Mehr zu AutorInnen mit E Testbericht

No-product-image
ab 18,74
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von audicla

Egginton, Joyce: Es geschah im Kinderzimmer - Heimweh und Verbrechen

Pro:

spannend, sachlich und detailliert, gut recherchiert

Kontra:

--

Empfehlung:

Nein

Heimweh und Verbrechen

In regelmäßigen Abständen gibt meine Mutter eine Kiste Bücher bei mir ab, die sie ausgelesen hat. Sie hat kein solches Sammelverhalten wie ich. Ich schau mir dann meist die Bücher an und entscheide, welche ich noch lesen möchte und was für den Flohmarkt bestimmt ist.

In der letzten dieser Kisten lag das Buch „Es geschah im Kinderzimmer“ von Joyce Egginton. Bei diesem Buch handelt es sich nicht um Belletristik oder gar einen Krimi, sondern um die Fall-Dokumentation eines spektakulären Verbrechens, welches Anfang der 90er Jahre verübt wurde.

Als ich den Klappentext las, kam mir die Geschichte wieder in Erinnerung, da sie damals auch in Deutschland eine Weile das Mediengeschehen beherrschte. Ich wurde also neugierig und fischte mir dieses Buch heraus. Und ich muss, bevor ich zum Inhalt komme, sagen, dass es unglaublich spannend und interessant war.

Vielleicht werden sich auch noch einige von Euch dunkel daran erinnern, dass damals ein Au pair Mädchen aus der Schweiz in Amerika der Brandstiftung und Tötung des ihr anvertrauten Säuglings angeklagt war. Die damals 20jährige Schweizerin Olivia Riner war über eine Vermittlungsagentur nach Amerika gekommen, um dort ein Jahr lang die Betreuung eines zu diesem Zeitpunkt 3 Monate alten Babys namens Kristie Fischer, zu übernehmen. Die Familie, in die Olivia kam, war eine relativ normale amerikanische Mittelstandsfamilie. Der schon etwas ältere Vater von Kristie war in zweiter Ehe mit einer etwas jüngeren Frau verheiratet, er hatte bereits zwei erwachsene Kinder, von denen die eine Tochter (zeitweilig gemeinsam mit ihrem Freund), die nur zwei Jahre älter als Olivia Riner war, noch mit im Haus lebte.

Joyce Egginton hatte bereits zuvor eine Dokumentation mit ganz ähnlichem Titel (Es geschah nebenan) veröffentlicht, in dem es um eine Frau geht, die nacheinander und lange unbemerkt neun ihrer eigenen Kinder getötet hatte.
Joyce Egginton war zuvor 20 Jahre lang als Korrespondentin einer Londoner Zeitung tätig. Sie lebt in New York.

Zunächst war ich doch mit einigen Vorbehalten an dieses Buch heran gegangen, weil ich dachte, dass es doch vielleicht nicht mehr als einen weiteren Teil des damaligen Medienspektakels darstellt.
Beim Lesen allerdings bestätigte sich mir dieser Verdacht nicht. Joyce Egginton hat hier einen sehr detaillierten und zumeist sachlichen Bericht über den gesamten Fall abgeliefert, der viele Nebenschauplätze beleuchtet. Sie hat – soweit ich dies beurteilen kann – sehr gute Recherchen betrieben und sich in ihrer Meinung zwar zu einer Richtung bekannt, jedoch ohne Hetze oder ähnliches zu betreiben.

Olivia Riner war derzeit nach ca. 7-monatigem Gerichtsprozess von den Geschworenen in allen Anklagepunkten frei gesprochen worden. Egginton beleuchtet jedoch, wieso es ihrer Meinung nach zu diesem „Fehl“-Urteil gekommen ist. Dabei spielten für sie sowohl gesellschaftliche als auch psychologische Gründe eine Rolle. So nimmt sie an, dass die Vorstellung eines kindermordenden Kindermädchens für die meist berufstätigen amerikanischen Mütter schlichtweg zu angstbesetzt war, um diese zulassen zu können, sie also schon von daher Olivia als unschuldig betrachten wollten. Eine weitere Rolle spielte das Bild, welches Amerikaner von den Schweizern haben, in dem ein junges „unschuldiges“ Mädchen aus einer schweizerischen Provinz unmöglich ein so grausames Verbrechen verübt haben kann.
Aber auch die geschickten Medienkampagnen, die von der Staranwältin Olivia´s gekonnt benutzt wurden, scheinen einiges dazu beigetragen zu haben.

Auf über 400 Seiten geht Joyce Egginton auf nahezu jedes Detail ein, was über diesen Fall herauszubekommen war und schildert gut chronologisch aufgebaut, wie sich alles abgespielt hat. Sie greift dabei vor allem die Vorverurteilung bzw. in diesem Fall eher den Vor-Freispruch durch Medien an, die ihrer Meinung nach maßgeblich zum Urteil mit beigetragen haben.

Daneben geht es auch um die Umkehrung der Opfer-Täter-Rollen, zu denen es ebenfalls im Verlauf solcher Verfahren von öffentlichem Interesse häufig kommt. So wird der angeklagten Olivia mehr öffentliche Sympathie und Unterstützung zu Teil als der geschädigten Familie und den Eltern des toten Babys.

Bei aller Kritik am Vorgehen der Medien und der Verteidigung spart Egginton aber auch nicht die zum Teil fehlerhafte und lückenhafte Polizeiarbeit, die wenig geschickte Herangehensweise des Staatsanwaltes und die Verflechtungen durch die eingeschalteten Schweizer Diplomaten aus.

Sie führt eine Menge von Fakten und Fehlern an, die alle zusammen in ihren Augen zu einem Urteil geführt haben, dass aller Wahrscheinlichkeit nach falsch war.

Da dabei die scheinbare Motivlosigkeit des Au-pair-Mädchens eine wichtige Rolle gespielt hat, geht sie zum Schluss auf eine sehr alte psychologische Untersuchung in Form von diversen Fallgeschichten von Carl Jaspers mit dem Titel „Heimweh und Verbrechen“ ein. Diese bereits 1907 erschienene Doktorarbeit beschäftigte sich ausgiebig mit Verbrechen, die diesem Fall sehr ähneln, die in früherer Zeit, als es noch üblich war junge Mädchen als Kindermädchen in fremde Familien zu schicken, gehäuft auftraten. Vor allem Brandstiftung und Tötung der anvertrauten Kinder. Jaspers führte diese Verbrechen auf das starke Heimweh der jungen Mädchen zurück, dass eine Depression mit wahnhaften Verstimmungen ausgelöst haben könnte.

Nun habe ich doch schon eine Menge über dieses Buch geschrieben und will nicht noch mehr vorwegnehmen.

Ich fand das Buch ausgesprochen spannend vom Anfang bis zum Schluss geschrieben, es lässt, weil sich nichts mit Sicherheit sagen lässt, Freiraum für eigene Gedanken und ist kein oberflächliches und distanzloses Eindringen in privateste Bereiche, sondern ein sehr sachlich gehaltener Bericht, der durch seinen Aufbau und seine Genauigkeit besticht und überzeugt.

„Es geschah im Kinderzimmer“ ist als Heyne Taschenbuch erschienen unter der ISBN-Nr. 3-453-10834-5 und kostete ehemals 12,90 DM.

15 Bewertungen