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Erfahrungsbericht von Raileigh

Münchhausen trifft Homer

Pro:

Beste Fabulierkunst

Kontra:

Einige Längen hat das Buch doch

Empfehlung:

Nein

Eco lügt.
Oder ist es seine Hauptfigur Baudolino, der lügt?

Gelogen wird im Roman "Baudolino" von Umberto Eco aber auf jeden Fall und das, mit balkenverbiegender Wonne. Beim Lesen des Buches bleibt nicht unbemerkt: hier hat jemand die Hohe Kunst der Lüge hervorragend studiert.

Bei der Zerstörung Konstantinopes durch Kreuzfahrer am Anfang des 13. Jahrhunderts rettet ein älterer Reiter einen Geschichtsschreiber. Der Retter ist ebenfalls bewandert in Schrift und Sprache. Er nennt sich Baudolino und bittet den Schreiber, seine Lebensgeschichte zu dokumentieren. Dieser willigt ein und hört sich die ungewöhnlichen Abenteuer Baudolinos an.

Baudolino hebt an zu erzählen:
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Baudolino ist ein armer Junge aus der Lombardei, mit einer recht blühenden Fantasie. Als er eines Tages einen edlen Ritter im Wald trifft, erzählt er ihm, er habe einen Heiligen gesehen, der verkündete, Kaiser Friedrich werde einen großen Sieg erringen. Das sagte er so dahin, um den Ritter zu beeindrucken. Nun handelte es sich bei dem Ritter jedoch um ausgerechnet jenen Kaiser Friedrich Barbarossa, von dem Baudolino sprach.
Friedrich kam diese Vorhersage gerade recht, war er doch seit geraumer Zeit recht aussichtslos damit beschäftigt ein aufmüppfiges lombardisches Städtchen in die Knie zu zwingen. So zeigt er dem Jungen das Heerlager und läßt ihn dort das Gesehene erneut verkünden, worauf auch promt die belagerte Stadt fällt.
Friedrich nimmt den Jungen mit zu sich und betrachtet ihn als seinen Ziehsohn. Er schickt ihn nach Paris zum Studium. Dort heckt er mit seinen Studienkollegen einen Brief aus, der den Ruhm und die Ehre des Kaisers, vor allem aber seinen Stand gegenüber dem Papst verbessern soll.
Dieser Brief soll vom legendären Priesterkönig Johannes stammen, einer Legendenfigur des Mittelaters, der im Osten der Erde ansäßig sein soll und an Reichtum und göttlicher Gnade dem Papst durchaus das Weihwasser reichen kann.
Wenn es nun einen Brief gäbe, der von jenem legendären Priesterkönig stamme und an Friedrich gerichtet wäre, so würde es den Papst ärgern und er müsste die von Gott gewollte Gnade, die der Herr dem Kaiser gewährte, anerkennen.

Jahrelang feilt er am Brief. Irgendwann erscheinen "Fälschungen". Jemand hat die Idee von Baudolino geklaut und mogelt einen Brief dem Papst zu. Als dann auf dem unseligen dritten Kreuzzug Barbarossa auf höchst eigenartige Weise stirbt, macht sich Baudolino und seine Truppe auf den Weg, den legendären Priesterkönig Johannes, an dessen Existenz sie nie gezweifelt haben, zu finden.
Unterwegs treffen sie auf all die seltsamen Lebewesen und Monstren, die in den Köpfen der Menschen im Mittelalter herumspukten, wenn sie von fernen Ländern redeten. Jeder wusste was, jeder hatte konkrete Beschreibungen von unbeschreiblichen Wesen, natürlich aus erster Hand.
Baudolino und seine Leute treffen auf diese Wesen auf ihrem langen Weg zum Priesterkönig.

Eco betreibt auf meisterhafte Art Geschichtsfälschung.
Indem er eine Figur schafft, die es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, die aber Gelegenheit hat, direkt auf den Wissens- und Glaubensstand der damaligen Zeit Einfluss zu nehmen, wirft er die Frage auf, wie genau ist das Bild des Mittelalters, das wir heute haben.
Nehmen wir all die Dokumente derer wir heute habhaft werden können, nicht viel zu ernst? Könnte es sein, das ein Herrscher oder Papst ein geglättetes Bild von sich zeugen ließ, um dieses Bild für die Nachwelt zu erhalten? Könnte es sein, das schreibende Mönche und Geschichtsdokumentatoren aus Vergesslichkeit oder eigener Geltungssucht, wichtige Dinge bei der Niederschrift nicht so genau nahmen, sie wegließen oder erfanden?
Alte Dokumente gelten heute meist als zuverlässige Quelle, dabei gehört die Lüge zu bestprofiliertesten Eigenschaft, die der Mensch im Laufe der Jahrhunderte entwickeln konnte.

Tucholsky bemerkte: "Ich kann nicht Schreiben ohne zu Lügen". Die Lüge gehört zum Wesen eines Dichters. Er erfindet Dinge und läßt sie den Menschen glaubhaft erscheinen. Meist verbirgt sich eine Moral der Wahrheit hinter der erlogenen oder ersonnenen Geschichte. Aber ein hervorragender Dichter ist immer ein überzeugender Lügner.
Deshalb werden Politiker nie erfolgreiche Schriftsteller. Vielleicht Autoren, aber niemals Dichter, denn Politiker sind nicht in der Lage überzeugend zu lügen. Sie lügen zu oberflächlich.

Eco hingegen ist ein großer Dichter, denn in "Baudolino" lügt er wie gedruckt.

Das Buch hat Witz, präsentiert poppiges Mittelalter. Allerdings weist es im letzen Drittel einige Längen auf. Dort muss man wohl schon etwas Sagen- und Mythostrainiert sein.

11 Bewertungen, 1 Kommentar

  • P.Nibel

    13.03.2002, 15:48 Uhr von P.Nibel
    Bewertung: sehr hilfreich

    Herrlich! Das nenne ich "sehr nützliche" Beiträge. Love, Peace & B Wild P.Nibel