Ö Testbericht


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Auf yopi.de gelistet seit 03/2007
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Summe aller Bewertungen
- Cover-Design:
- Klangqualität:
Erfahrungsbericht von alteSchwedin
Wie stehn Sie persönlich zum Zungenkuss??
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Wen wundert es, dass ein Großteil der Jugend immer oberflächlicher wird, bei solchen den Musikgeschmack verpestenden Songs à la „Aserje“ oder immer neuen schrecklich gecasteten Formationen, die sich Musiker nennen, aber nicht einmal ein Instrument spielen oder wirklich singen können. Ich für meinen Teil kuriere mich von gelegentlichen Ausflügen in die Sphären dieser höllischen Popkultur, indem ich Nightwish, Pink, Santana, Alanis Morissette, Herbert Grönemeyer oder diverse Oldieradiosender höre. Bei so vielen bevorzugten Interpreten ist es bei mir sehr abhängig von meiner jeweiligen Phase, welche Musik ich höre. Momentan befinde ich mich in einer massiven HerbertGrönemeyer-Phase, was unter anderem vom Erscheinen seines neuen, grandiosen Albums „Mensch“ und davon abhängt, dass ich seit Kurzem eine Konzertkarte für das Open Air von Herbert im nächsten Juni in Ferropolis mein Eigen nennen kann.
Herbert Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren und wuchs in Bochum auf. Während des Abiturs und des Studiums arbeitete er am Theater als Pianist. Dort wurde er als Schauspieler entdeckt und nach dem Abbruch seines Studiums widmete er sich fast ganz dieser Tätigkeit. Er machte zwar auch Musik, hatte aber nie den großen Erfolg. Erst 1984, als sein Erfolgsalbum „4630 Bochum“ erschien, wendete er sich voll und ganz der Musik zu. Sein Album „Ö“, das ich gerade höre und um das es nun gehen soll, erschien 1988.
„Ö“ bekam ich vor einigen Jahren als Schallplatte von meinem Bruder zu Weihnachten geschenkt. Er hatte sie bei Ebay billig ersteigert und ich freute mich natürlich tierisch. Auf der Schallplatte sind neun Songs, während auf der CD, die ich vor kurzem kaufte, weil unser Schallplattenspieler schon an heftiger Alterschwäche leidet, 10 Songs zu finden sind. Der zehnte Song ist ein verlängerter Neumix von „Was soll das?“. Das Cover der CD zeigt ein halbes „R“, ein großes „Ö“ und noch ein halbes „N“ in weißer Farbe auf türkisem Untergrund. Diese Farbe ist genauso leuchtend wie das Pink von „Sprünge“, aber weitaus angenehmer anzusehen. Das Songbook ist eigentlich gar kein „Book“. Zweimal aufgekappt und man findet ein Blatt Papier mit den Songtexten, Producerinfos und ein paar Fotos von Herbert und seinen Musikern. Auf der Hülle der LP ist das Foto von Herbert so groß, dass man sogar seine Bartstoppeln erkennen kann. Doch nun möchte ich endlich zu den Songs kommen.
WAS SOLL DAS?
Mit treibenden Drums und ebensolchen Gitarren beginnt dieser erste Song von „Ö“. Herbert zählt in der ersten Strophe, all die Dinge auf, die der sieht, als er seine Ex mit ihrem neuen Freund sieht. Herbert ist noch nicht mal ausgezogen, doch der neue wohnt schon da. „Was soll das?“ fragt er nach jedem zweiten Satz. Er ist einfach fassungslos darüber, wie schnell sie ihn abgelegt hat. „Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht /und darf nicht...“
Im Chorus werden die so spezifischen Drums, die einfach ins Ohr gehen, beibehalten. Herberts Stimme klingt fassungslos und auch ein wenig anklagend, als er singt:
„Womit hab ich das verdient / dass der mich so blöde angrient / warum hast du mich nicht wenigstens gewarnt / zu einer betrogenen Nacht hätt ich vielleicht nichts gesagt / hätt mich zwar schockiert, wahrscheinlich hätt ich’s noch kapiert / aber du hast ja gleich auf Liebe gemacht.“
In der zweiten Strophe zieht Herbert gnadenlos über den Neuen her. Er sei fett, hätte ein Doppelkinn und überhaupt: „Ich lass dich viel zu oft allein, aber der muss es doch nun wirklich nicht sein...“ Er fühlt sich einfach in seiner Ehre gekränkt! Hier hält sich das Keyboard wieder zurück, bevor es im folgenden Chorus wieder erscheint.
Der dritte Strophenteil klingt, als hätte Herbert beide durchschaut. „Ihr spielt verliebt, doch ihr lacht zu laut / ... / seit wann bist du so abgebrüht / hast mich so schnell abgeliebt.“ Mit einem weiteren Chorus klingt der Song aus.
Zum Glück klingt Herbert während des gesamten Songs wütend-traurig, sonst würde man ihm seinen Text nie abnehmen. Der Text ist hier übrigens manchmal sogar für meine geübten Ohren schwer verständlich, obwohl er vom Thema her gut nachvollziehbar ist. „Was soll das?“ ist einer der bekanntesten Herbert Grönemeyers. Rhythmus und Melodie gehen sofort ins Ohr und sind herrlich schnell und lebendig. Dieses erste Lied von „Ö“ bekommt ohne weiteres volle Punktzahl.
VOLLMOND
Standen im letzten Song eher Drums im Vordergrund, sind es nun die Gitarren, welche die Instrumentierung beherrschen. Die Drums sind zwar nicht wirklich leise, doch ziemlich kräftige E-Gitarren geben die Melodie an. Der Text beginnt gleich sehr direkt: „Du bist voll, ich bin es auch, begoss den Kummer tief in meinem Bauch.“ Herbert fleht den Vollmond an, ihm zu helfen. Er soll helfen, dass Herbert sie bekommt, denn sie will ihn nicht. Er will durch ihren Schlaf wandeln und im Gegenzug: „Dann werde ich zum Werwolf und heul dich an um Mitternacht!“ Die ganze Strophe über klingt Herberts Gesang verzweifelt und auch leicht fanatisch. Die Gitarren verstärken diesen Eindruck noch.
„Vollmond, setz mich ins rechte Licht / Vollmond, du weißt, sie will mich nicht / leucht ihr ins Gewissen, mach mir ’nen Heiligenschein / Vollmond, ich bin so allein.“ Hier im Chorus hebt sich Herberts Stimme deutlich über die Instrumente, die jedoch auch nicht zurückhaltender werden und so dynamisch und eingängig bleiben.
In der zweiten Strophe identifiziert sich Herbert wieder mit dem Vollmond: „Du bist blass, ich bin es auch.“ Noch etwas verzweifelter ist der Text, doch Herbert klingt jetzt teilweise wieder nüchterner, was dem jedoch keinen Abbruch tut, dass er sie immer noch will.
Und wieder folgt ein Chorus, der wie der erste aufgebaut ist, dem sich jedoch ein grandioses Gitarrensolo anschließt. Dann wird noch einmal der letzte Teil der ersten Strophe wiederholt, bevor der Song mit dem dritten und letzten Chorus beendet wird.
Nachdem Herbert im ersten Song verlassen wurde, geht es hier darum, erst mal eine Beziehung zu beginnen. Das Problem dabei ist nur, dass seine Angebetete ihn nicht will. Der Vollmond soll helfen. „Vollmond“ ist zwar nicht so bekannt wie „Was soll das?“, ist jedoch noch etwas schneller und genauso grandios. Es ist schon das zweite Highlight der CD im zweiten Song. Und es wird nicht der letzte tolle Song der CD gewesen sein.
KOMET
Hier kommt nun ein ruhiger Song, was man schon an leisen Drums und sanften Gitarren im Vorspiel vernehmen kann. Die erste Strophe ist von einer ebenso sanften Instrumentierung bestimmt, die jedoch gegen Ende hin kräftiger wird. Herbert singt davon, wie sie sich kennen lernten und was er alles an ihr liebt: „So was wie dich nenn ich Glück.“ Im Chorus wird den Instrumenten dann etwas mehr, wenn auch nicht allzu viel Raum gegeben. Herbert singt davon, dass er ihr „das Leben zum Himmel“ machen wird.
In der zweiten Strophe dieses ruhigen Liebesliedes müssen sich die Instrumente wieder zurücknehmen. Herbert singt davon, dass er alles tun wird, damit sie lacht. „Nur himmelhoch jauchzend, niemals betrübt...“ So soll sie sein, weil er sie so am meisten liebt und er will, dass sie glücklich ist. Es folgt der letzte Teil der ersten Strophe und ein Chorus. Den letzten Strophenteil möchte ich euch zitieren, weil ich ihn so schön finde.
„Werde dich, so gut ich kann, ein Leben lang behüten / würde dir, wüsst ich wo, dafür einen Schutzengel mieten, lasse dir so viele Kometen fallen, wie du willst / damit sich jeder Wunsch von dir erfüllt.“
Herbert singt hier fast unbegleitet, was diese Worte noch eindringlicher erscheinen lässt. Der letzte Chorus ist dann wieder etwas kräftiger, fällt jedoch nicht aus dem Rahmen und schließt so dieses Liebeslied würdig ab.
„Komet“ ist ein tolles Liebeslied, auch wenn es nicht so grandios wie „Halt mich“ ist. Doch es ist auch nicht so einfach, die Klasse dieses Songs zu erreichen. „Komet“ ist schön, aber nicht überragend.
MIT GOTT
Drums und Gitarren schaffen eine solide, leicht rockige Grundstimmung, während Herberts Stimme skrupellos klingt. Er singt davon, dass er jetzt an der Macht ist, dass er einer der führenden Politiker ist. Das Fernsehen wird kontrolliert, die Gegner bespitzelt und das Volk manipuliert. Man könnte ihm seine Rolle fast abnehmen, wenn sich da nicht ein anklagender Unterton eingeschlichen hätte.
Im Chorus spricht er zwar dann nicht eindeutig das aus, was gemeint ist, aber unverkennbar ist es doch: „Mit Gott an unserer Seite, Jesus in einem Boot / einer ging leider baden, doch wir warfen ihn noch rechtzeitig über Bord...“ Hier werden die Instrumente etwas beteiligter und halten sich nicht so sehr im Hintergrund, dominieren jedoch auch nicht.
Es folgen noch jeweils zwei Strophen und Refrains. In einer Textzeile prangert Herbert ganz offen die Blindheit des Volkes an: „Mit den Reichen können wir prächtig / die Armen wollen nur an ihr Geld / wir schützen und mehren es redlich / und werden wieder gewählt.“ Doch auch die Politiker kommen nicht besser weg: „So wahr mir Gott helfe / hab ich geschworn, aber der ist ab und zu nicht bei mir / und dann bin ich total verlorn...“
Es würde mich mächtig wundern, wenn einmal ein Album Herbert Grönemeyers erscheinen würde, auf den kein einziges kritisches Lied zu finden ist. „Ö“ bildet da keine Ausnahme. „Mit Gott“ kritisiert offen und ehrlich, wie ich es von Herbert gewöhnt bin. Der Text ist eindeutig und nicht wie manchmal verschleiert. Auch Herberts Gesang passt herrlich, er klingt skrupellos, aber auf der anderen Seite auch fast wieder amüsiert, dass das Volk so viel mit sich machen lässt. Die Musik passt natürlich auch dazu, sie wirkt irgendwie leicht ironisch angehaucht. Toller Song!
HALT MICH
Leises Klavierspiel und Streichinstrumente im Hintergrund bestimmen die ruhige, wunderschöne Atmosphäre dieses Liebesliedes. Herbert singt davon, wie es ist, bei ihr zu sein. Es ist wie ein Traum, den er noch gar nicht fassen kann. Er möchte sich bei ihr anlehnen und dieses ganze Glück für immer fühlen. Herberts Stimme klingt überwältigt, überglücklich, wunderschön. Nach ca. 2/3 des Songs ist ein wunderschön getragenes Saxophonsolo zu hören, das einen davonträgt, wenn man die Augen schließt und nicht aufpasst.
„Betanke mich mit Leben, lass mich in deinem Arm / halt mich nur ein bisschen, bis ich schlafen kann / halt mich, dass ich schlafen kann.“ Mit diesen Worten endet der Text dieses Songs, der jedoch erst nach einem wunderschönen, zum Träumen geeigneten Klaviersolo ausklingt.
Für mich ist dies einer der besten Songs Herbert Grönemeyers und sein schönstes Liebeslied überhaupt. Man möchte nur noch in den Armen seines Liebsten liegen, die Augen schließen, sich geborgen fühlen und träumen. Wenn ich diesen Song höre und die Augen schließe, kann ich ihn fast zu mir träumen. Wunderschön ruhig, wunderschön melodisch, wunderschön...
KEINE HEIMAT
Das Schlagzeug, dass mir schon während der gesamten CD so charakteristisch und eigen vorkommt, ist auch hier wieder zu hören. Dazu gibt eine E-Gitarre die Melodie an. Herberts Stimme klingt traurig und enttäuscht, als er davon singt, wie sich jeder nur auf sich selbst konzentriert. Andere zählen nicht mehr, nur man selbst. Wie meist in Herberts Strophen sind die Instrumente zurückhaltend. Sie legen sich locker stabilisierend unter Herberts Stimme.
Im Chorus werden sie dann lauter, wie man das auch schon gewöhnt ist. Doch glücklicherweise ruft das keine Langeweile hervor. Drums, Gitarren und ein nun auch herauszuhörendes Keyboard lassen den lauter werdenden Gesang nicht abheben. Sie lagern immer noch perfekt so, dass der Chorus als harmonisches Ganzes erscheint. „Die Seele verhökert, alles sinnentleert / keine innere Heimat, keine Heimat mehr.“ Diese Zeile wird einmal wiederholt und bildet den gesamten Chorus, der sehr geheimnisvoll ist. Ich wüsste ohne die Strophen nicht, was ich damit anfangen sollte.
Und wieder folgt eine Strophe, in der Herbert wieder die Sucht nach Macht und die Eigensucht anprangert. Dass man sich damit selbst seiner Heimat beraubt, merken viele leider nicht. Nach einem Chorus, einer kurzen Strophe und einem weiteren Chorus klingt der Song mit dieser so eingängigen Instrumentierung aus.
Ich bin es von Herbert Grönemeyer schon gewohnt, dass die Aussage seiner Texte oft sehr versteckt und verschlüsselt ist. Bei den neueren Platten wie „Bleibt alles anders“ und auch „Mensch“ ist dies noch extremer ausgeprägt, als bei seinen früheren Werken. Trotzdem fällt es mir hier viel schwerer, die Aussage zu entschlüsseln als zum Beispiel bei „Mensch“. Denn „Mensch“ erschien erst dieses Jahr und Herbert schreibt über die Welt, die ich jetzt bewusst wahrnehme. „Keine Heimat“ erzählt meiner Meinung nach davon, wie der Mensch immer mehr zum Egoisten wird, was Herbert gar nicht gefällt. Herberts Stimme und auch die Instrumentierung wirken irgendwie abweisend. Mit viel Gefühl kann man sich auch hier den Text erschließen. Wieder ein toller Song, der einfach bewegt.
HERBSTERWACHEN
Einzig gezupft klingende Gitarren leiten den Song ein. Auch die gesamte erste Strophe wird nur von Gitarren und Keyboards begleitet. Herbert singt leise von Menschen. „Klammheimlich geschnitten, still abserviert / Einsamkeit trägt sich leichter zu zweit.“ Noch ist völlig unklar, wovon dieser Song handelt. Im folgenden Chorus wird schon etwas mehr verraten, doch so wirklich blickt man immer noch nicht durch. Auch hier sind noch keine Drums zu hören, was dem Song etwas wehmütiges und ruhiges verleiht.
Erst in der zweiten Strophe sind Drums zu hören. Dadurch wird der Song dynamischer, was auch voll und ganz zum Text passt. Jetzt wird klar, dass Herbert über alte Menschen singt. Sie werden von uns irgendwo abgestellt und nicht mehr beachtet. Schwache, alte Menschen werden oft einfach aufs Abstellgleis gestellt.
Wieder folgt ein Chorus und in der dritten Strophe wird Herberts Hoffnung spendende Aussage wirklich deutlich: „Am Ende des Weges, sich begegnet, und noch mal Ziele gesteckt / stürmische Gefühle, zweite Luft, freier Fall, Herbsterwachen neu entdeckt.“ Entweder haben sich zwei alte Menschen gefunden oder ein alter und ein junger Mensch. Das wird nicht so ganz deutlich. Herbert macht nur klar, dass das Leben für alte Menschen nicht automatisch vorbei ist. „Herbsterwachen“ – erwache im Herbst deines Lebens. Es ist noch nicht zu spät. Nach einem weiteren Chorus klingt der Song aus.
Wenn man die Gesamtheit aller Songs von Herbert Grönemeyer betrachtet, merkt man, mit wie vielen verschiedenen Themen er sich befasst. Eine solche Vielfalt findet man sonst sehr selten. „Herbsterwachen“ ist ein ruhiger Song mit hoffnungsvoller Aussage. Schön!
FRAGWÜRDIG
Mit einem beschwingten Klavier und kräftigem Schlagzeug beginnt der Song, bevor Herberts Stimme gleichzeitig mit Gitarren einsetzt. Gesanglich beginnt sofort der Chorus, was schon ungewöhnlich genug ist. Die Musik ist schnell und sehr rhythmisch. Der Text ist dann auch unmissverständlich und genauso lebendig: „Wie stehn Sie persönlich zum Zungenkuss, zum Ladenschluss / zu Ostern, was tun sie gegen Stress / wie sehn Sie den Radikalenerlass, rasieren Sie sich nass / was geben ihnen Psychotests / wir brauchen ein kurzes Statement zur Lage der Nation / gleich hier am Telefon, schnell und originell.“
Ich muss nicht noch extra erwähnen, dass Herbert sich über Umfragen lustig macht, die allesamt nicht wirklich einen Nutzen haben. „Man ist prominent, für alles kompetent.“ Textlich geht es dann in der Strophe gleich so weiter. Alle möglichen und unmöglichen Fragen stellt Herbert, die vom Sinn her nie zusammenpassen, sondern sich nur reimen. Während der Strophen wird die Musik jedoch etwas ruhiger, was sie jedoch nicht weniger gut macht.
Nach einem zweiten Chorus und der zweiten Strophe kann man seine Ohren dann ganz einem grandiosen Saxophonsolo hingeben. Gegen Ende des Songs werden noch ein paar Textzeilen und der Chorus wiederholt, wozu sich noch einmal das Saxophon gesellt.
Ich mag diesen Song. „Fragwürdig“ ist schön schnell und wunderbar ironisch. Herbert macht sich über diese Umfragen lustig, die mit den aberwitzigsten Fragen aufwarten. Unbedingt anhören!
BIST DU TAUB?
Sie ist weg und nun ist er allein. Sphärische Keyboard- und Gitarrenklänge bestimmen die erste Strophe dieses Songs. Herbert beschreibt die schreckliche Situation, in der er sich befindet, seit sie weg ist. Er klingt verzweifelt, als er davon singt, wie weh es tut.
Im Chorus kommen leichte Percussions zur normalen Instrumentierung: „Bist du taub oder willst du mich nicht hören / es tut so weh, komm nicht los von dir / kann dich nicht aufgeben, darf dich nicht verlieren / kann dich nicht lassen, du gehörst zu mir / ich liebe dich, du zerreißt mich, willst du mich zerstören“ Während dieser Zeilen klingt Herberts Stimme noch verzweifelter und trauriger.
In der folgenden Strophe wird die auch im Chorus ruhig gebliebene Musik noch ruhiger und Herbert klingt tieftraurig, doch auch ohne Hoffnung. Wieder schließt sich ein Chorus, eine Strophe, in der es irgendwie nach falscher Hoffnung klingt und ein abschließender Chorus, in dem sich Herberts Stimme voller Verzweiflung in die Höhe schraubt, an. So endet der Song.
„Bist du taub?“ ist genau richtig für eine ausgeprägte Depri-Phase. Doch gefällt mir dieser Song. Er ist ruhig, wühlt dabei jedoch auch auf. Toll.
WAS SOLL DAS? (verlängerter Neumix)
Diesen Song konnte man ja schon am Anfang der gesamten Platte hören. Diese Version hier ist fast zwei Minuten länger. Der Grund dafür ist ein sehr langes, sehr rhythmisch betontes Vorspiel, bei dem nur zweimal kurz aus dem Off „Was soll das?“ gefragt wird. Auch die Zwischenspiele sind teilweise etwas länger. Doch zum Glück wurde am Song an sich nicht viel verändert, weil sonst meiner Meinung nach viel von seiner ursprünglichen Dynamik und Aggressivität verloren ginge. So bleibt dieser Song so grandios, wie er es im Original ist. Das Vorspiel zieht sich zwar etwas in die Länge und passt meiner Meinung nach aber trotzdem dazu. Auf der Schallplatte ist dieser Song nicht zu finden, was aufgrund der wenigen Unterschiede zum Original aber nicht tragisch ist.
Abschließend möchte ich euch „Ö“ nur noch einmal ans Herz legen. Herbert Grönemeyer hat 1988 eine perfekte Mischung vorgelegt. Kritische Songs sind ebenso zu finden wie traurige und sein schönstes Liebeslied „Halt mich“ ist allemal ein mehrfaches Hören wert.
Nur zwei oder drei der Songs dieses Albums sind wirklich bekannt geworden. Doch auch der Rest ist nicht minder gut. Also: Hört mal rein und bildet euch eure eigene Meinung!
Herbert Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren und wuchs in Bochum auf. Während des Abiturs und des Studiums arbeitete er am Theater als Pianist. Dort wurde er als Schauspieler entdeckt und nach dem Abbruch seines Studiums widmete er sich fast ganz dieser Tätigkeit. Er machte zwar auch Musik, hatte aber nie den großen Erfolg. Erst 1984, als sein Erfolgsalbum „4630 Bochum“ erschien, wendete er sich voll und ganz der Musik zu. Sein Album „Ö“, das ich gerade höre und um das es nun gehen soll, erschien 1988.
„Ö“ bekam ich vor einigen Jahren als Schallplatte von meinem Bruder zu Weihnachten geschenkt. Er hatte sie bei Ebay billig ersteigert und ich freute mich natürlich tierisch. Auf der Schallplatte sind neun Songs, während auf der CD, die ich vor kurzem kaufte, weil unser Schallplattenspieler schon an heftiger Alterschwäche leidet, 10 Songs zu finden sind. Der zehnte Song ist ein verlängerter Neumix von „Was soll das?“. Das Cover der CD zeigt ein halbes „R“, ein großes „Ö“ und noch ein halbes „N“ in weißer Farbe auf türkisem Untergrund. Diese Farbe ist genauso leuchtend wie das Pink von „Sprünge“, aber weitaus angenehmer anzusehen. Das Songbook ist eigentlich gar kein „Book“. Zweimal aufgekappt und man findet ein Blatt Papier mit den Songtexten, Producerinfos und ein paar Fotos von Herbert und seinen Musikern. Auf der Hülle der LP ist das Foto von Herbert so groß, dass man sogar seine Bartstoppeln erkennen kann. Doch nun möchte ich endlich zu den Songs kommen.
WAS SOLL DAS?
Mit treibenden Drums und ebensolchen Gitarren beginnt dieser erste Song von „Ö“. Herbert zählt in der ersten Strophe, all die Dinge auf, die der sieht, als er seine Ex mit ihrem neuen Freund sieht. Herbert ist noch nicht mal ausgezogen, doch der neue wohnt schon da. „Was soll das?“ fragt er nach jedem zweiten Satz. Er ist einfach fassungslos darüber, wie schnell sie ihn abgelegt hat. „Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht /und darf nicht...“
Im Chorus werden die so spezifischen Drums, die einfach ins Ohr gehen, beibehalten. Herberts Stimme klingt fassungslos und auch ein wenig anklagend, als er singt:
„Womit hab ich das verdient / dass der mich so blöde angrient / warum hast du mich nicht wenigstens gewarnt / zu einer betrogenen Nacht hätt ich vielleicht nichts gesagt / hätt mich zwar schockiert, wahrscheinlich hätt ich’s noch kapiert / aber du hast ja gleich auf Liebe gemacht.“
In der zweiten Strophe zieht Herbert gnadenlos über den Neuen her. Er sei fett, hätte ein Doppelkinn und überhaupt: „Ich lass dich viel zu oft allein, aber der muss es doch nun wirklich nicht sein...“ Er fühlt sich einfach in seiner Ehre gekränkt! Hier hält sich das Keyboard wieder zurück, bevor es im folgenden Chorus wieder erscheint.
Der dritte Strophenteil klingt, als hätte Herbert beide durchschaut. „Ihr spielt verliebt, doch ihr lacht zu laut / ... / seit wann bist du so abgebrüht / hast mich so schnell abgeliebt.“ Mit einem weiteren Chorus klingt der Song aus.
Zum Glück klingt Herbert während des gesamten Songs wütend-traurig, sonst würde man ihm seinen Text nie abnehmen. Der Text ist hier übrigens manchmal sogar für meine geübten Ohren schwer verständlich, obwohl er vom Thema her gut nachvollziehbar ist. „Was soll das?“ ist einer der bekanntesten Herbert Grönemeyers. Rhythmus und Melodie gehen sofort ins Ohr und sind herrlich schnell und lebendig. Dieses erste Lied von „Ö“ bekommt ohne weiteres volle Punktzahl.
VOLLMOND
Standen im letzten Song eher Drums im Vordergrund, sind es nun die Gitarren, welche die Instrumentierung beherrschen. Die Drums sind zwar nicht wirklich leise, doch ziemlich kräftige E-Gitarren geben die Melodie an. Der Text beginnt gleich sehr direkt: „Du bist voll, ich bin es auch, begoss den Kummer tief in meinem Bauch.“ Herbert fleht den Vollmond an, ihm zu helfen. Er soll helfen, dass Herbert sie bekommt, denn sie will ihn nicht. Er will durch ihren Schlaf wandeln und im Gegenzug: „Dann werde ich zum Werwolf und heul dich an um Mitternacht!“ Die ganze Strophe über klingt Herberts Gesang verzweifelt und auch leicht fanatisch. Die Gitarren verstärken diesen Eindruck noch.
„Vollmond, setz mich ins rechte Licht / Vollmond, du weißt, sie will mich nicht / leucht ihr ins Gewissen, mach mir ’nen Heiligenschein / Vollmond, ich bin so allein.“ Hier im Chorus hebt sich Herberts Stimme deutlich über die Instrumente, die jedoch auch nicht zurückhaltender werden und so dynamisch und eingängig bleiben.
In der zweiten Strophe identifiziert sich Herbert wieder mit dem Vollmond: „Du bist blass, ich bin es auch.“ Noch etwas verzweifelter ist der Text, doch Herbert klingt jetzt teilweise wieder nüchterner, was dem jedoch keinen Abbruch tut, dass er sie immer noch will.
Und wieder folgt ein Chorus, der wie der erste aufgebaut ist, dem sich jedoch ein grandioses Gitarrensolo anschließt. Dann wird noch einmal der letzte Teil der ersten Strophe wiederholt, bevor der Song mit dem dritten und letzten Chorus beendet wird.
Nachdem Herbert im ersten Song verlassen wurde, geht es hier darum, erst mal eine Beziehung zu beginnen. Das Problem dabei ist nur, dass seine Angebetete ihn nicht will. Der Vollmond soll helfen. „Vollmond“ ist zwar nicht so bekannt wie „Was soll das?“, ist jedoch noch etwas schneller und genauso grandios. Es ist schon das zweite Highlight der CD im zweiten Song. Und es wird nicht der letzte tolle Song der CD gewesen sein.
KOMET
Hier kommt nun ein ruhiger Song, was man schon an leisen Drums und sanften Gitarren im Vorspiel vernehmen kann. Die erste Strophe ist von einer ebenso sanften Instrumentierung bestimmt, die jedoch gegen Ende hin kräftiger wird. Herbert singt davon, wie sie sich kennen lernten und was er alles an ihr liebt: „So was wie dich nenn ich Glück.“ Im Chorus wird den Instrumenten dann etwas mehr, wenn auch nicht allzu viel Raum gegeben. Herbert singt davon, dass er ihr „das Leben zum Himmel“ machen wird.
In der zweiten Strophe dieses ruhigen Liebesliedes müssen sich die Instrumente wieder zurücknehmen. Herbert singt davon, dass er alles tun wird, damit sie lacht. „Nur himmelhoch jauchzend, niemals betrübt...“ So soll sie sein, weil er sie so am meisten liebt und er will, dass sie glücklich ist. Es folgt der letzte Teil der ersten Strophe und ein Chorus. Den letzten Strophenteil möchte ich euch zitieren, weil ich ihn so schön finde.
„Werde dich, so gut ich kann, ein Leben lang behüten / würde dir, wüsst ich wo, dafür einen Schutzengel mieten, lasse dir so viele Kometen fallen, wie du willst / damit sich jeder Wunsch von dir erfüllt.“
Herbert singt hier fast unbegleitet, was diese Worte noch eindringlicher erscheinen lässt. Der letzte Chorus ist dann wieder etwas kräftiger, fällt jedoch nicht aus dem Rahmen und schließt so dieses Liebeslied würdig ab.
„Komet“ ist ein tolles Liebeslied, auch wenn es nicht so grandios wie „Halt mich“ ist. Doch es ist auch nicht so einfach, die Klasse dieses Songs zu erreichen. „Komet“ ist schön, aber nicht überragend.
MIT GOTT
Drums und Gitarren schaffen eine solide, leicht rockige Grundstimmung, während Herberts Stimme skrupellos klingt. Er singt davon, dass er jetzt an der Macht ist, dass er einer der führenden Politiker ist. Das Fernsehen wird kontrolliert, die Gegner bespitzelt und das Volk manipuliert. Man könnte ihm seine Rolle fast abnehmen, wenn sich da nicht ein anklagender Unterton eingeschlichen hätte.
Im Chorus spricht er zwar dann nicht eindeutig das aus, was gemeint ist, aber unverkennbar ist es doch: „Mit Gott an unserer Seite, Jesus in einem Boot / einer ging leider baden, doch wir warfen ihn noch rechtzeitig über Bord...“ Hier werden die Instrumente etwas beteiligter und halten sich nicht so sehr im Hintergrund, dominieren jedoch auch nicht.
Es folgen noch jeweils zwei Strophen und Refrains. In einer Textzeile prangert Herbert ganz offen die Blindheit des Volkes an: „Mit den Reichen können wir prächtig / die Armen wollen nur an ihr Geld / wir schützen und mehren es redlich / und werden wieder gewählt.“ Doch auch die Politiker kommen nicht besser weg: „So wahr mir Gott helfe / hab ich geschworn, aber der ist ab und zu nicht bei mir / und dann bin ich total verlorn...“
Es würde mich mächtig wundern, wenn einmal ein Album Herbert Grönemeyers erscheinen würde, auf den kein einziges kritisches Lied zu finden ist. „Ö“ bildet da keine Ausnahme. „Mit Gott“ kritisiert offen und ehrlich, wie ich es von Herbert gewöhnt bin. Der Text ist eindeutig und nicht wie manchmal verschleiert. Auch Herberts Gesang passt herrlich, er klingt skrupellos, aber auf der anderen Seite auch fast wieder amüsiert, dass das Volk so viel mit sich machen lässt. Die Musik passt natürlich auch dazu, sie wirkt irgendwie leicht ironisch angehaucht. Toller Song!
HALT MICH
Leises Klavierspiel und Streichinstrumente im Hintergrund bestimmen die ruhige, wunderschöne Atmosphäre dieses Liebesliedes. Herbert singt davon, wie es ist, bei ihr zu sein. Es ist wie ein Traum, den er noch gar nicht fassen kann. Er möchte sich bei ihr anlehnen und dieses ganze Glück für immer fühlen. Herberts Stimme klingt überwältigt, überglücklich, wunderschön. Nach ca. 2/3 des Songs ist ein wunderschön getragenes Saxophonsolo zu hören, das einen davonträgt, wenn man die Augen schließt und nicht aufpasst.
„Betanke mich mit Leben, lass mich in deinem Arm / halt mich nur ein bisschen, bis ich schlafen kann / halt mich, dass ich schlafen kann.“ Mit diesen Worten endet der Text dieses Songs, der jedoch erst nach einem wunderschönen, zum Träumen geeigneten Klaviersolo ausklingt.
Für mich ist dies einer der besten Songs Herbert Grönemeyers und sein schönstes Liebeslied überhaupt. Man möchte nur noch in den Armen seines Liebsten liegen, die Augen schließen, sich geborgen fühlen und träumen. Wenn ich diesen Song höre und die Augen schließe, kann ich ihn fast zu mir träumen. Wunderschön ruhig, wunderschön melodisch, wunderschön...
KEINE HEIMAT
Das Schlagzeug, dass mir schon während der gesamten CD so charakteristisch und eigen vorkommt, ist auch hier wieder zu hören. Dazu gibt eine E-Gitarre die Melodie an. Herberts Stimme klingt traurig und enttäuscht, als er davon singt, wie sich jeder nur auf sich selbst konzentriert. Andere zählen nicht mehr, nur man selbst. Wie meist in Herberts Strophen sind die Instrumente zurückhaltend. Sie legen sich locker stabilisierend unter Herberts Stimme.
Im Chorus werden sie dann lauter, wie man das auch schon gewöhnt ist. Doch glücklicherweise ruft das keine Langeweile hervor. Drums, Gitarren und ein nun auch herauszuhörendes Keyboard lassen den lauter werdenden Gesang nicht abheben. Sie lagern immer noch perfekt so, dass der Chorus als harmonisches Ganzes erscheint. „Die Seele verhökert, alles sinnentleert / keine innere Heimat, keine Heimat mehr.“ Diese Zeile wird einmal wiederholt und bildet den gesamten Chorus, der sehr geheimnisvoll ist. Ich wüsste ohne die Strophen nicht, was ich damit anfangen sollte.
Und wieder folgt eine Strophe, in der Herbert wieder die Sucht nach Macht und die Eigensucht anprangert. Dass man sich damit selbst seiner Heimat beraubt, merken viele leider nicht. Nach einem Chorus, einer kurzen Strophe und einem weiteren Chorus klingt der Song mit dieser so eingängigen Instrumentierung aus.
Ich bin es von Herbert Grönemeyer schon gewohnt, dass die Aussage seiner Texte oft sehr versteckt und verschlüsselt ist. Bei den neueren Platten wie „Bleibt alles anders“ und auch „Mensch“ ist dies noch extremer ausgeprägt, als bei seinen früheren Werken. Trotzdem fällt es mir hier viel schwerer, die Aussage zu entschlüsseln als zum Beispiel bei „Mensch“. Denn „Mensch“ erschien erst dieses Jahr und Herbert schreibt über die Welt, die ich jetzt bewusst wahrnehme. „Keine Heimat“ erzählt meiner Meinung nach davon, wie der Mensch immer mehr zum Egoisten wird, was Herbert gar nicht gefällt. Herberts Stimme und auch die Instrumentierung wirken irgendwie abweisend. Mit viel Gefühl kann man sich auch hier den Text erschließen. Wieder ein toller Song, der einfach bewegt.
HERBSTERWACHEN
Einzig gezupft klingende Gitarren leiten den Song ein. Auch die gesamte erste Strophe wird nur von Gitarren und Keyboards begleitet. Herbert singt leise von Menschen. „Klammheimlich geschnitten, still abserviert / Einsamkeit trägt sich leichter zu zweit.“ Noch ist völlig unklar, wovon dieser Song handelt. Im folgenden Chorus wird schon etwas mehr verraten, doch so wirklich blickt man immer noch nicht durch. Auch hier sind noch keine Drums zu hören, was dem Song etwas wehmütiges und ruhiges verleiht.
Erst in der zweiten Strophe sind Drums zu hören. Dadurch wird der Song dynamischer, was auch voll und ganz zum Text passt. Jetzt wird klar, dass Herbert über alte Menschen singt. Sie werden von uns irgendwo abgestellt und nicht mehr beachtet. Schwache, alte Menschen werden oft einfach aufs Abstellgleis gestellt.
Wieder folgt ein Chorus und in der dritten Strophe wird Herberts Hoffnung spendende Aussage wirklich deutlich: „Am Ende des Weges, sich begegnet, und noch mal Ziele gesteckt / stürmische Gefühle, zweite Luft, freier Fall, Herbsterwachen neu entdeckt.“ Entweder haben sich zwei alte Menschen gefunden oder ein alter und ein junger Mensch. Das wird nicht so ganz deutlich. Herbert macht nur klar, dass das Leben für alte Menschen nicht automatisch vorbei ist. „Herbsterwachen“ – erwache im Herbst deines Lebens. Es ist noch nicht zu spät. Nach einem weiteren Chorus klingt der Song aus.
Wenn man die Gesamtheit aller Songs von Herbert Grönemeyer betrachtet, merkt man, mit wie vielen verschiedenen Themen er sich befasst. Eine solche Vielfalt findet man sonst sehr selten. „Herbsterwachen“ ist ein ruhiger Song mit hoffnungsvoller Aussage. Schön!
FRAGWÜRDIG
Mit einem beschwingten Klavier und kräftigem Schlagzeug beginnt der Song, bevor Herberts Stimme gleichzeitig mit Gitarren einsetzt. Gesanglich beginnt sofort der Chorus, was schon ungewöhnlich genug ist. Die Musik ist schnell und sehr rhythmisch. Der Text ist dann auch unmissverständlich und genauso lebendig: „Wie stehn Sie persönlich zum Zungenkuss, zum Ladenschluss / zu Ostern, was tun sie gegen Stress / wie sehn Sie den Radikalenerlass, rasieren Sie sich nass / was geben ihnen Psychotests / wir brauchen ein kurzes Statement zur Lage der Nation / gleich hier am Telefon, schnell und originell.“
Ich muss nicht noch extra erwähnen, dass Herbert sich über Umfragen lustig macht, die allesamt nicht wirklich einen Nutzen haben. „Man ist prominent, für alles kompetent.“ Textlich geht es dann in der Strophe gleich so weiter. Alle möglichen und unmöglichen Fragen stellt Herbert, die vom Sinn her nie zusammenpassen, sondern sich nur reimen. Während der Strophen wird die Musik jedoch etwas ruhiger, was sie jedoch nicht weniger gut macht.
Nach einem zweiten Chorus und der zweiten Strophe kann man seine Ohren dann ganz einem grandiosen Saxophonsolo hingeben. Gegen Ende des Songs werden noch ein paar Textzeilen und der Chorus wiederholt, wozu sich noch einmal das Saxophon gesellt.
Ich mag diesen Song. „Fragwürdig“ ist schön schnell und wunderbar ironisch. Herbert macht sich über diese Umfragen lustig, die mit den aberwitzigsten Fragen aufwarten. Unbedingt anhören!
BIST DU TAUB?
Sie ist weg und nun ist er allein. Sphärische Keyboard- und Gitarrenklänge bestimmen die erste Strophe dieses Songs. Herbert beschreibt die schreckliche Situation, in der er sich befindet, seit sie weg ist. Er klingt verzweifelt, als er davon singt, wie weh es tut.
Im Chorus kommen leichte Percussions zur normalen Instrumentierung: „Bist du taub oder willst du mich nicht hören / es tut so weh, komm nicht los von dir / kann dich nicht aufgeben, darf dich nicht verlieren / kann dich nicht lassen, du gehörst zu mir / ich liebe dich, du zerreißt mich, willst du mich zerstören“ Während dieser Zeilen klingt Herberts Stimme noch verzweifelter und trauriger.
In der folgenden Strophe wird die auch im Chorus ruhig gebliebene Musik noch ruhiger und Herbert klingt tieftraurig, doch auch ohne Hoffnung. Wieder schließt sich ein Chorus, eine Strophe, in der es irgendwie nach falscher Hoffnung klingt und ein abschließender Chorus, in dem sich Herberts Stimme voller Verzweiflung in die Höhe schraubt, an. So endet der Song.
„Bist du taub?“ ist genau richtig für eine ausgeprägte Depri-Phase. Doch gefällt mir dieser Song. Er ist ruhig, wühlt dabei jedoch auch auf. Toll.
WAS SOLL DAS? (verlängerter Neumix)
Diesen Song konnte man ja schon am Anfang der gesamten Platte hören. Diese Version hier ist fast zwei Minuten länger. Der Grund dafür ist ein sehr langes, sehr rhythmisch betontes Vorspiel, bei dem nur zweimal kurz aus dem Off „Was soll das?“ gefragt wird. Auch die Zwischenspiele sind teilweise etwas länger. Doch zum Glück wurde am Song an sich nicht viel verändert, weil sonst meiner Meinung nach viel von seiner ursprünglichen Dynamik und Aggressivität verloren ginge. So bleibt dieser Song so grandios, wie er es im Original ist. Das Vorspiel zieht sich zwar etwas in die Länge und passt meiner Meinung nach aber trotzdem dazu. Auf der Schallplatte ist dieser Song nicht zu finden, was aufgrund der wenigen Unterschiede zum Original aber nicht tragisch ist.
Abschließend möchte ich euch „Ö“ nur noch einmal ans Herz legen. Herbert Grönemeyer hat 1988 eine perfekte Mischung vorgelegt. Kritische Songs sind ebenso zu finden wie traurige und sein schönstes Liebeslied „Halt mich“ ist allemal ein mehrfaches Hören wert.
Nur zwei oder drei der Songs dieses Albums sind wirklich bekannt geworden. Doch auch der Rest ist nicht minder gut. Also: Hört mal rein und bildet euch eure eigene Meinung!
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