Der gelbe Vogel (Taschenbuch) / Levoy Myron Testbericht

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Erfahrungsbericht von LilithIbi

Gestern Feind, heute Freund....morgen Feind?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Das Buch, über das ich nachfolgend berichten werde, habe ich bereits zweimal gelesen ~ und doch hat es nichts an seiner „Besonderheit“ verloren; obschon man beim erneuten lesen natürlich schon weiß, was passiert und eben auch, wie die Zeilen enden schafft es dieses Werk, wieder und wieder zu berühren; den Leser aufzurütteln und gleichwohl ein wenig zu verstören.


//DAS WERK AN SICH//

trägt den Titel „Der gelbe Vogel“ und ist erstmalig bereits 1977 unter dem Titel „Alan und Naomi“ erschienen, fand den Weg nach Deutschland jedoch erst im Jahre 1999.

Gekauft habe ich dieses Buch schon vor längerer Zeit, so dass ich zu dem Preis nicht mehr wirklich was sagen kann ~ mittlerweile gibt es das einstige Hardcoverlesewerk aber auch in x-facher Taschenbuchausführung zu unterschiedlichen Preisen. Bei Amazon.de kann man schon an ca. 1 EUR fündig werden.

Von dem Autoren Myron Levoy ist mir kein weiteres Werk bekannt, was aber an und für sich über sein „Produkt“ nichts aussagen soll.


//DIE STORY und dessen UMSETZUNG//

Im Grunde handelt auch dieses Buch von den Folgen des Naziregimes; ohne dass man auch nur auf einer einzigen Seite das Gefühl hat, etwas „bereits abgegriffenes“ zu lesen.

Naomi Kirschenbaum musste miterleben, wie die elterliche Wohnung von Nazis gestürmt wurde und ihr Vater regelrecht hingerichtet wurde ~ nunmehr lebt sie, inzwischen 12jährig, in vermeintlicher Sicherheit in New York.

Schon hier klingt es nach Happy-End... doch so einfach ist das nicht.

So einfach ist das alles nicht ~ und genau dieser Satz könnte die zentrale Aussage des Buches sein.

Naomi gilt im Wohnhaus als „Verrückte“, eben weil sie stets und ständig auf den Treppenstufen des Hauses sitzt, Papier in Fetzen reißt, mit niemanden spricht und beinahe vor jedem Fremden in die Wohnung flüchtet.

Im gleichen Haus wohnt Alan Silvermann, der nach einer Weile von seiner Mutter gebeten wird, sich Naomi anzunehmen; sie zu besuchen, mit ihr zu spielen ~ zu versuchen, ihr Vertrauen zu erhaschen, damit aus ihr „wieder ein normales, fröhliches Mädchen wird, was auch wieder zur Schule gehen kann.“

Alan ist hin und hergerissen, besucht Naomi aber schließlich doch, um seiner und eben auch Naomis Mutter diesen Gefallen zu tun. Die Besuche verlaufen recht zermürbend, da Naomi sich keinesfalls über Alans Anwesenheit zu freuen scheint ~ vielmehr beachtet sie ihn gar nicht, schweigt und wirkt so, als würde sie überhaupt nicht mitbekommen, dass sich noch jemand im Zimmer aufhält. Schlimmer noch: als Alan sich „bemerkbar“ macht, verkriecht sich Naomi unter ihr Bett und fängt an auf französisch (ihre Heimatsprache) nach ihrer Mutter zu rufen.

Nichtsdestotrotz lässt sich Alan nicht beirren und besucht Naomi weiterhin; auch wenn er sich selbst fragt, was das ganze eigentlich bringen soll. Doch als er eines Tages seine Bauchrednerpuppe „Charlie“ mit zu Naomi bringt, scheint er endlich einen Teilerfolg verbuchen zu können: Naomi verabschiedet sich anschließend von „Charlie“ und verspricht, beim nächsten Besuch auch ihre Puppe „Yvette“ hervorzuholen.

Doch so einfach ist das nicht.

Obschon Naomi beginnt, sich über „Yvette“ mit „Charlie“ zu unterhalten, sind diese Besuche von Rückschlägen nicht gefeit. Immer dann, wenn Alan versucht, Naomi direkt anzusprechen, verfällt diese in ihre Lethargie und beginnt wieder, Papier zu zerreißen.
„Yvette“ bezeichnet Naomi als „tot“; und somit ist es für Alan schon ein Fortschritt, dass „Yvette“ irgendwann dazu übergeht, dass Naomi lediglich „irre“ sei.

Nach und nach schafft es Alan jedoch tatsächlich, Naomis Vertrauen zu erlangen ~ die Puppen verschwinden aus den Besuchen; und Naomi verlässt mit Alan später sogar das Haus, um mit ihm sein gelbes Modellflugzeug starten zu lassen.
Naomi hat hierbei sichtlich Spaß; lachend verfolgt sie dem Spielzeug, welches sie liebevoll „gelber Vogel“ (l'oiseau jaune) getauft hat.

Happy end? Nein, denn so einfach ist das nicht.

Schließlich gibt es da noch Alans Kumpels, die stets und ständig Naomi verspotteten ~ und Alan verschweigt diesen, dass er sich mit Naomi trifft. Zum einen weil er Angst hat, ebenfalls verhöhnt zu werden, und zum anderen, weil jungs in seinem Alter sich nun mal nicht mit Mädchen abgeben. Alan impft Naomi ein, dass er und sie eine Art Geheimfreundschaft hätten. Selbst seinem besten Freund Shaun sagt er nicht, wo er nachmittags hingeht, sondern behauptet, das er für seine Mutter was zu erledigen hätte, was im weitesten Sinne ja auch richtig ist.

Doch weder Naomi noch Shaun sind so naiv, wie Alan sich dies wohl erhofft hatte. Naomi spricht Alan unverblümt darauf an, dass sie weiß, dass es „wegen seinen Freunden“ ist; und Shaun ertappt Alan und Naomi auf frischer Tat. Tatsächlich entzweien sich daraufhin die Wege Shauns und Alans, aber aus völlig anderen Gründen als Alan sie befürchtete.
Shaun beschreibt seine Entscheidung, mit Alan nichts mehr zu tun haben zu wollen, wie folgt:

„Du hast mir nicht vertraut. Ich bin dein Schlagball-Kumpel. Stimmts? Dein Flugzeug Kumpel. Aber dein Freund – bin ich nicht.“

Alan schämt sich für sein Verhalten; dafür, dass er Shaun, den er fast als Bruder bezeichnete, nicht eingeweiht hat; das er daran zweifelte, dass Shaun in würde verstehen können. Die Erkenntnis, dass Shaun vermutlich genauso für Naomi da gewesen wäre wie er selbst, kommt zu spät ~ der Bruch der Freundschaft scheint irreparabel.

Demnach widmet sich Alan noch mehr Naomi und freut sich über ihre Fortschritte, die sie ebenfalls in der Schule, die sie mittlerweile wieder besucht, verbuchen darf.

Doch so einfach ist das nicht.

Myron Levy umschreibt das Folgegeschehen mit den Worten:
“Bis Freitag ging alles gut. (...) Jeden Tag wurde sie unabhängiger von ihm, und so war es ja auch gut. Alles verlief reibungslos. Bis Freitag.“



//WEITERES//

Ich habe bewusst die Geschehnisse der letzten Seiten des Buches offen gelassen, eben weil ich denke, dass dies jeder selbst lesen muss.

„Der gelbe Vogel“ schafft es, nicht nur einfach trocken und nüchtern von „Folgeschäden“ des Naziregimes zu berichten, sondern gleichwohl auch Tragik, Komik und Dramatik einzubinden, ohne dass die Erzählung zu bebildert wirkt.

Gleichwohl fühlt sich der Leser regelrecht in die Geschehnisse integriert; es drängen sich regelrecht Bilder auf wenn man den Szenen begegnet, in denen Naomi sich schreiend und weinend unter ihrem Bett versteckt, sich auf den Boden wirft; den Szenen, in den sie wieder und wieder und scheinbar wie besessen Papier zerreist ~ und erst recht in der Szene, in der Alan endlich erfährt, welches Geschehnis diesem Verhalten zugrunde liegt.

Gleichzeitig erzählt „Der gelbe Vogel“ von den zwischenmenschlichen Konflikten; insbesondere beschreibt es die mannigfaltige Zwickmühle, in der Alan sich bewegt.

Auf der einen Seite ist er ein einfacher 12jähriger Junge, der seinen Spaß haben will und lieber mit seinen Kumpels Schlagball spielen würde als mit einer gleichaltrigen auf dem Niveau einer 8jährigen in einem Zimmer zu hocken und Alleinunterhalter zu spielen. Auf der anderen Seite sieht er diese „Aufgabe“ auch als gewisse Herausforderung; und nicht zuletzt ist es ja auch seine Mutter, die ihn zu diesem Gefallen drängt.

Doch nach und nach haben seine Besuche bei Naomi nichts mehr mit einer Gefälligkeit zu tun; er freundet sich tatsächlich mit Naomi und an verbringt gerne seine Zeit mit ihr. Dass seine Mutter und eben auch Naomis Mutter sich ständig bei Alan bedanken, betonen, wie nett es ist, dass er seine Freizeit und einen Teil von sich selbst aufopfert versetzt ihn in Wut; eben weil er sich längst nicht mehr dazu zwingen muss, die Kirschenbaums zu besuchen.

Auf der einen Seite macht es Alan wütend, dass die Mütter seine Freundschaft zu Naomi nicht anerkennen, auf der anderen Seite befürchtet er gleichzeitig, dass seine Kumpels eben diese aufdecken. Alan verrennt sich in ein Lügenkonstrukt und entfernt sich unbewusst immer weiter von seinem besten Freund Shaun, bei dem er sich einfach nicht sicher ist, ob er diesen „einweihen“ soll oder lieber nicht. Shaun ist der personifizierte Fall von „Harte Schale, weicher Kern“; einerseits ist dieser ernst, ein wenig herablassend und zum Teil auch sensibel; auf der anderen Seite gibt er sich cool und macht dauernd Späße auf andererleuts Kosten.
Das Alan bis zum bitteren Ende Shaun nichts von Naomi erzählt hat, nimmt dieser ihm sehr übel ~ die Freundschaft zerbricht an mangelnden Vertrauen.

Ferner gibt es da noch einen Mitschüler namens Joe, der Alan das Leben auch nicht grade erleichtert. Da Alan ebenfalls Jude ist, beschimpfte Joe Shaun andauernd als „Jud-Friend“ und ließ keine Gelegenheit aus, Alan oder Shaun zu provozieren ~ und sei es nur, dass er die beiden Freunde als die „Unzertrennlichen“ titulierte. Nachdem Shaun und Alan getrennte Wege gehen, verliert Joe vorerst das Interesse an seinen Attacken, fängt nach einer Weile aber erneut an, zumal Alan jetzt keinen „Leibwächter“ mehr zu haben scheint. Gegen Schluss seiner Rede spuckt Joe Alan stets vor die Füße und geht weiter ~ bis er sich dann wieder etwas neues einfallen lässt.

Insgesamt betrachtet geht es also eigentlich nicht nur um die traumatischen Erlebnisse Naomis und darum, wie sie anschließend in der putativen Sicherheit damit umgeht. Vielmehr geht es auch darum, wie ALLE ANDEREN mit den Geschehnissen, um nicht zu sagen, „mit der Situation“ umgehen ~ und eben darum, wie die Menschen mit den Menschen umgehen, die wirklich mit der Situation umgehen und nicht nur am Rande daran teilnehmen bzw. dem ganzen aus dem Weg zu gehen versuchen.

Die Erzählung Levoys ist keinesfalls eine, die so endet, wie die meisten sich das vermutlich gewünscht hätten. Ich für meinen Teil kann mir niemanden vorstellen – oder will es zumindest nicht – den dieses Buch völlig kalt lässt. Meiner Meinung nach ist der Schluss „genau richtig“, eben weil er so ist, wie er ist ~ es gibt nun mal Verletzungen, die so tief sind, dass sie niemals heilen können.

„Der gelbe Vogel“ erhielt 1982 den Jugendliteraturpreis, und in der Begründung hierin hieß es:
„Durch die eindringliche, lebendige Sprache – in der einfühlsamen Übersetzung getreu wiedergegeben – gelingt es Levoy vorzüglich, die schwierige Entwicklung Alans aufzuzeigen. Dieser vermag es, über seinen Schatten zu springen und die Hilfe für Naomi höher zu stellen als die für ihn doch auch wichtigen Spielregeln seiner Altersgenossen. Er beweist dabei Hilfsbereitschaft und Opferwillen. Der tragische Schluss hat erzieherische Bedeutung: Die Welt ist nicht heil, Menschlichkeit ist immer notwendig, doch garantiert sie kein glückliches Ende.“


//GROSSES KLEINES ERGO//

„Der gelbe Vogel“ ist ein Buch, welches ich uneingeschränkt empfehlen möchte ~ für wirklich jeden in der Welt.

Myron Levoys Buch ist wichtig, weil er der Versuchung widerstanden hat, die Geschichte zu einem guten Ende zu führen.

13 Bewertungen, 4 Kommentare

  • anonym

    16.10.2006, 20:04 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein schöner Bericht von Dir,LG Bernd

  • superlativ

    16.10.2006, 18:48 Uhr von superlativ
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe grüße!!!

  • morla

    15.10.2006, 23:56 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich

  • Nina1805

    15.10.2006, 22:32 Uhr von Nina1805
    Bewertung: sehr hilfreich

    super ausführlicher Bericht! Dafür gibts natürlich ein SH von mir. Lg, Nina!