring Isildurs? Was soll mit dem Ring geschehen? Wer macht die Drecksarbeit?

Shippey verdeutlicht nicht nur den komplexen und klugen Aufbau dieser langen Schlüsselszene; er liefert eine Struktur für den gesamten Roman. Dies geht so weit, dass er auf Seite 150 ein entsprechendes Diagramm aufführt, das aber leider mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Dennoch: Wer sich verwirrt gefragt hat, was denn nun eigentlich wer wann warum erlebt, beobachtet und denkt, der wird hier endlich Aufklärung finden. Denn selbst Tolkiens gelehrteste Kritiker befanden sich manchmal auf dem Holzweg.

Eine zweite Aufgabe erfüllt Shippey mit der Beschreibung von Völkern und Namen. Wo kamen die Rohirrim her, wenn nicht von den englischen Angelsachsen? Woher kamen aber Wörter und Begriffe wie \"balrog\", Wargs oder Orks. Und wie so oft bewundern wir (und einfache Engländer sowieso) Tolkien, weil er von der akzeptierten Meinung der Akademiker und dem erhabenen \"Oxford English Dictionary\" abweicht und seine eigene Etymologie, ja Mythologie strickt - wohlgemerkt, ohne Unrecht zu haben. Kein Wunder, dass die etablierte Akademikerklasse wutentbrannt auf ihn und sein gesamtes Werk einhieb.

b) Zur Auffassung des Bösen

Die Behandlung und Darstellung des Bösen ist es laut Shippey, die den \"Herrn der Ringe\" zu einem Buch des 20. Jahrhunderts machen. Anders als der \"Beowulf\", der \"Sir Gawain\" und die viktorianische Fantasy stellt Tolkien nämlich das Böse als eine Mischung aus inneren und äußeren Kräften dar. Der Prüfstein für diese Theorie ist das Schicksal des Rings, der Verkörperung des Bösen. Würde der Ring in seinem Träger nur innere, psychische Kräfte, also Schwäche und Machtgier freisetzen, dann könnte man ihn einfach in die \"deep blue sea\" werfen, wie es ein Elb in Elronds Rat vorschlägt.

Doch auch äußere Kräfte wirken im Ring: Er ist selbst ein Handelnder und ein Werkzeug seines Schöpfers. Wäre dies alleine so, dann könnte aber ein mächtiger Ringträger wie Galadriel oder Elrond den Ring beherrschen. Das Dumme dabei aber ist, dass der Ring niemals ruht, sondern eine Suchtgefahr auslöst, die den Ringträger sowohl wie jedes Rauschgift auszehrt (ihr werdet entsetzt sein, wenn ihr Frodo im 2. Teil des HdR-Films seht: Er sieht schon fast aus wie ein \"ringwraith\") als auch durch den Machtgebrauch absolut korrumpiert. Selbst Werke zu guten Zwecken, wie man sie von Elrond oder Gandalf erwartet, würden langfristig in ihr Gegenteil verkehrt, weil sie zu einem gewissen Teil mit Mitteln des Bösen bewerkstelligt wurden.

Zwei Opfer des Rings, die ihn dennoch nie getragen haben, sind der Zauberer Saruman der Statthalter von Gondor, Denethor. Während Saruman als Politiker und Technologe des 20. Jahrhunderts glaubt, die Macht des Rings für eigene Zwecke nutzen zu können, sobald seine Allianz mit Sauron gesiegt hat, begeht Denethor, der Reaktionär, den Fehler, alle Hoffnung fahren zu lassen, nachdem ihm Sauron in einem Palantír das (vermeintliche) Ende des Ringträgers gezeigt hat. Denethor begeht Selbstmord und dabei noch fast seinen zweiten Sohn Faramir (der andere war Boromir) mit sich in den Tod.

Doch welche Kräfte wirken dem Bösen entgegen? Sind es christliche Werte? Dies könnte man von einem gläubigen Katholiken wie Tolkien erwarten. Doch während er natürlich deshalb Selbstmord als sündhaft ablehnt, stellt er dem Wirken des Bösen andere Prinzipien als Liebe, Glaube, Hoffnung oder gar den Glauben ans paradiesische Jenseits entgegen, wie es ein Dschihadkämpfer erfüllen würde. Seine Prinzipien heißen Mut, Anstand, Glück und Hoffnung wider alle Wahrscheinlichkeit. Doch alle diese schwammigen Begriffe definiert Tolkien auf eigene Weise und häufig im Sinne des Dichters des \"Beowulf\".

c) Das 3. HdR-Kapitel geht auf die Verarbeitung des Mythos ein, um herauszufinden, was uns die Geschichte hinter der Romanhandlung zu sagen hat: Ist es ein Gleichnis, eine Allegorie? Zumindest lassen sich manche Beobachtungen übertragen, wie schon im vorigen Kapitel gezeigt. Diese Mythen sind nicht nur die Bibel, der \"Beowulf\" oder die nordische Edda, sondern auch Shakespeare, Miltons \"verlorenes Paradies\"und last but not least Volkssagen und Legenden. Woher kämen sonst Elben, Drachen und Zwerge?

Einen wichtigen Abschnitt widmet Shippey der Gretchen-Frage der Religion. Warum gibt es im \"Herr der Ringe\" keine Priester, Druiden oder Seher, noch nicht einmal bei den \"angelsächsischen\" Rohirrim? Antwort: Weil Tolkien alle Spuren der Religion getilgt hat. Zwar glauben Aragorn und Arwen an ein Wiedersehen in Valinor, dem Elbenheim jenseits der Welt, wohin auch Frodo als Ringträger schließlich segelt. Doch niemals nimmt an einem Begräbnis ein Religionsvertreter teil. Tolkien hat jedoch seinen persönlichen christlichen Glauben, sagt er einmal, in das Fundament des Romans eingebaut: Den Glauben an die \"Eukatastrophe\" (...)

4) Zum \"Silmarillion\"

Schon 1913 begann Tolkien mit einem ersten Gedicht an seinem Universum der Chroniken von Valinor, Beleriand, Númenor und Mittelerde zu bauen. \"Der Hobbit\" und \"Der Herr der Ringe\" sind \"nur\" Schößlinge dieses gewaltigen Geschichtenbaums. Immer wieder überarbeitete er dieses Quenta Silmarillion, so dass wir nun Phasen davon nachlesen können: Zuerst als \"Das Buch der Verschollenen Geschichten\" (dt. 1988) und dann als \"Nachrichten aus Mittelerde\" (dt. 1980). Erst die zwölfbändige \"History of Middle-Earth\" (1983-96) bringt sämtliche Ausbaustufen und Bestandteile dieses Universums in kommentierter Form (noch nicht auf Deutsch erhältlich).

Wozu der ganze Aufwand? Tolkien wollte eine Parallelmythologie schreiben, eine Mythologie, wie sie vor dem Eindringen der latinisierten Formen des Christentums in Westmittelengland, seiner Heimat, bestanden haben könnte. Daher ist das Silmarillion keineswegs schottisch, irisch oder walisisch, sondern rein alt- und mittelenglisch (und reichlich altnordisch) in seinem Ausblick und seinem Charakter. Außerdem dienten Lord Macaulays \"Lays of Ancient Rome\" (1846) als Vorbild.

Lohnt sich die Lektüre? Ja und nein: Das als \"elbisches Telefonbuch\" geschmähte Werk ist eine Zusammenstellung aus verschiedenen Epen und Chroniken, von denen lediglich zwei fesseln : die Geschichte von Túrin Turambar (\"Meister des Schicksals\"), einer Drachentöter- und Inzest-Story, sowie die Story um Béren, Lúthien und Earendil, die dazu führt, dass der letzte Silmaril auch an unserem Himmel strahlt (als Abendstern). Shippey befürchtet, dass die verschiedenen Fassungen des Silmarillion einst als erweiterter Anhang zum \"Herrn der Ringe\" angesehen werden.

5) Zu den kleineren Werken

In einem meiner Berichte habe ich die Erzählungen \"Farmer Giles of Ham\" (Bauer Giles von Ham, 1949) und \"Smith of Wootton Major\" beschrieben. Giles ist eine unbeschwerte Jugendstory in einem Nie-und-Nimmer-Land, die dennoch unerwartete Aspekte aufweist. Der Priester etwa wird als \"Grammatiker\" bezeichnet, was im Mittelalter jemand war, der über Voraussicht oder gar das Zweite Gesicht verfügte. Außerdem sagt der \"Herausgeber\" der Story viel über die (Nicht-) Beachtung von Heldengeschichten, einem von Tolkiens Lieblingsthemen.

Shippey betrachtet \"Smith\" zusammen mit \"Leaf by Niggle\" (Blatt von Tüftler) als \"autobiografische Allegorien\", in denen Tolkien sein Leben als Professor und Künstler resümierte. Niggle macht eine Reise ohne Anlass und Ziel: Er stirbt nämlich, ohne dass dies gesagt wird. Und danach begeben sich merkwürdige Dinge, die u.a. dazu führen, dass sein Werk vergessen wird. \"Smith\" hingegen endet auf einer hoffnungsvollen Note. Diese scheinbar einfach gebaute Erzählung weist eine erstaunliche inhaltliche Komplexität auf, die Shippey aufgrund neuerer Forschung gut herausarbeitet.

Verschiedene Gedichte, die in \"The Adventures of Tom Bombadil\" und später erschienen sind, analysiert Shippey recht genau, wenn auch nicht duchweg mit Gewinn. Aber die zahlreichen Überarbeitungen verraten, dass Tolkien ein Tüftler (Niggler) war, der seine Ansichten nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund neuer Einsichten zu ändern wusste. Auch Shippey ist nicht mehr so dogmatisch in der Interpretation: Er revidiert sein Urteil oder mildert es zumindest ab.

Mein Eindruck

Dieses Buch ist weitaus werkorientierter als Humphrey Carpenters Tolkien-Biografie oder Shippeys eigenes Werk \"The Road to Middle-Earth\" (1992), das noch nicht ins Deutsche übertragen ist. Insofern ist es einfach spannender als jede Biografie, sogar spannender als selbst Tolkiens eigene Erzählungen in \"Das Buch der Verschollenen Geschichten\" oder \"Nachrichten aus Mittelerde\", die auf der Ebene des \"Silmarillion\" angesiedelt sind.

Interessant sind vor allem die zahlreichen neueren Untersuchungsergebnisse, die Shippey von Hobbit, HdR und Silmarillion liefert: Wie wichtige Nachrichten von lieb gewonnenen Bekannten, die nun ihr wahres Gesicht enthüllen - und vor allem ihre Entstehungsgeschichte. Wer schon immer wissen wollte, wie Morgoth Gondolin finden konnte, um es zu zerstören (durch Maeglins Verrat), oder warum Túrin Turambar seine Schwester Nienor zur Frau nahm, der wird hier fündig. Voraussetzung ist allerdings die kenntnis des Silmarillion.

Sicher: Nicht jeder mag den sprachhistorischen Exkursen etwas Interesse abgwinnen, doch an ihnen kommt man nicht vorbei, denn wenn Tolkien eines war, dann dies: einer der besten Kenner der englischen Sprache und all ihrer Wurzeln. Shippey zweifelt wiederholt, ob es heute auf der ganzen Welt noch jemanden von Tolkiens Kaliber gibt. Insofern trug diese Kapazität erheblich dazu bei, den \"Herr der Ringe\" zu einem einzigartigen Werk zu machen. Alle seine anderen Werke verblassen dagegen ein wenig. Daher sollte man den linguistischen Ausführungen Beachtung schenken.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass dies kein Buch für junge Menschen ist, die nur den Film gesehen und sonst weder etwas von Englisch noch von Fantasy, geschweige denn von Tolkiens philologischem Hintergrund verstehen. Man muss nicht seine anderen Werke kennen, wohl aber den \"Hobbit\", um zumindest etwas vom Fundament des \"Herr der Ringe\" zu verstehen.

Für Tolkien-Kenner ergibt sich nur dann etwas Neues aus der Lektüre, wenn sie das Buch nicht schon längst aus der Originalfassung kennen. Alle Leser zwischen diesen beiden Polen dürften das Buch mit Interesse und vielleicht sogar Genuss lesen. Ich brauchte lediglich eine Woche dafür.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: JRR Tolkien - Author of the Century, 2000; Klett-Cotta 2002, Stuttgart; 394 Seiten, EU ca. 22,00, aus dem Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93432-4
(Wörter: 2454)


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-29 12:38:35 mit dem Titel Gary Russell: *Der Herr der Ringe - Die Gefährten: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks*

Hat die Welt auf ein weiteres Begleitbuch zum \"Herr der Ringe\"-Film gewartet? Auf dieses schon! Hier findet der Filmfan rund 500 Abbildungen (Fotos, Zeichnungen, Gemälde), die zeigen, wie das Gesamtkunstwerk des Films in künstlerischer Hinsicht entstand. Allerdings wird Computergrafik nicht berücksichtigt. Hier geht es \"nur\" um altmodische Technik wie etwa Kostümierung, Modellbau, Schmiedetechnik und viele, viele Illustrationen.

Wie die Extended-Fassung des Films im November 2002 zeigt, stellt der gezeigte Streifen das Ergebnis einer Auswahl dar, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Diese Varianten findet man in diesem Buch. Es ist verblüffend zu sehen, was alles möglich gewesen wäre. Und es ist interessant zu erfahren, warum sich Regisseur Peter Jackson gerade für eine Variante entschied.

Im vorliegenden Band geht es nur um den 1. Teil der Trilogie. Der nächste Band ist bereits in Vorbereitung - ein kleiner Hinweis findet sich am Schluss. Wann Klett-Cotta den 2. band herausbringt, ist noch nicht offiziell, es dürfte aber noch ein halbes Jahr bis dahin vergehen.

Der Autor
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Gary Russell hatte während der fünfjährigen Vorarbeiten zum Film uneingeschränkt Zugang zu allem künstlerischen Material in den neuseeländischen Studios. Russell hat als Herausgeber eines Magazins, als Romanautor, Kolumnist und Hörspielproduzent gearbeitet. Er kam laut Verlag relativ spät zu Tolkien und dessen Mythologie. Frühere Publikationen beschäftigen sich mit der britischen Science Fiction-Kultserie \"Doctor Who\" und mit den Simpsons.

Inhalte
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Die Innenseiten des Hardcover-Umschlags zieren jeweils doppelseitige \"Breitwand\"-gemälde: vorne ist das idyllische Auenland zu sehen, mit den Bergen des Ered Luin im Hintergrund; hinten sehen wir als Kontrastprogramm Frodo und Sam vor Mordor, in einer schaurig-schwarzen Landschaft (Emyn Muil), an deren Grund sich aber eine weiß schillernde Ebene erstreckt, die vielleicht die Sümpfe der Toten darstellt. Über die gesamte Seite zieht sich jeweils die Inschrift des Einen Rings in feurigen Elbenrunen. Die Kommentare zu den zwei Gemälden finden sich auf den Seiten 96 und 97.

Das Titelbild zeigt das Filmplakat: die Gefährten in ihren Booten auf dem Anduin-Strom, vor ihnen ragen die Zwillingsstatuen der Argonath gen Himmel auf.

Vorwort
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Der Autor beschreibt die Entstehung des Buches und bedankt sich bei den Mitwirkenden, die ihm seine Arbeit über fünf Jahre hinweg ermöglicht haben, allen voran natürlich Peter Jackson. Hier sehen wir schon die ersten Entwürfe und Filmfotos: die Gefährten, der Eine Ring.

Einleitung
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Wohl vom Ideengehalt her der wichtigste und interessanteste Teil des Buches! Es mögen zwar nur 5,5 Seiten sein, aber der Text ist in so winziger Schrift gesetzt, dass es sich um ein umfangreiches Kapitel handelt. Hier hat Russell wichtige Interviews eingearbeitet: mit Peter Jackson, mit dem Special Effects Director Richard Taylor, den Designern Grant Major (Production Design), Ngila Dickson (Kostüme), Paul Lasaine (Breitwandgemälde) und vielen anderen. Die einzelnen Mitwirkenden sind auf S. 189 detailliert aufgeführt.

Besondere Bedeutung kommt den beiden Konzept-Designern Alan Lee und John Howe zu, den eigentlichen Ideenlieferanten. Alan Lees HdR-Illustrationen befanden sich zunächst in einer britischen Jubiläumsausgabe des \"Herr der Ringe\", auf die sich das komplette Produktionsteam stützte und die auch die Schauspieler lesen mussten. Lee lieferte beispielsweise das Design für Elronds Haus Bruchtal. Howe lieferte u.a. das Design für Gandalf, den grauen Wanderer (Mithrandir).

Als Illustration der Einleitung dienen die Entwürfe für die Vorspannsequenz: das Schmieden des Einen Rings.

Für alle folgenden Kapitel gilt das gleiche Aufbauprinzip: ein bekanntes Endmotiv aus dem Film, eventuell ein Detail daraus und dann mehrere Entwürfe für Einzelaspekte, besonders wenn es sich um einen Schauplatz handelt.

Schauplätze
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Am Anfang steht, wie erwähnt, Bruchtal (Lee), und gleich danach kommen Hobbingen und Beutelsend, Bilbos gemütliches Höhlenhaus (von Howe). Während Bilbos Fest sehen wir mehrere CGI-Entwürfe von Gus Hunter - natürlich auch den fantastischen Drachen.

Weitere Schauplätze: Bree (Illustrationen), Wetterspitze (Filmfotos, Modelle), Isengard (sehr umfangreich), Bruchtal. Bruchtal ist insofern interessant, weil es sich von allen anderen Bauten unterscheidet: Die Bäume wachsen durch das Haus hindurch! Das Wasser umspült alle Gebäude. Und so eignet diesem Ort ein völlig anderer Charakter als allem, was wir auf der Erde kennen. Das Gleiche gilt natürlich, in geringerem Maße wohl, auch für Moria und Lothlorien. Daher sind die Entwürfe extrem interessant, zu denen die Designer (allen voran Lee) jeweils informative Kommentare beigefügt haben.

Zuweilen zeigen die Bildstudien bizarre Effekte, so etwa in Paul Lasaines Farbstudie für die Stadt in den Bäumen: Hier scheinen Zeichenstriche Alan Lees noch in einer einkopierten Filmszene hindurch, ergänzt durch Übermalung in Adobe Photoshop - digitale Bildverarbeitung macht\'s möglich.

Das Ende dieses Abschnitts steht paradoxerweise der Anfang des Films: die Schlacht gegen Sauron. Es bietet sich an, den entsprechenden Sauron-Abschnitt im Kapitel \"Rüstungen\" zu lesen.

Kostüme
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Einer der Gründe, warum Peter Jacksons Film sich von gewöhnlichen Fantasy- und Ritterfilmen unterscheidet, besteht darin, dass die Schauspieler ganz anders gekleidet und ausstaffiert sind. Jedem Volk wurden charakteristische Köstümdesigns zugewiesen. Und wie die zuständigen Künstler zugeben, war es manchmal gar nicht einfach, die richtigen variationen herzustellen - so etwas gab es bislang auf der Erde noch nicht.

Ich fand dieses Kapitel nicht sonderlich aufregend. Dem fertigen Filmkostüm sind jeweils ausgearbeitete Entwürfe für die Hauptfiguren beiseite gestellt, abgerundet durch Kommentare.

Rüstungen
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Hier sehen wir nicht nur zahlreiche Waffen von Elben, zwergen und Sauron, sondern auch die dazugehörigen Rüstungen. Bemerkenswert ist v.a. der Detailreichtum, mit dem Nebenfiguren wie Elendil und Gil-Galad, die in der Anfangssschlacht auftauchen, ausgestattet sind. Die Entwürfe stammen von Daniel Falconer und ben Wootten. Falconer entwarf diverse Wappen-Embleme für die einzelnen Elben (Gilgalad, Galadriel, Elrond, Cirdan, Glorfindel); sie knüpfen an Tolkiens Entwürfe für das \"Silmarillion\" an, etwa für Feanor oder Luthien.

Am interessantesten sind die Entwürfe für Saurons kantige schwarze Rüstung, seinen verhüllenden Helm und seinen Streitkolben.

Kreaturen
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Es ist kaum zu glauben, wie viele Varianten von Orks sich die Jungs aus Neuseeland haben einfallen lassen. Es dürften an die 20 sein: große, kleine, mickrige - allesamt abstoßend. Danach die ebenso unappetitlichen Uruk-hai Isengards sowie die Stein- und Höhlentrolle.

Höhepunkte dieses Kapitels sind sicherlich der Wächter vor den Toren Morias (der Krake) und das Verhängnis Gandalfs: das Balrog, der Feuerdämon aus Mittelerdes Urzeit. Dessen Modelle und Masken dürften zum Furchterregendsten des ganzen Buches gehören. Aber hatte es nun Flügel oder keine? Da Tolkien sagte, dass da \"Schatten waren, wie Flügel\", entschied Jackson, dass da Flügel hätten sein können. Also kommt sein Balrog mit Flügeln, Flammen und Peitsche daher. Entsprechend eindrucksvoll sieht so ein Actionentwurf dann aus.

Mein Eindruck
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500 exklusive Entwurfsskizzen und Fotos aus dem Film sind zu bestaunen und zu \"verdauen\". Man sollte sich einfach zwei Stunden Auszeit nehmen, sich zurücklehnen und in eine andere Welt entführen lassen. Trotz dieser Bilderflut bleibt die eigene Vorstellungskraft unbeeinträchtigt, wie ich finde. Denn die vielen Varianten sagen unausgesprochen: \"Das, was man im Film zu sehen bekommen, ist nur eine individuelle Auswahl. Wie du dir das Ganze vorstellst, ist genauso berechtigt wie das hier Gezeigte. Denn der Film könnte auch ganz anders aussehen.\" Wie sich ja schon an Jacksons Änderungen der Story zeigt.

Die fotografische und drucktechnische Wiedergabe sind von ausgezeichneter Qualität. Die Kommentare etc. sind von Hans J. Schütz einwandfrei übersetzt, obwohl eigentlich Wolfgang Krege als \"der\" Tolkien-Experte gilt. Der Preis für solch ein Werk ist keineswegs zu hoch; Kunstbände sind weitaus teurer.

Für wen sich das Buch eignet
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Dieses Buch will sicher jeder haben, der sich ernsthaft mit dem Film und vielleicht auch mit Tolkiens Roman auseinandersetzt. Es gewährt ja einen Blick hinter die Kulissen, aber in künstlerischer Hinsicht. Und so liefert es eventuell dem einen oder anderen Fantasykünstler Ideen und Anregungen, sei er nun ein Designer für Computer- oder Konsolen-Spiele, Rollenspiele oder gar Filme.

Denn dies hier ist der \"Stand der Technik\", was die Konzepte angeht. Im Computer werden die Dinge nicht entworfen, sondern ausgearbeitet, verfeinert, koloriert usw. Was wir hier sehen, sind die ursprünglichen Grundlagen des Production Designs: Die Ideen, mit denen dann CGI-Bearbeiter, Schneider, Bühnenbauer, Schmiede und all die anderen Handwerker als Grundlage arbeiten.

Insofern stellt ein solches Buch einen Meilenstein auf dem Weg der Weiterentwicklung des Fantasyfilms dar. Jacksons \"Lord of the Rings\", ausgezeichnet mit seinen Oscars etc., setzt ja bereits jetzt Maßstäbe, und künftige Filmemacher werden sich daran messen lassen müssen. Wie armselig und unglaubwürdig sieht doch bereits jetzt der Film \"Dungeons and Dragons\" aus!

Wer das Buch nicht braucht
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Wer nur Spaß an einer guten Fantasystory sucht, braucht das Buch nicht - dem reichen das Buch (schon schwer genug zu lesen) und der Film. Man kann ja das gesparte Geld in die DVD mit all ihren Making-ofs und \"Featurettes\" investieren und so fünf schöne Stunden verbringen (drei für den Film, zwei für die Extras).

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: Lord of the Rings - The Art of The Fellowship of the Ring, 2002; Klett-Cotta 08/2002, Stuttgart; 192 Seiten, EU 29,50, aus dem Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93331-X



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-03 16:25:53 mit dem Titel *Bauer Giles von Ham*: Gute Story, fabelhafter Vorleser

Seit kurzem ist auch eine der besten Geschichten John R.R. Tolkiens als Hörbuch zu haben, und das zu einem günstigen Preis und in guter Qualität.

Die Audiocassette
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1 MC mit einer Gesamtlaufzeit von 59 Minuten
Gelesen von Hans Paetsch, produziert vom NDR 1984
Geeignet ab 7 Jahren

Die Geschichte ist voll Humor, wenn nicht sogar voll Ironie, und beschreibt den Einbruch des Fantastischen in die ländliche Gesellschaft des englischen Mittelalters -bei \"Bauer Giles\" in gestalt eines Drachen. Ungewöhnlich für Fantasygeschichten: In \"Farmer Giles\" findet eine Revolution von unten statt! Gewöhnlich wird in Fantasy der Zustand der Harmonie wiederhergestellt, was sie häufig so schrecklich konservativ erscheinen lässt. Nicht so bei Tolkien!

Handlung
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Ein Bauer, ein Schatz und ein Drache sind die wichtigsten Zutaten zu einem vergnüglichen Abenteuer mit Tiefgang. Tatsächlich tut Tolkien in seiner \"mock-heroic tale\" so, als handle es sich bei dieser Erzählung um die Wiedergabe einer Familienchronik à la 11. oder 12. Jahrhundert. Stets wird der alte, natürlich lateinische name für irgendwelche Phänomene (wie diese Erzählung) angegeben und dann - in der \"vulgären Zunge\" der englische Name: The Rise and Wonderful Adventures of Farmer Giles, Lord of Tame, Count of Worminghall, and King of the Little Kingdom\" - was für ein pompöser und völlig lächerlicher Titel!, denkt man. Und doch macht sich Tolkien daran, sämtliche dieser nie gehörten Titel zu rechtfertigen und schließlich sogar heutige Ortsnamen in der Umgebung von Oxford/England davon abzuleiten.

Farmer Giles heißt mit richtigem, d.h. lateinischem Namen Aegidius Ahenobarbus (= Rotbart) Julius Agricola (= bauer) de Hammo (= Ham, Weiler). \"Da es so wenig Leute und so viel Zeit gab, legten sich die Leute bedeutende Namen zu, die sehr lang sein durften\", erzählt uns Tolkien. Und jedes Dorf ist stolz auf sich, ebenso wie jeder Bauer - so auch Giles.

Er hat einen treuen, wenn auch nicht sehr tapferen Hund namens Garm, der sich gerne mit Giles unterhält, welcher ihn jedoch für einen Nichtsnutz hält. Garm stößt eines Tages auf einen Riesen, der des Weges kommt und die Kuh seines Herrn tottrampelt. Von Garm alarmiert, schnappt sich Giles seine Donnerbüchse und verpasst dem Riesen eine Ladung ins Gesicht. Der Riese findet die Stiche der hiesigen Insekten ein wenig zu schmerzhaft für seinen Geschmack und kehrt nach Hause zurück in seine Berge.

Durch diese Tat wird Giles zum Helden des Landes, und sein Ruf eilt ihm voraus bis an den Hof des Königs von Middle Kingdom (damals gab es in Britannien noch viele Königreiche). Man kann sich denken, dass auch dieser König einen ellenlangen Namen sein Eigen nennt. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Augustus (= der Erhabene). Er schickt Giles ein gesiegeltes Dokument mit seinem Lob und einem langen Schwert, das für ihn selbst, da es unmodisch ist, keine Wert hat. Giles\' Ansehen steigt noch um etliche Grade.

Drachen sind bereits rar. Doch eines Tages taucht ein echter Drache auf und beginnt, das Königreich zu verwüsten. Sein Name ist Chrysophylax (= Goldschuppe in der \"vulgären Zunge\") Dives (= der Reiche), und er speit Feuer. Garm stößt mal wieder als erster auf die Gefahr und warnt seinen Herrn. Doch der Drache tobt noch weit entfernt, und so schickt er Garm erst einmal weg. Der verbreitet die Nachricht im gesamten Dorf. \"Oh toll, aber was ist mit den Rittern des Königs?\" fragt man sich dort.

Woher nun einen Drachentöter nehmen, fragt sich seinerseits der König - und wird von seinen Rittern schmählich im Stich gelassen: Schließlich ist Weihnachten und bald gibt\'s ein wichtiges Turnier. Auch die Dörfler sind enttäuscht von den Rittern und wenden sich daher an den \"Helden von Ham\".

Giles jedoch zögert lange, schließlich ist ein feuerspeiender Drache nicht sein täglicher Umgang. Da entdeckt der Pfarrer in seinen Büchern, dass Giles\' Schwert das berühmte Schwanzbeißer (richtig: Caudimordax) ist, das berühmteste Drachentöterschwert weit und breit. Wenn das keine Verpflichtung ist!

Doch ein Drachentöter braucht auch eine Rüstung und ein Pferd. Weitere Probleme! Und als Giles endlich auf Chrysophylax trifft, fällt er glatt von seinem Ross. \"Verzeihung\", fragt der Drache voll Argwohn, \"aber haben Sie zufällig nach mir gesucht?\" \"Aber nie im Leben\", gibt sich Giles entrüstet. \"Wer hätte gedacht, dass man Sie hier treffen würde. Ich wollte nur mal ausreiten.\"

Es ergibt sich, dass Schwanzbeißer den Drachen verletzt und so flugunfähig macht, dass dieser dem Schwert nur durch Rennen zu entkommen versuchen kann. Allerdings führt die Flucht des Drachen mitten ins Dorf Ham, wo er um sein Leben fleht. Die Dörfler wollen es ihm schenken, falls Chrysophylax ihnen seinen riesigen Schatz übergibt. Der hinterlistige Drache verspricht es und haut ab.

Kaum hört der König davon, fordert er bereits seinen Anteil. Doch leider hat der Drache nicht die Absicht, sich dem gnadenlosen Schwanzbeißer nochmals auszusetzen und bleibt daheim, so dass der gierige König in die Röhre wütend guckt, als er sein Lager in Ham aufschlägt und am verabredeten Übergabetermin vergeblich wartet.

Da erinnert er sich an Giles. Dieser soll die königlichen Ritter gegen den Drachen führen und diesen wegen Meineids etc. bestrafen. Die Ritter vernehmen\'s mit finsterer Miene. Ein Bauer als Anführer?! So weit kommt\'s noch.

Doch was kann ein Bauer schon gegen den Befehl des Königs tun? Also macht sich Giles wieder auf zum Drachen. Allerdings schließen die beiden einen Handel ab, bei dem König schon wieder in die Röhre schaut. Schließlich führt Aegidius Ahenobarbus seinen Königstitel nicht umsonst.

Mein Eindruck
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Die Geschichte
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\"Famer Giles of Ham\" ist von einer ganz besonderen Tonart. \"Farmer Giles\" tritt wie ein derber Hobbit-Bauer auf, und er redet auch so: eben vulgär. Der Drache Chrysophylax hingegen zeichnet sich durch ein Schlauheit aus, die mit Hinterlist gepaart ist, ein wahrer Materialist obendrein. Und so weiß er einen Kampf zu meiden und mit Giles einen Deal abzuschließen, der beiden das Leben rettet, ja sogar immens erleichtert.

Tolkien beschreibt sehr genau, wie sich die einzelnen Gesellschaftsteile mit der Bedrohung arrangieren, aber auch, wie sie mit dem Reichtum des Drachen umgehen. Die Dorfgenossen Giles\' sind ebenso gierig wie der König, doch Giles ist mit dem zufrieden, was er selbst besitzt. Er bräuchte den Drachenschatz im Grunde nicht, doch er weiß dennoch etwas damit anzufangen: Er nutzt ihn zugunsten seiner Mitmenschen. Davon leitet sich in Tolkiens Augen seine moralische Legitimation als rechtmäßiger König des Little Kingdom ab.

Auch wenn sich \"Bauer Giles\" vordergründig als fröhliche Drachentöterparodie liest, so versteckt sich dahinter eine harsche Kritik an egoistischen Herrschern, die für ihre Untertanen nichts übrig haben und deren Ritter (= Beamte, Minister) nichts taugen. Aber natürlich wird auch der Drache nicht unkritisch präsentiert. Er verkörpert die Versuchung materialistischen Reichtums, doch das Geld kaschiert nur seinen Hunger nach (Menschen-) Fleisch. Immerhin lässt sich sein Reichtum und seine bedrohliche Präsenz sinnvoll in Diensten eines selbstlosen Königs wie Giles einsetzen.

Der Vorleser
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Hans Paetsch (1909 bis 2002) arbeitete ganze 28 Jahre lang am Hamburger Thalia-Theater als Schauspieler. (Daher wurde die vorliegende Lesugn auch vom NDR produziert.) Schon zu Lebzeiten galt Paetsch als der Märchenerzähler par excellence. Er spricht die Worte nicht einfach, sondern scheint sie zu formen und ihre Endsilben zu beschweren, so dass sie klar und deutsch das Bewusstsein der - meist sehr jungen - Zuhörer erreichen und die Fantasie entzünden.

Ich habe mich selten so gut unterhalten gefühlt wie bei dieser Lesung von Tolkiens klassischer Fantasy-Erzählung.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: ISBN 3-89584-772-0

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-03 17:49:23 mit dem Titel *Die Karte von Beleriand (und von den Ländern des Nordens)*: Prachtvolle Landkarte

Nach Karten von Wilderland und Mittelerde nun also eine von Beleriand. Beleriand ist jener versunkene Halbkontinent, in dem sich im Ersten Zeitalter von Mittelerde die wichtigsten Heldentaten und Schlachten abspielten, die Tolkien in seinen Werken erzählt. Die Ereignisse von \"Der Herr der Ringe\" und \"Der kleine Hobbit\" tragen sich wesentlich später zu, nämlich im Dritten Zeitalter. Während im First Age die Elben, Halbgötter (Maiar) und Götter (Valar) das Geschehen dominieren, verlassen die Elben am Ende des Third Age Mittelerde, um es den Menschen zu überlassen. (Nach den Ereignissen des \"Herrn der Ringe\" bricht das Vierte Zeitalter an.)

Beleriand ist einer der Hauptschauplätze des \"Silmarillion\" (1977), jenes Buches, das Tolkiens Sohn Christopher aus vielen verstreuten Manuskripten zusammengestellt hat. Der Mittelteil schildert die kriege der Elben gegen Morgoth und Sauron um den Besitz der ihnen gestohlenen Silmaril-Edelsteine, in denen das Licht der zwei Bäume des Segensreiches Valinor eingefangen ist. Den letzten der Silmarils trägt Earendil über das Firmament, uns sichtbar als die hellstrahlende Venus, der Abendstern.

Die Karte
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... stammt noch von Christopher Tolkien. Er stellte sie im Jahr 1977, als das \"Simarillion\" erschien, fertig. Mit Sicherheit hat er mehrere Jahre daran gearbeitet, denn die Erzählungen und Skizzen seines Vaters waren zuweilen widersprüchlich. Die Karte ist gut lesbar, aber ich habe die Städtenamen mit der Lupe suchen müssen: Menegroth, Nargothrond und Gondolin.

Die Karte selbst besticht durch ihre wichtigste Farbe: grün. Es ist das Grün von tiefen, ausgedehnten Wäldern und Prärien, die überall von Flüssen und Gebirgsketten begrenzt oder durchbrochen werden. Bei den einzigen Territorien, die nicht eingezeichnet sind, handelt es sich um die Lande östlich der Blauen Berge/Ered Lindon (die im \"Herrn der Ringe\" das westlichste Gebirge sind), um Valinor und auch um Morgoths Festung Angband mit den drei Vulkanen, den Thangorodrim.

Die Illustrationen
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... stammen von Tolkienspezialist John Howe. Er beriet ja auch den Regisseur Peter Jackson bei den Dreharbeiten zur Filmtrilogie. Persönlich gefällt mir von allen Tolkien-Illustratoren sein Stil am besten. Der Stil ist auf die dramatische Wirkung von Dynamik und den Effekt weniger Farben ausgerichtet.

So etwa ist seine Darstellung von Morgoths Festung (ganz oben) ganz in rötlichschwarzen Schlackefarben gehalten, die Küstenszene jedoch in Blauweiß (Wasser), Weiß (Schwäne, Segel) und Schwarz (Felsen). Diese Szene begrenzt die Karte am unteren Rand.

Die linken und rechten Begrenzungsfelder enthalten zwei heroische Szenen. Rechts ist Turin Turambar in der Schlucht zu sehen, an deren oberem Ende der schwarze Kopf Glaurungs hervorragt. Links ist vermutlich Luthien Tinuviel ist zu sehen - die Gestalt trägt weder Rüstung noch Kopfbedeckung - wie sie eine tiefe Schlucht betritt, an deren oberem Ende ein weißer Kalkfelsen emporragt. Es könnte sich dabei um den Wachtturm Tol Sirion handeln. Allerdings fehlt auf dem Bild der Sirion selbst. Doch wenn es sich um den Zugang zu Gondolin handeln würde, würde ich Turin oder Húrin in Rüstung erwarten, bevor er den Trockenen Fluss entlangwandert.

Zu den schönsten Illustrationen gehören die sechs Embleme, die Tolkien selbst entworfen hat und die den wichtigsten Elben zugeordnet sind. Zwei erkenne ich wieder. Links in der mitte ist das blumenförmige Emblem Luthien Tinuviels. Rechts unten ist das mit Feuersymbolen verbrämte Emblem Feanors, des Herstellers der Silmarils, zu sehen. Die restlichen vier Embleme gehören vermutlich zu Finwe, Elwe (Thingol), Earendil (Beren) usw. Ich finde es wundervoll, dass sie in die Karte aufgenommen wurden.

Der Begleittext und das Glossar
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In seinem Begleittext \"Westlich der Berge, östlich des Meeres: zur Karte von Beleriand\" fasst Brian Sibley den Hintergrund für dieses fiktive Territorium zusammen. Aufgrunddessen versteht auch derjenige Kartenleser, der das \"Silmarillion\" und die damit zusammenhängenden Texte nicht gelesen hat, mit welchen wichtigen Episoden und Gestalten manche Landschaften und Landmarken verbunden sind.

Beispielsweise fällt dem Betrachter das Land Doriath auf. Es ist nicht nur von Flüssen umschlungen, sondern auch von tiefen Wäldern umgeben, doch in seinem Mittelpunkt befindet sich eine Stadt: Menegroth. Brian Sibley erzählt uns nun, wie es zur Gründung dieses Königreiches der Elben durch Thingol und Melian kam und was es mit Menegroth auf sich hat. Ähnlich verfährt er mit der schönen, aber verborgenen Stadt Gondolin.

Auch von den Landen, die auf der Karte nicht eingezeichnet sind, erzählt er, denn seine Synopse beginnt mit der Schöpfung und endet mit dem Untergang Beleriands am Ende des Ersten Zeitalters. Also kommen auch Valinor, Eressea und Morgoths Festung Angband vor, die man auf der Karte vergeblich sucht.

Das 17 Seiten starke Glossar beschränkt sich auf Orte und Landschaften, doch erzählen die Einträge auch von wichtigen Ereignissen wie etwa einer Schlacht. Einige Einträge wurden von John Howe illustriert, so etwa Turin Turambars Kampf gegen den Drachen Glaurung.

Fazit
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Sollte man sich also diese Karte zulegen? Sie ist vollständig und bringt keine neuen Daten im Vergleich zum Original von 1977. Die Anschaffung lohnt sich, wenn man a) die Originalkarte aus dem \"Silmarillion\" nicht hat (und nicht wesentlich mehr Geld für dieses Buch anlegen will), aber einen Einstieg sucht, und b) wenn man das Original hat, aber als Tolkien-Fan den oben aufgeführten Mehrwert, den die neue Karte bietet, besitzen möchte, und c) wer einen schönen Wandschmuck erwerben möchte - womöglich einen, der den Tolkien Calendar ergänzt.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: Klett-Cotta 2001, Stuttgart; 31 Seiten, DM 22,50, aus dem Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-91038-7


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-15 11:16:35 mit dem Titel Tolkien: *Sir Orfeo, Pearl, Sir Gawain*: Ritter-Epen in genialen Übersetzungen

Prof. Tolkien war zu Lebzeiten ein professioneller Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der \"Beowulf\" oder Geoffrey Chaucer.

Am liebsten hatte er jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1400 stammen zwei der Dichtungen, die im vorliegenden Band als John Tolkiens kongeniale Übersetzungen vorliegen. Christopher Tolkien hat sie herausgegeben. Es handelt sich um \"Sir Gawain and the Green Knight\" und \"Pearl\", beide von einem unbekannten Autor, ebenso wie \"Sir Orfeo\", das allerdings älter ist.

Die arthurische Geschichte \"Sir Gawain\" dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – letzteres in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist. Insgesamt ist es eine bewegende, doch auch tröstliche Elegie.

Mit 67 Seiten bestreitet dieses Epos bei weitem den Löwenanteil des fiktionalen Teils. Tolkiens 14 Seiten lange Einleitung dazu ist ein kleines Meisterstück. Er wurde teilweise Tolkiens Kommentar entnommen, den er beifügte, als \"Gawain\" 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde.

Sir Orfeo

\"Pearl\" (ca. 34 Seiten) hingegen ist weit entfernt von Heldentaten, handelt es sich doch um die Elegie zum Tode eines Kindes, ein Gedicht, das durchdrungen ist vom Gefühl eines großen Verlustes.
\"Sir Orfeo\" ist mit 15 Seiten Länge und 600 Zeilen das kürzeste Stück, gehört einer anderen Tradition an und wurde in diese Sammlung aufgenommen, weil es sich um persönliches Lieblingsstück Prof. Tolkiens handelte. Warum wohl? Nun, es handelt sich um eine sprachlich und stilistisch sehr klare und ergreifende Bearbeitung der antiken Legende um Orpheus und Eurydike, wohl eine Übersetzung aus dem Französischen, die im späten 13. oder Anfang des 14. Jhs. entstand.

Dem guten König Orfeo wird seine liebe Frau, Königin Heurodis, durch Zauber vom Elfenkönig entführt. Der untröstliche Orfeo entsagt dem Königstum und wandert in die Wildnis, begleitet nur von seiner Harfe. (Diese Episode ist sehr ergreifend geschildert.) Zehn Jahre später begegnet er zufällig dem Elfenvolk, darunter Heurodis. Er folgt ihnen zum Hofe ihres Königs.

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