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Erfahrungsbericht von mima007

Helmut Newton: *Autobiographie*: Das Abenteuer Leben

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Wer ist der Mann hinter der Linse der Kamera? Wer ist der Mann, der uns auf dem Titelbild über den gestreckten Zeigefinger anvisiert? Man kennt Newtons Bilder, seine Nuditäten, seine teuren Bücher.

Aber nur wenig ist über den Menschen Helmut Newton bekannt, der als Jude Neustaedter geboren wurde. Schlicht erzählt er von einem aufregenden Leben in einem unruhigen Jahrhundert. Darum ist wohl auch seine Autobiographie einfach nur so genannt: \"Autobiographie\".

Der Autor
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Der 1920 in Berlin geborene Autor ist wahrscheinlich der berühmteste Fotograf der Gegenwart. Seit er mit seiner provokativen Ausstellung \"Big Nudes\" weltweit bekannt wurde, sind ihm zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeiten zuteil geworden. 1992 wurde ihm beispielsweise das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Er lebt in Monte Carlo.

Inhalte
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Das Buch ist in zwei Abschnitte aufgeteilt: \"Das Leben\" (1920 bis ca. 1985) und \"Die Arbeit\" (ca. 1930 bis 2001).

Das Leben
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Newton ist der Sproß einer Berliner Fabrikantenfamilie und wuchs verwöhnt von seiner Mutter und stets schwächlich gehalten auf, bis ihn sein Vater schließlich zum Schwimmen schickte. Dabei entwickelte er endlich so etwas wie eine Sportlerkondition, kam aber dabei auch dem schönen Geschlecht um etliches näher.

Neben der Schule verdiente er sich ein Taschengeld mit Hilfsarbeiten für Berliner Fotografen, und mit 16 trat er als Lehrling in das Atelier der berühmten Fotografin Yva ein. Um der Verhaftung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, verließ er Deutschland 1938 mit Hilfe eines von seiner Mutter gekauften Schiffstickets Richtung China. Der Grenzzoll gestattete ausreisenden Juden nur minimale Geldbeträge. Bettelarm kam er daher in Singapur an und durfte an Land gehen. Doch er war kein Kind von Traurigkeit und frönte an Bord wie an Land mit etlichen Damen dem Liebessspiel.

So hielt er es in der britischen Kronkolonie mehrere jahre aus, bis die Japaner näher marschierten und fast alle Ausländer interniert wurden. Im Internierungslager nahe Melbourne musste er in Obstplantagen schuften, danach trat er der australischen Armee bei: eine gute Zeit. Nach dem krieg eröffnete er in Melbourne ein kleines Fotostudio. Als er seine heutige Frau June kennenlernte und heiraten wollte, machte er mit jüdischen Vorurteilen Bekanntschaft: Entweder sah er von einer Verbindung mit der nichtjüdischen \"Schickse\" ab oder er musste auf eine lukrativen Dauerauftrag verzichten. Newton - er hatte inzwischen seinen Namen ändern lassen - verzichtete lieber und heiratete.

June war Schauspielerin, am Theater und im Fernsehen. Doch als der Ruf aus London und Paris Newton ereilte, nahm er sie natürlich mit: Sie lernte Malen und Fotografie. In der Folge führte sie so manchen Auftrag aus und zu Ende, wenn ihr Mann dazu nicht in der Lage war, sei es aus Zeit- oder gesundheitlichen Gründen. Der Kettenraucher Newton erlitt ca. 1972 einen Hirnschlag und musste vorsichtig sein. Die 60er und 70er Jahre waren gute Jahre - die \"Vogue\" zahlte gut -, doch die unablässige Arbeit forderte ihren Tribut von Newtons Körper.

Die Arbeit
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Newton erklärt sein Handwerkszeug, seine Arbeitsweise und zahlreiche bemerkenswerte Fotoshootings. So fotografierte er einmal Mrs. Thatcher. Sie hasste ihr Foto, denn darauf sah sie aus wie ein Haifisch. Heute hängt es in der National Portrait Gallery in London.

Er erläutert auch, warum er ein Faible für nackte Frauen in ungewöhnlichen Situationen oder extravagantem Ambiente wie etwa Waschküchen hat. (Ich wusste nicht, dass er einmal Motive zu \"Die Geschichte der O\" fotografiert hat.) Für manche Leute sind seine Frauenfotos pornografisch, aber richtigen Pornofans sind seine Fotos nicht hart genug.

Und er spricht seinen Printern ein dickes, demütiges, dankbares Lob aus: Das sind die Handwerker-Künstler, die aus kleinen Negativen große, manchmal überlebensgroße Drucke machen.

Mein Eindruck
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Das bUch habe ich in zwei Tagen gelesen. Das ging so schnell, nicht weil so viele Fotos abgedruckt sind - die finden sich im Arbeit-teil -, sondern weil Newtons so kurze Sätze schreibt, die leicht verständlich sind und doch ganz genau eine Stimmung einfangen, eine persönlichkeit auf den Punkt bringen. Das ist bewundernswert bei einem Künstler, der nicht mit dem Wort arbeitet, sondern mit dem Bild.

Man darf sich von dieser Einfachheit nicht täuschen lassen. Was Newton sagt und was er meint, kann manchmal zweierlei sein. Er ist ein Meister des Understatements und der versteckten ironischen Kritik.

Newton vermittelt einen sehr sympathischen, aber nicht ungetrübten Eindruck. Er erzählt von einem Menschen, der auf seiner Odyssee auf die andere Seite der Weltkugel und wieder zurück nie sein Ziel aus den Augen verlor, ein erfolgreicher Fotograf zu werden. Für diesen Erfolg wollte er aber nicht seinen eigenen persönlichen Stil verleugnen müssen. Seine Auftraggeber war oft so freundlich, diesen Stil zu akzeptieren, aber nicht immer.

Newton hat vieles auf sich genommen, um dieses Ziel zu erreichen. Doch er hat auch Niederlagen und Demütigungen (siehe oben) einstecken müssen. Kurios sind manche davon: So schildert er etwa das peinliche Schweigen, das eintrat, als er die Modefotos zeigte, die er für die VOGUE von der Schauspielerin Hanna Schygulla geschossen hatte. Einziger Kommentar der Zuschauer: \"Die Achselhaare.\" Tatsächlich: Schygulla zeigt fast stets ihr Achselhaar, in das sich Newton verguckt hatte. Zu schade: \"Achselhaare gab es nicht in der Welt der VOGUE, niemals.\" Er hätte daran denken müssen. Shit happens.

Unterm Strich
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Ich habe schon einige Biografien gelesen, aber nur wenige Autobiographien. Ich hielt dies immer für ein etwas überhebliches Unterfangen seitens des Urhebers. Newtons \"Selberlebensbeschreibung\", um einmal Jean Paul zu bemühen, hat mich angenehm vom Gegenteil überzeugt: Ohne mich auf seine Seite ziehen zu wollen, zeigt er mir einen lebensfrohen, sinnlichen und klugen Menschen, der einiges einstecken musste und doch sein Ziel, ein erfolgreicher Fotograf zu werden, nicht aus den Augen verloren oder gar aufgegeben hat.

Ganz nebenbei lernen wir die Mode- und Fotografenwelt kennen, die Welt der Promis wie auch die der Nachtseite der Städte. Beides faszinierte Newton. Sein Buch erweitert den Horizont des Lesers, geistig wie visuell.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: C. Bertelsmann 10/2002, München; 335 Seiten, EU 24,90, ISBN 3-570-00672-7



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-18 16:18:58 mit dem Titel Håkan Nesser: *Der Tote vom Strand*: Erstklassiger Schwedenkrimi

Zwei Menschen verschwinden, am Strand findet man einen Toten, doch die Wahrheit scheint in einem 16 Jahre zurückliegenden Mord zu suchen zu sein. Ewa Moreno wollte eigentlich Urlaub machen, doch nun hat sie alle Hände voll zu tun. Diesmal spielt weder Kommissar van Veeteren die Hauptrolle, noch spielt das Geschehen in Maardam, dem fiktiven Ort in Nessers fiktivem Europa.

Kurz gesagt: Dieser Krimi ist vom Feinsten und jedem Thrillerfreund zu empfehlen, dem es nicht auf Leichenberge und Blutfontänen ankommt.

Der Autor

Håkan Nesser wurde 1952 geboren, lebt in Uppsala und zählt mittlerweile zu den wichtigsten Krimiautoren Schwedens. Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf deutsch sind u.a. erschienen: Das vierte Opfer, Der unglückliche Mörder, Münsters Fall und Der Kommissar und das Schweigen.

Handlung

Auch Polizisten müssen mal Urlaub machen. Das hat auch Kriminalinspektorin Ewa Moreno vor, die in Maardam in der Station Dienst tut, vor bis vor wenigen jahren auch \"Der Kommissar\" Van Veeteren arbeitete, bevor er sich als Betreiber eines Buchantiquariats selbständig gemacht hat.

Moreno freut sich auf vier Wochen Auszeit, die vor allem mit dem Psychologen Mikael bau in dessen Ferienhaus an der Küste verbringen will. Aber mal ehrlich: Kann das der Mann fürs Leben sein, wenn er noch einen Trabbi fährt? Aus dem Test, ob das mehr wird als ein Flirt, dürfte kein positives Ergebnis herauskommen.

Zum Abschied von der Maardam-Wache erhält sie noch den Auftrag, einen Verbrecher in Lejnice zu befragen, um Namen von unentdeckten Verbrechern zu erfahren. Na toll, sie freut sich schon auf das Verhör mit \"dem Schleimscheißer\". Aber das ist Nebensache.

Im Zug nach Lejnice lernt Ewa nämlich eine weinende junge Frau namens Mikaela Lijphart kennen, die ihren Vater besuchen will. Sie habe erst zu ihrem 18. Geburtstag von ihrer Mutter erzählt bekommen, dass ihr Ziehvater nicht ihr leiblicher Vater sei. Letzterer lebe vielmehr seit 16 Jahren in einer Heilanstalt für Geisteskranke. Doch nachdem Mikaela diesen Arnold Maager besuchte, verschwindet sie, wie Ewa verblüfft herausfindet. Der örtliche Polizeichef Vrommel reagiert jedoch seltsam desinteressiert. Werden in Lejnice keine Vermissten mehr gesucht?

Da scheint es vor 16 Jahren ein ungesühntes Verbrechen gegeben zu haben, für das man den Lehrer und Familienvater Arnold Maager verurteilen wollte. Er hatte eine seiner Schülerinnen namens Winnie Maas angeblich zuerst geschwängert und dann von einer Brücke gestürzt. Diese Vorgeschichte wird am Anfang jedes Buchteils weiter enthüllt, was doch für einige Spannung sorgt.

Nun verschwindet Arnold Maager wenige Tage nach seiner Tochter, und keinen scheint es zu kümmern. Dann stoßen am Strand zwei \'Schätzgräber\' spielende Jungen auf die Leiche eines Mannes. Es handelt sich um einen gewissen Tim van Rippe.

Durch Hinzuziehen ortsfremder Untersuchungsbeamten zur Aufklärung dieses Mordes deckt Ewa eine Verbindung von van Rippe zu Polizeichef Vrommel auf. Zu blöd. Nun bleibt ihr nur ein Weg offen: Sie muss die lokale Presse einschalten, um tiefer in der Vergangenheit zu graben und die Vermisstenanzeigen für Mikaela und ihren Vater zu veröffentlichen.

Doch am Schluss steht wie so oft die Frage, wie man mit der aufgedeckten Wahrheit umgeht. Wie soll Gerechtigkeit aussehen? Da hilft ihr die philosophische Weisheit van Veeterens, den geistigen Übervater der Maardam-Polizisten.

Mein Eindruck

\"Der Tote vom Strand\" hat mir noch besser gefallen als \"Der unglückliche Mörder\" (siehe Bericht). Die Handlung ist vielschichtiger und bereit zu jedem Zeitpunkt einiges Kopfzerbrechen, zumal die wichtigen Fakten nur scheibchenweise enthüllt werden. Zum anderen spielt mit Ewa Moreno zur Abwechslung mal eine (für eine Polizistin) recht einfühlsame Frau die Hauptfigur. Eigentlich woltle sie ja Urlaub machen, nicht zwei Mörder jagen. Sie ist eine recht sympathische Figur, ohne dabei ihre Schwächen zu verdecken.

Nesser wird immer besser. Er charakterisiert selbst seine Nebenfiguren, dass man sie sich bildlich vorstellen. Mikael Bau fährt einen Trabbi, Winnie Maas\' Mutter lebt in einem Saustall, Arnold Maager vegetiert, wiewohl unschuldig, vor sich hin, und Polizeichef Vrommel stählt sich als Single mit Liegestützen statt auf Verbrecherhatz zu gehen.

Natürlich muss man eine Weile über die im Buch mitgeteilten Fakten grübeln und sie erst einmal zusammensetzen. Der leser ist von Anfang zur Mitarbeit aufgefordert. Denn Nesser hebt anders als Mankell nie den mahnenden Zeigefinger, führt uns aber weiter in das Labyrinth menschlicher Leidenschaft und Schuldverstrickung.

Am Schluss, wenn man sich vom Schrecken halbwegs erholt hat, wartet kein Richterspruch. Niemand enthebt uns der Verantwortung, selbst Gerechtigkeit walten zu lassen. Und diese Aufgabe stellt sich als schwieriger heraus als erwartet. Allenfalls gibt es so etwas wie \"poetische Gerechtigkeit\". Man kann froh sein, wenn es die \"richtigen\" trifft und nicht die \"Guten\". Der Übergang ist eh fließend.

Diese Offenheit und Wahlfreiheit hat mich weit mehr für Nessers Buch eingenommen als alle deutlichen Zeigefinger und Anklagen.

Unterm Strich

\"Der Tote am Strand\" ist ein von Anfang bis Ende überzeugender Krimi von einem Könner. Eine Ermittlerin ist vielleicht nicht jeder Manns Sache, sorgt aber für eine neue Würze und eine erhöhte Sensibilität bei der Aufdeckung der begangenen Verbrechen. Nesser erzählt ganz anders als seine amerikanischen Kollegen, erklärt nicht alles haarklein und findet eine Zone des (Un-) Rechts, wo die Antwort nicht offensichtlich und vorgefertigt ist.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: Ewa Morenos fall, 2000; BTB 08/2002, München; 351 Seiten, aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs, EU 21,90, ISBN 3-442-75060-1

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-12-03 18:20:17 mit dem Titel Hakan Nesser: *Der unglückliche Mörder*: Verzwickter Krimi

Eine Mordserie, doch kein Serienmörder. Ein Täter ohne Skrupel, doch zugleich auch ein Opfer. So verzwickt können skandinavische Krimis sein, und so gut, dass man süchtig danach wird.

Dieser Roman ist himmelweit entfernt von irgendwelchen Abenteuergeschichten, die Handlung spielt im grauen November einer Kleinstadt. Dennoch entwickelt sich ein Drama, das es mit etlichen Thrillern aufnehmen kann.

Handlung
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Es ist eine neblige, nasskalte Nacht, als der Mörder - wir erfahren lange zeit nicht seinen namen - seine Stammkneipe verlässt, erheblich angetrunken. Der Regen fällt in Strömen, als der Junge seine Freundin verlässt, den letzten Bus verpasst und die paar Kilometer Landstraße nach hause in Angriff nimmt. Als der Mörder den Aufprall hört, ist es natürlich bereits zu spät - der Junge hat tödliche Verletzungen erlitten. Der Fahrer traut sich nicht, ihn zur Polizei oder ins Krankenhaus zu bringen. Wozu das eigene Leben zerstören? Andere Autos fahren achtlos vorbei. Lieber Fahrerflucht begehen und alles vergessen.

Leider ist das Vergessen alles andere als einfach. Die Todesnachricht ist in allen Medien zu hören, schließlich ruft auch noch die Mutter des Jungen den Mörder auf, sich der Gerechtigkeit zu stellen. Vergebens. Schon gar nicht, als sich der Mörder in eine unglücklich verheiratete Frau verliebt. Die Krankenschwester Vera Miller eröffnet ihm eine rosige Zukunft voller Hoffnung - dumm nur, dass sie noch verheiratet ist. Da erhält er einen Brief: Entweder 10.000 Gulden oder die Wahrheit fliegt auf.

Ganz cool zahlt der Mörder erst einmal, dann bringt er den Boten des Erpressergeldes um, den er für den wirklichen Erpresser hält. Unglücklicherweise handelt es sich bei diesem Handlanger um Kommissar van Veeterens Sohn Erich. Der Kommissar, die Hauptfigur zahlreicher Nesser-Krimis, ist untröstlich und strebt nach Rache. Leider tappt die örtliche Polizeitruppe vorerst völlig im Dunkeln.

Der Mörder ahnt noch nicht, dass seine Feiheit noch zwei anderen Menschen den Tod bringen und sein eigenes Leben zugrunde richten wird. Denn wenige Tage nach Erichs Tod erreicht ihn ein zweiter Brief des Erpressers: Er verlangt nun 200.000 Gulden für sein Schweigen. Die folgende Kurzschlusshandlung wird dem Mörder schließlich zum Verhängnis (obwohl 120 Seiten vergehen müssen, bis das Buch endet).

Mein Eindruck
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Der Originaltitel des Romans lautet \"Carambole\", zu deutsch etwa \"Karambolage\". Damit ist nicht etwa ein Verkehrsunfall gemeint, sondern das Spielprinzip beim Billard. Stößt man eine Kugel an, trifft man auch andere damit - und so weiter. Genauso ergeht es dem Mörder mit seinen Morden. Was zunächst noch als Unfall abgetan werden konnte, führt durch die Erpressung zum ersten vorsätzlichen Mord. Um sich zu schützen, ist der nächste Mord nötig und so weiter - Karambolage.

Auch Notwendigkeit? Der Mörder fasst es so auf, dadurch wird er zu einer tragischen Figur, ungefähr wie Schillers \"Wallenstein\", das Opfer politischer Mächte und Machinationen. Zunächst fällt es uns schwer, den Mörder als Opfer zu sehen, und doch stimmt es.

Natürlich sind auch die Toten und ihre Angehörigen Opfer. Kritisch wird es jedoch, als Kommissar Van Veeteren, der große alte Mann, auf Rache für den Mord an seinem Sohn sinnt, also selbst Täter wird. Gerechtigkeit, Justiz und Recht - diese Begriffe geraten nun ins Zwielicht. An welchem Punkt beginnt ein Opfer, zum Täter zu werden - und umgekehrt? Diese Frage könnte als zentrales Thema dieses Buches betrachtet werden.

Natürlich erzählt Nesser noch viel mehr. Von den Hoffnungen des Mörders, den Ahnungslosigkeiten und abstrusen Ideen der Schnüffler, von ahnungslos-überraschten Zeugen, von Erich van Veeterens ungeborenem Kind. Offenbar dreht sich die Handlung wie ein Wirbelwind des Leids spiralförmig auf einen Punkt am Abgrund zu. Man kann sich dem Verdacht nicht entziehen, dass solches Geschehen in vielen Städten der Welt tägliche Routine ist, ob uns dies gefällt oder nicht. Was aber würde uns davor schützen? Liebe, Glaube, Hoffnung? All dies kommt unter die Räder und ist doch das einzige, das dagegen hilft: Menschlichkeit.

Dass Nesser ein ausgezeichneter Erzähler ist, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Er verrät nur das Nötigste, charakterisiert seine Figuren aufs genaueste, ohne zu schwafeln, und führt die Handlung mit bedacht auf eine überraschende Konsequenz hin. Kurzum: beste Krimitradition. Bei Nesser bsteht hohe Suchtgefahr.

Das einzige, was mich störte, waren die grauen, trostlosen Tage, die man in diesem Buch ständig vorgesetzt bekommt. Nun ja: Im November lebt keiner im Norden in einem Rosengarten. Und es gibt ja immer noch andere Bücher, die sonniger sind.

Der Autor
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Hakan Nesser, jahrgang 1950, ist einer der interessantesten Krimiautoren Schwedens. Dort gilt er als der unumstrittene Star des Genres, wohl neben Mankell. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen, würden vielfach übersetzt und bereits verfilmt. Er lebt in Uppsala.

Alle seine Bücher erscheinen bei BTB, einer Tochter des Random House-Bertelsmann-Konzerns.

Taschenbücher:
. Die Frau mit dem Muttermal.
. Das grobmaschige Netz.
. Das falsche Urteil.
. Das vierte Opfer.

Hardcover:
. Münsters Fall.
. Der Kommissar und das Schweigen.
- Der Tote am Strand (besprochen:-)

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: Carambole, 1999; BTB 2001, 72628, München; 320 Seiten, DM 18,00, aus dem Schwedischen übertragen von Gabriele Haefs; ISBN 3-442-72628-X



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-02-15 23:04:28 mit dem Titel Niven/Pournelle/Flynn: *Gefallene Engel*: Zukunftsvision der SF-Kultautoren

Larry Niven/Jerry Pournelle sind bereits ein altgedientes Gespann von Hard-SF-Autoren und haben daher eine große Fangemeinde. Da sie die Fans auf den Conventions, kurz Cons genannt, treffen, sind sie ihnen sozusagen brüderlich zugetan. \"Gefallene Engel\" könnte sehr gut den Fans gewidmet sein, denn es ist ein wahres Loblied auf ihre Tugenden.

Handlung
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In einem der nächsten zwei Jahrhunderte suchen zwei große Unglücke die Erde – und vor allem die glorreichen USA – heim: die längst prophezeite Eiszeit und das Regime der Öko-Bürokraten, der Grünen. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie letztere für das größere Unglück halten. Eine Eiszeit ist etwas Natürliches, und so ein rechter (!) Amerikaner kann damit zurechtkommen, auch wenn es hart wird. Aber ideologisch verblendete Technikfeinde wie die Grünen verhindern, daß die technischen Mittel entwickelt werden, um mit den Unbilden der Natur fertigzuwerden.

In dieser Zeit der vorrückenden Gletscher – sie haben bereits Minneapolis und Winnipeg umschlossen – fügt es sich, daß die Bewohner der im Orbit schwebenden Habitate einen Stickstoffsammler ausschicken und dieses Raumgefährt von den Luftabwehrrakten der Grünen abgeschossen wird. Man läßt sich eben nicht so einfach die Atmosphäre klauen! Die \"Engel\", wie sie von den SF-Fans in Mnneapolis genannt werden, notlanden auf einem nahen Gletscher. Sofort starten die Fans, wiewohl sonst im Verborgenen wirkend, eine Rettungsaktion, immer die Entdeckung durch die reaktionären Polizeistreitkräfte fürchtend. \"Raphael\" und \"Gabriel\", so tauft man die beiden Piloten des Fliegers, finden ihren Weg so in eine geheime Convention der SF-Bruderschaft. Hier lernen sie nicht nur Muskeltraining und Yoga kennen, sondern auch ein paar schräge regierungsfeindliche Vögel. Den Autoren macht es sichtlich Spaß, die Szene zu schildern. Aber auch die Gegenseite kommt zu Wort, und eine clevere Frau von der Luftwaffenpolizei ist den Engeln auf den Fersen.

Der Rest des Buches dreht sich darum, die beiden gefallenen Engel wieder nach Hause zu schicken, denn ihre schwache Konstitution hält die irdische Schwerkraft trotz allen Trainings nicht aus. Ihr Rückweg führt quer durch die Staaten zu Museumsstücken an Ex-Raketen und zu einer experimentellen Rakete in der Mojave-Wüste. Dort laufen schließlich alle Handlungsfäden zusammen, auch die der zahlreichen Verfolger. Es müssen ungefähr alle SF-Fans, die Los Angeles aufzubieten hat – bestimmt nicht wenige! – mitgeholfen haben, um die Rakete mit allem Nötigen zu versorgen, die die Engel in den Orbit zurückbringen soll: Treibstoff, Proviant, aber auch lebende Kulturen für die Habitate, sogar Hühner. Natürlich gelingt der Start erst, als bereits alles verloren scheint. Da machen die Autoren ihrem Ruf als Profis alle Ehre.

Mein Eindruck
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Wer sich auf die Sympathie der Autoren für SF-Fans einläßt und mit ihrer Kritik an den Grünen zurechtkommt, der findet an diesem hübsch und pfiffig erzählten Garn sein wahres Vergnügen. So ganz nebenbei flechten die Autoren etliche Kritikpunkte ein, was die Technikfeinlichkeit und übertriebene Vorsicht anbelangt. Bezüge werden sogar zu Bradburys \"Fahrenheit 451\" hergestellt: Liest der gemeine Science-Fiction-Fan überhaupt politisch korrekte Literatur? Oder ist er nicht doch reif für die \"Umerziehung\"? An solchen Stellen bleibt dem Leser dann das Lachen im Halse stecken.

Michael Matzer ©2000ff

Info: Fallen angels, 1991; Heyne, 1998, 525 Seiten, DM 16,90, aus dem US-Englischen von Walter Brumm

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