Oberstufenreform in Baden-Württemberg Testbericht

Oberstufenreform-in-baden-wuerttemberg
Leider kein Preis
verfügbar
Auf yopi.de gelistet seit 08/2003

Erfahrungsbericht von doktorpepper

Über das Ziel weit hinausgeschossen

Pro:

mit den GSLs kann man sich gute Noten einfahren, Stellenwert des Abis von BaWü nimmt zu (was im Ausland aber wohl keiner weiß, also was bringst?)

Kontra:

Fünf LKs, zu große Kurse, viel mehr Mittagschule, mehr Wochenstunden, sinkende Landesschnitte, nur eine Arbeit in zweistündigen Kursen, Überforderung der Schüler, es gibt noch keine passenden Schulbücher, die vierstündige Fächer auf LK-Niveau...

Empfehlung:

Nein

Vorwort: Wie meine Stammleser wohl wissen bin ich Schüler der zwölften Klasse eines Gymnasiums in Baden-Württemberg. Etwas weniger Leser werden wissen, dass ich dem ersten Jahrgang angehöre, der das neue Abitur von Baden-Württemberg absolvieren muss. Dieses hat sich bei uns zu einem sehr umstrittenen Thema entwickelt, bei der alle beteiligten Parteien recht unterschiedliche Meinungen haben. Natürlich wird auch mein Bericht nicht neutral sein sondern sehr die Schülerseite und deren Interessen in den Mittelpunkt stellen, aber ich möchte einfach mal meine Meinung zur neuen Oberstufe kundtun. Aber zuerst erkläre ich das neue System kurz, denn die Kenntnisse darüber sind erforderlich, um sich ein Bild machen zu können.



~WAS HAT SICH GEÄNDERT?~

Die drastischste Änderung ist die Abschaffung der Leistungskurse. Diese Abschaffung gibt es aber nur auf dem Papier. Was den LKs entsprach wurde einfach in schickere Namen wie Neigungs- und Profilfach. Hinzu kommen die drei Pflichtfächer. Alle drei Kursarten sind auf LK-Niveau, aber nur vier- statt fünfstündig. Zu den Pflichtfächern gehören Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache. Kurz gesagt: Den Schülern werden nun quasi fünf, statt bisher zwei (!!!) Leistungskurse zugemutet! Ziel sei es, Grundlagenwissen in möglichst vielen Disziplinen zu geben. In Wirklichkeit geht der Stoff aber weit über die Grundlagen hinaus.

Insgesamt gibt es vier schriftliche und ein mündliches Prüfungsfach. Letzteres kann man weglassen, wenn man dafür ein sogenanntes Seminarfach belegt, von dem es verschiede Arten gibt, je nach Schule (z.T. auch mehrere verschiedene).

Völlig neu sind auch die „Gleichwertigen Schülerleistungen“ (GSL). Vier davon muss jeder Schüler über die Schuljahre zwölf und 13 machen. Standartgemäß jeweils eine in 12.1 und 13.1, zwei in 12.2. 13.2 soll nach Möglichkeit freigelassen werden, damit man sich auf das Abitur vorbereiten kann. Diese GSLs werden wie eine Klassenarbeit gewertet, der Aufwand um eine solche zu erstellen soll für den Schüler auch den gleichen Arbeitsaufwand haben wie eine Klassenarbeit, was aber nicht der Fall ist (s.u.).
Es gibt verschiedene Formen diese GSLs. Pflicht ist mindestens eine mündliche Prüfung und eine schriftliche Hausarbeit. Die restlichen beiden kann man selbst wählen, bspw. Referat, Präsentation, Kunstwerk (in Kunst), Vorbereitung und Durchführung einer Schulstunde,… Erlaubt ist, was der Lehrer gestattet. Einheitliche Regelungen gibt es nicht.
Die Schule legt eigene Regeln fest, wie die GSLs auszusehen haben. Da nicht alle Schulen selbst so einen Regelkatalog erstellen möchten kopieren sie ihn sich von anderen Schulen.

Durchschnittlich haben die Schüler der neuen Oberstufe vier bis acht mehr Stunden pro Woche als die bisherigen Abiturienten. Das hat mehr Nachmittagsunterricht zur Folge – der erste Schritt in Richtung Ganztagesschule ist also schon getan.

Das waren die Hauptänderungen, auf einige andere Neuerungen komme ich im nächsten Abschnitt zu sprechen.



~MEINE MEINUNG~

Schon als die neue Oberstufe nur auf dem Papier bestand war ich nicht gerade begeistert, vor allem als ich merkte, dass ich dem ersten Jahrgang angehöre, der dieses Abitur miterleben muss. Ich gehöre also zu den Versuchskaninchen, bei denen man die neue Oberstufe testet.
Schon recht früh mussten wir feststellen, dass alles viel zu schlecht organisiert war. Die Lehrer wurden nur unzureichend informiert und verwiesen großteils auf die Oberstufenberater. Deshalb gab es auch noch während des Schuljahres immer wieder Überraschungen, beispielweise in Sport. Anders als bisher muss man nun auch im zweistündigen Sportkurs eine Klassenarbeit schreiben, also noch ein Fach, auf das man lernen muss. Glücklicherweise war es vom Umfang eher ein Test als eine Arbeit bei dem man leicht eine gute Note sammeln konnte, aber wer weiß, wie es an anderen Schulen ist.
Viel dramatischer ist es in den ehemaligen Leistungskursen, von denen es jetzt ja wie bereits erwähnt fünf Stück sind, die jeder Schüler an Bord hat. Im Gegensatz zu den bisherigen LKs werden diese aber nur noch vier-, statt wie bisher fünfstündig unterrichtet, trotzdem verwenden viele Lehrer einfach ihre alten Leistungskursarbeiten weiter. Die Schüler sind dadurch nicht selten überfordert und schlechte Noten sind die Folge.
Ein weiterer Kritikpunkt hat auch mit den Klausuren zu tun. In den vierstündigen Fächern sind zwei, bei den zweistündigen Kursen eine Klausur je Halbjahr vorgeschrieben. Mehr sind möglich, an meiner Schule wird in jedem Kurs aber nur die Mindestklausurzahl geschrieben. Bisher war jeweils eine Arbeit mehr Vorschrift. Das heißt im Klartext: Verhaut man die einzige Arbeit in einem zweistündigen Fach hat man den Kurs gleich unterbelegt. Trotzdem würde ich es nicht befürworten, auch in diesen Kursen zwei Arbeiten zu schreiben, denn schon jetzt bringen wir das ganze kaum unter einen Hut.
Das neue Kurssystem hat noch weitere Tücken. Bisher gibt es keine Schulbücher für die neuen Kurse, weshalb man in den fünf vierstündigen Fächern die alten Leistungskursbücher weiterverwendet.

Ein Thema, das ich ausgiebiger ansprechen möchte sind die bereits erwähnten Gleichwertigen Schülerleistungen. Wie erwähnt ersetzen diese eine Klassenarbeit. Das erste Problem ist überhaupt, dass man Fächer findet, in denen man diese machen kann. Da jedem Lehrer nur eine gewisse Anzahl solcher GSLs zuzumuten sei kann bei großem Ansturm nicht jeder Schüler in diesem Fach eine solche machen. An unserer Schule galt die Faustregel: Neun Schüler bei vierstündigen Fächern, vier Schüler bei zweistündigen Fächern. Ob ein Lehrer weitere Schüler aufnimmt hängt von dessen Kulanz ab.
Um auszuwählen, wer nun eine GSL in dem Fach machen darf und wer nicht musste die Schule selbst Kriterien erstellen, Vorgaben gab und gibt es keine. Es wurde beschlossen, nach dem Motto „Wer zuerst kommt malt zuerst“ vorzugehen. Als jeder schon circa zwei GSLs unter Dach und Fach hatte wurde dieses Verfahren vom Land als unrechtmäßig erklärt und so wurde beschlossen, den Numerus Clausus anzuwenden. Dies halte ich persönlich für eine mehr als fragwürdige Entscheidung. Gerade wenn jemand in einem Fach schlecht ist, wäre eine GSL doch eine gute Möglichkeit, sich in diesem Fach eine gute Note zu sichern, aber so kann die GSLs unter Umständen nur in den Fächern machen, in denen man eh schon gut ist.
Ich habe mich im ersten Halbjahr für Gemeinschaftskunde entschieden, und zwar mit der Form Referat. Vorweg sei gesagt, dass es die Möglichkeit gibt, ein Thema vom Lehrer anzunehmen, oder ein eigenes vorzuschlagen, das der Lehrer aber ablehnen darf.
Auch hier ist man auf die Kulanz des Lehrers angewiesen, denn schlägt man ein eigenes Thema vor, bei dem der Lehrer selbst wenig Ahnung hat, hat auch dieser mehr Arbeit. Wie dem auch sei durfte ich ein Referat über das Thema „Frauenwahl- und Stimmrecht in der Schweiz“ halten. Ich möchte kurz erklären, wie ich bei dieser GSL vorgegangen bin, um den Arbeitsaufwand zu verdeutlichen.
Zuerst habe ich alle 26 Kantone der Schweiz angeschrieben und um Informationen gebeten. Die Resonanz war überwältigend, bis zu 50 Seiten wurden mir aus passender Literatur kopiert, die ich aber auch alle Lesen musste. Des Weiteren halfen mir einige Internetseiten und Lektüre, die ich bereits besaß. Außerdem erstellte ich eine Powerpointpräsentation dazu, die zum Referat gehörte. Ich war für den 25-minütigen Vortrag ganze zwei Monate am recherchieren, lesen und zusammenfassen. Sicherlich, hätte ich ein anderes Thema gewählt, wäre es einfacher gewesen, der Arbeitsaufwand ist aber IMMER enorm und übertrifft den einer Klassenarbeit um ein Vielfaches.
Dass man eigene Themen vorschlagen kann finde ich persönlich aber sehr angenehm, denn wenn man sich wie ich für das Thema interessiert kann es einem sogar ein wenig Spaß machen (was nicht heißt, dass es kein Stress ist). Außerdem werden bei diesen GSLs meist sehr gute Noten vergeben, wie man sie für Arbeiten nur schwer bekommt, aber ich denke, diese Noten sind bei einem solchen Aufwand auch mehr als gerechtfertigt.
Eingehen möchte ich auch auf die schriftlichen Hausarbeiten als GSLs. Auch hier gibt es keine landesweiten Vorgaben, jede Schule setzt selbst Regeln fest. Meine Schule hat diese von einer Schule kopiert, die diese wiederum selbst von einer anderen Schule hat. Uns wird alles bis ins kleinste Detail vorgegeben, wie alles auszusehen hat. Schriftgröße, Schriftart, Abstand vom Rand, Zeilenabstand, Formatierung, etc. bis ins kleinste Detail angegeben.
Viel hirnrissiger sind die Vorschriften beim Zitieren. Sowohl wörtliche, als auch nur inhaltliche Zitate sind mit Fußnoten kenntlich zu machen und mit Quelle anzugeben. Ein Literaturverzeichnis erscheint ja sinnvoll, aber jede Stelle einzeln anzugeben? Eine solche schriftliche Arbeit ist doch wenn man so will nur eine Ansammlung von Zitaten, denn ALLE Informationen hat man ja irgendwoher. Aber wie muss man die Quellen angeben?
- Internetseiten mit genauer URL und Datum
Bücher (alphabetisch sortiert) mit
-Nachname des Autors
-Vorname des Autors
-Titel
-Erscheinungsort
-Erscheinungsjahr
Des Weiteren gibt es noch einige Sonderregelungen auf die ich nicht näher eingehen möchte. Sowohl bei den Zitaten, als auch bei den Quellen wird darauf geachtet, ob man die Kommas an der richtigen Stelle setzt und man die jeweils richtige Klammer (also z.B. „)“ oder „]“) benutzt. Flasche Verwendung hat Punktabzüge zur Folge!
Aber ich habe noch weitere Kritikpunkte an den GSLs. Der Arbeitsaufwand in den einzelnen Fächern und vor allem auch von Lehrer zu Lehrer ist stark verschieden. Während man in Sport oder Kunst wenig Vorbereitung braucht gleicht eine GSL in Biologie fast einer Doktorarbeit und auch die Notengebung schwankt. Während man in Sport 15 Punkte fast hinterhergeworfen bekommt bekam eine Mitschülerin vor wenigen Tagen in Deutsch nur zwölf Punkte mit dem Kommentar, mehr als zwölf Punkte seien in Deutsch eh fast unmöglich!

So, ich denke, das soll zu den GSLs reichen. Aber ich bin noch nicht fertig. Dadurch, dass Schüler des neuen Abiturs deutlich mehr Wochenstunden haben und es keinen Klassenverband mehr gibt sind Hohlstunden unvermeidlich. Das wäre nicht so schlimm, wenn man dadurch nicht Unmassen an Mittagsschule hätte. Ich habe jede Woche vier Mal Mittagsschule, von Montag bis Donnerstag! Dass das in Bezug auf Hausaufgaben und Lernen auf Arbeiten nicht von Vorteil ist kann sich wohl jeder denken.
Das Kultusministerium hat im Vorfeld versprochen, dass die alten Klassenverbände erhalten bleiben, dies ist aber nicht wirklich der Fall und mir ist schleierhaft, wie sie das realisieren wollten, schließlich wählt jeder andere Kurse. Einzig in Mathematik und in Deutsch sind wir weitgehend gleich eingeteilt, auch in Englisch gibt es außer denen, die es abgewählt haben keine großen Veränderungen.

Auch die „Pflicht-LKs“ Mathematik, Deutsch und die Fremdsprache kann ich nicht für gut heißen. Wer mit diesen Fächern nichts anfangen kann muss diese nun auf LK-Niveau belegen, ob er will oder nicht. Nicht nur die, die es nicht wollen leiden darunter. Die Kurse sind viel zu groß, was einer der Gründe für die sinkenden Notenschnitte im Land sind. Wer einen LK eh genommen hätte hat nun eine ganze desinteressierte Klasse um sich herum und kann nicht sein volles Potential ausschöpfen. Wie die Stuttgarter Zeitung am 7. Februar 2003 berichtete belegte bspw. in den letzten zwanzig Jahren nur jeder zehnte Gymnasiast einen LK in Deutsch, warum müssen es nun aber alle machen? Ich weiß bspw. schon heute, dass ich keinen Beruf ausüben werde, bei dem ich große Mathekenntnisse brauchen werde.
Einziger positiver Effekt ist, dass man später in mehrere Richtungen Möglichkeiten zur Ausbildung hat, aber das ist nur ein schwacher Trost.

Wie bereits erwähnt sind die Notenschnitte stark gesunken. Laut Stuttgarter Zeitung vom 6. Februar 2003 ist der Landesdurchschnitt in Deutsch bspw. auf 7,6 Punkte abgesunken. In Mathematik sieht die Lage viel schlimmer aus. Hier kamen die Statistiker auf einen Durchschnitt von 6,2 Punkten, was einer vier entspricht.
Obwohl der Großteil schlechter geworden ist und es ohne Zweifel ein schwierigeres Abitur als bisher ist sind die Noten an unserer Schule etwas gestiegen, auch ich kann nicht klagen, aber dennoch kann ich keinen Gefallen am neuen Abitur finden.



~FAZIT~

Was ich von der neuen Oberstufe bzw. dem neuen Abitur von Baden-Württemberg halte habt ihr ja schon deutlich bemerkt, daher fällt das Fazit kurz aus. Das Kultusministerium um Annette Schavan (CDU) hat gut gemeint mit gut gemacht verwechselt und voreilig auf die PISA-Studie reagiert. Mit dem Drang, alles besser machen zu wollen ist man deutlich über das Ziel hinausgeschossen, und wenn ich höre, was unsere Kultusministerin schon alles plant kann ich die nachkommenden Generationen im Ländle nur bemitleiden. Die CDU kann jedenfalls sicher sein, bei der nächsten Landtagswahl nicht meine Stimme zu erhalten.

Zum Schluss möchte ich noch auf eine Internetseite verweisen, die sich dem Thema angenommen hat und sich gegen die neue Oberstufe einsetzt. www.rereform.de Ob es was bringt ist fraglich, aber die Seite bietet viele Informationen und ist für interessierte Leser ein optimales Informationsmedium.


Für Ciao und Yopi