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Erfahrungsbericht von Libraia

Umberto Ecos neuer Roman "Baudolino" ist ein fantasievoller historischer Abenteuerroman

Pro:

ein Feuerwerk der Phantasie, spannend, historische Hintergründe gut recherchiert

Kontra:

in der Mitte des Buches gibt es manchmal Längen

Empfehlung:

Nein

„Baudolino“ ist das neueste Werk Umberto Ecos, des renommierte italienischen Schriftstellers und Sprach- und Literaturwissenschaftlers.
Es ist im Hanser Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.
Die ISBN ist 3446200487.
Über dieses Buch ist ja schon einiges geschrieben worden, nicht nur hier, sondern eigentlich in nahezu jeder Zeitung und Zeitschrift, die sich auch nur im Entferntesten mit Literatur beschäftigt.
Der neue Eco, das ist einfach ein literarisches „Must“.
So etwas führt ja bei mir meistens eher zu Abwehrreflexen, Bücher , die jeder haben will, machen mich immer erst mal misstrauisch. Und den neuen Eco, ja, den wollten wirklich viele haben. Sofort nach seinem Erscheinen im letzten Herbst haben wir ihn sehr häufig verkauft und zu Weihnachten natürlich erst recht.
Interessant fände ich, wer ihn denn alles tatsächlich gelesen hat. Ich kann mir vorstellen, dass das ein Buch ist, das viele besitzen möchten und viele haben es dann mit einem schlechten Gewissen (sollte ich eigentlich mal lesen) im Regal stehen.
Woran liegt das?
Nun ja, Eco ist zwar ein Bestsellerschreiber, aber einer auf sehr hohem Niveau.
Er, 1932 in Alessandria geboren, ist als Semiotiker international anerkannt, seine sprachwissenschaftlichen Bücher sind Pflichtlektüre für Studenten in vielen Ländern.
Außerdem kennt er sich sehr, sehr gut in Geschichte, besonders im Mittelalter aus. Ein rundum gebildeter Mensch also.
In Deutschland bekannt geworden mit seinem legendären „Name der Rose“, wurde mittlerweile praktisch jeder seiner Romane – in geringerem Umfang auch seine Anekdoten- und Essaysammlungen – ein Verkaufserfolg

Bin ich eigentlich ein Eco Fan?
Nein, bin ich nicht.

Ich habe vor vielen Jahren mit Vergnügen, aber wenig Sachverstand den Namen der Rose gelesen. Danach versuchte ich mich am „Foucaultschen Pendel“ das ich nach mehreren Anläufen missvergnügt bis verärgert aus der Hand gelegt hatte. Verärgert war ich wegen des bildungsbürgerlichen Anspruchs, dieses „Sich-Sein-Wissen-Heraushängen-Lassen“, unheimlich viele Fremdwörter, komplizierte Sachzusammenhänge und ähnliches mehr. Mag sein, dass ich zu dumm für Eco bin, aber dann bin ich es halt. Wenn ich einen Roman lese, habe ich nur begrenzte Lust, dauernd im Fremdwörterduden nachzugucken.
Dennoch versuchte ich es noch mal mit Herrn Eco – und zwar mit seinem Buch „Die Insel des vorherigen Tages“. Das Thema sprach mich an, ich hatte Urlaub (in Italien natürlich) und deshalb schaffte ich es auch, fertig zu lesen, aber besonders beeindruckt hatte es mich auch nicht, nur stellenweise.
Warum versuche ich es jetzt also doch noch mal mit Eco?
Ich gebe es zu: um mitreden zu können! Ich bin mittlerweile so oft nach meiner Meinung zu diesem Buch gefragt worden, dass ich es halt nun gelesen habe.
Ja, es hat mir gefallen, sogar sehr gut!
Bin ich jetzt ein Eco Fan? Immer noch nicht, aber ein Fan von Baudolino bin ich schon geworden!

Zum Inhalt:
Der Roman spielt Anfang des 12. Jahrhunderts zur Zeit des Kaisers Friedrich I., besser bekannt als Kaiser Barbarossa.
Baudolino, die Hauptfigur des Romans wuchs als Kind armer Bauern im ländlichen Piemont (so wie Eco selbst) auf. Als 13-jähriger Junge half er Barbarossa aus einer Notlage heraus, dieser fand so viel Gefallen an dem klugen, vorwitzigen Jungen, dass er ihn adoptierte und mit sich nahm.
Baudolino, eine Art Schelm, sehr geschickt im Lügenmärchen erzählen, bzw. im Verquicken von wahren Geschichten mit erfundenen, im Ausschmücken und Fabulieren hat auch noch eine andere ungewöhnliche Begabung: er kann in extrem kurzer Zeit neue Sprachen und Dialekte allein durch Zuhören erlernen. (Neid, Neid, Neid, sag ich da...)
Barbarossa lässt Baudolino eine gute Bildung zu kommen, er lässt ihn von seinem Hofchronisten Otto erziehen, der ihm unter anderem immer wieder Geschichten von einem gewissen Priester Johannes, der ganz weit weg irgendwo im Osten ein unbekanntes christliches Reich, in dem es tausenderlei Wunderdinge gäbe, erzählt. Nach Ottos Tod schickt Barbarossa seinen Adoptivsohn nach Paris zum Studieren. Dort lernt er neben dem Studium auch sonst so alles, was zum Leben gehört kennen , rauschende Feste, Frauen, Männerfreundschaften, Alkohol, na ja, was man sich halt so vorstellt.
Doch auch das Leben in Paris kann nicht sein großes Unglück in Vergessenheit bringen, nämlich die Tatsache, dass er sich unsterblich in Beatrix, Barbarossas junge Frau verliebt hat.
Er schreibt ihr unendlich viele Liebesbriefe und beantwortet sie sich auch gleich selbst, denn abzuschicken wagt er sie nicht.
In Abdul, einem in eine noch nie gesehene, aber um so mehr angebetete ferne Prinzessein verliebten Mitstudenten und einem Dichter, (der nur „der Poet“ genannt wird), dem es aber nie gelingt, seine wunderschön erdachten Gedichte auch aufzuschreiben, findet er gute Freunde, die ihn viele Jahre begleiten werden.

Sehr bewegt schildert Eco die historischen Zeitumstände, das Ewige Hin und Her zwischen dem Kaiser und dem Papst, die ständigen Aufstände von Fürsten und Herzogen im heutigen Deutschland, die fast ununterbrochenen Streitigkeiten italienischer Städte untereinander, die Kreuzzüge und vieles mehr.
Sehr häufig begleitet Baudolino seinen –wenn auch durchaus kritisch gesehenen – sehr geliebten Adoptivvater zu seinen kriegerischen und diplomatischen Missionen..
Mit feiner Ironie und farbenfroher Ausschmückung bringt Eco uns die Politik des Mittelalters näher: die Sachzwänge, das Machtbestreben, die Angst des Kaisers, das Gesicht zu verlieren, den Wettstreit der Städte, die Spielchen Papst und Gegenpapst, das Schindluder, das mit heiligen Reliquien getrieben wurde, die schrecklichen und blutigen Kämpfe um nichts und wieder nichts (so kommt es einem zumindest heute vor, ob nun die Stadt Lodi oder Mailand die Vormachtstellung hat, was ändert das schon groß...).

Besonders schwierig für Baudolino wird es, als seine Landsleute, die Bauern aus dem Piemont, beschließen, eine eigene Stadt zu gründen und zwar ohne Einverständnis des Kaisers. Wie es Baudolino gelingt, sich in diesem Interessenskonflikt (leibliche Familie gegen seinen Adoptivvater) durchzuschlängeln, möchte ich nicht verraten, aber es ist köstlich!
In all den vielen bewegten Jahren, in denen Baudolino auch heiratet (eine Ehe, die glücklicher ausgehen hätte können), vergisst er jedoch nie das legendäre Reich des Priesters Johannes, von dem ihm sein Lehrvater Otto berichtet hatte. Immer wieder sammelt er Indizien und Hinweise auf dieses „irdische Paradies“, wie es auch genannt wird.
Endlich gelingt es ihm auch, im Rahmen eines Kreuzzuges nach Byzanz, mit einigen seiner ältesten und besten Freunde, darunter Abdul, dem Poeten, einem jüdischen Freund (der die 10 verstreuten jüdischen Stämme dort vermutet) und Männern aus seinem Heimatort, im Auftrag des Kaisers dieses Reich zu suchen.
Tja, und dann wird es erst richtig spannend!
Intrigen, Mord und Totschlag, die Suche nach dem heiligen Gral, sprechende Medusenhäupter, Satyrn, Einhörner, philosophische und theologische Streitgespräche, Fabelwesen, von denen die Welt noch nie gehört hat, alles webt Umberto Eco zu einem wahnsinnigen phantastischen Märchen, Sagen, Lügen und eben auch Wahrheitsgebilde.
Ich konnte nicht umhin, mich über diese blühende Phantasie und Kreativität zu wundern .
Er erfindet Wesen, die mich an Kindheitsphantasien, die ich als 10.jährige beim Lesen von 1001 Nacht entwickelte, erinnerten. Er erzählt diese zum Teil zwar etwas hanebüchenen, aber nichtsdestotrotz sehr charmanten und faszinierenden Geschichten so schön, wie es einem orientalischen Märchenerzähler ersten Ranges gebührte.
Und: er lässt den mittlerweile gar nicht mehr so jungen Baudolino die Liebe seines Lebens finden; diese Liebesgeschichte selbst ist eine so anrührende, dass sie alleine schon ein Grund wäre, das Buch zu lesen.
Ob Baudolino das gelobte Land, das Reich des Priester Johannes jemals finden wird, lasse ich mal offen, ich möchte (und könnte auch gar nicht, so viel passiert in dem Buch!) ja nicht alles erzählen.

Das Ganze ist in einer Rahmengeschichte eingebettet: Vor dem Hintergrund des zerstörten Konstantinopel, der wunderschönen ,aber jetzt brennenden Hauptstadt des byzantinischen Reiches, erzählt Baudolino seine Geschichte dem Griechen Niketas, einem Chronisten, den er vor seinen Verfolgern gerettet hatte.
Diese Rahmenhandlung ist unendlich geschickt eingebaut in den Roman, selten habe ich eine so gelungene Verquickung der Rahmenhandlung mit den erzählten Rückblicken gelesen.
Die Geschichte endet nämlich nicht unbedingt mit dem Erzählen, sondern es entsteht noch mal ein kleiner eigenständiger Erzählstrang (u.a. wird Baudolino auch noch ein Säulenheiliger!).

Fazit:
Sehr unterhaltsam, phantasievoll, witzig, anrührend und nie langweilig.!
Leser, die ein bisschen was, am besten ein bisschen mehr, über das Mittelalter wissen, haben sicher einen viel größeren Genuss beim Lesen dieses Buches als andere.
Ich, deren Geschichtswissen recht durchschnittlich ist, dachte des öfteren, dass ich dies und jenes doch mal nachlesen sollte, was ist denn jetzt eigentlich historische Tatsache ist und was eins von Baudolinos Lügenmärchen?
Aber und das ist wichtig (gerade im Gegensatz z.B. zum Foucaultschen Pendel): man kann dieses Buch auch ohne viel Hintergrundwissen sehr gut lesen. Man erfährt vieles neu, anderes Halbwissen wird ergänzt und verfestigt und wenn man gar nichts lernen möchte dabei, ist das auch in Ordnung; denn „Baudolino“ ist einfach auch ein guter Roman!

Mein Kollege, der das Buch ebenfalls gelesen hatte, meinte zu mir, es sei der bisher „lesbarste“ Eco.

Ich kann ihm nur zustimmen....

17 Bewertungen, 4 Kommentare

  • mima007

    22.05.2002, 01:13 Uhr von mima007
    Bewertung: sehr hilfreich

    Einer der fundiertesten Berichte zu diesem Buch:-) Demnächst gibts diesen ECO auch als Audiobook beim Hörverlag. Habe heute den Prospekt bekommen. CU, mima007

  • kater1

    20.02.2002, 00:35 Uhr von kater1
    Bewertung: sehr hilfreich

    das einzige was mir an deinen Beiträgen nicht so ganz gefällt, sind die überlangen Titel

  • roma1

    18.02.2002, 00:57 Uhr von roma1
    Bewertung: sehr hilfreich

    Umberto Eco mag ich sehr, aber gerade Baundollino habe ich noch nicht gelesen. Klasse Bericht!

  • Superbiene20000

    13.02.2002, 23:25 Uhr von Superbiene20000
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein Klassseee-Beitrag..