Memento (VHS) Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004
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Erfahrungsbericht von wildheart
Wir sind Erinnerung ...
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
... heißt ein Buch des amerikanischen Professors für Psychologie an der Harvard University (1) Daniel L Schacter. In dieser Studie informiert Schacter nicht nur über die neuesten Ergebnisse der Gedächtnisforschung, sondern macht dem Leser auch bewusst, dass wir, unsere Identität, unsere ganze Individualität und unsere lebensgeschichtliche Kontinuität letztlich auf Erinnerung beruht, d.h. auf einem System von Bedeutungen, die wir Ereignissen in unserem Leben, die wir mittelbar oder unmittelbar erlebt haben, zumessen. Ein Mensch ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis muss sterben, weil er sich mit seinem Gedächtnis verliert.
In dem Streifen »Memento« be-schreibt Christopher Nolan fast schon akribisch den Zustand des partiellen Gedächtnisverlustes, hier der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Leonard Shelby (Guy Pearce) kann sich an gerade geschehene Dinge, Gespräche, Ereignisse nur noch wenige Minuten erinnern; dann scheinen sie unwiederbringlich aus seinem Gedächtnis verschwunden zu sein. Nolan bezieht den Zuschauer in diesen Gedächtnisschwund zunächst mit ein. Man kennt aus Shelbys Leben nur Bruchstücke an Erinnertem, ohne jedoch zu wissen, ob diese Erinnerungen tatsächlichen Ereignissen entsprechen oder Shelbys Bedeutungen, die er diesen Ereignissen zumisst. Objektivität und Subjektivität, Wahrheit und Phantasie verschwimmen. Es scheint nur noch wichtig, ob etwas plausibel, nicht ob es wahr ist.
Shelby trägt teure Anzüge, fährt einen ebenso luxuriösen Jaguar und hat stets viel Bargeld bei sich. Er ist auf der Suche nach einem Mann, der seine Frau vergewaltigt und ermordet hat. Seit diesem Ereignis besteht Shelbys Gedächtnisverlust, hervorgerufen also wahrscheinlich durch einen Schock verbunden mit einem Schlag auf den Kopf. Jedenfalls glaubt Shelby fest daran, dass seine Frau tot ist. Sein Zustand ist ihm dabei durchaus bewusst. Und er versucht, mit Fotos aus einer Polaroid, auf die er Notizen schreibt über Personen, Ereignisse, mit Aufzeichnungen, Karteikarten, Skizzen und nicht zuletzt Tätowierungen, die er sich auf dem ganzen Körper anbringen lässt, den Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses teilweise auszugleichen.
Nolan rollt nun in einer Art Retrospektive den Gang der Ereignisse rückwärts ab. Der Zuschauer erfährt auf diese Weise ein Brückstück nach dem anderen. Zuerst tauchen Personen und Orte in Shelbys Leben auf, deren Zusammenhang mit dem schrecklichen Ereignis auch dem Zuschauer verborgen sind. Vor allem sind das Teddy (Joe Pantoliano), der so tut, als kenne er Shelby schon immer, als sei er sein Freund, und Natalie (Carrie-Anne Moss), die Shelby angeblich aus Mitleid bei der Suche nach dem Mörder seiner Frau helfen will. Nach und nach erfährt man, dass Natalie und Teddy ihre eigenen Interessen verfolgen.
Eingewoben in den retrospektiven Ablauf der Ereignisse sind in schwarz-weiß gehaltene bruchstückhafte Szenen eines Telefonats Shelbys mit einer zunächst unbekannten Person am anderen Ende der Leitung. Dieser Person erzählt Shelby, der für eine Versicherung arbeitete, immer wieder die Geschichte eines seiner Kunden, der ebenfalls sein Gedächtnis verloren hatte. Doch auch hier kann sich niemand sicher sein, ob Shelby die Geschichte seines Ex-Kunden wirklich erinnert. Erinnerung gerät in dem Film zu einer unsicheren Angelegenheit, die nach Kriterien von wahr und falsch nicht mehr zu beurteilen ist. Gab es diesen Kunden und wird sein Fall von Shelby richtig erinnert oder misst Shelby dieser Geschichte »nur« eine Bedeutung zu, die für die Lösung seines Problems bzw. die verzweifelten Versuche der Rekonstruktion seines Lebens plausibel erscheinen?
Auch für den Zuschauer, der – im Unterscheid zu Shelby – jedenfalls immer mehr Bruchstücke geliefert bekommt, um zumindest zu versuchen, seine Geschichte zu rekonstruieren, bleibt in jeder Phase des Films eine Situation, in der er die Geschichte Shelbys neu interpretieren bzw. modifizieren muss. Selbst am Ende des Films bleiben nur Bruchstücke eines Mosaiks von Bedeutungen, Ereignissen, Handlungsabläufen, ohne dass der Ablauf der Ereignisse hundertprozentig rekonstruierbar wäre. Doch im Unterschied zu Shelby besitzt der Zuschauer sein Gedächtnis und kann rekonstruieren, sich an die rückwärts erzählte Geschichte im Film erinnern.
Umso erschreckender ist nach Ablauf des Films die Vorstellung, in welcher Situation sich Shelby zu Anfang des Films befand, der Anfang, der ja das vorläufige Ende seiner Suche nach Erinnerung darstellte: in einer, Shelby selbst gar nicht bewussten, für den Zuschauer aber verzweifelten Situation des Nicht-Wissens, der Nicht-Identität. Selbst die zahlreichen Fotos, Skizzen, Aufzeichnungen usw. helfen ihm nur begrenzt. Sie sind der verzweifelte Versuch, lebensgeschichtliche Kontinuität wiederherzustellen.
Ein Lob noch an Guy Pearce, der die Rolle des Shelby in all seiner Verzweiflung, aber auch in seinem unermüdlichen Kampf sicher und überzeugend spielt und verdeutlicht, dass der letzte Sinn in Shelbys Leben nichts anderes mehr ist als diese unermüdliche, aber zwecklose Suche nach der Wiedererlangung seines Gedächtnisses. Es bleibt letztlich nur die geringe Hoffnung, dass er es durch einen Schock oder ähnliches wiedergewinnt.
(1) Daniel L. Schacter: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Reinbek bei Hamburg 2001 (Originalausgabe: New York 1996), 649 Seiten mit ausführlicher Bibliografie und gutem Register, DM 29,90 (rororo 2990).
Memento
USA 2000, 113 Minuten
Regie: Christopher Nolan
Hauptdarsteller: Guy Pearce (Leonard Shelby), Carrie-Ann Moss (Natalie), Joe Pantoliano (Teddy)
© Ulrich Behrens 2002
(zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
In dem Streifen »Memento« be-schreibt Christopher Nolan fast schon akribisch den Zustand des partiellen Gedächtnisverlustes, hier der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Leonard Shelby (Guy Pearce) kann sich an gerade geschehene Dinge, Gespräche, Ereignisse nur noch wenige Minuten erinnern; dann scheinen sie unwiederbringlich aus seinem Gedächtnis verschwunden zu sein. Nolan bezieht den Zuschauer in diesen Gedächtnisschwund zunächst mit ein. Man kennt aus Shelbys Leben nur Bruchstücke an Erinnertem, ohne jedoch zu wissen, ob diese Erinnerungen tatsächlichen Ereignissen entsprechen oder Shelbys Bedeutungen, die er diesen Ereignissen zumisst. Objektivität und Subjektivität, Wahrheit und Phantasie verschwimmen. Es scheint nur noch wichtig, ob etwas plausibel, nicht ob es wahr ist.
Shelby trägt teure Anzüge, fährt einen ebenso luxuriösen Jaguar und hat stets viel Bargeld bei sich. Er ist auf der Suche nach einem Mann, der seine Frau vergewaltigt und ermordet hat. Seit diesem Ereignis besteht Shelbys Gedächtnisverlust, hervorgerufen also wahrscheinlich durch einen Schock verbunden mit einem Schlag auf den Kopf. Jedenfalls glaubt Shelby fest daran, dass seine Frau tot ist. Sein Zustand ist ihm dabei durchaus bewusst. Und er versucht, mit Fotos aus einer Polaroid, auf die er Notizen schreibt über Personen, Ereignisse, mit Aufzeichnungen, Karteikarten, Skizzen und nicht zuletzt Tätowierungen, die er sich auf dem ganzen Körper anbringen lässt, den Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses teilweise auszugleichen.
Nolan rollt nun in einer Art Retrospektive den Gang der Ereignisse rückwärts ab. Der Zuschauer erfährt auf diese Weise ein Brückstück nach dem anderen. Zuerst tauchen Personen und Orte in Shelbys Leben auf, deren Zusammenhang mit dem schrecklichen Ereignis auch dem Zuschauer verborgen sind. Vor allem sind das Teddy (Joe Pantoliano), der so tut, als kenne er Shelby schon immer, als sei er sein Freund, und Natalie (Carrie-Anne Moss), die Shelby angeblich aus Mitleid bei der Suche nach dem Mörder seiner Frau helfen will. Nach und nach erfährt man, dass Natalie und Teddy ihre eigenen Interessen verfolgen.
Eingewoben in den retrospektiven Ablauf der Ereignisse sind in schwarz-weiß gehaltene bruchstückhafte Szenen eines Telefonats Shelbys mit einer zunächst unbekannten Person am anderen Ende der Leitung. Dieser Person erzählt Shelby, der für eine Versicherung arbeitete, immer wieder die Geschichte eines seiner Kunden, der ebenfalls sein Gedächtnis verloren hatte. Doch auch hier kann sich niemand sicher sein, ob Shelby die Geschichte seines Ex-Kunden wirklich erinnert. Erinnerung gerät in dem Film zu einer unsicheren Angelegenheit, die nach Kriterien von wahr und falsch nicht mehr zu beurteilen ist. Gab es diesen Kunden und wird sein Fall von Shelby richtig erinnert oder misst Shelby dieser Geschichte »nur« eine Bedeutung zu, die für die Lösung seines Problems bzw. die verzweifelten Versuche der Rekonstruktion seines Lebens plausibel erscheinen?
Auch für den Zuschauer, der – im Unterscheid zu Shelby – jedenfalls immer mehr Bruchstücke geliefert bekommt, um zumindest zu versuchen, seine Geschichte zu rekonstruieren, bleibt in jeder Phase des Films eine Situation, in der er die Geschichte Shelbys neu interpretieren bzw. modifizieren muss. Selbst am Ende des Films bleiben nur Bruchstücke eines Mosaiks von Bedeutungen, Ereignissen, Handlungsabläufen, ohne dass der Ablauf der Ereignisse hundertprozentig rekonstruierbar wäre. Doch im Unterschied zu Shelby besitzt der Zuschauer sein Gedächtnis und kann rekonstruieren, sich an die rückwärts erzählte Geschichte im Film erinnern.
Umso erschreckender ist nach Ablauf des Films die Vorstellung, in welcher Situation sich Shelby zu Anfang des Films befand, der Anfang, der ja das vorläufige Ende seiner Suche nach Erinnerung darstellte: in einer, Shelby selbst gar nicht bewussten, für den Zuschauer aber verzweifelten Situation des Nicht-Wissens, der Nicht-Identität. Selbst die zahlreichen Fotos, Skizzen, Aufzeichnungen usw. helfen ihm nur begrenzt. Sie sind der verzweifelte Versuch, lebensgeschichtliche Kontinuität wiederherzustellen.
Ein Lob noch an Guy Pearce, der die Rolle des Shelby in all seiner Verzweiflung, aber auch in seinem unermüdlichen Kampf sicher und überzeugend spielt und verdeutlicht, dass der letzte Sinn in Shelbys Leben nichts anderes mehr ist als diese unermüdliche, aber zwecklose Suche nach der Wiedererlangung seines Gedächtnisses. Es bleibt letztlich nur die geringe Hoffnung, dass er es durch einen Schock oder ähnliches wiedergewinnt.
(1) Daniel L. Schacter: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Reinbek bei Hamburg 2001 (Originalausgabe: New York 1996), 649 Seiten mit ausführlicher Bibliografie und gutem Register, DM 29,90 (rororo 2990).
Memento
USA 2000, 113 Minuten
Regie: Christopher Nolan
Hauptdarsteller: Guy Pearce (Leonard Shelby), Carrie-Ann Moss (Natalie), Joe Pantoliano (Teddy)
© Ulrich Behrens 2002
(zuerst veröffentlicht in www.ciao.com unter dem Mitgliedsnamen Posdole)
17 Bewertungen, 2 Kommentare
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29.09.2007, 22:02 Uhr von Puenktchen3844
Bewertung: sehr hilfreichEin ausführlicher Bericht. LG
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14.12.2006, 12:15 Uhr von Sayenna
Bewertung: sehr hilfreichsh & Kuss :-)
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