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Erfahrungsbericht von Lachesis

American Psycho - Pervers oder genial?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Zeug liegt in der Ecke meines Schlafzimmers: ein Paar Damenschuhe von Edward Susan Bennis Allen, eine Hand, an der Daumen und Mittelfinger fehlen, die neue Ausgabe von Vanity Fair, mit irgend jemandens Blut bespritzt, ein Kummerbund, steif von geronnenem Blut, aus der Küche weht der Geruch von kochendem frischem Blut ins Schlafzimmer...

Ich habe vor wenigen Tagen ein Buch gelesen, besser gesagt verschlungen, das einen wirklich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ein Freund hatte es mir in die Hand gedrückt mit den Worten: \"Lies das unbedingt! Das ist total krank!\"
Es handelt sich um den umstrittenen Roman American Psycho von Bret Easton Ellis.

Story:

Der Roman spielt Ende der Achziger Jahre in New York. Hauptperson ist Patrick Bateman - jung, erfolgreich, wohlhabend, gutaussehend, wohl erzogen, intelligent und beliebt. Ein Vorzeigeamerikaner der neuen Generation. Tagsüber schefelt er Kohle in seinem Büro an der Wall Street, trifft sich mit Kollegen oder diversen Frauen in teuren Restaurants, geht ins Fitnessstudio, zur Massage, Pediküre. Abends in die best angesehenen Clubs von Manhattan.
Doch nachts ist Patrick ein brutaler und eiskalter Serienmörder, der mit kalter Grausamkeit und geradezu makabrer Kreativität bevorzugt junge Frauen quält und tötet...

Der Roman:

Das besondere ist, dass der Roman in der Ich-Form geschrieben ist. Patrick Bateman erzählt selbst die Geschichte seines Lebens, meist in einer Art Tagebuchform, später in zunehmendem Zeitraffer. Dabei scheint die Geschichte harmlos anzufangen. Man kennt und bezeichnet Patrick als \"den Jungen von nebenan\". Er hat eine Freundin und diverse Bekannte der gleichen Gesellschaftsgruppe. Was sehr auffällt ist die Oberflächlichkeit der geführten Gespräche, die selbst schon krankhaft erscheint und die ständige, peinlich genaue Aufzählung von Designerkleidung und Markenwaren, die für die handelnden Personen, die dadurch allesamt farblos und charakterlos bleiben, eine zentrale Rolle spielen.

Leseprobe 1:

...zudem sind da vier Frauen am Tisch uns gegenüber - alle höchst attraktiv, blond, vollbusig: eine trägt ein Schürzenkleid aus doppelseitiger Wolle von Calvin Klein, eine andere ein Strickkleid und eine mit Seidenfaille abgefütterte Jacke von Geoffrey Beene, die nächste einen Faltenrock aus Tüll mit passendem besticktem Samtbustier von Christian Lacroix, dazu Stöckelschuhe von Sidonie Larizzi, und die letzte ein trägerloses Pailetten-Abendkleid unter einem körperbetonten Jackett aus Wollcrêpe von Bill Blass...


Alle Figuren, auch Patrick selbst, sind mehr oder weniger abhängig von Kokain und diversen Beruhigungspillen, Aufputschmitteln und Antidepressiva.
Was weiterhin eine große Rolle im Leben dieser \"Yuppies\" spielt, sind gute Restaurants mit exklusiven Speisen und gutaussehende Frauen ohne ernsthafte Beziehungswünsche und besondere Intelligenz. Auch Patricks Freundin Evelyn, die er regelmäßig betrügt (und sie ihn ebenfalls) gehört in diese Kategorie.
Von Patricks Doppelleben ahnt sie ebenso wenig wie alle anderen.

Der Autor zeichnet so nach und nach ein sehr gut vorstellbares, deutliches, klares Bild vom Lebensumfeld Patrick Batemans. Es wirkt kalt und oberflächlich. Im Verlauf des Buches kommt dadurch Patricks kranker Geist immer mehr zum Vorschein. Zunächst gibt es nur Andeutungen, bis Patrick plötzlich aus heiterem Himmer das erste mal beschreibt was er mit seinem Klappmesser so alles anstellt. Ein alter Penner ist das erste Opfer, das den Leser mit der Brutalität und Grausamkeit Patricks konfrontiert. Weitere folgen, vor allem junge Mädchen - Hostessen - und einer seiner jungen Kollegen.

Leseprobe2:

...sie versucht vorwärts zu laufen, aber ich habe ihre Pulsader getroffen, und es spritzt überall hin, nimmt uns beiden einen Moment lang die Sicht, und ich stürze mich ein letztes mal auf sie, um ihr den Gnadenstoß zu geben. Sie dreht sich zu mir um, ihr Gesicht angstverzerrt, und ihre Beine geben nach, als ich sie in den Magen schlage, sie kippt zu Boden, und ich falle neben sie. Nachdem ich fünf- oder sechsmal auf sie eingestochen habe - das Blut schießt in Fontänen hoch; ich beuge mich vor, um seinen Duft zu atmen -, werden ihre Muskeln steif, starr, und sie fällt in Todeszuckungen; dunkelrotes Blut überflutet ihre Kehle...


Eindruck:

Dieser Auszug ist vergleichsweise harmlos. Die Grausamkeit steigert sich im Verlauf des Buches und ist manchmal so abartig, dass ich das Buch zeitweise weglegen musste. Doch es fesselt einen. Man liest doch weiter. Es ist kein Wunder, dass es Kritik hagelte auf die blutigen Beschreibungen, die teilweise einfach total krank erscheinen. Doch hinter alldem steht eine geniale Seriösität mit viel Aussagekraft und Gesellschaftskritik.
Es gibt einen Showdown, in dem Patrick schließlich von der Polizei gejagt wird und in seiner Verzweiflung seinem Anwalt ein Geständnis auf den Anrufbeantworter spricht, als sein Blutdurst überhand genommen hat. Er ist verzweifelt, am Abgrund, krank... und plötzlich erscheint er menschlich. Dem Autor gelingt es in diesem Kapitel Patrick als Opfer erscheinen zu lassen, ein totaler Wandel. Opfer der Gesellschaft und der Zeit in der er lebt. Ohne Liebe und Vertrauen. Der Autor wechselt die Erzählform, nicht mehr Patrick ist in der Lage zu berichten, sondern wir sehen auf ihn hinunter.
Am Ende ist seine Sekretärin Jean die einzige, die irgendwo in ihm etwas bewegen kann, zuhört. Doch seine Verunmenschlichung ist bereits zu schlimm, um Gefühle erwidern zu können.

Leseprobe3:

...mein Ich ist künstlich, eine Anomalie. Ich bin ein unkontingentes menschliches Wesen. Meine Persönlichkeit ist rudimentär und ungeformt, meine Herzlosigkeit geht tief und ist gefestigt. Mein Bewußtsein, mein Mitgefühl, meine Hoffnungen, sind schon lange verschwunden, als hätten sie nie existiert. Es gibt keine Grenzen mehr zu überschreiten. Alles, was mich gemein macht mit den Unkontrollierten und Wahnsinnigen, den Grausamen und Bösen, all die Blutbäder, die ich verursacht habe, und meine völlige Gleichgültigkeit darüber, habe ich jetzt selbst übertroffen...


Das nachdenkliche Ende werde ich natürlich nicht verraten. Doch meine Frage aus der Überschrift sollte noch beantwortet werden. Bret Easton Ellis hat mit \"American Psycho\" ein ausgesprochen gewagtes Werk auf den Markt gebracht. Die Grausamkeit einiger Szenen, die Herzlosigkeit und Oberflächlichkeit der restlichen, beschriebenen Welt, hätte nicht die Wirkung, die sie hat, wenn er alles harmloser dargestellt hätte. Im Ganzen ist das Buch genial, trifft ganz genau ins Herz und hinterlässt den Leser geschockt und nachdenklich.

31 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Striker1981

    14.11.2008, 19:04 Uhr von Striker1981
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH und Liebe Grüße vom STRIKER