Schönhauser Allee (Taschenbuch) Testbericht

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ab 4,83
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Erfahrungsbericht von Elslaesstgruessen

Berlin ist hip

Pro:

Ortsbezogen, BERLIN, unterhaltsam

Kontra:

ein bisschen zu trivial, nur unterhaltsam, null Anspruch, simpel.

Empfehlung:

Ja

Hey Folks,

Wenn man versucht, mir deutsche Bücher schmackhaft zu machen, muss man normalerweise ziemlich viel Geduld mitbringen, da ich einfach mal viel lieber britische oder amerikanische Bücher lese. Bei diesem Buch hat es jedoch wieder mal nur einen Bericht bei CIAO gebraucht (Grüße gehen an URGS2001) und ich war wieder um ein Buch reicher. Und zwar um Wladimir Kaminers „Schönhauser Allee“.

Es sind rund 50 kurze Kurzgeschichten (!), die wohl mehr oder weniger auf wahren Begebenheiten rund um das Leben der Schönhauser Allee, Berlin-Prenzlauer Berg, spielen. Sehr viele davon sind einfache Alltagserlebnisse, die eigentlich überall passieren könnten, so zum Beispiel Geschichten um seine wirklich internationalen und interessanten Nachbarn, Begegnungen mit Fremden oder Freunden, oder Stories aus dem Familienleben. Jedoch sind sie Örtlichkeiten immer auf die Gegend der Schönhauser festgelegt, so dass die bildhaftigkeit der Erzählungen noch größer wird.

Die Geschichten
Man darf wirklich keine tiefgründigen, hochphilosophischen Ergüsse erwarten, denn es sind wirklich ziemlich einfach gestrickte und leicht oberflächliche Erzählungen, oft einfach beschriebene Beobachtungen. Nur für den Inhalt muss man dieses Buch also ganz bestimmt nicht lesen. Man kann es aber sehr gerne lesen, wenn man an recht trivialer Unterhaltung Gefallen findet und sich vor allem an der Einfachheit nicht stört. So ziehen sich die einzelnen Geschichten auch nur über vier, fünf Seiten hin. Berlin ist ja auch eine Stadt der öffentlichen Verkehrsmittel und so stellt sich mit diesem Buch zum Beispiel eine perfekte U-Bahn-Lektüre dar, da die Stories kurz sind, also mal eben auf dem Weg von der Arbeit nach Hause einzuschieben sind und auch keine große Konzentration notwendig ist. Mitdenken muss man nicht. Einfach nur Lesen und unterhalten lassen.

Sprache
Was dieses Buch ausser dem Inhalt auch noch so einfach macht, ist die Sprache. Am Anfang hat sich mich wirklich gestört, nach einer Weile gewöhnt man sich daran, und man lernt es zu schätzen. Sie ist nämlich wirklich dem Inhalt angepasst und sehr sehr sehr sehr simpel gehalten. Ich hab leider keine Ahnung, in welcher Sprache die Originalfassung geschrieben wurde, aber irgendwo muss die Sprachbarriere ein großes Hindernis dargestellt haben. Nun ist der Schreiber ja Russe, da er in Deutschland lebt, kann er aber auch deutsch. Jedoch bestätigt er selber, dass er es ziemlich gebrochen spricht. Nun – hat er es auch im Original in deutsch geschrieben, dann ist es nicht weiter verwunderlich. Man kann ja auch nicht erwarten, dass jemand in einer Fremdsprache extrem anspruchsvolle Syntax und Wortwahl nutzt. Okay, sehe ich ein. Hat er es in russisch geschrieben – okay, bei so einer Übersetzung kann schon mal so einiges an Wortgewandtheit verloren gehen.... Tstststs... Okay, meinetwegen, wie auch immer, aber wenn man eine Sprache nicht richtig kann und trotzdem ein Buch schreiben möchte, dann sucht man sich bitte jemanden, der es besser kann und es für einen macht. Ich mein, es ist nicht so, dass es irgendwie falsch geschrieben ist, dass es nur so vor grammatikalischen Fehlern wimmelt, bestimmt nicht. Es ist aber so, dass ich es ohne Bedenken an amerikanische Freunde schicken kann, die gerade mal ein paar Jahre Deutsch gelernt haben und sie werden es dank der Einfachheit ohne Probleme lesen können. Damit eignet es sich nur einmal mehr als perfektes Stadtbuch: Man kann es dank unnötigem Konzentrationsaufwand auch in hektischer Umgebung lesen, wo man ab und zu mal abgelenkt wird und kommt sofort wieder rein und man kann es auch nach einem langen Tag als Gute-Nacht-Lektüre lesen und auch noch den Inhalt nachvollziehen, selbst wenn man eigentlich schon im Halbschlaf ist. Aber auf literarischer Ebene macht es eben nicht viel Spaß zu lesen, weil es eben einfach nur simpel ist und null Anspruch erwartet.

Humor
Nun ja, wenn der Anspruch schon nicht in der Sprache zu finden ist, braucht man ihn im Humor auch nicht zu suchen. Auch hier war ich zunächst sehr genervt von den offensichtlichen, gewollt – aber – pseudo – witzigen Bemerkungen, aber auch hier, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat und sich damit abgefunden hat, lernt man auch dies als Vorteil zu schätzen und tut es eben als leichte Unterhaltung hab. Vielleicht bringt einen das Buch mal zum Lächeln, aber mehr schafft es nicht. Jedenfalls nicht bei Leuten, die vielleicht einen ähnlichen Humor haben wie ich, der dann schon ein bisschen spitzer, schwärzer, versteckter und nicht á la „ich kenn da so einen Witz“ sein sollte. Besonders heftig fand ich ja dann aber, als genau der gleiche Witz ein zwei Geschichten vorkam... (Vgl.: „Diese exotischen Gerüche, die unser Haus erfüllen, sind schwer zu beschreiben. Ich stelle mir dabei einen frittierten Hund mit Ananas vor“ Seite 13, und dann auf Seite 23: „Der süß-fleischige Geruch, der sich bei uns im Treppenhaus verbreitet, lässt mich an so exotische Sachen denken, wie gebratener Hund mit Ananas oder geräucherte, in Honig eingelegte Tauben.“ Na ha ha. Ha. )

Erzählerperspektive
Das ganze Buch ist einer sehr glaubwürdigen persönlichen Erzählung gehalten, also man nimmt dem Autor ab, dass es vielleicht autobiographisch sein könnte und dadurch auch, dass die Geschichten denn so alle wahr sein könnten. Dadurch bauen sich auch Sympathien auf, die dann die rechtlichen Schwächen ein bisschen entschuldigen können und verzeihbar machen.

Berlin!!!
Also bisher klingt es ja alles so gar nicht empfehlenswert. Und trotzdem hab ich bei empfehlenswert ein JA angeklickt, denn es gibt tatsächlich eine bestimmt Gruppe von Menschen, denen ich das Buch wirklich empfehlen kann. Nämlich Leute, die in Berlin wohnen oder mal wohnten und sich in dieser Gegend der Schönhauser Allee ein bisschen auskennen. Denn es sind wirklich sehr viele sehr konkrete Ecken bezeichnet, man erkennt verschiedene Läden wieder und das macht wirklich Spaß zu lesen. Es wird etwas erzählt, und man kann genau nachvollziehen, wo sich „das lyrische Ich“ gerade befindet, man kann den Weg verfolgen und im Prinzip mit ihm gemeinsam die Sachen erleben. Hier hab ich dann aber auch gleich noch ein bisschen Kritik anzubringen – man muss die einzelnen Läden der Schönhauser Allee-Arcaden nicht wirklich ständig beim Namen nennen und auch das Cinemaxx braucht diese ständige Werbung in einem Buch nicht. Wenn man kleine Dönerläden beim Namen nennt, kann man das vielleicht als Kult bezeichnen, aber diese Konsumtempel sind nicht so hip, dass man sie ständig in Erinnerung gerufen braucht. Ein paar mal ist es auch hier ganz unterhaltsam, eben auch weil man wieder genau weiß, wo sich die Geschichte gerade abspielt, aber nicht auf Dauer und ständig.

Deswegen –
Wenn ihr Berlin kennt und den Prenz`l Berg mögt und ein bisschen Zeit und Geld übrig habt und euch einfach nur unterhalten lassen wollt, dann kann ich es Euch getrost empfehlen und ihr könnt es gerne lesen. Für alle anderen – da kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wie es so ein Buch nun so hoch in die Bestsellerlisten schafft, ein Pflichtbuch ist es ganz bestimmt nicht... Aber es kann Spaß machen, wenn man sich drauf ein lässt und eine Beziehung dazu herstellen kann.

Berlin rulez – Els lässt grüßen.

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