Glückskastanie Testbericht

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Erfahrungsbericht von Miss_Mauve

Pachira Tragödia

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Es war mal wieder so ein Spontananfall, wie er häufig samstags vorkommt: Ich will eine Pflanze, ein Sauerstoff produzierendes Ding, was meine Raucherlunge erfreut. Und riesig soll sie sein. Das ist den kahlen weißen Wänden gegenüber angemessen. Und pflegearm. Und preiswert im Unterhalt. Und wenig Licht fressend. Und wunderschön anzusehen. Das mag jetzt vielleicht laienhaft anmuten. Richtig. Meine Daumen sind fleischfarben und nicht grün. Dennoch zähle ich mich diesbezüglich dennoch zu den Durchschnittsbürgern.

Gedacht, getan, standen mein Schatz und ich in der Garten- und Pflanzenabteilung der Profibaumärkte. Es war praktisch Liebe auf den ersten Blick mit der Pachira. Und so was hat in den wenigsten Fällen etwas mit Vernunft zu tun. Das merkt man spätestens daran, wenn man sich einredet „Hm, was heißt schon `sonnig stellen´...so ein bisschen viel Schatten, das wird die schon verkraften....oder? Oder doch lieber künstliches Licht dazu kaufen? Teuer? Na, da kann man doch ein wenig basteln...“ etc. pp. Den 1,70m-Koloss zur Kasse geschleppt, einen Fitsch gemacht (Originalpreis für eine große Pflanze: ca. 30 Euro, gibbet aber auch in klein und billig und in überdimensional und unbezahlbar) und ab dafür.

An einem lauen Sommersamstag zog die Pachira denn bei uns ein. Ins Wohnzimmer. Ans Fenster, wo´s kaum Licht gibt, wie überall in der Wohnung. Aber dafür aufgerüstet mit einer Pflanzenlampe, die ein seltsames violettes Licht verströmt.

Während sie da so steht, mache ich mich ein wenig über unser Adoptionsopfer schlau. Aha, weit hergereist ist die Gute. Aus Mittelamerika, Westindien, aus dem Regenwald, Südmexiko, Ecuador, Peru und Nordbrasilien ins tropische Deutschland. Und welch wunderschöne Namen sie hat...“Glückskastanie“ (die Blätter erinnern stark an Kastanienblätter), „Immergrüner Pinselbaum“ – na hoffentlich ist da Nomen gleich Omen. Der Satz „Die Pachira ist pflegeleicht“ machte mich glücklich. Kaum Ansprüche: 20°C im Sommer, 12 °C im Winter, im Sommer etwas düngen, 1 Mal pro Woche gießen (sie legt sich im Geäst nämlich einen Wasservorrat an), keine Schädlinge, zurückschneidbar und im gesetzten Alter in rosafarbener Blütenpracht. Hach, was hab ich die Blumen schon vor mir gesehen. Und erst die Anwendungsgebiete: die kleinen, jungen Blätter lassen sich zum Gewürz verarbeiten (hey, wer hat das schon im Gewürzregal..?), die Rinde wird, so lese ich, zur Diabetes-Behandlung verwendet (zum Glück kein Bedarf, aber nice to know), die Blätter und Blüten sind kochbar und anschließend als Gemüsebeilage essbar (bestimmt nett zur Bratwurst. Oder so.) und die Samen haben narkotisierende Wirkung (nein, kein Selbstversuch). Ein durch und durch exotisches Wesen, wie ich finde.

Sie hat sich denn auch schnell und gut eingelebt. Das Düngestäbchen und die Pflanzenlichtbestrahlung taten ihr Übriges: sie wuchs und wuchs und wuchs. Nein, nicht der Stamm, der ist beim Kauf bereits ausgewachsen, aber die Blätter. Konnte man praktisch bei zusehen. Jeden Tag war da ein neues Miniblatt, was erst ins sich zusammen gefaltet war, dann aussah wie ein kleines Hanfblatt und dann ganz schnell groß und satt grün wurde. Der Pflegeaufwand war bis dato gleich Null. Morgens und abends das Pflanzenlicht ein-/ausschalten, alle paar Tage ein bisschen Wasser, je nach Lust und Laune mit einer Wasserschießpistole abspritzen – voilà.

Bis denn dann der Herbst kam. Da war dann Schluss mit lustig. Da wurden die Blätter gelb. Oder wahlweise braun. Nein, nicht nur die alten, dafür hätte sie mein vollstes Verständnis gehabt. Dieser Gammelprozess bezog sich auch auf die kleinen neuen Blättchen. Die kamen sozusagen schon gelb auf die Welt. Und nun? „Pflegeleicht“ schallte es noch in meinen Ohren. Zu viel Wasser, zu viel Licht. Das lag nahe. Also weniger Wasser, also weniger Licht. Es wurde nicht besser. Aber auch nicht schlimmer. Aber nach dem Herbst folgt ja bekanntlich der Winter. Die Blätter rieselten immer mehr. Getreu dem Mott: wo kein Schnee, da Blätter. So viel neue Blätter konnte die Gute gar nicht nachproduzieren. Vielleicht zu kalt? Vielleicht zu zugig? Vielleicht ein Winterschlaf gefällig? Die Pachira zog um. Das immer kühle Schlafzimmer sollte von nun an ihre Winterresidenz sein.

Da ich das Schlafzimmer selten bei Tageslicht und in vollkommener Wachheit betrete, geriet sie mir ein wenig aus dem Auge (wie das so ist, bei Kindern und Spielzeug und so). Bis gestern Abend. So aus dem Bett heraus haben wir das dann mal genauer untersucht. So viel vorweg, es ist nicht schön, sie sterben zu sehen. Der Stamm besteht aus 4 Stämmen/Ästen/wie auch immer. An zweien davon rankt und prangt es noch grün (na ja, jedenfalls sind noch ein paar Blätter vorhanden). Doch aus den anderen beiden Stämmen/Ästen/wie auch immer kommt überhaupt nix mehr. Der Fühltest war erschreckend: 2 harte, glatte Stämme und 2 poröse, tot wirkende. Und 2-3 Fruchtfliegen meine ich, gesichtet zu haben. Was nun passieren soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Sterbehilfe leisten, ein pompöses Reklamationsgetue im Baumarkt, als Geschenk einpacken und verschenken, eine Pflegefamilie suchen – alles denkbare Optionen.

Dennoch, wir haben ja schon Ersatz, wir treulose Tomaten: eine Baby-Pachira. Die auch wächst und gedeiht. Aber diesmal ganz ohne Kunstlicht und ohne verzwirbelten, geflochtenen Ästen. Das weiß man nämlich auch erst hinterher: die geflochtene Pflanzen sind oftmals empfindlicher, als die natürlich gewachsenen. Gar nicht so unlogisch, dass sich eine verzwirbelte Rinde nicht wirklich gesund entwickeln kann. Also legen wir das unter „Versuch macht kluch“ ad acta.

Ein Leben ohne eine Pachira...ist zwar vorstellbar, aber weniger dekorativ. Macht sich eben ganz gut im Wohnzimmer, so rein optisch gesehen und es ist halt doch noch etwas Besonderes, was den Blick in den Bann zieht - im Vergleich zu den ficusüberwucherten Wohnungen. Aufgrund der Wunderschönheit und der an sich rein objektiv betrachteten nicht sooo schwieirgen Haltung....hach, was vergebe ich...summasumarum: die Note 2. Und natürlich empfehlenswert (Wohung ist ja nicht gleich Wohnung und Halter ist nicht gleich Halter).

Als Adoptionswillige(r) wisse:

  • weniger ist eindeutig mehr, jedenfalls was das Gießen angeht
  • lass Dich nicht von Schildern und Etiketten wie „pflegeleicht“ in Sicherheit wiegen
  • das System ist einfach: je mehr Licht, je mehr Wachstum
  • Schädlinge sind laut Literatur unbekannt. Aber rechne im worst case mit 2-3 Fruchtfliegen
  • Die Hauptkrankheit ist die Gelbsucht

Ich wünsche Euch einen schneeigen Winterabend und freue mich über Kommentare und Fragen...öhm, besser: Anmerkungen :-)

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