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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von silke-silke
Die kalte Stadt (P. Johnston) - Thriller mit erschreckender Gesellschaftkritik
Pro:
zugleich Thriller und Science Fiction
Kontra:
man muss dran bleiben
Empfehlung:
Nein
Ich möchte euch heute einen Krimi der besonderen Art vorstellen, den ich viel zu lange ungelesen liegen hatte. Es ist ein Roman, der die Genre Krimi und Science Fiction miteinander verknüpft.
"Die kalte Stadt" von Paul Johnston, dessen Originaltitel "Body Politics" heißt und 1997 Johnstons Erstlingsroman ist, spielt im Jahre 2020. Das soll Sience Fiction sein, werdet ihr fragen. Die Welt im Jahre 2020 unterscheidet sich doch gehörig von der jetzigen, kann man doch Parallelen zu Orwells düsterem Roman "1984" erkennen, den dieser 1948 geschrieben hatte.
Alles begann im Jahre 2002 - der Roman ist vor 5 Jahren geschrieben. In Großbritannien kam es aufgrund fataler politischer Entscheidungen, letztlich hervorgerufen durch eine Krise innerhalb der Monarchie (wer damit wohl gemeint ist?) zu einem Bürgerkrieg. Dieser spaltete das Vereinigte Königreich in souveräne Stadtstaaten. Edingburgh ist eine von ihnen. Dort hat die "Bewegung der Erleuchtung" die Macht übernommen und regiert und kontrolliert alles und jeden. Parallelen kann man auch in heutigen Diktaturen und totalitäten Regimen finden. Auch die Gesellschaftskritik dieses Romans bezieht sich auf unsere Zeit. Was die Stimmung und Kontrolle der Gesellschaft angeht, dürften Orwells "1984" und Huxleys "Brave new world" ebenfalls Pate gestanden haben.
Bevor ich zum eigentlichen "Krimi" komme, möchte ich euch das Faszinierende und gleichsam Erschreckende dieses Stadtstaates Edingburgh näher bringen. Öfters habe ich mich dabei ertappt, wie ich immer wieder aufs Neue überrascht war, welche Kontrollmechanismen Johnston in seinem Edingburgh darstellte, doch sind sie sogar in einigen Staaten unserer Zeit zu finden.
Kommen wir zurück zum tolitären Regime der "Erleuchtung":
Die herrschende Regierung im Staate ist das "Direktorium der Protektoren", ein Gremium, welches zwei Jahrzehnte zuvor den Bürgerkrieg mit den Idealen der "Erleuchtung" gewonnen und Edingburgh zur Unabhängigkeit geführt hatte.
Dieses Regime regiert mit eiserner Hand. Bürger werden nicht mit Namen, sondern mit Codenamen angeredet, was die Kälte der Gesellschaft verdeutlicht. Persönliche Aktivitäten wie Geburtstagsfeiern, Fotografieren und Musikaufnahmen, die vor der "Erleuchtung" aufgenommen worden waren, sind strengstens untersagt. Berufe werden nicht gewählt sondern zugewiesen. Unterscheidungsmerkmale auf der Hand erleichtern die Zugehörigekeit eines jeden in der Gesellschaft. Individualität zählt nicht, wichtig ist nur, im Sinne der "Erleuchtung" zu leben und vor allem zu arbeiten. Standartwohnungen mit vorgeschriebenem Möbiliar machen auch den letzten Funken an Individualität zunichte.
Macht man sich eines Vergehens gegenüber der "Erleuchtung" schuldig, wird man degradiert, in einen anderen Beruf strafversetzt oder ins Arbeitslager geschickt.
Auch mussten sich einmal wöchentlich alle Bürger per Verordnung mit einem vom "Direktorat für Freizeitgestaltung" zugewiesenen Partner zu sogenannten "Sextreffen" einfinden. Diese Partner nochmals zu treffen, war unter Strafe verboten.
Überall wimmelt es von "Ordnungshelfern", d.h. besser gestellte Bürger helfen dem "Direktorium" die Bürger des Staates zu kontrollieren. "Blockleiter" achten aufs Genaueste darauf, jede Bewegung in ihrem Block zu registrieren und an höhere Instanzen weiterzuleiten.
Doch ein wesentlicher Gesichtspunkt darf nicht außer Acht gelassen werden. Die Welt scheint "Kopf zu stehen". Sind es in der heutigen Zeit die Industriestaaten, die ärmeren Länder wirtschaftlich abhängig machen, sieht die Lage im Jahre 2020 anders aus.
Staaten wie Griechenland, Thailand und China führen das Zepter. Touristen, vor allem auch Sextouristen, stürmen den Staat Edingburgh, um sich an touristischen und sexuellen Aktivitäten in für den normalen Bürger abgesperrten Bezirken zu erfreuen. Dieser Sextourismus ist nicht nur geduldet, sondern wird von einem ensprechenden "Direktorium" auch noch gefördert, damit Devisen in die Staatskasse kommen. Edingburgh verfügt nämlich nach dem Bürgerkrieg nicht mehr über Bodenschätze oder Industrie. Für die normalen Bürger steht der Besitz von Devisen unter Strafe. Alles muss und wird kontrolliert. Bürger- und Menschenrechte sind ein Fremdwort.
In eben dieser "kalten Stadt" Edingburgh lebt ein Bürger mit Namen Quintilian Dalrymple, ein degradierter ehemaliger Ordnungshelfer, nun nur noch Stadtbürger und im Arbeitstrupp "des Amtes für Parkangelegenheiten" unterwegs. Vormals war er im "Direktorat für öffentliche Ordnung" in leitender Position. Doch dieser Bürger will sich von der Masse der anderen unterscheiden. Dies geschieht nicht im "Karrieresinne", sondern in seinen kleinen, aber bewusstgesetzten Verstößen gegen die vorgeschriebenen Regeln. Dass dabei sein Kopf außer der Degradierung nicht kürzer wird, hängt mit seinen Eltern zusammen. Seine Mutter ist die "Oberste Protektorin" und sein Vater "Protektor für Information", beide also seit der Geburtsstunde des "neuen Edingburgh" mit den Idealen der "Erleuchtung" eng verflochten.
Bei aller Kritik am Regime hat Dalrymple ein unübliches Hobby:
Er ist Investigator, sprich Detektiv in einem Staate, in dem es angeblich keine Verbrechen gibt. Dass dies nicht so ist, ist den wenigsten Bürgern bekannt und doch wird er von Privatpersonen beauftragt, Fälle zu untersuchen. Katherine Kirwood ist eine von ihnen, sie sucht nach ihrem plötzlich verschollenen Bruder Adam. Dalrymple nimmt die Recherche auf. Doch bald ist auch das "Direktorium der Protektoren" daran interessiert, einen Massenmörder zu finden. Treibt etwa der HNO-Mann wieder sein Unwesen? (HNO - Hals-Nasen-Ohren-Mann). Dalrymple weiß es besser - geschah doch vor 5 Jahren etwas .........
Es kommt innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Mordfällen, die allesamt mysteriös und brutal sind... Außerdem verschwinden gehäuft junge Menschen .....
Dem Leser bereitet der Krimi, oder sollte man besser sagen Thriller, zunächst einmal einige Schwierigkeiten, die Organisationen, Personen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verstehen. Es ist aber ein gelungenes Buch, dass letztlich alle Morde aufdeckt, wobei ich sagen muss, dass ich noch 30 Seiten vor Ende gedacht habe, dass ich dieses Buch absolut nicht kapiert habe. Doch wird man dann plötzlich in die Geheimnisse der Morde so verständlich und faszinierend eingeweiht, dass es "Klick" macht.
Für diesen Krimi sollte man sich genügend Zeit nehmen - zum einen, weil es einem dann leichter fällt, Zusammenhänge zu behalten und zum anderen, da es ein wirklich interessanter Krimi ist. Thriller und Science Fiction verschmelzen wirklich gelungen miteinander.
Macht man jedoch zu lange Pause zwischen den Kapiteln, ist es ratsam, "von vorne anzufangen".
Der Held "Dalrymple" ist ein sympatischer Lichtblick in dieser tristen Welt. Auch wenn um ihn herum negative gesellschaftliche Merkmale existieren, versucht er mit seinen "kleinen Rebellionen" stets "Mensch" zu bleiben, wobei für ihn stets die Individualität wichtig ist.
Ich bin von diesem Buch, seitdem ich es ganz gelesen hatte, begeistert. Zwischendurch hatte ich zwar mal den Faden verloren, dies ließ mich jedoch nicht abbringen, die verlorene Fährte wieder aufzunehmen und mit Dalrymple den oder die Mörder zu suchen.
"Die kalte Stadt" ist der erste Band einer Trilogie, daher dürfte es empfehlenswert sein, die Bücher in der entsprechenden Reihenfolge zu lesen.
Das Buch ist im Knaur Verlag erschienen und kostet 7,50 €.
Viel Spaß beim Lesen wünscht euch
Silke
"Die kalte Stadt" von Paul Johnston, dessen Originaltitel "Body Politics" heißt und 1997 Johnstons Erstlingsroman ist, spielt im Jahre 2020. Das soll Sience Fiction sein, werdet ihr fragen. Die Welt im Jahre 2020 unterscheidet sich doch gehörig von der jetzigen, kann man doch Parallelen zu Orwells düsterem Roman "1984" erkennen, den dieser 1948 geschrieben hatte.
Alles begann im Jahre 2002 - der Roman ist vor 5 Jahren geschrieben. In Großbritannien kam es aufgrund fataler politischer Entscheidungen, letztlich hervorgerufen durch eine Krise innerhalb der Monarchie (wer damit wohl gemeint ist?) zu einem Bürgerkrieg. Dieser spaltete das Vereinigte Königreich in souveräne Stadtstaaten. Edingburgh ist eine von ihnen. Dort hat die "Bewegung der Erleuchtung" die Macht übernommen und regiert und kontrolliert alles und jeden. Parallelen kann man auch in heutigen Diktaturen und totalitäten Regimen finden. Auch die Gesellschaftskritik dieses Romans bezieht sich auf unsere Zeit. Was die Stimmung und Kontrolle der Gesellschaft angeht, dürften Orwells "1984" und Huxleys "Brave new world" ebenfalls Pate gestanden haben.
Bevor ich zum eigentlichen "Krimi" komme, möchte ich euch das Faszinierende und gleichsam Erschreckende dieses Stadtstaates Edingburgh näher bringen. Öfters habe ich mich dabei ertappt, wie ich immer wieder aufs Neue überrascht war, welche Kontrollmechanismen Johnston in seinem Edingburgh darstellte, doch sind sie sogar in einigen Staaten unserer Zeit zu finden.
Kommen wir zurück zum tolitären Regime der "Erleuchtung":
Die herrschende Regierung im Staate ist das "Direktorium der Protektoren", ein Gremium, welches zwei Jahrzehnte zuvor den Bürgerkrieg mit den Idealen der "Erleuchtung" gewonnen und Edingburgh zur Unabhängigkeit geführt hatte.
Dieses Regime regiert mit eiserner Hand. Bürger werden nicht mit Namen, sondern mit Codenamen angeredet, was die Kälte der Gesellschaft verdeutlicht. Persönliche Aktivitäten wie Geburtstagsfeiern, Fotografieren und Musikaufnahmen, die vor der "Erleuchtung" aufgenommen worden waren, sind strengstens untersagt. Berufe werden nicht gewählt sondern zugewiesen. Unterscheidungsmerkmale auf der Hand erleichtern die Zugehörigekeit eines jeden in der Gesellschaft. Individualität zählt nicht, wichtig ist nur, im Sinne der "Erleuchtung" zu leben und vor allem zu arbeiten. Standartwohnungen mit vorgeschriebenem Möbiliar machen auch den letzten Funken an Individualität zunichte.
Macht man sich eines Vergehens gegenüber der "Erleuchtung" schuldig, wird man degradiert, in einen anderen Beruf strafversetzt oder ins Arbeitslager geschickt.
Auch mussten sich einmal wöchentlich alle Bürger per Verordnung mit einem vom "Direktorat für Freizeitgestaltung" zugewiesenen Partner zu sogenannten "Sextreffen" einfinden. Diese Partner nochmals zu treffen, war unter Strafe verboten.
Überall wimmelt es von "Ordnungshelfern", d.h. besser gestellte Bürger helfen dem "Direktorium" die Bürger des Staates zu kontrollieren. "Blockleiter" achten aufs Genaueste darauf, jede Bewegung in ihrem Block zu registrieren und an höhere Instanzen weiterzuleiten.
Doch ein wesentlicher Gesichtspunkt darf nicht außer Acht gelassen werden. Die Welt scheint "Kopf zu stehen". Sind es in der heutigen Zeit die Industriestaaten, die ärmeren Länder wirtschaftlich abhängig machen, sieht die Lage im Jahre 2020 anders aus.
Staaten wie Griechenland, Thailand und China führen das Zepter. Touristen, vor allem auch Sextouristen, stürmen den Staat Edingburgh, um sich an touristischen und sexuellen Aktivitäten in für den normalen Bürger abgesperrten Bezirken zu erfreuen. Dieser Sextourismus ist nicht nur geduldet, sondern wird von einem ensprechenden "Direktorium" auch noch gefördert, damit Devisen in die Staatskasse kommen. Edingburgh verfügt nämlich nach dem Bürgerkrieg nicht mehr über Bodenschätze oder Industrie. Für die normalen Bürger steht der Besitz von Devisen unter Strafe. Alles muss und wird kontrolliert. Bürger- und Menschenrechte sind ein Fremdwort.
In eben dieser "kalten Stadt" Edingburgh lebt ein Bürger mit Namen Quintilian Dalrymple, ein degradierter ehemaliger Ordnungshelfer, nun nur noch Stadtbürger und im Arbeitstrupp "des Amtes für Parkangelegenheiten" unterwegs. Vormals war er im "Direktorat für öffentliche Ordnung" in leitender Position. Doch dieser Bürger will sich von der Masse der anderen unterscheiden. Dies geschieht nicht im "Karrieresinne", sondern in seinen kleinen, aber bewusstgesetzten Verstößen gegen die vorgeschriebenen Regeln. Dass dabei sein Kopf außer der Degradierung nicht kürzer wird, hängt mit seinen Eltern zusammen. Seine Mutter ist die "Oberste Protektorin" und sein Vater "Protektor für Information", beide also seit der Geburtsstunde des "neuen Edingburgh" mit den Idealen der "Erleuchtung" eng verflochten.
Bei aller Kritik am Regime hat Dalrymple ein unübliches Hobby:
Er ist Investigator, sprich Detektiv in einem Staate, in dem es angeblich keine Verbrechen gibt. Dass dies nicht so ist, ist den wenigsten Bürgern bekannt und doch wird er von Privatpersonen beauftragt, Fälle zu untersuchen. Katherine Kirwood ist eine von ihnen, sie sucht nach ihrem plötzlich verschollenen Bruder Adam. Dalrymple nimmt die Recherche auf. Doch bald ist auch das "Direktorium der Protektoren" daran interessiert, einen Massenmörder zu finden. Treibt etwa der HNO-Mann wieder sein Unwesen? (HNO - Hals-Nasen-Ohren-Mann). Dalrymple weiß es besser - geschah doch vor 5 Jahren etwas .........
Es kommt innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Mordfällen, die allesamt mysteriös und brutal sind... Außerdem verschwinden gehäuft junge Menschen .....
Dem Leser bereitet der Krimi, oder sollte man besser sagen Thriller, zunächst einmal einige Schwierigkeiten, die Organisationen, Personen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verstehen. Es ist aber ein gelungenes Buch, dass letztlich alle Morde aufdeckt, wobei ich sagen muss, dass ich noch 30 Seiten vor Ende gedacht habe, dass ich dieses Buch absolut nicht kapiert habe. Doch wird man dann plötzlich in die Geheimnisse der Morde so verständlich und faszinierend eingeweiht, dass es "Klick" macht.
Für diesen Krimi sollte man sich genügend Zeit nehmen - zum einen, weil es einem dann leichter fällt, Zusammenhänge zu behalten und zum anderen, da es ein wirklich interessanter Krimi ist. Thriller und Science Fiction verschmelzen wirklich gelungen miteinander.
Macht man jedoch zu lange Pause zwischen den Kapiteln, ist es ratsam, "von vorne anzufangen".
Der Held "Dalrymple" ist ein sympatischer Lichtblick in dieser tristen Welt. Auch wenn um ihn herum negative gesellschaftliche Merkmale existieren, versucht er mit seinen "kleinen Rebellionen" stets "Mensch" zu bleiben, wobei für ihn stets die Individualität wichtig ist.
Ich bin von diesem Buch, seitdem ich es ganz gelesen hatte, begeistert. Zwischendurch hatte ich zwar mal den Faden verloren, dies ließ mich jedoch nicht abbringen, die verlorene Fährte wieder aufzunehmen und mit Dalrymple den oder die Mörder zu suchen.
"Die kalte Stadt" ist der erste Band einer Trilogie, daher dürfte es empfehlenswert sein, die Bücher in der entsprechenden Reihenfolge zu lesen.
Das Buch ist im Knaur Verlag erschienen und kostet 7,50 €.
Viel Spaß beim Lesen wünscht euch
Silke
8 Bewertungen, 1 Kommentar
-
18.02.2002, 15:39 Uhr von roma1
Bewertung: sehr hilfreichSuper interessant!
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