Die weiße Löwin (Taschenbuch) / Henning Mankell Testbericht

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Erfahrungsbericht von luckynina

Wallander: ein Cop auf Abwegen?

Pro:

Wieder ein Mankell-Spitzenkrimi mit Niveau

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Ich glaub, mich hat’s erwischt: das Mankell-Fieber. Was für ein Glück, dass Teil drei der Wallander-Fälle mit 540 Seiten deutlich länger ist als die ersten beiden Fälle! Auch hier ist das Lesevergnügen ungebrochen.


° Inhalt

Es ist April, die ersten Frühlingstage sind angebrochen, und die Immobilienmaklerin Louise Akerblom wollte an diesem Freitag Nachmittag nur noch ein Objekt besichtigen, dann gemütlich die Uferstraße nach Hause fahren und das Wochenende mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Töchtern verbringen. Doch als sie sich verfährt und bei einem einsamen Haus nach dem Weg fragen will, geschieht das Unfassbare.

Drei Tage später. Robert Akerblom sitzt fassungslos Inspektor Wallander gegenüber und erklärt, dass seine fröhliche, aufgeschlossene, engagierte und religiöse Frau Louise verschwunden sei. Wallanders Gefühl sagt ihm gleich, dass hier mehr dahintersteckt als nur ein spontaner Besuch bei Freunden, den sie vergessen hatte, ihrer Familie mitzuteilen. Wenig später wird ihr Auto in einem Teich gefunden, doch von Louise fehlt weiter jede Spur. Dafür explodiert ein Haus in der Nähe eben dieses Teichs, und Wallanders Team findet äußerst seltsame Indizien: Einen abgetrennten Finger eines Menschen mit schwarzer Hautfarbe, ein Stück einer Pistole, wie sie nur in Südafrika hergestellt wird, und Teile eines starken russischen Funksenders.

Zur gleichen Zeit in Südafrika. Jan Kleyn und Franz Malan sind die Drahtzieher einer mittlerweile mächtigen Geheimorganisation, deren Ziel es ist, dem Volk der Buren wieder „ihr“ Land, Südafrika, zurückzuerobern, und alle Engländer und Schwarzafrikaner zu vertreiben oder auszurotten. Ein Attentat auf eine hochstehende Persönlichkeit ist geplant, und dies soll einen Bürgerkrieg auslösen, der schlussendlich den Buren wieder die Alleinherrschaft über Südafrika garantieren soll.

Doch was hat die Verschwörung am anderen Ende des Globus mit Schweden, Wallander, und der verschwundenen Louise zu tun? Im Zuge seiner Recherchen bringt Wallander nicht nur sich, sondern auch seine Tochter Linda in Lebensgefahr, und ist nach einer Nacht- und Nebelaktion plötzlich verschwunden.
Als Wallander wieder auftaucht, hat sich sein ganzes Leben schlagartig verändert. Wird er überhaupt noch so weiter machen können wie bisher?



° Autor

Der 1948 geborene Henning Mankell arbeitete als Schriftsteller und Regisseur in Schweden, bis er sich 1972 den Traum erfüllte, Afrika zu bereisen. Seither lebt er zur Häfte in Schweden, zur Hälfte in Mosambik.
Die Wallander-Fälle chronologisch: „Mörder ohne Gesicht“, „Hunde von Riga“, „Die weiße Löwin“, „Der Mann, der lächelte“, „Die falsche Fährte“, „Die fünfte Frau“, „Mittsommermond“, „Die Brandmauer“ und „Wallanders erster Fall“ – dieser Roman schließt die Wallander-Reihe ab.
In „Vor dem Frost“ debütiert Wallanders Tochter Linda als Polizeianwärterin.
Die Romane „Der Chronist der Winde“ und „Die rote Antilope“ spielen in Afrika.
Henning Mankell erhielt zahlreiche Preise, unter anderem wurde er als „Autor des Jahres 2002“ ausgezeichnet. Viele seiner Werke wurden verfilmt.


° Meine Meinung

Auch in diesem Roman um und über Wallander bin ich fasziniert von seiner starken und ansprechenden Persönlichkeit.
Als 44jähriger Kommissar hat er sicher schon viel Leid und Elend gesehen, doch jedes neue Verbrechen scheint ihm zu Herzen zu gehen, und er ist voll Mitgefühl den Opfern und Hinterbliebenen gegenüber. Er tigert sich geradezu in den Fall hinein, schläft kaum noch, und beschäftigt sich Tag und Nacht gedanklich mit seinem einzigen Ziel: den Täter so bald als möglich dingfest zu machen und den Fall aufzuklären.

An dieser Stelle möchte ich ausnahmsweise eine Textpassage zitieren, weil sie für mich eine der Schlüsselstellen für Wallanders Arbeitsweise, seine Einstellung und sein Mitgefühl ist.

* Leseprobe*

„Die meisten Menschen haben Geheimnisse“, sagte Wallander nach einer Pause. „Können Sie sich vorstellen, dass Louise Akerblom ein Geheimnis hat, das sie mit niemandem teilt, nicht einmal mit ihrem Mann?“

Pater Tureson schüttelte den Kopf.
„Gewiss, alle Menschen haben Geheimnisse“, antwortete er. „Oft sehr dunkle Geheimnisse. Aber ich bin überzeugt davon, dass Louise keines hat, das sie dazu bringen könnte, ihre Familie zu verlassen und diese ganze Unruhe auszulösen.“

Wallander hatte keine Fragen mehr.
Es stimmt nicht, dachte er wieder. Etwas an diesem perfekten Bild stimmt nicht.
Er erhob sich und dankte Pater Tureson.
„Ich werde mit den anderen Gemeindemitgliedern sprechen. Falls Louise nicht zurückkehrt.“
„Sie muss kommen“, sagte Pater Tureson. „Alles andere ist unmöglich.“

Es war fünf nach vier, als Wallander die Methodistenkirche verließ. Es hatte angefangen zu regnen, und er fröstelte im Wind. Im Auto blieb er einen Moment sitzen und fühlte, dass er müde war. Es war, als hielte er den Gedanken nicht aus, dass zwei kleine Mädchen ihre Mutter verloren haben sollten.

*Leseprobe Ende*

Der letzte Satz hat mich sehr berührt. So fühlt ein Vater, der selbst keine besonders gute Beziehung zu seiner Tochter hat und dies sehr bedauert. Ich bewundere hier auch Mankells Stil (ach, schade, dass ich nicht Schwedisch kann, ich würde das zu gern im Original lesen) – denn er schrieb nicht: „Er hielt den Gedanken nicht aus, dass zwei kleine Mädchen ihre Mutter verloren haben sollten.“ – sondern „Es war, als hielte er den Gedanken nicht aus….“
Ein kleiner Unterschied, gewiss, aber diese Nuance (wie viele ähnliche Stellen) hebt die Wallander-Krimis für mich aus der grauen Masse der vielen Schwedenkrimis am Markt.

Bei der Lektüre des dritten Falls wunderte ich mich darüber (was mir in „Mörder ohne Gesicht“ und „Hunde von Riga“ nicht auffiel), dass Wallander jeden sofort duzt und auch von jedem geduzt wird. Dieses Rätsel konnte ein Blick auf das Titelblatt der Bücher sofort lösen, denn Wallanders dritter Fall wurde von einem anderen Übersetzer übersetzt als die ersten beiden Fälle. Ich erfuhr daraufhin, dass in Schweden das „Du“ allgemein üblich ist. Gibt es überhaupt ein „Sie“ wie im Deutschen? Falls das jemand weiß, freue ich mich über Infos!

Obwohl ich schon einige Biografien über Nelson Mandela gelesen hatte, und mich auch sonst mit der Geschichte Südafrikas ein wenig auskenne, war ich doch fasziniert von Mankells Beschreibung der Geschichte der Buren, wie es zur Apartheid kam, und auch seine Einschätzung der (1992 aktuellen) politischen Situation. Nicht langweilig, aber doch sehr ins Detail gehend beschreibt er die Wechselwirkung der drei Völkergruppen Buren, Eingeborenenstämme und Briten – ohne Partei zu ergreifen, ohne zu sympathisieren. Der Leser spürt einfach, dass Afrika, insbesondere Südafrika Mankell sehr am Herzen zu liegen scheint, und man lernt auf unterhaltsame Weise viel über Geschichte und Politik dieses uns so fernen Landes. – Auch in diesem Punkt unterscheiden sich Mankell-Krimis deutlich von anderen Krimis!

Mankell scheint die Völkerverständigung, der zwischenmenschliche Friede und gegenseitiges Verständnis und Toleranz sehr am Herzen zu liegen. Auch dieser Krimi ist unterschwellig ein Plädoyer für mehr Verständnis und gegen den Rassenhass.

Zum Abschluss kann ich auch hier wieder nur empfehlen, die Krimis der Reihe nach zu lesen, da Mankell auch in diesem Roman immer wieder Hinweise auf die vorangegangen Fälle gibt und auch so manches Detail verrät.



° Fazit

Eine superspannende Story, gewürzt mit politischen Verschwörungen, ein paar Morden und einem Kommissar, der es jedes Mal aufs Neue versteht, den Leser durch seine hartnäckige und mitfühlende Art zu begeistern und mitzureißen.
Auch Teil drei der Wallander-Serie ist für mich uneingeschränkt empfehlenswert!

Erschienen u.a. bei dtv.
540 Seiten
ISBN 3423201509
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