Vollidiot (gebundene Ausgabe) / Tommy Jaud Testbericht

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ab 10,94
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Erfahrungsbericht von LilithIbi

Und wenn schon. Dann gibt’s mich halt mal einen Tag nicht.

Pro:

Liebenswerte Charaktere, nah am Leben, Gedankengut der Hauptperson, locker und leicht geschrieben

Kontra:

Ende ist zu sehr auf "happy end" getrimmt

Empfehlung:

Ja

Und wenn schon. Dann gibt’s mich halt mal einen Tag nicht.
Textest du noch oder stirbst du schon?

Bereits als ich im „Thalia“ das Buch „Klaspmühle“ von Jim Knipfel kaufte, fiel mir das Werk „Vollidiot“ dank der liebevollen Drapierung seitens der Verkäuferinnen ins Auge. Natürlich sorgte auch der Titel dafür, dass ich im Buch ein wenig zu blättern begann ~ doch so richtig für einen Kauf wollte ich mich trotz des vernünftigen Preises (6,95 EUR) dann doch nicht entscheiden, da ich „heitere Liebesproblematik-Romane“ vorrangig eben doch lieber von Autorinnen lese. Dafür gibt’s nicht mal nen „vernünftigen“ Grund, ein einziger Fehlgriff reichte mir, um mir dieses Vorurteil anzueignen.

Dass auf dem Klappentext zudem ausgerechnet mit einer Aussage Anke Engelkes geworben wurde, tat dem Buch im meinen Fall keinen Gefallen ~ womit ich mich auch öffentlich dazu bekenne, dass ich jene Anke nicht wirklich bei meiner Teeparty dabeihaben wollen würde.

Doch kaum hatte ich dieses Buch in dessen Existenz verdrängt, schwärmte das deutsche Volk von allen Seiten von eben jenem Roman. Ein jeder sprach von „genial“, „absolut witzig“ und „klasse“ ~ das meine Paderborner Freundin trotzdem über zwei Wochen an dem 284 Seiten starken Buch herumlas, ist einfach ihrer Mentalität zuzuschreiben. Und während in mir noch die Überlegung reifte, ob ich sie einfach mal ums Ausleihen bitten sollte, bekam ich „Vollidiot“ mitgebringselt.

Am nachfolgenden Tag las ich es sodann in einem Rutsch durch, und kann somit mitunter verkünden, dass

//DIE STORY//

an sich doch etwas anders präsentiert wird, als der Buchtext sich mir das vorstellen lies. Tommy Jaud’s Roman behandelt die Suche nach dem weiblichen Gegenstück nicht derartig aufdringlich-vorrangig, wie ich das befürchtet hatte; sondern rückt jenes „Problem“ immer nett an den Rand des Hauptgeschehens.

So ganz nebenbei werden mehrere Facetten des (nicht nur Single-)Lebens angeschnitten; zum einen die Verkaufsstrategie im IKEA und die nervötenden Animationsprogramme in Single-Club-Urlauben, die verrückte Welt der Fitnessclubs, die Nützlichkeit von Spanisch Kursen in denen man vorrangig überlebenswichtige Sätze wie „el autobús es rojo“ lernt und nicht zuletzt eben auch die Zeit-Sorgen der Arbeitslosen.

Während der Ich-Erzähler des Romans, Simon Peters, auf Seite 84 noch behauptet, er wäre arbeitslos, um sich eine Art „Blind Date“ (organisiert durch Simons Putzhilfe) vom Hals zu halten; verliert er im weiteren Verlauf des Romanes wirklich seine verhasste Anstellung bei der Telekom, um anschließend seine Tage damit zu verbringen, seine Wohnung in Fuß auszumessen. Und zwar in Fuß mit Turnschuhen, in Fuß mit Straßenschuhen.... etc. pp.

Aus Simons Frage

„Wie bitte wirkt denn ein Arbeitsloser? Hätte ich sie im Supermarkt mit stinkenden Klamotten laut jammernd mit einem Strick um den Hals am Gebäck-vom-Vortag-Tresen empfangen sollen?“

wird somit ein Mensch, der täglich zu Mittag das „Schlemmerfilet Blattspinat“ sowie abends eine „Prosciutto-Rucola-Pesto-Pizza“ vedrückt, um wenigstens ein festes Regelwerk am Tag zu haben, auf das man sich verlassen kann. Die Zeilen

„Selbst verordnete Sozialquarantäne. So könnte man bezeichnen, wozu ich mich entschlossen habe. Bis auf weiteres werde ich die Wohnung nicht mehr verlassen. Es hat ja ohnehin keinen Zweck. Den Job bin ich los, meine Freunde sind sauer, und pleite bin ich sowieso“ (S. 247)

wirken auf der einen Seite absolut dramatisch, lassen den Leser (selbst wenn er diese Gedanken nur allzu gut kennt!) dennoch zu einem schmunzeln hinreißen.

„Die Story an sich“ gibt es meiner Meinung nach in „Vollidiot“ so gar nicht ~ der Autor hat es in wunderbarer Art und Weise geschafft, gleich mehrere Alltagssorgen zusammenzupacken. Ein verhasster Job; die als sinnleer erscheinende Arbeitslosigkeit; Freunde, die einen einfach nicht verstehen wollen und zu guter letzt eben die Liebe zu jemanden, den man nur aus der Ferne anhimmelt kann. Als „roter Faden“ kann man natürlich schon den Wunsch Simons beschreiben, jene vermeintliche Traumfrau Marcia aus dem „Starbucks“ kennenzulernen ~ doch dass letztendlich doch alles ganz anders kommt, ist nicht nur fast logisch, sondern in diesem Falle auch mehr als wünschenswert.


//WEITERE MEINUNGSFETZEN//

Um noch mal auf das Wort „Wünschenswert“ zurückzukommen: der ein oder andere Leser würde sich vermutlich wünschen, dass Simon noch vor dem Erreichen seines befürchteten 30. Lebensjahres mit seiner Traumfrau Marcia zusammenkommt und man somit beim lesen verzückt aufatmen kann.

Ich persönlich gehöre dann aber doch eher zu der Kategorie, die diese „Lösung“ zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich und eben auch zu schnulzig gefunden hätten. Demnach war ich natürlich fast schon froh, dass Marcia sich auch nur als Miststück unter vielen entpuppte!

Leider jedoch scheint Tommy Jaud DAS ultimative Ende gesucht zu haben ohne noch lang herumspinnen zu müssen oder gar den Leser noch mit einem weiteren Charakter überschütten zu wollen. An für sich ist gegen solche „Überraschungseffekte“ gar nichts einzuwenden, doch so wirklich zufrieden bin ich mit dieser Wendung dann auch nicht. Sicher, der Autor schaffte es auf diese Weise, nicht nur Simon, sondern eben auch den Leser denken zu lassen „huch, wieso sieht man eigentlich als letztes, was man schon die ganze Zeit vor Augen hatte?“ ~ doch wie gesagt, diese „Happy ends um jeden Preis“ schaffen es selten, wirklich befriedigend auszufallen. Ohnehin wirkt das letzte Kapitel des Buches wie zusammengeschludert; ähnlich, als ob der Schriftsteller unter Zeitdruck gestanden und noch während der Autofahrt zum Verlag das Ende getippt hätte.

~ Da es aber viel mehr an dem Buch nicht zu meckern gibt, soll dies auch nur als Mini-Manko gelten und nicht mal für einen Sternabzug reichen.

Besonders gefallen hat mir an „Vollidiot“ natürlich die Schilderung aus der „Ich-Perspektive“, was dem Leser ja nun auch erlaubt, tief in die Gedanken des Hauptprotagonisten einzutauchen. Jenes ist doch fast immer am besten! Bei den Zeilen

„Mir egal, wie das gemeint ist. Glück teilt man nicht, weil man Glück nicht teilen kann. Man kann es mitteilen, das war’s. Penner!“ Mit diesen Worten lasse ich ihn an seinem Glückstisch sitzen. Ich lasse ihn sitzen, weil ich es nicht ertrage, ungefragt vom Glück anderer Leute belästigt zu werden. Wenn wer will, kann er ja sein Glücksbier austrinken und zu seiner Glücksfrau fahren.“ (S. 147)

hab ich mal wieder derartig plötzlich und laut aufgelacht, dass der Nachbar vermutlich bald denkt, ich würde nicht nur „schrullig“ sein, sondern eher mächtig einen an der Klatsche haben. Aber es kam und kommt mir einfach zu bekannt vor, was im Kopf von Simon vorgeht; wie er auf dies und das reagiert und wegen welcher Harmlosigkeiten sein Seelenleben auf den Kopf steht bzw. regelrecht zusammenbricht. Unschuldige IKEA-Angestellte und Urlaubs-Animateure, die es vermutlich auch nur gut meinten bekommen genauso ihr Fett weg wie die auch von mir als oftmals lächerlich empfundenen Lebensratgeber. Simon beantwortet die „Problemlösungsstrategien“ in jenem Ratgeber ähnlich, wie ich auch gedanklich meinen Personalfragebogen ausgefüllt habe. Somit war ich spätestens auf Seite 15 bereits begeistert vom Roman.

Besonders für mich als Dürenerin eben auch, dass der Schauplatz des Geschehens Köln darstellt und ich mir demnach des öfteren buchstäblich ein perfektes Bild von den jeweiligen Situation machen konnte. Es mag sein, dass die ein oder andere Szene zu abgedroschen klingt ~ doch ich wage zu behaupten, dass es im Leben ja auch tatsächlich oft so ist.

Man liest beispielsweise x-fach in diversen Meckerkästen, dass sich jemand „irgendwie immer an die Schlange anstellt, die am längsten braucht“ ~ und ich kenne niemanden, der bei diesen Zeilen nicht zustimmend genickt hätte. Genauso verhält es sich mit „Vollidiot“ ~ die Erfahrungen, die Simon im Verlauf des Romanes machen darf, sind nichtmal geschlechtsspezifisch. Vieles könnte und kann (und wird!) der breiten Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens ansatzweise widerfahren; und somit ist „Vollidiot“, so sarkastisch und übertrieben es dann und wann erscheinen mag, eben doch nicht zu weit hergeholt.

Natürlich unterscheidet sich ein Roman, der aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde von jenen, in denen ein unsichtbarer Außenstehender die Geschichte quasi „erzählt“. Somit ist klar, dass das Hauptsaugenmerk auf Simon selbst liegt und wir eben auch nicht erfahren, was die anderen in der Zeit machen, in der sie sich nicht in der unmittelbaren Nähe desjenigen, der ahnungslosen Rentnern aus purer Frustration DSL-Anschlüsse aufschwatzt, aufhalten. Gleichzeitig lernt man die einzelnen Charaktere somit eben auch nur am Rande kennen; obschon mich grade die Figur der Dörte derartig fasziniert hatte, dass ich gerne noch mehr von ihr erfahren hätte. Ein Date-Treffpunkt an der Gemüsetruhe im Supermarkt wirkt zwar wahrlich etwas befremdlich im ersten Augenblick, doch wenn man ein wenig weiter denkt und auf die Idee des gemeinsamen Kochens kommt ist jenes gar nicht mal mehr so dämlich.



//DAS kleine GROSSE ERGO//

Nun denn, ich würde sagen, die Tatsache, dass ich das Buch wahrlich an einem Tag durchgelesen habe spricht für sich. Nicht nur, was den „Fesselfaktor“ anbelangt; sondern eben auch dahingehend, dass man jenen Roman wirklich „leicht“ lesen kann. Je nach dem, mit welcher Lektüre man sich beschäftigt, dauert es unterschiedlich lang bis man die gleiche Anzahl der Seiten durch hat; auch wenn dies den ein oder anderen Wissenschaftler (der vermutlich nichts anderes zu tun hat, als sich über Leseflüsse den Kopf zu zerbrechen) nach wie vor nicht einleuchten will.

Über Tommy Jauds Zeilen „rutscht“ man so drüber; die einzelnen Kapitelüberschriften wirken vielleicht im ersten Augenblick etwas „seltsam“, ergeben aber zu guter letzt jeweils einen Sinn.

Besonders mitreißend befand ich, dass sich der Autor offensichtlich wirklich über viele Dinge, über die er schrieb, Gedanken gemacht hat. Es mag zwar fast schon auf der Hand liegen, dass viele Arbeitslose nicht wissen, mit was sie den Tag füllen sollen und sich nach festen Eckpfeilern sehnen (und seien es lediglich die geplanten Mahlzeiten zu einer geplanten Uhrzeit); doch DAS GEFÜHL, welches Simon Peters im Zusammenhang dessen erlebt, wurde hier wunderbar und mitunter ergreifend zu Papier gebracht. Ja, ich würde sagen, dass dies den Roman für mich noch ein wenig liebenswerter machte ~ auch wenn ich persönlich noch nie auf die Idee kam, die Passanten zu zählen, die binnen einer Stunde in die Bäckerei gegenüber laufen.

30 Bewertungen, 16 Kommentare

  • sandraberg

    02.11.2006, 10:36 Uhr von sandraberg
    Bewertung: sehr hilfreich

    hat zwar etwas gedauert, aber für das cis bei yopi hab ich nicht jeden tag zeit ;-) glg sandra

  • anonym

    25.10.2006, 07:00 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    «:::S:::» «:::P:::» «:: I :::» «:::T:::» «:::Z:::» «:::E:::»

  • BeWater

    23.10.2006, 19:22 Uhr von BeWater
    Bewertung: sehr hilfreich

    Super Bericht!^^ lg

  • anonym

    23.10.2006, 18:29 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das ist mir zuviel...ich bewerte deinen Fleiss, den ich nicht zu Ende gelesen habe, zu langweilig die "Preis-Gabe"

  • morla

    23.10.2006, 18:05 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich

  • AnjaS911

    23.10.2006, 17:53 Uhr von AnjaS911
    Bewertung: sehr hilfreich

    Irgendwann muß ich das auch lesen!

  • mural9

    23.10.2006, 16:39 Uhr von mural9
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH & LG Inna

  • Elli04

    23.10.2006, 16:02 Uhr von Elli04
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH. Gruß aus Köln.

  • topfmops

    23.10.2006, 15:42 Uhr von topfmops
    Bewertung: sehr hilfreich

    . . . und dann war da noch der Boxer, der sich an die christliche Regel hielt, anders als einige Schreiber- und Leserlinge hier, und meinte: „Geben ist seliger denn Nehmen!“

  • Nina1805

    23.10.2006, 15:41 Uhr von Nina1805
    Bewertung: sehr hilfreich

    Super Bericht! Habe darüber auch einen Bericht geschrieben!;-) Gucke mir jetzt mal noch andere Berichte von dir an! SH!, lg, Nina1805!

  • B_Engal

    23.10.2006, 15:24 Uhr von B_Engal
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH von mir. MfG B_Engal

  • crashtestdummie

    23.10.2006, 15:08 Uhr von crashtestdummie
    Bewertung: sehr hilfreich

    SUper Bericht! Viele Grüße!

  • MasterT86

    23.10.2006, 14:56 Uhr von MasterT86
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hört sich ja nach viel Stoff zum reden an. Lg Tobias

  • sun1979

    23.10.2006, 14:50 Uhr von sun1979
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich, LG sun1979

  • anundka_ki

    23.10.2006, 14:28 Uhr von anundka_ki
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wenn Dir "Vollidiot" so gut gefallen hat, dann empfehle ich Dir auch noch ein anderes Buch von Tommy jaud - "Resrturlaub". Ähnlich lustig.

  • willibald-1

    23.10.2006, 13:40 Uhr von willibald-1
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh - dennoch muß ich mal sagen, daß ich es anstrengend fand, Deinen Bericht zu lesen: zu wenig Kommas, zu viele "jene"...