Pearl Harbor (VHS) Testbericht

Pearl-harbor-vhs-antikriegsfilm
ab 11,75
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Erfahrungsbericht von Kuhli

Penetrante, peinlich pathetische Protz-Propaganda

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Nach so vielen lobenden Berichten, dachte ich mir, wird’s mal wieder Zeit für einen herrlichen Veriss, denn so was macht doch am meisten Spaß zu schreiben, also „her we go“...

##### STORY #####

Nicht nur das Rafe (Ben Afflek) und Danny (Josh Hartnett) die dicksten Freunde seit ihrer Kindheit sind, nein sie teilen sich zudem auch noch den Traum aller jungen Männer. Sie wollen für ihr Vaterland gerade stehen, also geht’s ab in die Army.
Bei der Massenmusterung der jungen Rekruten begegnet Rafe der Krankenschwester Evelyn (Kate Beckinsale) und wie es kommen muss verlieben die Zwei sich bald in einander, doch ihr allzu junges Glück wird schnell auf die Probe gestellt, denn Rafe wird nach England versetzt, von wo aus er mit seinem Flugzeug, seinem blendenden Aussehen (inklusive Colgate-Lächeln und Drei Wetter Taft-Frisur) und seinem überragenden Talent in den Krieg zieht.
Währendessen spielt sich im Gegenlicht von Hawaii die wohl romantischste Zeitlupenliebe aller Zeiten ab, denn Rafe und Evelyn erfahren vom absturzbedingten Tot von Rafe, und was machen Leute wenn sie einen gemeinsamen Freund verloren haben, sie trösten sich gegenseitig.
Und gerade als sie glücklich wie nie rumtollen, kommt der tot geglaubte alte Freund wieder. Doch zu einer richtigen Aussprache kommt es nicht, denn die Japaner kommen und wollen wegen politischer Differenzen zu Amerika den Flottenstützpunkt Pearl Harbor mit einem Überraschungsangriff vernichten. Aber das ganz unkonventionell mit einer Menge schöner Flugzeugbomber und mal nicht auf dem Rücken von Godzilla (das wär ja auch wegen der teuren Special Effects kaum realisierbar geworden).

##### KRITIK #####

Selten hab ich mich über die Verwurstung eines Filmstoffs so aufgeregt wie bei dieser Inkarnation eines Schundromans. Und da meine Ausführungen vor lauter Wut auf diesen Film nicht komplett ausufern sollen, versuche ich meinen Bericht etwas zu gliedern.

Woran der Film krankt...

###Filmname###

Er heißt „Pearl Harbor“ und schmückt sich somit mit einer der größten Katastrophen der amerikanischen Kriegsgeschichte. Der eigentliche Angriff auf Pearl Harbor ist hier aber nur eine Aufhängung für den eigentlichen Schwerpunkt der Geschichte – die unglaublich kitschige Liebesgeschichte und die hat gar nichts mit dem Filmtitel zu tun. Es hätte genauso irgendein Monsterbus durch die Masse von Soldaten fahren können, das wäre kein Unterschied gewesen, nur das dann der Film nicht mehr so propagandistisch ausgefallen wäre und der Patriotismus der die Amerikaner ins Kino treiben sollte, wäre natürlich hin gewesen. Es sei denn es wäre ein Deutsch/Japanischer- Monsterbus gewesen. Hey Moment mal, ich glaube diese Idee lass ich mir patentieren und verfilmen, die ist echt genial.

###Story###

Ich denke mal jeder kennt, diese Groschenromane, die man in jedem Kiosk sieht. Wobei das Cover des Buches dann wohl schon alles aussagt. Ein muskulöser langhaariger Mann hält vor seinem aufgerissenem Hemd seine eroberte Liebe in den Armen. Nicht nur optisch, sondern auch bezogen auf die Story hatte ich in jeder Sekunde des Films das Gefühl, in die Verfilmung eines solchen Buches gelandet zu sein. Bay Filme haben sich ja nie besonders durch gekonntes spielen mit Emotionen ausgezeichnet, aber sonst hatte er immer das Glück in Actionszenen zu flüchten, hier muss er aber 2 Stunden warten bis er seine Explosionen abladen kann und somit verlieren sich seine Charaktere in den ruhigen 2/3 des Films im simplen, langweilen Schablonenverhalten aus der Filmschule. Ein weiterer Grund warum der Film auf ganzer Linie versagt, ist das er nicht mal den Versuch startet ein Kriegsfilm zu sein. Es ist so offensichtlich das Bay alles größer und teurer machen wollte als Titanic und das find ich mehr als billig. Denn Angeberei sollte nie Ursprung eines Films sein, besonders nicht bei einem Film mit einer (teilweise) authentischen und tragischen Geschichte.
Und das der Kriegsteil des Films genauso wenig funktioniert wie die Liebesgeschichte, kann jeder an sich selbst testen, denn ich denke ich bin nicht der Einzige, der die ganze Zeit auf den Angriff gewartet hat. Normalerweise sollen Todesszenen und Schicksalsschläge in Dramen unangenehm sein, doch hier ist der Angriff auf Pearl Harbor die langersehnte Erlösung aus der langweiligen Ménage á trois, die trotz ihrer Filmlänge von zwei Stunden kaum voranschreitet geschweige denn sonderlich entwickelt.
Und es wird noch schlimmer...
Denn der Angriff beginnt furios und ich muss sagen ich war begeistert, als die japanischen Flieger anrückten, aber kaum ist die erste Bombe abgeworfen, ist meine erste und einzige Begeisterung für diesen Film verflogen. Anstatt gefühlvoll und zurückhaltend Dramatik zu zeigen, die sich hundertprozentig dort abgespielt hat, verlieren sich die nächsten dreißig Minuten in Dauerexplosionen und stilisierter Tragödie, die mich kein bisschen beeindruckt oder bewegt hat. So aufwendig der Dreh auch war aber je öfter die Produzenten damit warben, das sie in 7 Sekunden 236 Explosionen untergebracht haben, desto klarer wurde, das ihnen das Schicksal der tatsächlich getöteten Soldaten beim drehen weniger wichtig war als die protzige Umsetzung und das merkt man gerade den Actionszenen an und so etwas find ich schon sehr erbärmlich.


###Das Ende###

ACHTUNG! In disem Abschnitt wird gespoilt.

Wie es sich für einen realsitischen Kriegsfilm gehört, fliegen die Überlebenden in einem Doppeldecker gen Sonnenuntergang. Würg. Das nur einer der beiden Freunde überlebt, war von anfang an so klar wie die berühmte Klossbrühe. Und wer überlebt hat, ist auch so vorhersehbar, da Rafe die Frau als erster hatte, bekommt er sie auch zum Schluss, das ist in jedem bis aufs Erbrechen politisch korrektem Film so und damit Danny nicht leer ausgeht (denn das ist auch typisch für diese Helden) lebt er in seinem Kind weiter…

###Selbstkritik###

Außer in „Der schmale Grad“ von Terence Malick, gab es in den letzten zehn Jahren keinen Anti(?)Kriegsfilm mehr, der die Kriegsführung seines Landes hinterfragte. Hier ist das natürlich genauso. Dass die Amerikaner mit ihrem Ölboykott den Angriff geradezu provoziert haben und das für Präsident Roosevelt gar nicht so überraschen gewesen sein soll, wird hier natürlich nicht erwähnt, das würde ja nur dem triefenden Pathos und der Eigenwerbung schaden. Und somit ist die Moral von der Geschicht’ nicht „Krieg ist IMMER schlecht“, sondern „Krieg ist ne feine Sache, da er jungen Männern die Möglichkeit gibt, für ihr Land zu sterben“ und anscheinend kann man nur so ein vollwertiger, ehrenhafter Mensch werden. Leider kommt für mich diese geniale Botschaft zu spät, da ich meinen Zivildienst schon hinter mir hab. Menno.

###Optik###

In dem dreiminuten Trailer sah der Film ja wirklich beeindruckend aus, aber über die drei Stunden lang ist der visuelle Stil des Films mehr als ermüdend. Und trotz des im Softpornogewerbe sehr beliebten Weichzeichner-Stils, krankt der Film an optischer Sterilität und baut somit keine Atmosphäre geschweige denn einen eigenen Charme auf, selbst massig Sonnenuntergänge und schönen Zeitlupen können das nicht verhindern, im Gegenteil dadurch wirkt der Film noch künstlicher. Apropos künstlich ...

###Schauspieler###

Seit „Star Wars - Episode 1“ hat kaum ein Regisseur es geschafft gute Schauspieler so uninspiriert spielen zu lassen, aber wie sollen sie auch gut spielen, wenn das Drehbuch ihnen nur gekünstelte Emotionen vorgibt.

*Ben Affleck*

Er hat bei mir so viele Sympathien durch seine zahlreichen Auftritte in Kevin Smith Filmen (Chasing Amy, Dogma,...) gesammelt und selbst seine Blockbuster-Ausflüge waren O.K., aber seine Darbietung hier beschränkt sich wirklich nur aufs „gut aussehen“, Nicht mehr und nicht weniger.

*Josh Hartnett*

In Faculty war er gut, ist ja auch nicht besonders anspruchsvoll. Ansonsten ist nichts besonderes bei mir hängen geblieben, denn „40 Tage, 40 Nächte“ hab ich nicht gesehen, weil ich schon die Vorschau langweilig fand. In Pearl Harbor ist er genauso nur Kanonenfutter wie sein Freund.

*Kate Beckinsale*

Nicht unbedingt meine Lieblingsschauspielerin, weil sie mir nie besonders aufgefallen ist, weder positiv noch negativ. Wenn ich an Pearl Harbor zurückdenke ist das einzige was mir ins Gedächtnis kommt ihre penetrant übergeschminkten roten Lippen.

*kaum nennenswert*

Zwar gibt’s noch viele kleine Auftritten von namhaften Hollywoodschauspielern, wie Dan Aykroyd, Alec Baldwin, Cuba Gooding Jr., Tom Sizemore oder Jon Voight, die sind aber wirklich so klein und gehen zwischen den ganzen Kulissen und Schlachten so unter, das sie nicht der rede wert sind und wahrscheinlich auch nur zum protzen sind.

### Was mich sonst noch nervt ###

Nicht nur, dass das Filmplakat auch aussieht, wie so ein Schundromandeckblatt, es hat auch noch einen Zusatz „Es geschah an einem Sonntagmorgen...“. So wollte man nicht nur den Patrioten, sondern anscheinend auch den Christen im Kinogänger wecken. Zum Glück hat’s nicht geklappt und der Film konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Juhu!!!

##### FAZIT #####

Die fragwürdigen, eindimensionalen Actionszenen sind anders als erhofft keine Erlösung von der stereotypen Liebesgeschichte, so versagt der Film als Kriegsfilm genauso wie als Liebesfilm, der hier deutlich im Vordergrund steht. Auch wenn die Bilder wunderschön sind erfüllen sie nicht ihren Zweck, da sie mich nicht fesseln, sondern ermüden. Die Schauspieler spielen zudem nicht, sondern dürfen sich als Kanonenfutter hergeben. Die Fehler könnte ich bei jedem anderen Film dulden, aber nicht bei diesem tragischen, realen (!) Thema, das hier hollywoodmäßig ausgenutzt wurde.


DATEN

Pearl Harbor, USA `01
Von Michael Bay
Mit Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale, Jon Voight,…
Drebuch : Randall Wallace (Braveheart, Wir waren Helden)
Musik : Hans Zimmer (der Meister der dezenten Filmmusik)
Produzent : Jerry Bruckheimer, Michael Bay
Ca. 173 Min.
FSK ab 12

Den Film gibt’s auch im Director’s Cut ab 16, aber nicht mit mehr Charakterausbau, sondern mit mehr „schonungslosen Actionszenen“. Kein Kommentar dazu von mir.

Ich weiß, das ich auch die Überschrift „Wenn man Filme zu ernst nimmt“ benutzen könnte, aber gerade bei Kriegsfilmen bzw., Filmen die auf authentische Tragödien zurückzuführen sind bin ich nun mal sehr kritisch. Und ich denke auch zu recht.

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