Memento (VHS) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004
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Erfahrungsbericht von _matthias_
Erinnerungen & Polaroids. Wer ist Leonard Shelby?
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Wer ist Leonard Shelby? Nun, rückwärts betrachtet ist er der Mann, der am Anfang des Films ein Polaroid-Foto eines Toten in der Hand hält, dessen Konturen mehr und mehr verschwinden, je öfter er es in der Luft zu wedeln scheint. Er ist der Mann, dessen zuvor betrachtetes Foto wieder in seiner Polaroidkamera verschwindet, dessen Kugel aus dem Kopf seines Opfers wieder in der Pistole verschwindet und der die Waffe auf sein Opfer richtet ... Leonard Shelby lässt uns seinen „Film“ rückwärts erleben ...
Leonard wurde von seiner Frau Lenny genannt und er mochte es nicht. Dies ist das Letzte, woran er sich erinnern kann: seine Frau. Und nun ist sie tot. Vergewaltigt. Ermordet. Und er hatte es mitangesehen, wurde schwer am Kopf verletzt, als er eingreifen wollte und hat seitdem sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Was in der einen Minute passiert, kann in der anderen Minute vergessen sein, wenn er nicht dazu kommt, es sich aufzuschreiben, zu fotografieren oder sich auf die Haut zu tätowieren.
Das Wichtigste, was Leonard sich auf die Haut tätowiert, ist seine Mission „Finde den Mörder deiner Frau und töte ihn“. Zunächst weiß er nicht viel, aber er hat einiges an Fakten als Tätowierung auf seiner Haut gesammelt, Dinge, die er keinesfalls mehr vergessen darf. Für alle anderen Erinnerungen seit dem Tod seiner Frau halten Notizen und Polaroidsofortbilder her, die er von Personen oder Orten macht, mit denen er zu tun hat oder an denen er gewesen ist. Auch sie versieht er mit Notizen.
All dies hört sich nach einem typischen Psychothriller an, bei dem es am Ende zum großen, überraschenden Showdown mit dem Killer kommt und Leonard fürchterliche Rache nimmt. Wie dem auch sei ... dem ist nicht so. Denn der Zuschauer ist ebenso wie Lenny gefangen in Zwängen, denn wir erleben vom Anfang an jeweils Episoden aus Leonards Leben, wobei die folgende Szene immer chronologisch da endet, wo die vorhergehende angefangen hat ... wir erleben sein Leben rückwärts und nähern uns so Stück für Stück immer mehr dem Zeitpunkt, an dem seine Frau ermordet wurde.
Leonard trifft dabei auf verschiedene Leute, an die er sich nicht erinnern würde, wenn er nicht ständig die Bilder mit den Personen vergleichen würde. Ob er sie mag oder hasst, hängt allein von den Notizen auf den Fotos ab, die er sich dazu gemacht hat. Da wäre sein scheinbarer Freund Teddy, dem er nicht zu trauen scheint, Natalie, die ihm offensichtlich helfen will, weil auch sie einen Schicksalsschlag erlitten hat und da wäre noch Dodd, der irgendwie mit Allem und mit Nichts etwas zu tun hat ...
Das Ende kommt – wie sollte es anders sein – überraschend ...
Die Geschichte ist von daher einzigartig, weil sich die Episoden in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge aneinander reihen. Was man eine Stunde vorher schon registriert hat, wird irgendwann später (im Film) beziehungsweise früher (im zeitlichen Ablauf in Leonards Leben) aufgeklärt ... und genau das macht die Faszination aus. Selbst vorwärts wäre ein guter Film entstanden, durch die Umkehr der Zeitachse im Film wird aber alles potenziert.
Der Film, der in nur 25 ½ Tagen gedreht wurde, überzeugt zu allererst durch die kongeniale Idee der Machart, durch die Schauspieler aber ebenso wie durch den Spannungsbogen, der von Beginn an hoch gehalten wird und gegen Ende des Films noch stärker gespannt zu sein scheint. Guy Pears als Leonard Shelby spielt hervorragend und meist sehr glaubwürdig einen ehemaligen Versicherungsvertreter, dessen Langzeitgedächtnis perfekt (wirklich perfekt?) funktioniert, dessen Kurzzeitgedächtnis aber seit dem Mord an seiner Frau ausgelöscht zu sein scheint. Sehr glaubwürdig taucht der Zuschauer in seine Welt ein und erlebt die Geschichte kaum anders, als er sie selber erleben würde. Der Freund Teddy, gespielt von Joe Pantoliano spielt genau die Art eines falschen Freundes, die uns hoffentlich im Leben nicht allzu oft begegnet, scheint aber auch derjenige zu sein, der am meisten Informationen mitbringt, sodass wir einerseits an seinen Lippen hängen, um mehr zu erfahren, andererseits aber hoffen, dass er möglichst bald von der Leinwand verschwindet. Natalie schließlich verkörpert in Gestalt von Carrie-Anne Moss die mystische, geheimnisvolle Gestalt in Memento, die wir zunächst nur schwer einschätzen können ... über die wir aber noch wesentlich mehr erfahren, je weiter wir uns in der Zeit rückwärts bewegen ...
Christopher Nolans Film ist sicherlich kein zweites Blair Witch Project, wird aber oft damit verglichen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, dennoch wirkt Memento professioneller; beiden Filmen ist aber gemein, dass sie dicht sind, atmosphärisch gesehen. Nolan scheint einem am Ende des Films zulächeln zu wollen, wenn die Zuschauer halb aufgeklärt, vielleicht aber auch halb ratlos vor dem Fernseher sitzen und nicht recht wissen, was sie vom Gesehenen nun wirklich konkret halten sollen.
Die Idee des rückwärtsgerichteten Erzählens ist genial und brillant in die Tat umgesetzt. Mit etwas Konzentration ist dem Geschehen durchaus gut zu folgen, dennoch hat man als Zuschauer ständig Angst etwas zu verpassen oder einen wichtigen Hinweis übersehen zu haben. Und in der Tat sollte man manchmal sehr genau hinschauen, denn nicht immer ist die Person, die wir sehen, auch wirklich die Person, die wir sehen ... wenn auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde ... Augen auf!
Es sei noch angemerkt, dass die DVD-Verkaufsversion aus zwei Silberscheiben besteht, der Leihfilm jedoch nur auf einer DVD daherkommt. Dadurch kommt man zwar immer noch in den Genuss einiger Extras – wie einem relativ langem und teilweise auch interessantem Interview mit dem Regisseur Christopher Nolan – man muss jedoch auf ein halbstündiges Making Of und auf weitere Extras leider verzichten. Wer also wirklich nur Gutes über den Film gehört hat und meint, das wäre etwas für die heimische Sammlung (denn diesen Film kann man sicher mehr als einmal sehen – der sollte gleich über den Kauf des DVD-Sets nachdenken.
Allen anderen ist aber auf jeden Fall empfohlen den Leihausweis zu zücken und sich den Film für einen spannenden Abend mit Bier und Chips ins Haus zu holen. Man wird es nicht bereuen.
Memento, USA 2000
R: Christopher Nolan
D: Guy Pearce, Carrie-Anne Moss, Joe Pantoliano, Stephen Tobolowsky
Länge: 116 Min.
Verleih: Helkon (Buena Vista)
www.otnemem.com
Rückwärts-gerichtete Grüße, euer _matthias_/mr.matze © 31.8.02
Wer klaut der soll sich nicht mehr an diesen Bericht erinnern.
Respect all Colours.
Leonard wurde von seiner Frau Lenny genannt und er mochte es nicht. Dies ist das Letzte, woran er sich erinnern kann: seine Frau. Und nun ist sie tot. Vergewaltigt. Ermordet. Und er hatte es mitangesehen, wurde schwer am Kopf verletzt, als er eingreifen wollte und hat seitdem sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Was in der einen Minute passiert, kann in der anderen Minute vergessen sein, wenn er nicht dazu kommt, es sich aufzuschreiben, zu fotografieren oder sich auf die Haut zu tätowieren.
Das Wichtigste, was Leonard sich auf die Haut tätowiert, ist seine Mission „Finde den Mörder deiner Frau und töte ihn“. Zunächst weiß er nicht viel, aber er hat einiges an Fakten als Tätowierung auf seiner Haut gesammelt, Dinge, die er keinesfalls mehr vergessen darf. Für alle anderen Erinnerungen seit dem Tod seiner Frau halten Notizen und Polaroidsofortbilder her, die er von Personen oder Orten macht, mit denen er zu tun hat oder an denen er gewesen ist. Auch sie versieht er mit Notizen.
All dies hört sich nach einem typischen Psychothriller an, bei dem es am Ende zum großen, überraschenden Showdown mit dem Killer kommt und Leonard fürchterliche Rache nimmt. Wie dem auch sei ... dem ist nicht so. Denn der Zuschauer ist ebenso wie Lenny gefangen in Zwängen, denn wir erleben vom Anfang an jeweils Episoden aus Leonards Leben, wobei die folgende Szene immer chronologisch da endet, wo die vorhergehende angefangen hat ... wir erleben sein Leben rückwärts und nähern uns so Stück für Stück immer mehr dem Zeitpunkt, an dem seine Frau ermordet wurde.
Leonard trifft dabei auf verschiedene Leute, an die er sich nicht erinnern würde, wenn er nicht ständig die Bilder mit den Personen vergleichen würde. Ob er sie mag oder hasst, hängt allein von den Notizen auf den Fotos ab, die er sich dazu gemacht hat. Da wäre sein scheinbarer Freund Teddy, dem er nicht zu trauen scheint, Natalie, die ihm offensichtlich helfen will, weil auch sie einen Schicksalsschlag erlitten hat und da wäre noch Dodd, der irgendwie mit Allem und mit Nichts etwas zu tun hat ...
Das Ende kommt – wie sollte es anders sein – überraschend ...
Die Geschichte ist von daher einzigartig, weil sich die Episoden in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge aneinander reihen. Was man eine Stunde vorher schon registriert hat, wird irgendwann später (im Film) beziehungsweise früher (im zeitlichen Ablauf in Leonards Leben) aufgeklärt ... und genau das macht die Faszination aus. Selbst vorwärts wäre ein guter Film entstanden, durch die Umkehr der Zeitachse im Film wird aber alles potenziert.
Der Film, der in nur 25 ½ Tagen gedreht wurde, überzeugt zu allererst durch die kongeniale Idee der Machart, durch die Schauspieler aber ebenso wie durch den Spannungsbogen, der von Beginn an hoch gehalten wird und gegen Ende des Films noch stärker gespannt zu sein scheint. Guy Pears als Leonard Shelby spielt hervorragend und meist sehr glaubwürdig einen ehemaligen Versicherungsvertreter, dessen Langzeitgedächtnis perfekt (wirklich perfekt?) funktioniert, dessen Kurzzeitgedächtnis aber seit dem Mord an seiner Frau ausgelöscht zu sein scheint. Sehr glaubwürdig taucht der Zuschauer in seine Welt ein und erlebt die Geschichte kaum anders, als er sie selber erleben würde. Der Freund Teddy, gespielt von Joe Pantoliano spielt genau die Art eines falschen Freundes, die uns hoffentlich im Leben nicht allzu oft begegnet, scheint aber auch derjenige zu sein, der am meisten Informationen mitbringt, sodass wir einerseits an seinen Lippen hängen, um mehr zu erfahren, andererseits aber hoffen, dass er möglichst bald von der Leinwand verschwindet. Natalie schließlich verkörpert in Gestalt von Carrie-Anne Moss die mystische, geheimnisvolle Gestalt in Memento, die wir zunächst nur schwer einschätzen können ... über die wir aber noch wesentlich mehr erfahren, je weiter wir uns in der Zeit rückwärts bewegen ...
Christopher Nolans Film ist sicherlich kein zweites Blair Witch Project, wird aber oft damit verglichen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, dennoch wirkt Memento professioneller; beiden Filmen ist aber gemein, dass sie dicht sind, atmosphärisch gesehen. Nolan scheint einem am Ende des Films zulächeln zu wollen, wenn die Zuschauer halb aufgeklärt, vielleicht aber auch halb ratlos vor dem Fernseher sitzen und nicht recht wissen, was sie vom Gesehenen nun wirklich konkret halten sollen.
Die Idee des rückwärtsgerichteten Erzählens ist genial und brillant in die Tat umgesetzt. Mit etwas Konzentration ist dem Geschehen durchaus gut zu folgen, dennoch hat man als Zuschauer ständig Angst etwas zu verpassen oder einen wichtigen Hinweis übersehen zu haben. Und in der Tat sollte man manchmal sehr genau hinschauen, denn nicht immer ist die Person, die wir sehen, auch wirklich die Person, die wir sehen ... wenn auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde ... Augen auf!
Es sei noch angemerkt, dass die DVD-Verkaufsversion aus zwei Silberscheiben besteht, der Leihfilm jedoch nur auf einer DVD daherkommt. Dadurch kommt man zwar immer noch in den Genuss einiger Extras – wie einem relativ langem und teilweise auch interessantem Interview mit dem Regisseur Christopher Nolan – man muss jedoch auf ein halbstündiges Making Of und auf weitere Extras leider verzichten. Wer also wirklich nur Gutes über den Film gehört hat und meint, das wäre etwas für die heimische Sammlung (denn diesen Film kann man sicher mehr als einmal sehen – der sollte gleich über den Kauf des DVD-Sets nachdenken.
Allen anderen ist aber auf jeden Fall empfohlen den Leihausweis zu zücken und sich den Film für einen spannenden Abend mit Bier und Chips ins Haus zu holen. Man wird es nicht bereuen.
Memento, USA 2000
R: Christopher Nolan
D: Guy Pearce, Carrie-Anne Moss, Joe Pantoliano, Stephen Tobolowsky
Länge: 116 Min.
Verleih: Helkon (Buena Vista)
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Rückwärts-gerichtete Grüße, euer _matthias_/mr.matze © 31.8.02
Wer klaut der soll sich nicht mehr an diesen Bericht erinnern.
Respect all Colours.
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