Pink Floyd Testbericht

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Erfahrungsbericht von mima007

*Obscured by Clouds - Music from >La Vallée

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Ich höre dieses Album zur Zeit am liebsten. Es enthält grandiose Stücke wie das Titelstück, das die Floyd oft zur Konzerteröffnung spielten, und das lustig-bizarre \"Free Four\" von Roger Waters.

\"Obscured\" war das erste Album der Floyd, das in die amerikanischen Top 50 Charts gelangte, vor allem weil \"Free Four\" (siehe unten) so oft im Radio gespielt wurde. Und in der Entwicklung der Band stellt es den Endpunkt der 2. Phase nach dem Weggang von Syd Barrett dar. Es steht zwischen \"Meddle\", das bei der Kritik nicht besonders viel Anklang fand (aber mit \"Echoes\" und \"One of these days\" zwei geniale Stücke vorweisen kann), und ihrem Hypermegabestseller \"Dark Side of the Moon\".

Man fragt sich, was nach \"Obscured\" geschehen sein mag, um einen derartigen Erfolg zu ermöglichen. Die Antwort gibt Nicholas Schaffner in seiner hervorragenden Bandbiografie \"Pink Floyd\" (Heyne, München 1994): Bei \"Dark Side\" schrieb Roger Waters die Text im Alleingang und zwar so einfach, klar und deutlich, dass sie jeder verstehen konnte, also recht kommerziell. Er ärgerte sich darüber, dass Fans Dinge auf ihren LPs hörten, die gar nicht drauf waren. Und er wollte seit \"Meddle\" weg vom Image der Floyd, nur Science Fiction-Musik zu machen. Das war ja nicht schlecht für esoterische Filmprojekte -- wie etwa \"Obscured\" die Musik zum Film \"La vallée\" * ist -- aber es war schlecht für die Kohle! Erst mit \"Dark Side\" wurden die Floyd ab der US-Tour im März 73 zu der Megagruppe, wie man sie noch heute kennt. (Sie bekamen für \"Wish...\" einen 7-stelligen Vorschuss!) Zu Zeiten von \"Obscured\" waren sie eine Band unter vielen, konnten sich aber nicht mit dem Erfolg der Who und Stones messen.

\"Obscured\" wurde in einem französischen Schloss aufgenommen statt in einem Studio. Die Produktionszeit von lediglich einer einzigen Woche führte zu einer Menge Improvisation, so dass man hier die Floyd praktisch frisch von der Leber weg spielen und singen hört. Es ist deutlich, dass es ihnen Spass gemacht hat -- zumindest auf einigen Stücken.

Es wurde wenig nachproduziert, wie etwa, dass Dave Gilmour, der Texter, Gitarrist und Sänger (!), noch eine Strophe zu seinem Song \"Childhood\'s End\" nachtrug. Gilmour bestimmt das Album: Gitarren allenthalben, ob elektrisch oder akustisch. Die E-Gitarre kommt dabei vor allem rockig daher -- so wie man sie vom Soundtrack \"More\" (\"Nile Song\") oder von \"Money\" kennt. Die akustische dient vor allem der Stützung sanft-melodischer Stücke, die sich deutlich von den rockigen Titeln abheben. Dieser Kontrast führt dazu, dass man sich den Charakter jedes einzelnen Rock-Stücks gut merken kann, wohingegen die akustischen Stücke einander zum Verwechseln ähnlich klingen – so als ob die harten Stücke wie Berge aus Tälern herausragen würden, die \"von Wolken verdeckt\" sind.

Die Stücke
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1. Obscured by clouds: ein pulsierendes Instrumentalstück, das für die richtige atmosphärische Einstimmung sorgt. Über einem tiefen Synthi und drängenden Drums jagt einem Gilmours Slide-Gitarre Schauder über den Rücken.

2. When you\'re in: Die ganze Band spielt ein rockiges Stück, das Klang- und Melodie-Motive des Anfangsstück aufnimmt und weiterführt. (Hier sollte man die Lautstärke wieder runterdrehen, wenn man sie für \"Obscured\" voll aufgedreht hat!)

3. Burning bridges: Ein akustisches Stück mit Gesang, im melodischen Stil von \"Pillow of Winds\" auf \"Meddle\". Gilmour vom Brücken-Abbrechen. Offenbar geht\'s im Film um den Aufbruch ins Innere der Insel, in den unbekannten Dschungel. \"Sie zerbricht das goldene Band.\"

4. The gold it\'s in the...: \"Come on, my friend, let\'s make for the hills\" -- so fängt eine richtig funkige Rock\'n\'Roll-Nummer an, die direkt in die Beine geht. Erinnert in Stimmung und Instrumentierung an \"Gravy train\" auf \"Wish you were here\". Geile E-Gitarre.

5. Wot\'s...uh the deal: Wieder ein akustisches Plätscherstück. Hier sinnieren Waters/Gilmour darüber nach, was \"der Deal\" ist, sprich: der Sinn des Lebens (\"wot\" = \"what\"). Denn diesen suchen ja Olivier und Viviane und vor allem Gaeten im exotischen Insel-Hinterland, das ca. 1970 noch weitgehend unerforscht ist. Hier klingt bereits das Thema der Entfremdung des Einzelnen an, das dann in \"Dark side\" von Waters in allen Konsequenzen ausgebaut wird.

6. Mudmen: Ein stimmungsvolles Instrumentalstück von Wright/Gilmour, das die Begegnung mit den (real existierenden) Schlammmenschen illustriert.
7. Childhood\'s end: Gilmour singt, ziemlich gut sogar, und es ist bis heute sein Lieblingsstück, wenn man N. Schaffner glauben darf. Der Titel ist identisch mit dem eines kultisch verehrten Science Fiction-Romans von Arthur C. Clarke, in dem von der Ankunft wohlmeinender Aliens auf der Erde erzählt, die komplett die Herrschaft übernehmen, um die \"Kindheit der Menschheit\" zu beenden. Eine neue Generation wächst heran und fliegt zu den Sternen.

Dieses Motiv erinnert schwer an das Grundmotiv des Films*. Gilmour singt vom Ende aller Dinge, die in der westlichen Kultur für wichtig erachtet werden.
Der drängende Rhythmus ist stampfend-schwerfüßig, getragen von akustischer Rhythmusgitarre, wozu Gilmours E-Gitarre improvisiert wie im Mittelpart von \"Money\". Dieser Effekt mag ja passen, erschien mir aber etwas mickrig im Vergleich zu dem, was Gilmour für das folgende Stück einfiel.

8. Free four: Und jetzt alle mitklatschen -- \"one two free four\"! So fröhlich und mitreißend beginnt der wohl wichtigste Song auf dem Album. Kein Wunder, dass es in den US-Radiosender rauf und runter gespielt wurde. Dabei geht es im Text von Roger Waters um das genaue Gegenteil von fröhlicher Feier des Lebens – es geht um Tod und Sterben, Themen, die dann in den Alben ab \"Dark Side\" und \"The Wall\" bestimmend wurden.

Schaffner: \"Der Text ist das Räsonieren eines senilen Mannes, der sich auf dem Totenbett über ein Leben beklagt, das \"im Handumdrehen\" vorbei war, ehe er sich seinem \"langen kalten Schlaf\" ergibt. (Dieses Thema wird in \"The Final Cut\" bestimmend. MM) Das einzige Science Fiction-Element ist, dass es sich bei dem alten Knacker zweifellos um G. Roger Waters handelt, der über das noch kürzere Leben seines eigenen, \"im Schützengraben begrabenen\" Vaters nachgrübelt. In diesem Song der Floyd taucht zum ersten Mal der Ausdruck \"auf der Flucht\" auf – wobei \"Flucht\" in Waters\' Sprache ein Synonym für \"Paranoia\" (Verfolgungswahn) ist.\"

Schaffner fährt fort: \"Im makabren Licht von \"Free Four\" wirken die Aspekte der Existenz des 28-jährigen Roger (z.B. \"alle an Bord für die Amerikatour ... vielleicht schafft ihr\'s bis zur Spitze\") plötzlich recht fadenscheinig. Selten hat ein 3-minütiger Popsong eine Weltanschauung von einem derart atemberaubenden Zynismus gesehen. Das Bild, das dieses eingängige kleine Stück heraufbeschwört, ist das eines Mannes, der freundlich lächelt, während er ein Todesurteil überbringt -- wobei es sich in diesem Fall um sein eigenes handelt.\" Soweit Schaffner. Für ihn ist der US-Erfolg dieses Songs die \"ultimative Ironie\". Haben die Amis nicht zugehört, oder trauten sie ihren Hörern nicht zu, den Songtext zu kapieren?

9. Stay: Ein stimmungsvoller, melodischer Song, der besonders von Wrights Synthis dominiert wird. Gilmour besingt die Feier des Abends und der Nacht, die er mit einer Partnerin bei Wein und Liebe verbringen will. Am anderen Morgen folgt der Abschied in einen \"neugeborenen Tag\".

10. Absolutely curtains: Ein Instrumentalstück zum Ausklang -- der Vorhang fällt nach dem Stück/Film. Angehängt ist die Aufnahme des schönen Gesangs von realen Eingeborenen. Es klingt wie ein Kirchenlied, getragen, aber fröhlich. Ob die Eingeborenen nun zwischen Amazonas, Neu-Guinea und dem Kongo zu suchen sind, ist offen. Wir dürfen annehmen, dass sie von Papua-Neuguinea stammen.

Mein Eindruck
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Ich stehe gerne zu dieser Musik auf: Zuerst der berühmte Opener mit brummendem Synthi, drängenden Drums und fetzender E-Gitarre, danach das rockige \"When you\'re in\". Ein prima Einstieg. Und gegen Ende des Albums die erstklassigen Stücke \"Childhood\'s End\" und besonders \"Free Four\", das trotz seines garstigen Inhalts direkt zum Mitsingen einlädt!

Vielleicht findet auch ihr die eine oder andere gute Seite an diesem Album.

*: Zum Film: Er wurde von einem Freund der Floyd gedreht, dem französischen Regisseur Barbet Schroeder. Hier die Story, die für die frühen 70er Jahre mit ihrer Ausstiegssehnsucht typisch ist (zitiert nach den Begleittexten, die von Filmfotos illustriert werden):

\"Viviane erfreut sich eines komfortablen lebens als Gattin eines frz. Konsuls, bis sie auf der Suche nach Kuriositäten für ihre Pariser Boutique Neu-Guinea besucht. Dort trifft sie Olivier und gerät in versuchung, sich seiner Expedition ins Inselinnere anzuschließen, verlockt von der Aussicht auf seltene Federn, die nur in zivilisationsfernen Gebieten zu finden sind. Geführt von Gaeten begeben sich Viviane und Olivier auf die Reise, um nach einem geheimen Tal zu suchen, das auf der Landkarte lediglich mit \"obscured by clouds\" (von Wolken verdeckt) bezeichnet ist. Dieses wird von den Eingeborenen als die \"Heimat ihrer Götter\" in verehrungsvoller Hochachtung gehalten.

Die Reise ist lang und beschwerlich, und nur Gaetens mystische Besessenheit mit dem Gedanken an das Tal hält sie in ihrer Anstrengung aufrecht, durch zunehmend feindselige Bedingungen vorzudringen. Auf dem Weg zum Tal stoßen sie auf die \"Mudmen\" (Schlammmenschen) und werden zu einer Papua-Zeremonie eingeladen. Schritt für Schritt schält sich mit jeder neuen Erfahrung Vivianes zivilisierte Persönlichkeit [\"persona\" = Maske] ab, bis es für sie schließlich keine Rückkehr mehr geben kann.\"

Michael Matzer © 2002ff

Info: 1972, EMI Records (Re-Master) 1995, Nr. 7-243-8-35609-2-9

20 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Dark_Buffy

    08.06.2002, 14:34 Uhr von Dark_Buffy
    Bewertung: sehr hilfreich

    wow super Bericht. Gruß Buffy

  • constantin

    08.06.2002, 14:29 Uhr von constantin
    Bewertung: sehr hilfreich

    schön ausführlich! Gruss Cons