Naokos Lächeln (Taschenbuch) / Haruki Murakami Testbericht

ab 6,78
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Erfahrungsbericht von alteSchwedin

Wirklich nur eine Liebesgeschichte?

Pro:

poetisch; nachdenklich, aber auch humorvoll; ungewöhnliche Story und Charaktere; man liest unwillkürlich sehr intensiv

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

Irgendwie habe ich viel zu viele andere Dinge im Kopf, um einen Bericht zu schreiben. Aber irgendwann muss ich ja mal wieder was tippen und außerdem hoffe ich, dass mich das etwas ablenkt. Drückt mir die Daumen, dass es funktioniert!
Wie sollte es auch anders sein, wird es heute mal wieder um einen Roman gehen. Eigentlich wollte ich mir „Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte“ schon lange gekauft haben. Denn von dem ersten Buch, dass ich von Haruki Murakami gelesen habe, „Gefährliche Geliebte“, war ich verzaubert und wollte mir deshalb die zweite Empfehlung für ein Buch dieses Autors von meinem Freund schnell zu Gemüte führen. Aber irgendwie habe ich es immer wieder verpasst. In Buchhandlungen habe ich „Naokos Lächeln“ nie gesehen und bei Onlinebestellungen dachte ich nie daran. Doch ich habe ja einen tollen Freund und so schenkte er mir den Roman zum Geburtstag, worüber ich sehr froh bin, weil mir dieses Stück großartige Literatur sonst noch länger entgangen wäre!


Ende der 1960er Jahren lebt der knapp 20jährige Torū in Tokio, wo er studiert. Er hat keine klare Vorstellung von seinem späteren Leben und hat auch nicht viele Freunde. Er ist ein ungewöhnlicher junger Mann, dessen wenige Freunde nicht weniger ungewöhnlich sind. Schon seit einigen Jahren kennt er Naoko, deren Freund Kizuki Torūs bester Freund war. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit bis zu dem Tag, als Kizuki Selbstmord beging. Das geschah aus heiterem Himmel und weder Naoko noch Torū konnten einen Grund finden, warum er das getan hatte. Naoko und Torū haben nun das Bindeglied zwischen sich verloren und bei langen gemeinsamen Spaziergängen durch Tokio schweigen sie meist. Naoko ist sehr zurückhaltend, spricht wenig und verbringt viel Zeit damit, nach den richtigen Worten für das, was sie ausdrücken will, zu suchen.
Zwischen beiden entwickelt sich eine besondere Art der Beziehung, denn Torū muss immer wieder versuchen, den Kontakt zu Naoko zu halten, die sich immer öfter in einer fremden Welt zu verlieren droht. Naoko wird schließlich in ein angelegenes Sanatorium in den Bergen geschickt, um dort ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Zunächst ist sie so labil, dass sie Torū nicht einmal schreiben kann. Nach einiger Zeit schreiben sie sich regelmäßig Briefe und Torū ist auch Naokos einziger Kontakt zur Außenwelt. Naoko klammert sich an Torū, er ist ihr Halt und ihre Stütze.
Als Torū jedoch die lebenslustige Midori kennen lernt, ist er selbst hin- und hergerissen. Auf der einen Seite fühlt er sich stark zu Midori hingezogen. Doch auf der anderen Seite ist er sich seiner Verantwortung für Naoko sehr wohl bewusst. Naoko würde ohne seine bedingungslose Liebe und Unterstützung nie wieder gesund werden und es auch bleiben...


Ungewöhnlicherweise hatte ich mit der Darstellung des Inhaltes so meine Probleme. Normalerweise ist das für mich relativ einfach, doch hier wusste ich nicht so recht, wie ich die zarten Fäden, die mich so fest an die Story banden, an euch weitergeben sollte. Auch hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ich meine eigene Meinung und meine Gefühle beim Lesen von „Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte“ schreiben würde, doch für den Inhalt fand ich lange keinen Anfang. Ich wusste auch nicht genau, aus welcher Richtung ich mich annähern sollte, um sie euch am besten begreiflich zu machen. Nun habe ich es jedoch hoffentlich geschafft. (Das mit der Ablenkung hat übrigens funktioniert!)

Haruki Murakami faszinierte mich mit diesem Roman. Es war eine unwiderstehliche Faszination, die mich jedoch nicht dazu brachte, besonders schnell zu lesen, sondern es besonders intensiv zu tun. Es war nicht so sehr der Wunsch, den Ausgang der Geschichte zu erfahren, der mich in jeder freien Minute lesen ließ, sondern eher das Verlangen, immer tiefer in die Story einzutauchen. Mehr als bei jedem anderen Roman, den ich bis jetzt gelesen habe, war hier der Weg das Ziel. Auch fesselt mich „Naokos Lächeln“ auf eine ganz eigene Art und nicht durch das gespannte Warten auf die Auflösung. Die Story ist auch nicht im herkömmlichen Sinne spannend, wie eigentlich nichts an diesem Roman gewöhnlich ist. Sie riss mich allein dadurch mit, dass sie mein Innerstes berührte.

„Naokos Lächeln“ war eine ungewöhnliche, aber ungeheuer schöne Leseerfahrung für mich. Die Charaktere sind alle sehr ungewöhnlich. Von Naoko, Torū und Midori habt ihr schon gehört, doch auch die Nebenfiguren sind sehr interessant. Haruki Murakami führt absichtlich nicht viele andere Personen ein, um den wenigen jeweils eine ganz besondere Note verpassen zu können. Dazu zählt auch der Mitbewohner Torūs mit Spitznamen Sturmbandführer, der sehr ordentlich ist und bei seiner allmorgendlichen Gymnastik mit Hilfe des Radios die Sprünge nicht auslassen kann. Naoko findet im Sanatorium eine Freundin mit Namen Reiko. Auch diese hat ihre ganz eigene Geschichte. Viel Abwechslung findet man also schon in den Charakteren und ihre Geschichten sind genauso ungewöhnlich. Um so erstaunlicher ist, wie es Haruki Murakami gelingt, diese verschiedenen Figuren zu verknüpfen. Der Protagonist Torū ist sein Bindeglied und er ist es auch, durch den die Geschichte an den Leser gebunden wird, denn er erschien mir am normalsten, so dass ich am ehesten mit ihm mitfühlen konnte.

Das Nach- und Hineindenken in die Story spielte beim Lesen dieses Romans dann auch eine große Rolle. Deshalb las ich auch für meine Verhältnisse sehr langsam. Ich befürchtete fast, ich könnte eine Nuance verpassen, etwas übersehen, das vielleicht auf den ersten Blick kein großes Gewicht zu haben scheint, doch das viel zum Gesamteindruck von „Naokos Lächeln“ beiträgt. Irgendwie schaffte es Haruki Murakami dieses Gefühl bei mir zu verankern. Es gelang ihm, mir glauben zu machen, dass ich „Naokos Lächeln“ sehr gründlich lesen müsste. Dass es sich gelohnt hat, das zu tun, versteht sich von selbst!

Stilistisch ist Haruki Murakami immer wieder ein Erlebnis. Er schreibt detailliert, poetisch und jedes Wort erschien mir, als sei es genau das richtige, jede andere Formulierung an dieser bestimmten Stelle müsste einfach unpassend wirken. So ist auch der Ausdruck im ganzen Roman ungeheuer präzise, schränkte dabei aber nicht ein, sondern öffnete meinen Gedanken neue Perspektiven. Die Beschreibungen in „Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte“ sind sehr detailliert, dabei jedoch nicht zu ausschweifend, was dadurch möglich ist, dass der japanische Autor so treffend schreiben kann. Dabei findet er aber auch immer die richtige Mischung zwischen Dialogen und Beschreibungen.
Auffällig ist auch, wie Haruki Murakami hier mit Sex umgeht. Vor allem durch die Figur der Midori kommt ein ordentlicher Teil davon in die Geschichte. Midori redet nämlich über alles, was sie gerade denkt, mit Torū und gemeinsam schaut sich mit ihm auch einen SM-Film an. Im Gespräch wirkt Midori dann meist naiv und so entstehen Dialoge voller Humor.

Insgesamt möchte ich eine ganz klare Empfehlung für „Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte“ von Haruki Murakami aussprechen. Der Roman fesselte mich auf eine ganz besondere Art und Weise. Er regt zum Nachdenken und auch Schmunzeln an, ist oft ernst, aber auch manchmal lustig. Die Charaktere sind schön ungewöhnlich und es gibt immer wieder etwas neues zu entdecken. Dieses Buch ist keine leichte Lektüre, aber wenn man sich darauf einlässt, wird es sich bezahlt machen. Für mich war es sicher nicht das letzte Mal, dass ich diesen großartigen, herrlich intensiven Roman gelesen habe!

„Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte“ von Haruki Murakami erschien in deutscher Übersetzung erstmals 2001. Meine Taschenbuchausgabe trägt die ISBN 3-442-73050-3 und kostet 10 €. Die japanische Originalausgabe mit dem Titel „Noruwei no mori“ erschien erstmalig 1987. Die direkte Übersetzung aus dem Japanischen machte Ursula Gräfe.

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