Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm (DVD) Testbericht

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Erfahrungsbericht von freetibet
Gescheit gescheitert
Pro:
einiges
Kontra:
das ein oder andere
Empfehlung:
Ja
Weiter gehts zum nächsten Job. Ein Imbißwagen will fertig gemacht werden für den angehenden Tag. Teddy schleppt die schweren Kisten, macht das Gefährt bereit und verkauft dann den ganzen Tag Fisch an die Ruhrpottbevölkerung. Dabei legt er eine servile Verkaufsmentalität an den Tag. In der Mittagspause trifft er seine Freunde (Pete York und Jimmy Woody), mit denen er seiner eigentlichen Berufung nachgeht: Jazz, Musik.
Erst aber will noch ein Job erledigt werden. Teddy wirft sich in einen Blazer, zieht eine Sonnenbrille an und verwandelt sich in "Rodriguez Fanzanatas von der Agentur Senora Fuck". Alles andere als ein feuriger Gigolo, beglückt er eine Hausfrau. Für 200 Euro.
Jetzt noch einen Kurzbesuch in der eigenen Wohnung ("muß schnell weg, die Freunde warten") und dann sitzt Teddy endlich da, wo er sitzen will. Auf dem Klavierhocker in einer Kneipe. Dort spielt er mit seinen Freunden erstklassigen Jazz. Ihm gegenüber sitzt der Besitzer des Jazzclubs und schaut zu, betrunken und gutmütig. (wie einst Count Basie Thelonius Monk) Geld kann er ihnen nicht bezahlen, denn die Musik lockt keine Gäste an.
Im Gegenteil: über Jazz wird außerhalb der Band nur geschimpft. Der Nachbar wirft Blumentöpfe aus dem Fenster, um endlich seine Ruhe zu haben. Der einzige Kunde verläßt die Bar fluchtartig. Der Wirt hat von Jazz offenbar keine Ahnung, sogar der "Jazzclub" ist nur eine traurige Kneipe, kein Ort rotierenden Lebens, in dem munter improvisiert wird.
Andere Musiker, andere Jazzmusiker gibt es in Helge Schneiders Film nicht. Es gibt keine Auftraggeber, keine Agenten, keine anderen Lokalitäten, in denen man live spielen könnte und erst recht kein Publikum, kurz: keine Kulturlandschaft, in der ein Jazzmusiker seinen Beruf ausüben könnte. Teddy Schu gehört einer community an, die es schon längst nicht mehr gibt, ein Relikt aus vergangenen Tagen an weit entfernten Orten. Und offensichtlich ein naher Verwandter von Helge Schneider, mit einem wesentlich naiveren Gemüt als der Meister selbst ausgestattet. ("Eines Tages Freunde, ich verspreche es Euch...").
Teddy rationalisiert zu keinem Zeitpunkt des Films, wie illusorisch sein Wunsch ist, ein Leben als professioneller Jazzmusiker zu führen. Er steht der veränderten Musikkulturlandschaft hilflos gegenüber. Ganz nebenbei muß er, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, unterschiedliche Jobs übernehmen, die ihm keine Zeit mehr für die erträumte Profession lassen. Er sitzt in seiner Lebenssituation fest. Solange er an seiner Berufung als Musiker festhält, wird sich nichts ändern. Stillstand, hektische Agonie, leben am Abgrund.
Damit ist beinahe schon alles gesagt.
Helge Schneider ist sicher vertraut mit dieser Lebenssituation, auch er arbeitete sich in den achtziger Jahren durch verschiedene Jobs, tingelte nebenbei mit seiner Band durch die Lande, lebte von der Hand in den Mund.
Anfang der neunziger Jahre besuchte ich aus reinem Zufall einen von Schneiders Auftritten im Kölner Stadtgarten. Auch hier ein ähnliches Bild. Tatsächlich gab es auch einige stille Momente, als Schneider mit seiner Band einfach nur Jazz spielte. Orgiastisches Gelächter aber erntete er mit grauenhaft vorgetragenen Conferencen, mißlungenen Stepeinlagen, Travestien auf Schlagermusik, sinnfreien Liedern... (Hast Du eine Mutter/dann hast Du immer Butter/Mutter ist die beste Frau...).Offensichtlich wurde dort die Situation reproduziert, mit Jazz das Publikum nicht unterhalten zu können und sich nun "spontan" etwas anderes ausdenken zu müssen. Eine irritierende und großartige Show.
Auf dem Ausspielen dieser Situation beruht Helge Schneiders Erfolg. Aus seinem Scheitern hat er eine artifizielle und sehr spezielle, innovative Art von Komik destilliert, die sein Publikum mit Begeisterung belacht und nicht zuletzt mit harter Währung quittiert. Selbst seine durchaus vorhandenen Zynismus gegenüber seinem Publikum inszeniert er ungeschminkt mit. (Warum auch nicht? Sogar RTL-Zuschauer sind mittlerweile aufgeklärt genug, um das Dschungelcamp nicht mehr ernst zu nehmen und weder Frau Zietlow noch Herr Bach hielten mit der Dummheit ihres Produkts hinter dem Berg.)
Von diesem Grundeinfall lebt auch der Film, der aber wesentlich melancholischer daherkommt als eine Bühnenshow von Helge Schneider. Denn für Teddy scheint die Situation ausweglos zu sein. Er ist, anders als sein Erfinder, nicht in der Lage, die Situation zu verstehen und andere Schlüsse zu ziehen. Für mich als Zuschauer blieb der Film blutleer und wenig unterhaltsam. Die fehlende Dramatisierung des Grundkonflikts gestaltet den Film zwar origineller, führt aber zu Langatmigkeit. Ein originelles Konzept macht aber noch keinen guten Film. Die wenigen wirklich komischen Momente - es gibt sie - können den Film nicht tragen. Deswegen nur ein halbwegs empfehlenswerter Film eines großen Komikers.
Dröge Komik, Scheitern als Kunst: darauf muß man erstmal kommen.
17 Bewertungen, 11 Kommentare
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03.02.2007, 16:00 Uhr von taz772112
Bewertung: sehr hilfreichSH & LG :o)
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26.06.2006, 22:48 Uhr von honeymaus
Bewertung: sehr hilfreichSH + LG, Manuela
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02.06.2006, 00:48 Uhr von Gemeinwesen
Bewertung: sehr hilfreichAch, würde doch nur auch endlich die Geschichte auf DVD veröffentlicht, wie aus Elektriker Jürgen Potzkothen der Star Johnny Flash wurde ... Beste Grüße vom Gemeinwesen.
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22.05.2006, 10:11 Uhr von MasterT86
Bewertung: sehr hilfreichSuper Einschätzung von dir zum film. Lg Tobias
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22.05.2006, 02:35 Uhr von blackangel63
Bewertung: sehr hilfreich°°°°SEHR HILFREICH°°°°LG°°°°ANJA°°°°
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22.05.2006, 00:04 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße Edith und Claus
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21.05.2006, 23:48 Uhr von Estha
Bewertung: sehr hilfreichklasse geschrieben ... sh... @};----..lg susi
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21.05.2006, 23:45 Uhr von Power_Surfer
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich... lg patrick
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21.05.2006, 23:35 Uhr von Django006
Bewertung: sehr hilfreichsh & *lg* Alan :>))))
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21.05.2006, 23:27 Uhr von Madrianda
Bewertung: sehr hilfreich+++SH+++ VG Beate :-)
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21.05.2006, 23:16 Uhr von HiRD1
Bewertung: sehr hilfreichSH. Gruß, Ralf
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