Nietzsche, Friedrich Testbericht

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Erfahrungsbericht von P.Nibel

"Der Antichrist" - Dynamit im Pfarrhaus

Pro:

siehe Text

Kontra:

siehe Text

Empfehlung:

Nein

Explosives Gedankengut oder irrsinnige Philosophie? Egal, wer Friedrich Nietzsches "Der Antichrist" liest, ist gut beraten, zunächst Nietzsches Lebenslauf zu studieren.

Denn "Der Antichrist", eines der letzten Werke des einsamen Philosophen, verbindet unabänderlich Nietzsches persönliche Einstellungen und Schicksalsschläge mit der Kritik am Christentum.

Faßt man das Leben des 1844 in Röcken geborenen Pastorensohnes in einem Satz zusammen, kann es heißen: Ein Gelehrtendasein, früh beginnend, bald abgebrochen, endete im Wahnsinn. Alle, die der Größe des Geschehens aus physiologischen Gründen nicht folgen konnten, erfahren seine Missbilligung: Frauen, Socialisten, Christen, Franzosen, Italiener, Philister sind nur einige. Jedoch lassen sich bei ihm auch wieder Gegensätze dazu finden.

Was oder besser wer steckt hinter den Angaben? Für einige ist er ein Heiliger. Andere bezeichnen ihn als Spinner und können nicht schnell genug beginnen, Zitate des Wahnsinnigen aufzusagen.

Aus dem Kontext herausgerissene Aphorismen sollen für das Werk Nietzsches stehen. Es ist mehr als leicht, Nietzsche falsch zu interpretieren. Denn wer das will, kann authentische Sätze benutzen und nach freiem Belieben arrangieren. So kann mit Nietzsche das gesagt werden, was man selbst meint.

Und er macht es den scheinbaren Anhängern und Gegnern einfach: Indem er alles sagt und das Gegenteil von allem. Anders mit "Der Antichrist": Klar zeichnet Nietzsche in diesem Werk ab, gegen wen es gerichtet ist. Getreu seinem Motto "Alle wesentlichen Forderungen müssen mit einer brutalen Deutlichkeit, d.h. tausendfach übertrieben gestellt werden." setzt sich Nietzsche mit dem "Problem" des Christentum auseinander.

Polemik hin oder her - die Argumente des Philosophen sind die wegweisenden Faktoren in diesem Werk. Zwar schlägt Nietzsche einen unabwendbaren Ton an - lässt Satz für Satz reine Intoleranz spüren - und doch vermag man zu verstehen, wenn alle Vorurteile ausgeschaltet sind. Mit Peitschenhiebe klagt er die trunkene Gesellschaft an: "An dieser Modernität waren wir krank, - am faulen Frieden, am feigen Kompromiss, an der ganzen tugendhaften Unsauberkeit des modernen Ja und Nein. Diese Toleranz und largeur des Herzens, die alles "verzeiht", weil sie alles "begreift", ist Schirokko für uns.[...]"

Im Bergwerk dieses Denkers lässt sich jedes Metall finden. Und "Gott sei Dank" hat sich in der gegenwärtigen philosophischen Auseinandersetzung um Nietzsche die Einsicht in die Vielschichtigkeit seines Denkens durchgesetzt. (c) 17.07.01 P.Nibel. Das bringt eine Erscheinung mit sich, die amüsant und tragisch zugleich erscheint: Im Moment wird Nietzsche fast wieder zu einer Art Modephilosophen.

Und der Antichrist Nietzsche will verletzen, provozieren, die "trügerische" Moral und lebenshemmende Lehre des Christentum an den Pranger stellen. Auf das sich die Augen der Menschen öffnen und sich der Schmerz der Erkenntnis einstelle.

Friedrich Nietzsche übt nicht zuletzt durch seine Radikalität eine große Anziehung aus. Zitate sagen mehr als tausend Worte: "Lieber im Eise leben, als unter modernen Tugenden und andern Südwinden! ... Wir waren tapfer genug, wir schonten weder uns noch andere: aber wir wussten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit. Wir wurden düster, man hieß uns Fatalisten. {c) P.Nibel 17.07.01. Unser Fatum - das war die Fülle, die Spannung, die Stauung der Kräfte. Wir dürsteten nach Blitz und Taten, wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge, von der "Ergebung" ... Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die wir sind, verfinsterte sich - denn wir hatten keinen Weg. Formel unsres Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel[...]"

Was für eine Sprache! So intensiv und voller schmerzender Gefühle und Gedanken. Klar, ehrlich, einschneiden. Und doch ist es ratsam, sich bei Nietzsches "Der Antichrist" (und auch bei den anderen seiner Werke), nicht auf einzelne Aphorismen zu beschränken oder gar nur die Interpretationen zu lesen. Es ist nicht mehr zulässig, Nietzsches Philosophie in einige handliche Formeln zu verpacken, auch wen er sie uns wiederholt anzubieten scheint. Durch eben solche Praktiken wird er verfälscht, wie es zum Beispiel unseren Urgroßvätern und Großvätern geschah, als sie in den Weltkriegen auch eine Feldausgabe von Nietzsches Werken zu ihrer Ausrüstung zählen durften.

"Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der "Fortschritt" ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee.[...]"

5 Bewertungen, 1 Kommentar

  • the_lone_gunmen

    16.08.2003, 23:58 Uhr von the_lone_gunmen
    Bewertung: sehr hilfreich

    jaja...die lieben Truthähne Gottes! Aber Nietzsche war ja bekannt unter dem Titel "Der Philosoph mit dem Hammer" und so geht er auch vor! Ein brillianter Kerl! Wenn auch wahnsinnig!