Blaue Wunder (gebundene Ausgabe) / Ildiko von Kürthy Testbericht

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ab 9,36
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Erfahrungsbericht von linnie

Elli - unsere deutsche Bridget

Pro:

locker-flockig geschrieben, unterhaltsam und trotz aller Klischees doch lebensnah, sympathische Romanheldin als Identifikationsfigur zum Mitfühlen und MItleiden, erfrischender Humor

Kontra:

die Tagebucheinträge und Ellis Probleme erinnern doch stark an Bridget Jones, die Zeitsprünge irritieren ein wenig, mit 17,90€ recht teuer für ein zweistündiges Lesevergnügen

Empfehlung:

Ja

Ildiko von Kürthy gehört in Deutschland zur neuen Generation der Schriftstellerinnen im modernen Frauenbuchgenre. Sie schreibt Romane, die man nicht hinter Umschlägen verstecken muss wie bei Hera Lind, weil es einem peinlich ist, dass man sie liest, nein, man kann sich offen und selbstbewusst mit einem Ildiko von Kürthy Roman in die Straßenbahn setzen und lauthals loslachen. Mit "Blaue Wunder" hat die Stern-Journalistin nun ihren vierten Roman veröffentlicht.


** Wundervoller Inhalt
Elisabeth Dückers, kurz Elli genannt, ist 32 Jahre jung und träumt von Konfektionsgröße 38. Bei einem Unfall hat sie ihren Traummann Martin Gülper kennen gelernt, doch bereits nach zweiwöchiger Beziehung hat er sich wieder von Elli getrennt, weil überraschend seine Verlobte Astrid "Stumpi" Crüll aufgetaucht ist. Aus beruflichen Gründen ist Elli, die in einem Reisebüro arbeitet, nach Hamburg gezogen, wo sie bei dem schwulen Halbtürken Erdal wohnt. Erdal stellt für Elli in ihrer schwierigen Zeit des Liebeskummers einen großen Rückhalt dar, da ihre beste Freundin Petra zur Zeit in Goa (Indien) ist. Mit ihr kann sie demnach nur über das Internet kommunizieren. Gemeinsam denken sie sich einen dreiwöchigen Schlachtplan aus, in welchem Elli einige Kilos abnehmen und ihren Traumprinzen Martin zurückgewinnen soll. Denn in drei Wochen will er zusammen mit seiner Verlobten nach Bielefeld ziehen.

Da Erdal ebenfalls einige Kilos zu viel auf den Rippen hat, starten sie ihre Fastenzeit gemeinsam, doch stellen sie schnell fest, dass Sekt eigentlich entschlackend wirkt und demnach auf jeden Fall Diät-unterstützend eingesetzt werden kann. Auch ein Hamburger TS ist weiterhin erlaubt, immerhin kann man anschließend Linsen essen, die negative Kalorien haben, sodass man immer mehr abnimmt, je mehr man davon isst.

Zum Schlachtplan gehört selbstverständlich auch der altbekannte Trick, dass Martin eifersüchtig gemacht werden muss, dazu verabredet sich Elli mit Petras sterbenslangweiligen Cousin Bert, der sich natürlich Hals über Kopf in Elli verliebt und ihr gar nicht mehr von der Pelle rücken mag. Doch auch Martin scheint angebissen zu haben, aber ob er seine Verlobte Astrid sitzen lassen wird, um sich für Elli zu entscheiden?! Wer weiß...


** Buchkritik
Ildiko von Kürthy ist sich wieder einmal treu geblieben, sämtliche altbekannten Stilelemente aus ihren früheren drei Büchern sind auch in "Blaue Wunder" wieder zu finden. Elli ist die Ich-Erzählerin dieses Romans, die mit dem Leser ihre Gedanken und Sorgen teilt. Da das Buch nur 250 Seiten umfasst, hält sich von Kürthy nicht mit langen Umschreibungen auf, sondern geht direkt in medias res. Gleich auf den ersten Seiten erfährt der Leser einiges über Ellis Männerprobleme, die momentan alle mit Martin Gülper zusammen hängen, mit dem sie eine kurze, aber heftige Beziehung hatte, bis sie auf der Dachterrasse mit anhören musste, wie Astrid ihren Verlobten zurückgewinnen wollte. In diesem Moment zerplatzt Ellis Seifenblase und aus ist der Traum von ihrer gemeinsamen Zukunft mit Martin. Ihr Schicksal ist herzerweichend, denn zu ihrem Liebeskummer kommen die aus Frust angefutterten neuen Pfunde hinzu, die sie von Kleidergröße 38 noch weiter entfernen. Schnell kommt einem beim Lesen der Gedanke an Bridget Jones, die die gleichen Probleme zu haben scheint.

Die Erzählweise in diesem Buch ist einmal mehr höchst persönlich, eingefärbt aus Ellis ganz eigener Sicht, die einem sämtliche Personen gefühlsbetont vorstellt. So bekommt man ein recht gutes Bild der Romanfiguren, wobei die beschriebenen Charaktereigenschaften allerdings aus Ellis subjektiver Sicht erzählt werden, sodass man natürlich keine objektive Beurteilung erwarten kann. Die handelnden Figuren werden einem dabei auf sehr unterhaltsame und erfrischende Weise nähergebracht, wobei kaum ein Klischee ausgelassen wird. Hier wohnt Elli beim verständnisvollen schwulen Türken mit Gewichtsproblemen und Hypochonderneigungen, während ihre beste Freundin auf dem Selbstfindungstrip und zum Meditieren in Indien zu Besuch ist. Obwohl von Kürthy in geradezu überschwänglicher Weise Klischees bedient, nimmt man ihr das kaum übel, da die Episoden trotz alledem einfach lebensnah sind. So verrückt und kurios die Geschichten und Personen in Ildiko von Kürthys Romanen auch anmuten, so unglaublich menschlich wirken sie doch auf den zweiten Blick. Von Kürthy greift immer wieder auf weibliche Alltagssorgen zurück, die die meisten Frauen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal durchgemacht haben.

Durch den Einsatz der Ich-Erzählerin wird das Buch zu einem persönlichen Leseerlebnis, da man Anteil hat an Ellis gesamter Gefühlswelt und ihre Meinungen und Sichtweisen übernimmt, weil man keine andere kennen lernt. Mit Elli kann man sich schnell in vielen Punkten identifizieren, da sie die Probleme der weiblichen Leserschaft auslebt und auf den Punkt bringt. In vielen Szenen und Sätzen findet man sich wieder, von Kürthy hat hier Gedanken zu Papier gebracht, die ich mir beispielweise schon oftmals gemacht habe. Dass die Hauptperson in ihren Romanen fehlerhaft und normal ist, ist sicherlich ein Punkt, der ihren Erfolg ausmacht. Die Distanz zwischen Ich-Erzählerin und Leser(in) wird dadurch schnell überbrückt.

S. 68: "Was ein gelernter Visagist innerhalb einer Stunde aus einer eher fahlen Epidermis, durchschnittlich kurzen Wimpern und störrischem Deckhaar zaubern kann, ist unglaublich. Als würde man einen Spitzenkoch zusammen mit drei mehlig kochenden Kartoffeln in die Küche einsperren, und er kommt nach einer Stunde mit einem exquisiten Dreigängemenü raus."

Der Unterschied zwischen guten und peinlichen Frauenromanen liegt für mich neben dieser persönlichen Note in der locker-flockigen Sprache, die sehr gut beobachtete Dinge beschreibt. Faszinierend finde ich es immer wieder, dass von Kürthy Gedanken und Beobachtungen aufschreiben kann, die jedermann kennt, die er aber nicht in so erfrischende Worte hätte fassen können, ein Beispiel von vielen:

S. 10: "Warum den Mann, den man liebt, gleich zu Anfang überfordern? Man erzählt ja auch nicht beim ersten Date, dass man einen eingewachsenen Zehennagel hat, vier Jahre vergebliche Therapieerfahrung und einen Vetter, der bei Jeanette Biedermann Schlagzeuger ist. Solcherlei die knospende Beziehung unnötig belastenden Informationen muss man behutsam dosieren."

Von Kürty bringt es auf den Punkt, natürlich hat sie Recht, solche Informationen dosiert man gut, dennoch hätte wohl kaum jemand den eingewachsenen Zehennagel als Beispiel angeführt. Diese leichten Überspitzungen führen an vielen Stellen im Buch dazu, dass man laut lachen oder doch zumindest lächeln muss, weil das Buch einfach nur amüsant geschrieben ist. Kein Satz wird langweilig, kein Satz ist kompliziert zu lesen. Wie kann er auch kompliziert sein, wenn er doch Ellis Gedanken entspringt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, endlich Nietzsche und Musil zu lesen?

S. 87: "Erst wenn ich von Nietzsche "Also sprach Zarathustra" und von Musil "Der Mann ohne Eigenschaften" durchgelesen habe, darf ich mir danach zur Belohnung wieder ein Buch gönnen, auf dem ein Cottage vor der Landschaft Cornwalls abgebildet ist."

Das Buch beginnt in der Zeit nach der Trennung von Martin, zwischendurch eingeschoben finden sich darüber hinaus Tagebucheinträge von Elli. Bridget Jones-Fans erkennen natürlich schnell die Parallelen, die sich in Ellis Gewichts- und Männerproblemen fortsetzen. Während Bridget mehr oder weniger penibel ihr Gewicht und ihre Zigaretten- und Alkoholeinheiten notiert, schreibt Elli über jeden Tagebucheintrag Zeit, Ort, Stimmung und weitere Aussichten auf. Die Ähnlichkeiten zu Bridget Jones sind mir persönlich zu deutlich geworden, auch wenn ich verstehe, dass von Kürthy auf der Erfolgswelle der Bridget Jones-Bücher mitschwimmen möchte. Dennoch bin ich der Meinung, dass von Kürthy in ihren anderen Romanen bislang ihren ganz eigenen Stil verfolgt hat und solche Anleihen nicht gebraucht hätte.

Die Tagebucheinträge fand ich persönlich etwas störend, da sie zu einer Zeit geschrieben sind, als Elli ihren Martin kennen gelernt und die ersten glücklichen Tage mit ihm verlebt hat. Dadurch gibt es im Buch immer wieder Zeitsprünge in die nahe Vergangenheit, die etwas unpassend und verwirrend waren. Man hätte die Informationen über Martin sicherlich etwas geschickter einflechten können, ohne auf die zurückliegenden Tagebucheinträge zurückgreifen zu müssen.

Aufgepeppt wird das Buch durch eingeschobene schwarz-weiß-Fotos, die passend zur jeweiligen Situation einen Gegenstand oder eine Person zeigen, die zur gerade erzählten Geschichte gehören. So übernimmt ein Foto schließlich am Ende sogar den alles entscheidenden Schlusssatz.

** Fazit
Trotz des recht hohen Preises von knapp 18 Euro für das seitenarme gebundene Buch lohnt sich die Ausgabe in jedem Fall, da man sich dadurch einen äußerst vergnüglichen Leseabend bescheren kann. Beim Lesen vergisst man alle Zeit und auch das verregnete Wetter draußen, dann zählt nur noch Elli mit ihren Sorgen und dass sie am Ende hoffentlich doch in Größe 38 ihrem Traumprinzen gegenübersteht. Insgesamt fand ich „Blaue Wunder“ im Vergleich zu von Kürthys früheren Romanen etwas schwächer, so wird sie an den Erfolg von „Mondscheintarif“ eventuell nicht wieder anknüpfen. Doch nur kleine Dinge sind zu bemängeln, sodass ich das Buch trotzdem uneingeschränkt an alle (weiblichen) Fans des Genres weiterempfehlen kann.


Blaue Wunder von Ildiko von Kürthy
erschienen bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN: 380520776X
Preis: 17,90 Euro
250 Seiten

63 Bewertungen, 3 Kommentare

  • BePunkt

    21.05.2006, 18:15 Uhr von BePunkt
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wow ! Sehr, sehr hilfreich und total ausführlich. Richtig klasse ! Lieben Gruß, Lena B.

  • StarlightII

    04.01.2005, 20:47 Uhr von StarlightII
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das lese ich auch gerade, bin zur Zeit auf der Hälfte des Buches angekommen - aber ich muss sagen, bisher gefiel mir "Freizeichen" noch etwas besser...?! LG Julia

  • Travelwriter

    04.01.2005, 20:42 Uhr von Travelwriter
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich könnte mir vorstellen, das man diesen Roman gut verfilmen könnte. lg Andreas