Mehr zum Thema Heroin-Sucht Testbericht

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Erfahrungsbericht von scorpio54

Durch Therapie aus der Sucht

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Liebe Leser und Leserinnen,

ich habe lange überlegt, worüber ich schreiben könnte, damit es auch Euer Interesse erregt. Durch einen Krankenhausaufenthalt wurde ich dann indirekt mit meinem Thema konfrontiert: Nämlich SUCHT UND THERAPIE.

===Allgemeines===
Als erstes eine allgemeine Betrachtung des Themas Sucht; ich nenne es lieber Abhängigkeit, denn das ist genauer. Abhängigkeiten haben eine sehr große Bandbreite. Eine Abhängigkeit fällt in unserer Gesellschaft oft erst auf, wenn der Betroffene sie nicht mehr verbergen kann. Die bekanntesten Abhängigkeiten sind wohl die sogenannte Drogensucht und der Alkoholismus. Diese fallen durch ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit besonders auf (Verwahrlosung). Aber bis dieses Bild an die Öffentlichkeit gelangt, hat der Abhängige schon einen langen Leidensweg hinter sich. Ein jeder Raucher kann bestätigen, wie schwer es ist, von einer Abhängigkeit loszukommen, wobei das Zigarettenrauchen von der Gesellschaft mehr oder minder toleriert wird. Auch wird sich wohl jeder denken können, wie viel Willenskraft nötig ist, um aus einer Abhängigkeit zu kommen. Wollen wir uns nichts vormachen: Alle Abhängigkeiten sind destruktiv. Zumindest erst für den Abhängigen, dann für das nähere Umfeld und im Endstadium für die ganze Gesellschaft.

Und da fängt das Problem an. Erst sieht es die Gesellschaft nicht und wenn sie es dann sieht, macht sie den Abhängigen zu einer Randgruppe, mit der sie nichts zu tun haben will. Hinzu kommt, dass gerade bei Rauschmittelabhängigkeiten eine hohe kriminelle Energie freigesetzt wird, die zur Beschaffung der Rauschsubstanz dient. Aber da ist der Abhängige schon auf der letzten Stufe. Wenn er jetzt keine Hilfe erhält, bleibt als Alternative nur noch der Tod. Es gibt allerdings eine große Zahl von Abhängigkeiten, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben, aber für den Betroffenen genau so destruktiv sind. Hier einige Beispiele. Momentan ist gerade Bulimie (Magersucht) ein Thema. Dann gibt es noch Spielsucht, Kaufsucht, Workaholics (Arbeitssucht). Im Prinzip kann man von Allem abhängig werden. Als ”Sucht” wird es erst bezeichnet, wenn sich Persönlichkeitsstörungen und destruktives Verhalten bei dem Abhängigen einstellen und er trotz dessen weiter dieser Abhängigkeit frönt. Im Folgenden möchte ich mich auf die Drogensucht beschränken.

Als Drogensucht wird im Allgemeinen der exzessive Genuss von Rauschsubstanzen bezeichnet (Heroin, Kokain, Crack , Cannabis usw.). Diese Substanzen - Crack mal ausgenommen - finden von den Inhaltsstoffen her aber auch in der Medizin ihren Platz; beispielsweise Opiate (Heroin) gegen Schmerzen, Kokainderivate (Zahnarztspritze) zum Betäuben, THC (Cannabis und Haschisch) zum Entkrampfen und zur Appetitanregung. Für die Medizin werden diese Stoffe aber speziell aufbereitet, zum Teil sogar synthetisch (Morphin, Polamidon, Methadon u.a.). Im Umkehrschluss werden medizinische Präparate (Tabletten etc.) als Rauschsubstanzen missbraucht, was am Anfang weit weniger auffällt (ich krieg’s ja vom Arzt, also kann’s ja nicht schaden). Einer, der mehrere Substanzen konsumiert, den nennt man polytoxikoman (mehrfachabhängig).

===Wege aus der Sucht===
Wie oben schon gesagt, beschränke ich mich hierbei auf die Drogenabhängigkeit. Der bekannteste Weg aus der Sucht ist wohl die Therapie. Bei kurzzeitiger und niederschwelliger Abhängigkeit gibt es auch ambulante Therapien. Ambulante Therapien schließen sich teilweise auch nach Langzeittherapien an, um das Erlernte im Alltag umzusetzen. Am Anfang jeder Abhängigkeit steht die Entgiftung. Als ich selber vor 20 Jahren abhängig war, wurde damals bei mir die Entgiftung “kalt” durchgezogen. Dies bedeutet, ohne jegliche medikamentöse Unterstützung. Heute wird der Entzug mit L-Polamidon-Gabe wesentlich erleichtert. Eigenartigerweise ist die Abbruchquote in der Entgiftung genau so hoch, wie zu meiner Zeit. Und damit sind wir bei der Grundvoraussetzung für eine Therapie.

Ich habe damals nicht begriffen, wenn von Drogentherapeuten Eltern und Angehörigen gesagt wurde: “Lassen Sie ihn fallen. Er muss erst im Dreck liegen”. Welcher Elternteil oder Partner kann dem Verfall seines Kindes oder Partners gelassen zusehen? Heute weiß ich, was damit gemeint ist. Ich war auch erst vom Innersten überzeugt, dass ich eine Therapie benötige, als mir ansonsten nur noch das Siechtum bis zum Tode geblieben wäre.

Die Dauer der Langzeittherapie hat sich leider auch verändert. Waren es damals noch 18 Monate, dann 12 Monate, dann 9 Monate, sind es heute zum Teil nur noch 6 Monate, die der Kostenträger bezahlt. Das liegt nicht daran, dass die Therapien besser geworden sind, sondern das Geld ist wichtiger als der Mensch.

Aus der Entgiftung sollte der Abhängige möglichst umgehend in eine “Übergangseinrichtung” (ÜE) wechseln. Leider gibt es im gesamten Bundesgebiet nicht einmal ein Hand voll solcher “ÜE‘s”. Die ÜE ist strukturell einer Langzeittherapie ähnlich und sollte der Erfassung von Persönlichkeit und geeigneter Therapieform des Abhängigen dienen. Für den Abhängigen ist die ÜE ein Schutzrahmen, der ihn daran hindert, wieder mit Drogen und den dazugehörigen Leuten in Kontakt zu treten (wieder auf die “Piste” zu gehen). Außerdem wird ihm bereits hier klargemacht, dass er alle seine Drogenbekanntschaften cutten muss und auch so kleine Hintertürchen (“Ach, ich muss noch was abholen”) geschlossen werden müssen, um den Erfolg der Therapie nicht von vornherein zu untergraben. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass mir immer “unheimlich wichtige” Sachen einfielen, die ich angeblich noch zu erledigen hätte, nur um diesen Rahmen verlassen zu können. Hätte ich dies allerdings getan, wäre dies einem Abbruch gleich gekommen und eine Neuaufnahme hätte wieder Monate gedauert. Genauso dauert es heutzutage Monate, bis überhaupt ein geeigneter Therapieplatz frei ist, da nicht genügend Therapieplätze zur Verfügung stehen. Ich hatte das große Glück, “nur” 8 Wochen warten zu müssen. Der Durchschnitt liegt allerdings bei mindestens 4 - 6 Monaten Wartezeit.

Ich entschied mich für die Form der “Gestalttherapie” im “Do It” der Therapiehilfe e.V. in Hamburg. Ich muss allerdings zugeben, die Entscheidung wurde mit meinem damaligen Drogenberater, zu dem ich uneingeschränktes Vertrauen hatte, getroffen; ich selber wusste noch nicht einmal, was Gestalttherapie ist. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies die beste Entscheidung war. Bis dato hatte ich sämtliche Gefühle unterdrückt und war ein reiner Kopfmensch. Das brachte mir in der Therapie schon nach 3 Tagen den Namen Mr. Spock ein. Die Gestalttherapie definiert sich durch Rollenspiele, wobei der Abhängige - in diesem Fall ich - bei den Rollenspielen weniger auf den Inhalt der Sprache als auf die aufkommenden Gefühle zu achten hat; denn der Hauptgrund der Drogenabhängigkeit ist meistens “unerträgliche” Gefühle zu unterdrücken. Das wurde mir im Laufe der Therapie erst richtig bewusst. Ich hatte sogar solange einen körperlichen Mechanismus eingesetzt, der dazu diente, Gefühle zu unterdrücken (zu flaches Atmen und rationales Erklären). Als dies nicht mehr funktionierte, griff ich halt zu Drogen. Der Name der Therapieeinrichtung - Do It - leitet sich ab von “just do it”, das heißt, Dinge auszuprobieren, die man sich sonst nicht traute. Ferner lernte ich dort, dass es Situationen gibt, die man aushalten muss, auch wenn sie noch so unangenehm sind (das berühmte schwarze Loch). Aus diesem schwarzen Loch führt IMMER ein Weg heraus; manchmal dauert es halt länger, weil der Leidensdruck noch nicht groß genug ist und man sich hängen lässt. Das ist bei der Therapie meist der Punkt, wo man das erste Mal an Abbruch denkt. In der Regel kommt dieser Punkt zu 99 % in der Therapie 2 x vor. Das zweite Mal ist meistens nach 2/3 der Therapiezeit aus einer Selbstüberschätzung heraus. Die Gemeinschaft in der Therapie fängt einen dabei gut auf und zeigt einem den Weg, den man doch gehen wollte, wieder neu auf.

Ich erkläre nun in groben Zügen die Therapieform im “Do It”. Diese besteht aus 3 Stufen. Das sind die Eingangsstufe (im Schnitt 2 Monate), dann die sogenannten Zweier (bis ca. 8 - 9 Monate) und letztlich die Ausgangsstufe - Stufe 3. Danach folgt ein “Betreutes Wohnen”.

Die Eingangsstufe dient in erster Linie der Orientierung von Haus, Mitbewohnern, Therapeuten und Therapieform. Auch ganz wichtig ist dabei, wieder ein soziales Verhalten zu erlernen. Das Do It ist im täglichen Bereich von den Abhängigen selbst verwaltet (Saubermachen, Einkaufen, Kochen, Haus- und Gartenpflege und alles, was halt so im Leben anfällt). Hinzu kommen Gruppentherapie in Form der genannten Gestalttherapie. Hier hat jeder einen Bezugstherapeuten, der mit ihm auch regelmäßig Einzelgespräche führt. In der Eingangsstufe nimmt der Bezugstherapeut zuerst eine Anamnese (persönliche Entwicklungsgeschichte, Elternhaus, Krankheiten, Drogengeschichte usw.) auf, um sich ein persönliches Bild von dem Abhängigen zu machen und dann dementsprechend die Therapie zu leiten. Bei meiner Anamnese heulte ich das erste Mal nach 15 Jahren wieder wie ein kleines Kind. Hätte nie gedacht, dass mich das so berührt. Während der Eingangstufe herrscht absolutes Kontaktverbot nach draußen. Weder Telefonate noch Briefkontakte sind erlaubt - von Besuchen ganz zu schweigen.

In der Stufe 2 wird man in die Gruppentherapie integriert und entsprechend seinem Persönlichkeitsbild die Vergangenheit und die sogenannten Knackpunkte der Sucht aufgearbeitet. Für mich war es teilweise beängstigend, meine eigenen Gefühle zu akzeptieren und nicht wieder auf mein logisch-rationales Denken zurückzugreifen. Ich musste akzeptieren, schwach zu sein, wütend, aggressiv und alles, was einen Menschen ausmacht. Was am Schwersten ist, ist zu akzeptieren, dass viele einen dulden aber die wenigsten einen wirklich mögen. Der Konsenz daraus für mein heutiges Leben ist, dass Freundschaft wie eine Blume ist. Sie muss ganz langsam wachsen und gut gepflegt werden. Ich habe viele Bekannte, aber nur 1,95 Freunde (grins). Doch zurück zur Stufe 2. Da die ganze Woche in der Therapie strukturiert ist - in Form eines Stundenplanes, worin sämtliche therapeutischen Maßnahmen und Aktivitäten enthalten sein müssen - hat die Stufe 2 darauf zu achten, dass dies eingehalten wird. Fernsehen ist 2 x die Woche erlaubt, auf Antrag der Gesamtgruppe eventuell auch 3 x. Im Do It ist “fast” Alles machbar; wenn es innerhalb der Gesamtgruppe abgesprochen und mit großer Mehrheit dafür gestimmt wird, kann es den Therapeuten vorgetragen werden, die dann das letzte Wort haben. Die Stufe 2 ist für Einkauf und die Außenaktivitäten verantwortlich. Das heißt, dass diese im Sinne der Therapieordnung eingehalten werden. Wir Klienten der Stufe 2 durften nur zu zweit oder zu dritt das Haus verlassen, wenn es zum Einkauf, zum Arzt oder anderen organisatorischen Dingen ging. Kino, Schwimmbadbesuche und ähnliches, die die ganze Gruppe betrafen, wurden im Wochenplan festgelegt, wo sich ein jeder, der Interesse hatte, eintragen musste, dann aber auch dran teilnehmen musste. Ein Zurück war nur aus gesundheitlichen Gründen möglich. Hintergrund hierfür ist, dass man für zugesagte Dinge einzustehen hat und nicht wieder vor Verantwortung flüchtet.

Kurz vor Ende der Therapie kommt dann die Stufe 3. In dieser Stufe entscheidet jeder für sich, wie er seine Woche strukturiert. Er kann das Haus auch alleine verlassen, muss aber die Zeiten, die er nicht im Hause ist, eintragen - und sich natürlich auch dran halten. Diese Wochenstrukturierung wird dem Therapeuten vorgelegt, da dieser dies genehmigen muss. Oft musste man sich mit dem Therapeuten darüber auseinandersetzen, wieso und warum man gerade diese Aktivität unbedingt durchführen will. Es ärgerte mich damals maßlos. “Immer diese Kleinlichkeiten” dachte ich. Der wahre Hintergrund liegt aber darin, sich für seine Belange gerade zu machen - auch gegen Widerstände von außen. Wenn man nicht komplett davon überzeugt ist, merkt man bei der Auseinandersetzung mit dem Therapeuten ganz schnell, dass man sich schon wieder selber bescheißt.

Um von einer Stufe in die nächsthöhere zu gelangen, muss man vor der ganzen Gruppe einen Antrag stellen und diesen begründen. Von der Gruppe wird dann entschieden, ob man höhergestuft wird. Hier hat letztendlich aber auch der Therapeut das letzte Wort. Beim Antrag von Stufe 1 nach Stufe 2 wird von dem Antragsteller halt erwartet, dass er seine Kontakte innerhalb des Hauses darlegt, und wenn er den Mut hat, auch sein Missfallen an Diesem oder Jenem äußert. Ganz wichtig ist es, der Gruppe zu erklären, warum man der Meinung ist, gerade jetzt reif für die Stufe 2 zu sein. Von Stufe 2 nach Stufe 3 sind meist Erfahrungsberichte der Therapie, des Erlebten im Hause und ganz wichtig Veränderungen im Selbstbewusstsein der Gruppe gegenüber maßgebend. Das heißt, auch in vernünftiger Form - wenn nötig auch Konfrontation - mit der Gruppe austragen, was nicht ganz einfach ist, denn man ist allein gegen ca. 15 bis 20 Leute. Die Stufe 3 beantragt man eigentlich - so sehe ich es heute - mehr oder minder der Form halber, weil sie der Abnabelung aus diesem geschützten Rahmen dient.

Abschließend kann ich im Nachhinein meinen Therapeuten für ihre Mühe nur dankbar sein. Ich habe dort vieles über mich und mein Funktionsmuster gelernt, was ich bis heute immer wieder benötige. Es wäre auch günstig, wenn sich Partner, Eltern und sonstige Angehörige ebenfalls therapeutische Hilfe holen, um nicht aus Unwissenheit den Therapieerfolg zu gefährden. Ein cleaner Drogenkonsument fällt nämlich sonst sehr schnell in sein altes Muster zurück. Ich persönlich hatte diesbezüglich wirklich Glück, denn ich lernte kurz nach der Therapie eine Frau kennen, die ebenfalls Drogen- und Therapieerfahrungen gemacht hatte. Das hilft mir (und auch ihr) seit nunmehr 10 Jahren drogenfrei zu leben (DANKE, mein Schatz!).

Ich habe mich bemüht, den Therapieverlauf möglichst kurz und prägnant zu halten, denn es könnte noch vieles erwähnt werden. Solltet Ihr Fragen haben, dann fragt mich ruhig - ich antworte gerne.

Mit Sonne im Herzen und positivem Denken grüßt Euch scorpio54

34 Bewertungen, 5 Kommentare

  • LeaofRafiki

    22.05.2002, 00:30 Uhr von LeaofRafiki
    Bewertung: sehr hilfreich

    :-))) LiebeNgruß, Lea

  • RIPwolf

    19.05.2002, 18:38 Uhr von RIPwolf
    Bewertung: sehr hilfreich

    echt meine absoliute Hochachtung. Dieser Bericht ist sehr durchdacht, ich freue mich noch so qualitativ hochwertige Berichte hier zu finden. Ich wünsche schöne Pfingsten

  • Obermann1

    28.04.2002, 23:34 Uhr von Obermann1
    Bewertung: sehr hilfreich

    Nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe, freue ich mich dich hier gefunden zu haben. Aber eigentlich hast du und deine Gutste mich gefunden. Ich weis was Endzug bedeutet. Ich war Jahrelang Morphium Patient. Alles Gute und schönen Gruß an deine F

  • sidhe

    22.04.2002, 17:46 Uhr von sidhe
    Bewertung: sehr hilfreich

    Puh, ein langer und ziemlich heftiger Bericht - aber auch mutig und mutmachend! Und ich finde es bewundernswert, daß du das durchgestanden hast!

  • skorpion99

    16.03.2002, 18:39 Uhr von skorpion99
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sucht definiert sich noch viel einfacher, als Du es dargestellt hast. Und ich merke es hier auch nur an, weil es sich mir, als vermeintlich nicht Süchtigen sehr gut eingeprägt hat: Ich bin bereits dann süchtig, wenn ich das, was die Sucht a