Mehr zu AutorInnen mit I Testbericht

No-product-image
ab 24,85
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

5 Sterne
(14)
4 Sterne
(2)
3 Sterne
(4)
2 Sterne
(1)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von LosGatos

Illies, Florian: Generation Golf - Die Suche nach dem Ziel hat sich somit erledigt

Pro:

amüsant geschrieben

Kontra:

geht man so mit seinem Bruder um ?

Empfehlung:

Nein

Eines der Bücher, die ich während meines Urlaubs gelesen habe - denn das gehört für mich im Urlaub auch dazu, weil ich ansonsten zu wenig dazu komme - ist „Generation Golf" von Florian Illies.
Bei einer Buchbeschreibung fängt man am besten mit der Handlung an. Aber bei einem Buch, das gar keine Handlung besitzt, tut man sich natürlich sehr viel schwerer, besonders um den Einstieg zu finden.

Der Autor Florian Illies, Jahrgang 1971, geboren in der ländlichen Gegend des hessischen Vogelsbergs bei Fulda und heute in der Feuilleton-Rubrik der FAZ tätig, gehört der besagten Generation der zwischen 1970 und 1980 Geborenen an und damit jener Altersgruppe, die sozusagen mit dem VW Golf groß geworden sind. Der VW Golf wurde erstmals 1974 gebaut und damit ist dieses Modell diesen jungen Leuten von Kindesbeinen an stets präsent gewesen.
Ich (LosGatos) selbst dagegen gehöre der Altersgruppe der zwischen 1950 und 1960 Geborenen an und damit, um im Jargon zu bleiben, eher der Generation Käfer. Damit wird schon ein Unterschied im Lebensstandard dieser Generationen deutlich. Warum habe nun gerade ich dieses Buch gelesen? Nun, das was dort geschrieben wird, habe ich ja auch alles miterlebt, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Immerhin kann ich mitreden. Und der Großteil meiner Kollegen ist um einiges jünger als ich, viele gehören der Generation Golf an. Ich sage mir immer, die sind doch ganz anders, als ich in dem Alter war, auch Kollegen, die knapp vor Generation Golf liegen, sehen das so. Bei einem meiner Kollegen ist alles „geil" oder „cool". Ich kenne zwar die ursprüngliche Bedeutung dieser Ausdrücke, aber die hat längst ausgedient, und den genauen Unterschied zwischen beiden im neueren Sinn kenne ich eigentlich nicht. Aber keine Angst, das Buch bedient sich keineswegs der Minimalsprache eines Mario Basler, wie Illies treffend schreibt. Also vielleicht hilft mir dieses Buch, meine Mitmenschen besser zu verstehen.

Generation Golf ist ein Stück Zeitgeschichte, zweifelsohne sehr witzig geschrieben. Da spielen neben dem Golf auch andere Produkte eine Rolle: z.B. Playmobil, IKEA, Benetton, Computer und PC-Spiele (nur dafür braucht die Generation Golf einen Computer), auch Fernsehserien sind sehr wichtig. Bei den Studenten der Generation Golf taugen Serien wie „Gute Zeiten - schlechte Zeiten" als abendfüllendes Gesprächsthema auf Studentenparties. Die Generation Golf ist weiterhin markengesteuert, was Kleidung angeht. Das teuerste ist ihr gerade gut genug. Die Wahl zwischen teuren Marken ist für sie schwieriger als die Wahl zwischen politischen Parteien. Politik ist für die Generation Golf nicht wichtig. Sie ist zwar eher konservativ - so arbeitet ein Illies z.B. für die FAZ und nicht für die Rundschau - aber Ideologien sind ihr ein Greuel, dafür kann chice Kleidung einiges wettmachen. Dennoch ist Joschka Fischer ihr Lieblingspolitiker. Aber nicht wegen seiner politischen Überzeugung, sondern weil er die elegantesten Anzüge trägt und dem Joggen frönt. Joggen, diesen Begriff behauptet die Generation Golf erfunden zu haben, denn früher hieß das schlicht Dauerlauf, was doch eher uncool klingt. Fit for Fun ist ein wichtiger Slogan, Fitness- und Sonnenstudio haben Hochkonjunktur. Das Leben wird für Illies gar zur Vorabendserie, jeden Morgen beginnt eine neue Folge.

Oh je, denkt der 68er, das kann doch nicht wahr sein! Wofür haben wir gekämpft, wenn sowas dabei herauskommt. In den 60er Jahren war man gegen Krieg, USA, Spießertum, die Frauen begannen, sich zu emanzipieren. Man hatte Ideale, ging auf die Straße, kämpfte gegen Polizei und Axel Springer. Ein Student war links, rechts von Willy Brandt begann die Bourgoisie und konservative Studenten aus Burschenschaften oder vom RCDS wurden schief angesehen. In Woodstock liebte man sich im Schlamm, es hat Menschen vereint. Dagegen ist Musik heute kein Leitmedium mehr. Der Walkman hat für eine Individualisierung gesorgt. Immerhin gibt es heute eine Love Parade.

Aber gerade von der 68er Generation distanziert Illies sich entschieden, offensichtlich ein Hauptanliegen dieses Buches. 68er sind in seinen Augen Leute, die Zigaretten selbst drehen und schäbige Kleidung tragen. Typischerweise wurden sie Gemeinschaftskundelehrer. Kritische Fernsehjournalisten wie Klaus Bednarz oder linke Politiker wie Heidemarie Wieczorek-Zeul sind für ihn „Angstgegner". Auch für seinen älteren Bruder, der eher der Vorgängergeneration angehört, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. In der Tat gelten heutzutage Marxisten als ewig Gestrige.

Ist die Generation Golf nun hochnäsig? Ehrlich gesagt, in den 60ern wurde ja auch die Vorgängergeneration weitgehend verachtet. „Traue keinem über 30" hieß ein Slogan. Und als ich (LosGatos) ins Berufsleben eintrat, waren meine über 20 Jahre älteren Kollegen für mich auch alle Spießer. Außerdem ist Generation Golf auch ein satirisches Buch, Florian Illies nimmt sich und seine Altersgenossen durchaus selbst etwas auf den Arm mit seiner Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Generation Golf und 68ern. Aber an jeder Satire ist auch immer ein Körnchen Wahrheit, sie wird zur Gratwanderung.

Ideologien lehnen wir ab, wozu Solidarität? Hauptsache ist doch, es geht mir gut und ich kann mir was leisten. Ein Handy ist ein wichtiges Statussymbol. Illies bringt es mit dem Golf-Slogan „Die Suche nach dem Ziel hat sich somit erledigt" auf den Punkt, Ideologien sind out. Wohlstand, Fitness und die Sorge, älter zu werden bestimmen das Leben. Das ist aber auch schon die einzige Sorge. Denn Sorglosigkeit und Leichtigkeit ist Teil des Lebensgefühls.

Stimmt dieses Buch tatsächlich? Sind die heute 20-30jährigen alle so? Um Protesten vorzubeugen, relativiert Illies seine Aussagen, indem er die Generation Golf auf den „Starnberger-See-Düsseldorf-Bonn-Berliner-Teil von ihr" reduziert. Und manchmal glaube ich, ich hätte mich in der Generation verirrt. Denn ich trage auch gern noble Marken und muss mich kleidungsmäßig hinter meinen Kollegen gewiss nicht verstecken. Außerdem habe ich eine Putzfrau. Nur bei Vorabendserien bin ich noch nicht gelandet.

Das Buch ist als Taschenbuch im Fischer-Verlag unter ISBN 3-596-15065-5 erschienen, hat 217 Seiten und kostet 9 Euro. Es enthält ein umfangreiches Stichwortverzeichnis, über das man erwähnte Personen, Produkte und Themen leicht wiederauffinden kann.

Fazit: Das Buch ist allenfalls amüsant. Als Zeitgeschichte sicher interessant für Angehörige der Generation Golf und auch deren Eltern. Als Kultbibel taugt es meiner Meinung nach nicht.
Im Nachsatz dankt Illies noch Helmut Kohl !? Wofür? Hat Illies dem auch Geld anvertraut?
Vielleicht wird die Nachfolgegeneration die Generation Golf verachten, weil sie dauernd Vorabendserien geschaut hat.

Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 13.12. 2001
Veröffentlicht bei Ciao, Dooyoo, eComments, YOPI, Vodafone

20 Bewertungen, 2 Kommentare

  • IvoryB

    04.04.2002, 16:43 Uhr von IvoryB
    Bewertung: sehr hilfreich

    Lange beobachtet ... Dich meine ich natürlich, viel hin und her kommentiert ... so, es wird Zeit!! Hier ... mein Vertrauen an Dich! Lieben Gruß, Ivory

  • owesen

    04.04.2002, 13:25 Uhr von owesen
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gewohnt lesenswert !!! Gruß, Sönke ( owi13 )