Moulin Rouge (DVD) Testbericht

ab 13,56
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Erfahrungsbericht von Filfar

Tour de Trance

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Es gibt Filme, die sind schlicht Filme, und es gibt Filmereignisse. Na gut, es gibt auch Filme, die zu Filmereignissen hochstilisiert werden, obwohl sie schlicht Filme sind. Und sicherlich gibt es noch weitere Differenzierungen, aber dies würde nicht weiter führen. Nicht wirklich. Also bleiben wir bei der Unterscheidung von Filmen und Filmereignissen. Im vergangenen Jahr zählte zu den Filmereignissen „Moulin Rouge“. Einmal wegen der mediengerechten Inszenierung des Privatlebens der Hauptdarstellerin Nicole Kidman, die auch immer wieder dazu genutzt wurden, um auf die anstehende Filmpremiere hinzuweisen. Zum anderen aber auch wegen des Wirbels, den die Filmbilder auf den Kinoleinwänden verursachten. Haben sich die Turbulenzen um Nicole Kidman inzwischen wieder gelegt, so können die rasanten Tanzeinlagen seit wenigen Wochen auf den heimischen Bildschirmen bewundert werden. Apropos Bildschirm: dort war vor gut einem Monat wieder einmal die alljährliche Oscar-Verleihung zu sehen. Bis zur entscheidenden Zeremonie wurde „Moulin Rouge“ als einer der ganz großem Favoriten gehandelt. Die Ernüchterung erfolgte innerhalb von ca. vier Stunden. Grund genug, auch eine Erklärung zu versuchen, warum die meisten Oscar-Träume zerplatzten wie die sprichwörtlichen Seifenblasen.

Doch vor den Aussichten kommen die Einsichten – die in den Handlungsverlauf des Films nämlich. Zu Beginn sitzt Jung-Schriftsteller Christian vor seiner Schreibmaschine und hämmert seine Trauer über den Tod seiner geliebten Satine, der Hauptattraktion im besagten Tanzlokal Moulin Rouge, in die Tasten. Diese Beziehung entwickelte sich ca. ein Jahr zuvor, als seine Nachbarn bei einer Probe für ein Stück, dass sie im Moulin Rouge aufführen wollen, durch die Zimmerdecke krachen und ohne viel Federlesens sofort Christian für den Trupp rekrutieren und mit ins damalige Unterhaltungs-Mekka schleppen. Ganz geschickt wird eine Begegnung mit Satine arrangiert, während derer sich die beiden körperlich und emotional näher kommen. Dennoch ist Satine mehr auf der Suche nach einem reichen Sponsoren als nach einem armen Dichter und so wird sie schnell vor eine Zerreißprobe gestellt: soll sie sich für l’Argent oder doch lieber für l’Amour entscheiden...

Ehrlich gesagt ist die Geschichte dann letztlich nicht allzu mitreißend, wird wohl niemand vor Aufregung an den Fingernägeln kauen. Eher werden sich die Fingernägel in Anbetracht der jedenfalls teilweise haarsträubenden Kitschigkeit der Darbietung und der jederzeitigen Vorhersehbarkeit der Handlung eventuell von selbst aufrollen. Zudem kommen bisweilen die Dialoge derart peinlich-pubertär daher, dass wohl selbst manche Teenies verlegen zu Boden schauen, dass sie so einen Mist mit anhören müssen. Dies gilt auch für die bemühte Situationskomik, die doch oftmals in dümmlicher Slapstick endet. Aber man soll einen Film auch nicht für etwas kritisieren, dass er nie versprochen hat. Dass die Stärke von Moulin Rouge gewiss nicht im Drehbuch zu finden sein wird, ist jedem klar, bevor er sich für den Film entscheidet. Womit die Gründe ausreichend umrissen sind, warum „Moulin Rouge“ in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ keine Nominierung erhielt. Kommen wir nun lieber zu den Nominierungen.

Nicole Kidman ließ im Vorfeld der Oscar-Verleihung in der Yellow Press verkünden, dass sie, die für die weibliche Hauptrolle antreten würde, immer noch keine männliche Begleitung für die Oscar-Nacht hätte. Ich selbst musste ihr leider absagen, da ich schlicht anderweitig beschäftigt war. Als Ersatz sprang dann die Schwester ein. Es kann als sicher gelten, dass diese dann hinterher familiären Trost aussprechen musste, da Nicole Kidman die Veranstaltung ohne die goldene Statue verlassen musste. Nicht sonderlich überraschend, denn bereits ihre Nominierung war – milde formuliert – schwer verständlich. Nicht, dass sie als Satine nicht eine gute Figur gemacht hat. Gerade die Figur kommt stark zur Geltung. Doch wenn tatsächlich mit der Rolle eine schauspielerische Leistung verbunden war, so ist sie allein schon wegen des Stils der Inszenierung von Regisseur Baz Luhrman kaum bis gar nicht zu sehen. Die einzelnen Bilder ziehen insbesondere in den Tanzszenen mit einer Geschwindigkeit an einem vorbei, dass es kaum möglich ist, die Gestik und Mimik der Schauspieler zu verfolgen. Und in den wenigen ruhigeren Momenten, dort also, wo die Darsteller Akzente setzen konnte, lässt sich „Moulin Rouge“ flächendeckend mit den Worten kitschig und kindisch zusammenfassen. Dagegen kann auch Nicole Kidman nicht anspielen und versucht es auch erst gar nicht. Aber vielleicht bin ich hier auch nur einem Irrtum aufgesessen. Vielleicht wurde Nicole Kidman auch nur für die perfekte Dramaturgie ihres Scheidungsdramas mit Tom Cruise nominiert und alles nur unter „Moulin Rouge“ gepackt, da dies der nächstgelegene Film war. Folgerichtig ging der Goldjunge an eine Mitbewerberin: Halle Berry. Nach Meinung vieler Kommentatoren eine Gefälligkeitsentscheidung zugunsten einer dunkelhäutigen Schauspielerin. Mag was dran sein. Aber ehrlich: die Preisvergabe an Nicole Kidman wäre keine Gefälligkeit mehr gewesen, sondern ein unverdientes Geschenk.

Rausch – dies ist der Hauptbegriff, der einem bei „Moulin Rouge“ in den Sinn kommt. Die Bilder rauschen nur so an einem vorbei und versetzen den Zuschauer in einen nachhaltigen Rauschzustand. Passend dazu wird auch das hochprozentige Ex-und-Neo-Kult-Getränk Absinth an herausragender Stelle angepriesen. Denn die Wirkung des Films lässt sich mit dem artgerechten Absinth-Konsum beschreiben: erst wird ein Feuer entfacht, dann gibt man sich dem süßlichen Geschmack hin und irgendwann verliert sich die Wahrnehmung im Nebulösen. Auf „Moulin Rouge“ bezogen heißt dies: als Feuer ist der an eine Revue erinnernde Auftakt anzusehen, der süße Geschmack wird durch den andauernden Kitsch erzeugt und die Rasanz der Inszenierung sorgt dafür, das einem beinahe schwindelig wird. Um dies filmtechnisch umsetzen zu können, waren mehrere Komponenten notwendig. Und es ist keine Übertreibung, festzustellen, dass „Moulin Rouge“ sie alle besitzt. Da wären die rauschenden Kostüme der Tänzerinnen, die opulente Ausstattung, die auch farbenprächtig ausgeleuchtet wurde (was auf der DVD besonders gut zur Geltung kommt), eine Kamera, die ständig in Bewegung ist und hin und wieder zu fulminanten Fahrten eingesetzt wird, sowie schlussendlich ein Filmschnitt, der die ohnehin vorhandene Hochgeschwindigkeit des Films zusätzlich vorantreibt. All dies hatte sich in den zahlreichen Nominierungen niedergeschlagen, die „Moulin Rouge“ folgerichtig in den entsprechenden Kategorien wie beispielsweise „Ausstattung“, „Kameraführung“, „Kostüme“, „Makeup“, „Schnitt“ oder „Ton“ erhalten hat. Ein wahrer Oscar-Regen setzte dann zwar nicht ein. Die Konkurrenz war ja nicht schlecht, in den meisten Fällen lautete sie unter anderem auf „Herr der Ringe“. Aber wenigstens in Sachen „Ausstattung“ und „Kostüme“ konnte sich „Moulin Rouge“ souverän durchsetzen. Und für die übrigen preislosen Nominierungen gilt, dass sich der Film nicht als Verlierer sondern als zweiter oder dritter Sieger betrachten darf.

Die Farbenpracht, die „Moulin Rouge“ auszeichnet, konnte von vornherein keinen Preis erhalten, es fehlte an einer entsprechenden Kategorie. Dabei hinterlässt diese einen der stärksten Eindrücke, so knallbunt ist der Film. Es dominieren rote Töne – schließlich dreht sich alles um eine rote Mühle – und als Äquivalent ein leuchtendes Blau, dass stets Nightlife-Charakter der Story unterstreicht. Ob nun in der Ausleuchtung, der Ausstattung, den Kostümen oder im Makeup – überall ist der unbedingte Wille erkennbar, die Farben als eigentliche Botschaft zu präsentieren. Da heißt es, respektvoll anzuerkennen, dass dieses Bonbon-Inszenierung weitgehend von der sonstigen Inhaltslosigkeit ablenken kann.

Vor allem aber ist „Moulin Rouge“ eine Mischung aus Revue-Film und Musical. Mit anderen Worten: es wird viel getanzt und viel gesungen. Hinsichtlich der Musik sind die Filmemacher ganz neue Wege gegangen. Statt sich eine eigene storygerecht Komposition schaffen zu lassen, griff man einfach auf Altbewährtes zurück. Auch wenn alles für den rechten Sound des neuen Jahrtausends ordentlich aufgepeppt wurde, im Film findet sich kaum ein Song, der einem nicht irgendwie bekannt vorkommt. Die bekannteste Cover-Version dürfte sicherlich „Lady Marmalade“ sein, die u. a. von Pop-Sternchen Christian Aguilera vorgetragen wird und vor gut sechs Monaten die Charts stürmte. Was eignet sich auch besser zur Präsentation des Moulin Rouge? Im Film wird dann von männlicher Seite sehr wirksam mit „Smells like Teen Spirit“ von Nirwana dagegen gehalten – auch dieser Song kommt in einer überarbeiteten Pop-Variante daher. Es treten zudem „Diamonds are the Girl’s best Friend“ von Marilyn Monroe gegen “Material Girl“ von Madonna an. Letztere fand darüber hinaus mit ihrem Hit „Like a Virgin“ Berücksichtigung. Ob Beatles, David Bowie oder Elton John – alles was in den vergangenen Jahrzehnten Rang und Namen hatte ist bei „Moulin Rouge“ vertreten. Ab und an werden die Songs zu einem Medley zusammengefasst. Erstaunlich auch, dass die Musik keineswegs darunter leidet, von den Schauspielern höchstpersönlich vorgetragen zu werden, obwohl es diesen an einer Gesangsausbildung mangelt. Ist das Stimmchen von Nicole Kidman auch ein wenig dünne – was soll’s, sie muss ja keine Opernarien trällern und den Rest erledigt die exzellente Tontechnik, die als ernsthafter Oscar-Kandidat angesehen werden muss. Offenbar scheint Nicole Kidman auch nach Abschluss der Dreharbeiten noch an ihrer neu entdeckten Sangeskunst Gefallen gefunden zu haben, immerhin hat sie derzeit zusammen mit Robbie Williams einen Charterfolg. Natürlich auch eine Cover-Version – von „Something stupid“. Zwischendurch als eigenständiges Werk aber kaum wahrnehmbar hat Craig Armstrong noch einen Score-Anteil beigesteuert. Bei den CD-Veröffentlichungen – es sind mittlerweile 2 – wurde dessen Musik weitgehend nicht berücksichtigt. Dafür gewann sie einen Golde Globe, um wiederum bei den Oscar-Nominierungen durchzufallen. Wer da nun das bessere Gespür hatte, darf jeder für sich selbst beurteilen.

Der Kopf, der hinter allem steckt, Regisseur Baz Luhrman, wurde bei den Oscar-Nominierungen schnöde übergangen. Zu Unrecht wie er selbst meint. Daher hat Luhrman der Welt zuletzt verkündet, werde nun ein mehrjährige Auszeit nehmen. Dabei hat der Beleidigte die Vor- und Nachteile seiner cineastischen Segnungen selbst in einem Interview sehr treffend beschrieben: „Es geht es nicht um psychologische, sondern mythologische Stoffe, eine möglichst dürre Geschichte mit umso fetterer Ausführung“ Warum diese Lust an purer Unterhaltung mit Preisen überhäuft werden soll, hat Luhrman jedoch nicht verraten. Mag es in der Vergangenheit einige fragwürdige Entscheidungen hinsichtlich der Oscar-Vergabe gegeben haben – hier fühle ich mich in meinen persönlichen Eindrücken bestätigt: als Schauspieler-Regisseur ist Luhrman ein Totalausfall und keineswegs Oscar-Anwärter.

Ganz ähnlich meine Bilanz hinsichtlich der ultimativen Sparte: bester Film. Hier war davon auszugehen, dass sich der Erfolg von „Moulin Rouge“ bereits in der Nominierung erschöpft hatte. Ein Placido Domingo als singenden Mond zu besetzen oder Kylie Minogue als grüne Fee sind gewiss witzige Einfälle, aber einen Film so ganz ohne Anspruch oder Hintersinn als Sieger des Abends – dies überstieg mein Vorstellungsvermögen.

Kein Geheimnis will ich allerdings aus meiner Empfehlung machen, sich „Moulin Rouge“ nichtsdestotrotz auf jeden Fall anzuschauen. Es wird über 120 Minuten eine wahre Augenweide geboten - mit den realen Problemen dieser Welt kann man sich vorher und hinterher beschäftigen. Und auf der DVD-Ausgabe gibt es zudem noch eine Menge Zusatzmaterial. Tiefsinniges ist auch hier nicht dabei, aber immerhin ein wenig Hintergründiges.

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