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Erfahrungsbericht von schraddel

Wrangel-Kiez, Berlin-Kreuzberg

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Ich möchte heute mal über meine Lieblingsecke in Berlin schreiben, den Wrangel-Kiez im schönen Kreuzberg. Wer als Tourist in die Stadt kommt, sollte ihn unbedingt mal gesehen haben, denn hier gibt es noch ein Stück des "alten Kreuzberg", das von Wiedervereinigungsfolgen und Hauptstadtwahn weitgehend verschont geblieben ist.

Der Wrangelkiez hat seinen Namen von der Wrangelstraße, die sein Zentrum bildet. Die findet man nicht auf dem U-Bahn-Plan. Hin kommt Ihr mit der U1, Bahnhof Schlesisches Tor. Dort war früher das Ende der Welt, denn gleich dahinter kommt die Spree, und wenn man mit der U-Bahn noch ein Stück weiter bis zur Endstation fährt, befindet man sich bereits im ehemaligen Osten, im Bezirk Friedrichshain nämlich. Aber da wollen wir jetzt nicht hin, also steigen wir am Schlesischen Tor aus.

Unten im Freien angekommen, habt Ihr die Wahl, nach links oder rechts zu gehen. Gehen wir erst einmal nach links zur Skalitzer Straße. Gleich schräg gegenüber der U-Bahn findet Ihr ein empfehlenswertes (bis auf die Musik, die manchmal zu laut für eine gepflegte Unterhaltung ist) mexikanisches Restaurant, und ein Stück weiter vorne das "Kloster", eine Kneipe, die sich eher für die Abendstunden eignet, und in der noch nie jemand gearbeitet hat, der einen anständigen Cocktail mixen kann, weshalb man besser beim Bier bleiben sollte.

Ist beides nicht nach Eurem Geschmack, dann geht rechts herum in die Schlesische Straße. Dort findet Ihr gleich die 24-Stunden-Multikulti-Ecke: Eine Reihe von Imbissen und - besonders löblich - eine türkische Bäckerei, die 24 Stunden geöffnet haben. Außer in den Schulferien im Sommer, da hat die Bäckerei 24 Stunden zu, und das gleich vier Wochen lang. Während der übrigen 11 Monate ist sie jedoch die ideale Spätnachts-Selbstversorger-Stelle bei plötzlichem Heißhunger auf Süßkram, ebenso, wie man an den Imbissen von Mini-Pizza, Brathähnchen, asiatischer Nudelpfanne bis zum Döner das komplette Angebot findet.

Einmal im Jahr zur Love Parade ziehen scharenweise Leute an dieser Ecke vorbei, nämlich alle die, die mit der U-Bahn hier ankommen und zum "Nachfeiern" zu einer der Partys im Nachbarbezirk Treptow wollen. Die Inhaber der Imbissbuden nutzen das regelmäßig zur Reduzierung des Angebots und zur Erhöhung der Preise aus. Am nächsten Tag hat sich der Spuk allerdings wieder gelegt, alle haben ihr Geschäft gemacht und sind glücklich.

Ein kleines Stück weiter, noch vor der nächsten Straßeneinmündung, befindet sich ein italienisches Lokal, das ich wegen seiner Glasfront gerne als "Aquarium" bezeichne. Wenn es draußen dunkel ist, können einem die Fußgänger auf den Teller gucken, und sie tun es ganz unverhohlen. Wen das aber nicht stört, der kann hier recht gut und preiswert essen, ganz im Gegensatz zum Inder gleich gegenüber, der früher ein Grieche war, und bei dem ich das Essen weder damals noch heute guten Gewissens weiterempfehlen kann. Wer gutes indisches Essen möchte, muss nur wenige Meter weiter gehen und mal nach links gucken: Gleich neben dem "Pizza Max", einem wenig empfehlenswerten Lieferservice, befindet sich das "Koh-i-noor", der leckerste Inder vom Kiez (nun gut, es gibt nur zwei), und eines der wenigen Lokale, das nach der Euro-Umstellung nicht teurer wurde.

Zwischen den beiden Indern wird die Schlesische Straße von der Cuvrystraße gekreuzt, die hier in einer Richtung schon nach wenigen Metern an der Spree endet. Dort kann man unter Bäumen sitzen und die Aussicht auf die wiederhergestellte Warschauer Brücke genießen, über die die U-Bahn-Züge von West nach Ost (und natürlich auch umgekehrt) fahren. – Warum man die sieht, wenn es doch eine U-Bahn ist? Nun, an dieser Stelle ist die U-Bahn eine Hochbahn. Das geht so durch ganz Kreuzberg hindurch; erst in Schöneberg verschwindet sie unter der Erde. Trotzdem heißt sie aber U-Bahn, auch wenn sie oben fährt. In Kreuzberg geht man also, anders als anderswo, "zur U-Bahn rauf". Verstanden?

Gut. Genug ausgeruht. Gehen wir also die Cuvrystraße in die andere Richtung. Jetzt gelangen wir endlich an der Wrangelstraße an, von der dieser Kiez den Namen hat, und können uns entscheiden: Geradeaus, oder nach rechts einbiegen? – Die Obdachlosen, die am Briefkasten an der Ecke ihr Bier trinken, um einen Rat zu fragen, dürfte nicht viel Sinn haben, denn von ihnen erhält man zwar freundliche, aber in verschiedenen Graden alkoholisierte Auskünfte, auf deren Verlässlichkeit man nicht allzu sehr vertrauen sollte. Also sehen wir uns mal selber um.

Schaut man geradeaus, erspäht man mit scharfen Augen so etwas wie eine Mauer. Eine ziemlich lange Mauer. – Aber Moment mal, die müsste doch erstens hinter uns liegen, und zweitens steht die doch schon lange nicht mehr. Was ist denn jetzt los?

Hingegangen und nachgeschaut. Aha, die Mauer hat Lücken, durch die man reingehen kann. Und zwar in den Görlitzer Park. Hier, an seinem hinteren Ende, landet man gleich bei den Grillplätzen. Die befinden sich da, wo so seltsame Metallstangen als Markierung in den Boden gerammt sind, aber kein Schild weist darauf hin. Ein Stück weiter, unter den Bäumen, ist es viel gemütlicher, und zahlreiche holzkohlenschwarze Flecken weisen darauf hin, dass dort auch rege gegrillt wird. Wenn im Sommer die Parkwächter kommen, wollen sie einem zwar erzählen, dass das verboten sei und dreißig Mark koste (inzwischen vermutlich dasselbe in Euro); aber ich kenne niemanden, der jemals etwas bezahlt hätte.

Nehmen wir mal an, dass es zum Grillen heute zu kalt ist, und schauen die Straße vor dem Park entlang. Hier gibt es einige Bars und Kneipen, die allesamt Tische, Stühle und Bänke auf den Bürgersteig gestellt haben. Entsprechend viel ist hier los, denn sobald die Sonne scheint, sitzen die Berliner draußen – notfalls mit Felljacke, Mütze und Schal. Der Tourist, der keinen Eisbären zu seinen Vorfahren zählen kann und deshalb lieber drinnen sitzt, wird möglicherweise seltsam beäugt, aber letztlich auch bedient.

Doch hier ist der Kiez ja fast zuende, also zurück zur Wrangelstraße. Sie ist eine der eindeutig türkisch dominierten Ecken Berlins: türkische Imbisse, türkische Obst- und Gemüseläden, türkische Friseure, türkische Telefonshops, ein türkisches Internetcafé. Dazwischen Rewe, Penny, Kaisers und drospa. Der Copyshop wird niemals müde, hat meist bis Mitternacht geöffnet, und so wohl schon manche Seminararbeit der hier wohnenden Studenten gerettet. Ansonsten tauchen dort auch gelegentlich junge, dynamische Menschen aus einem der vielen kleinen New-Economy-Läden vom Spreeufer auf, die furchtbar schnell eine Photoshop-Datei in 172 dpi (nein, nicht 173) ausgedruckt haben möchten.

Als Berlin-Besucher sollte man sich Zeit nehmen, wenn man durch diese Straße spaziert, vielleicht irgendwo einen türkischen Tee trinken, und einfach die Leute beobachten. Hier sieht man Kreuzberger Leben live. Und ganz am Ende, an der Ecke, da ist dann die Bar. Sie hat auch einen Namen, aber den habe ich vergessen, entweder, weil alle nur "die Bar" sagen, oder wegen der dortigen Cocktails. Auf jeden Fall einen Abstecher wert; die Polsterstühle im hinteren Teil sind besonders gemütlich, und Essen kommt auf Wunsch aus dem angrenzenden Lokal an den Tisch, oder man geht einfach gleich innen durch. Vorsicht, die Riesen-Hamburger schmecken köstlich, vertragen sich aber nicht mit Caipirinhas.

Und damit lassen wir unseren Ausflug über den Kreuzberger Wrangel-Kiez gemütlich ausklingen...

Tschüß, und bis zum nächsten "Bericht aus Berlin"!

Euer Schraddel

13 Bewertungen, 5 Kommentare

  • langevolker

    20.04.2002, 15:11 Uhr von langevolker
    Bewertung: sehr hilfreich

    toller bericht.

  • Overloader

    07.04.2002, 23:37 Uhr von Overloader
    Bewertung: sehr hilfreich

    Berlin ist halt auch eine sehr schöne Stadt, allerdings, so finde ich etwas schmutzig! Guter Bericht!

  • KleineHexe82

    07.03.2002, 12:46 Uhr von KleineHexe82
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich war neulich 2 Tage mit dem Geschichte LK in Berlin...Leider wohnten wir total ausserhalb am Rand von Köpenick und es fehlte einfach die Zeit, um die richtig schönen Ecken zu finden...

  • Sellina

    04.03.2002, 19:37 Uhr von Sellina
    Bewertung: sehr hilfreich

    war ein netter Spaziergang mit dir ;-). Ich war so lange nicht mehr in Berlin, würde auch gern mal wieder hin. LG Sellina

  • hoffi-2

    04.03.2002, 19:26 Uhr von hoffi-2
    Bewertung: sehr hilfreich

    Werd ich bestimmt mal vorbeischauen, bin oft in Berlin zu Besuch...