Verborgene Muster (Taschenbuch) Testbericht

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Erfahrungsbericht von Hindenbook

Schottischer Serienmörder-Blues

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

John Rebus, Detective Sergeant bei der Mordkommission der schottischen Metropole Edinburgh, ist wahrlich kein Ausbund an Fröhlichkeit. Beruflich ist er überlastet und ziemlich ausgebrannt, dem Alkohol und den Zigaretten mehr zugetan, als ihm gut tut. Sein Privatleben muss er als Desaster betrachten: die Ehe gescheitert, die Ex-Frau seine erbitterte Feindin, die Tochter im Teenageralter entfremdet - von seinem niemals überwundenen psychischen Zusammenbruch aus seiner Zeit als Elitesoldat einer mysteriösen Spezialeinheit ganz zu schweigen. Da ist es nur gut, dass er noch nichts von den Verwicklungen seines nur scheinbar erfolgreichen Bruders Michael in die Edinburgher Drogenszene weiß ...

In dieser dunklen Phase seines Lebens muss Rebus den schwierigsten Fall seiner Laufbahn übernehmen. Ein Kidnapper geht um in Edinburgh, dem bereits zwei kleine Mädchen zum Opfer gefallen sind - eine Zahl, die sich rasch erhöht. Die Polizei tappt im Dunkeln und steht gleichzeitig unter heftigem Beschuss seitens der Medien und der Politik. Im Präsidium und auf den Wachen der Stadt sind fast alle Beamten im Dauereinsatz. Stress, anhaltende Erfolglosigkeit und die mangelhafte Koordination der Ermittlungsarbeiten fordern allmählich ihren Tribut. Daher bleibt zunächst unbemerkt, dass der Mörder ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel mit seinen Jägern treiben möchte.

Aber das eigentliche Ziel des Killers ist John Rebus. Schon seit einiger Zeit erhält der Polizist seltsame anonyme Briefe, die stets nur einen Zettel mit kryptischen Texten wie \"Überall sind Anhaltspunkte\", eine Schnur, in die ein Knoten geschlagen wurde, oder zwei zum Kreuz zusammengebundene Streichhölzer enthalten. Doch er ignoriert die ungebetene Post - ein verhängnisvoller Fehler, denn der Mörder hat ihm sein letztes Opfer quasi angekündigt: Rebus\' Tochter Samantha. Als bei dem Polizisten endlich der Groschen fällt, ist es zu spät. Samantha wurde soeben entführt, ihre Mutter vom Täter schwer verletzt, ihr neuer Lebensgefährte gar umgebracht. Nach dem Muster der früheren Fälle muss Samantha als verloren gelten.

Ausgerechnet Michael Rebus erweist sich als Retter in der Not. Er, der sich seinen Lebensunterhalt offiziell als Bühnenmagier verdient, kann seinen Bruder hypnotisieren und in die Zeit vor seinem Nervenzusammenbruch zurückführen. Vor fünfzehn Jahren wurde John Rebus im Rahmen eines Armeeprojekts zur Unterwanderung der irischen IRA ausgebildet und dabei grausamstem Terror und der Folter unterworfen, um seine Widerstandskraft zu testen. Mit ihm nahm an diesem Programm der Soldat Gordon Reeve teil, mit dem Rebus in seiner \"Gefangenschaft\" eine enge Notgemeinschaft einging. Um sich während ihrer schweren Prüfung abzulenken, spielten die beiden oft \"Kreuze und Nullen (= Knoten)\" - gemeint ist offenbar das alte \"TicTacToe\"-Kinderspiel. Als Rebus dann nach Ansicht seiner Vorgesetzten den Psychotest bestanden hatte, wurde er aus seiner Zelle entlassen, während Reeve zurückbleiben musste. Er verlor den Verstand, und seinen \"Verrat\" hat er Rebus niemals verziehen. Über Jahre hat er seine Rache geplant, die Rebus alles kosten soll, was ihm lieb und teuer ist!

Rebus\' Kollegin und Freundin, Detective Inspector Gill Templer, findet endlich eine Gemeinsamkeit hinter den Entführungen: Sämtliche Opfer besuchten regelmäßig die Kinderbuch-Abteilung der Stadtbücherei von Edinburgh! Hier findet Rebus in der Maske eines harmlosen Bibliothekars schließlich seinen Feind, der schon auf ihn gewartet hat. Ein erbitterter Kampf bricht aus, in dessen Verlauf Rebus angeschossen wird, Reeve aber dennoch ausschalten kann. Im Haus des Wahnsinnigen kann Samantha unverletzt befreit werden. Ein letzter Schlag gelingt Reeve aber noch aus dem Grabe: Er entpuppt sich als Drahtzieher hinter dem Drogenhandel, zu dem er Michael Rebus verleitet hat. Über den Bruder konnte Reeve stets Aktuelles über John Rebus und seine Familie in Erfahrung bringen. So geht Reeves böse Saat letztlich doch auf. Die Familie Rebus ist endgültig zerstört: Michael muss eine längere Haftstrafe antreten, Samantha wird unter den Folgen ihrer Entführung zu leiden haben, ihre Mutter hat den Partner verloren. Ausgerechnet John Rebus steht noch auf den Beinen, angezählt zwar, aber immerhin seines Traumas verlustig und mit Gill Templer an seiner Seite.


John Rebus, lateinisch \"Bilderrätsel\": Selten traut sich ein Schriftsteller, schon mit dem Namen seiner Hauptfigur anzukündigen, was seine Leser erwartet: die Jagd auf einen geistesgestörten, aber gerissenen Mörder, der mit seinen Häschern \"spielen\" möchte und ihnen kryptische Rätsel - Rebusse eben - zukommen lässt, die ihnen angeblich den Weg zu ihm weisen.

Der Plot ist nicht neu, um es vorsichtig auszudrücken, wird aber sauber entwickelt und kann durchaus in seinen Bann ziehen. Edinburgh ist als Kulisse relativ unverbraucht. Rankin kennt sich in seiner Heimatstadt aus (oder weiß seinen Lesern diesen Eindruck zumindest geschickt zu vermitteln), die zwar schon moderne Metropole ist, sich aber den Charakter der Hauptstadt eines eigenwilligen Menschenschlags - der Schotten nämlich - bewahren konnte. Es wird auffallend viel getrunken in Edinburgh, was nicht nur an den deprimierenden Erlebnissen der Protagonisten liegen könnte, sondern auch an der geografisch recht ungünstigen Lage einer Stadt im hohen europäischen Norden, in der es meistens dunkel ist und regnet.

Den Wettlauf auf Leben und Tod tritt ausgerechnet ein Mann an, der meint, am Ende zu sein, weil ihm beruflich wie privat nichts mehr gelingt. Aber John Rebus, der ehemalige Fallschirmjäger, den die Folter einer perversen \"Spezialausbildung\" fürs Leben zeichnete, ist ein besserer Polizist, als er sich selbst zugestehen mag: Selbst unter Stress lässt ihn seine Spürnase nicht im Stich, und sollte ihm sein alter Feind, der aufgeblasene Chief Inspector Anderson, wieder einmal gar zu sehr auf die Nerven fallen, sind da immer treue und trinkfeste Kollegen wie die Sergeants Morton und Campbell, die ihm den Rücken stärken.

Das Personal der Polizeistation Great London Road wird dem Leser bald ebenso ans Herz wachsen wie die legendären Figuren des Ed McBainschen 87. Reviers. Dafür sorgt schon Rankins ausgeprägter Sinn für knochentrockenen Humor (die Übersetzerin kann gottlob mithalten), der sich mit der düsteren Handlung ausgesprochen gut verträgt, nie aufgesetzt wirkt und die Lektüre zu einem reinen Vergnügen werden lässt.

Mit \"Verborgene Muster\" (der im Original viel schöner und auch treffender \"Knoten & Kreuze\" heißt) betrat 1987 ein neuer Serienheld (obwohl diese Bezeichnung hier eher fehl am Platze ist) die Krimi-Szene. Ian Rankin (geb. 1960) ließ seinem Debut bisher neun weitere John Rebus-Abenteuer folgen, die hoffentlich ebenfalls ihren Weg nach Deutschland finden. In seiner schottischen Heimat, aber auch im gesamten britischen Inselreich hat Rankin dank Rebus inzwischen längst Kultstatus erreicht. Dazu trägt in nicht geringem Maße die höchst erfolgreiche TV-Serie \"Inspector Rebus\" (er ist inzwischen wider Erwarten doch befördert worden) bei, die das Schottische Fernsehen seit 2000 ausstrahlt.

Die John Rebus-Romane erscheinen in Deutschland im Wilhelm Goldmann Verlag:

01. Verborgene Muster (1987, Knots & Crosses)
02. Das zweite Zeichen (1991, Hide & Seek) - TB-Nr. 44608
03. Wolfsmale (1992, Wolfman/Tooth and Nail) - TB-Nr. 44609
04. Ehrensache (1992, Strip Jack) TB-Nr. 45014
05. The Black Book (1993, Verschlüsselte Wahrheit) - TB Nr. 45015
06. Mortal Causes (1994)
07. Let it Bleed (1996)
08. Black & Blue (1997)
09. The Hanging Garden (1998)
10. Dead Souls (1999)
11. Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000) - TB 45387
12. Puppenspiel (The Falls, 2001)
13. Resurrection Man (2002)

Außerdem erschien 1992 die Kurzgeschichten-Sammlung \"A Good Hanging and Other Stories\".

(Copyright 16.03.2001/Dr. Michael Drewniok)

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