Mein Leben (gebundene Ausgabe) / Marcel Reich-Ranicki Testbericht

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Erfahrungsbericht von Gozo-Bernie
Reich-Ranicki - ein bedenkliches Geschenk
Pro:
Kurzweilig zu lesen - sehr guter Ueberblick ueber die dt.Literatur
Kontra:
Manchmal bis oft die Meinung des Autors
Empfehlung:
Ja
Der erste umfasst seine Jugend, zunaechst in Polen und dann in Deutschland (Berlin), von wo die Familie 1938 wieder nach Warschau deportiert wurde. Dann folgte die Zeit in Warschau waehrend des Krieges, wo er das Warschauer Ghetto ueberlebte. Der dritte Teil umfasst die Jahre ab 1944 bis 1958, wo er recht schnell wieder nach Berlin kam, diesmal im Sold des polnischen Geheimdienstes, und von dort auch wieder (freiwillig) in seine Heimat Polen zurueckkehrte. Im vierten Teil (1958 – 1973) beginnt mit seiner Reise aus Polen nach Frankfurt, diesmal am Main, seine Zeit in der Bundesrepublik und sein Wirken als allseits umstrittener Literaturkritiker. Etwas kurz geraten finde ich den letzten Teil, der die Zeitspanne von 1973 bis 1999, bis also praktisch zum Erscheinen des Buches umfasst, denn da war er ja, u.a.durch seine Fernsehauftritte (Literarisches Quartett) auf dem Hoehepunkt seiner Bekannheit, oft nach dem Motto ’viel Feind – viel Ehr’.
So haben wir wirklich eine sehr bewegenden Lebensgeschichte, die „eines polnischen Juden während der Zeit vor und im zweiten Weltkrieg“ (Zitat von Shizuka, yopi-Bericht rev/279156) aber dann auch die des groessten Literaturkritikers im deutschen Sprachraum seit dem 2. Weltkrieg. Und da ist Reich-Ranicki ja auch allen bedeutenden und unbedeutenden Literaten begegnet, hat sie gelobt oder geschmaeht, gar beleidigt (und wurde auch selbst nicht selten beleidigt). Und das ist das Tolle an seiner Biografie, dass der Autor auch da kein Blatt vor den Mund nimmt, z.B. den auch nicht unbedingt weniger umstrittenen, zumindest in manchen Kreisen, Hans Magnus Enzensberger als ‚offensichtlich ein Barbar’ bezeichnet, weil dieser eine andere Auswahl der Schillergedichte fuer ein Buch trifft, als es ueblich ist (und fuer Reich-Ranicki auch sein muss).
Und Geschichten und Anekdoten dieser und aehnlicher Art findet man in dem ganzen Band. Durchaus kurzweilig zu lesen. Und so ganz nebenbei kriegt man einen sehr guten Ueberblick ueber die deutsche (im Sinne von deutschsprachige) Literatur der Nachkriegszeit, von der Gruppe 47 bis eben ans Ende des 20. Jahrhunderts. Aber da es eine Autobiographie ist, ist natuerlich auch Privates wie das Eheleben des Autors geschildert.
Fuer Fans hier eine
LESEPROBE
"Es ist der 12. März 1999, Tosias Geburtstag, der Tag, an dem ihr achtzigstes Lebensjahr beginnt. Wir sind allein, es ist sehr still, ein später Nachmittag. Sie sitzt, wie immer, auf dem schwarzen Sofa vor einer unserer Bilderwände, hinter ihr die Porträts von Goethe, Kleist, Heine und Fontane, von Thomas Mann, Kafka und Brecht. Auf dem Schränkchen neben dem Sofa stehen einige Fotos: Andrew, mein Sohn, jetzt fünfzig Jahre alt, nach wie vor Professor der Mathematik an der Universität von Edinburgh, und Carla, seine Tochter, bald zwanzig Jahre alt, Studentin der Anglistik an der Universität von London.
Ich sitze Tosia gegenüber und tue nichts anderes als das, womit ich einen beträchtlichen Teil meines Lebens verbracht habe: Ich lese einen deutschen Roman. Aber ich kann mich nicht recht konzentrieren und lege das Buch auf den niedrigen Tisch. Für einen Augenblick trete ich auf unseren großen, viel zu selten benutzten Balkon. Das Wetter ist freundlich und angenehm, die Sonne geht unter, es ist ein schönes, vielleicht, wie üblich, ein etwas zu schönes, ein gar zu feierliches Schauspiel. Ich kann mich nicht erinnern, von diesem Balkon aus, obwohl wir hier schon über 24 Jahre wohnen, einen Sonnenuntergang gesehen zu haben. Ist mir Natur etwa gleichgültig? Nein, gewiß nicht. Aber mir ergeht es wie manch einem deutschen Schriftsteller - sie langweilt mich rasch. Auch jetzt werde ich etwas unruhig und kehre unschlüssig ins Wohnzimmer zurück.
Tosia liest ein polnisches Buch, es sind Gedichte von Julian Tuwim. Ganz leise setze ich mich hin, ich will sie nicht stören. Sucht sie in der Lyrik ihre, unsere Jugend? Bald werden es sechzig Jahre sein, daß wir zusammen sind. Immer wieder haben wir versucht, unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen, immer wieder war die Literatur unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht. So war es einst im Getto, so ist es bis heute geblieben. Und die Liebe? Ja, es gab Situationen, unter denen Tosia viel gelitten hat. Es gab auch, weit seltener freilich, Situationen, unter denen ich gelitten habe. In seinem »Tristan« schrieb vor etwa achthundert Jahren Gottfried von Straßburg: »Wen nie die Liebe leiden ließ, / dem schenkte Liebe niemals Glück.« Wir haben viel Leid erfahren, und viel Glück wurde uns geschenkt. Doch was auch geschah, an unserer Beziehung hat es nichts geändert, nichts.
Es ist immer noch ganz still, man hört kaum einen Hauch. Tosia blickt vom Buch auf und sieht mich an, lächelnd und fragend, als würde sie spüren, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe. »Weißt du, jetzt, auf unserem Balkon, als die Sonne unterging, da ist mir eingefallen, womit ich das Buch abschließen werde.« »Ja«, sagt sie erfreut und will wissen: »Womit?« »Mit einem Zitat.« Ich schweige, sie lächelt wieder, diesmal, wie mir scheint, mild ironisch: »Und du meinst, daß mich das überrascht? Also los: Was zitierst Du?« »Ein schlichtes Wort von Hofmannsthal« - antworte ich. Sie wird etwas ungeduldig: »Ja, aber was denn nun? Verrat' es mir doch endlich.« Ich zögere einen Augenblick, dann sage ich: »Also enden soll das Buch mit den Versen:
Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein,
daß wir zwei beieinander sein.«"
Das Buch, jetzt in unveraenderter 15. Auflage auf dem Markt, hat die ISBN 3-421-05149-6, umfasst 566 Seiten und kostet 25 Euro. Es ist ein Leinenband, der Schutzumschlag zeigt u.a. den Autor. Ein Buch, das man durchaus jemandem schenken koennte – wenn man die Person genau kennt. Denn man kann damit auch ins Fettnaepfchen treten, was Marcel Reich-Ranicki auch oft genug machte, manchmal wohl mit voller Absicht. Ich habe den Band nicht gekauft, sondern aus dem Kulturzentrum Bruno Herding in Catania entliehen. Bei 15 Auflagen duerften auch genug Baende auf Flohmaerkten und im internet fuer den beruehmten 1 Euro zu erhalten sein. Es gibt mittlerweile auch ein Taschenbuchausgabe fuer unter 10 Euro.
Ich vergebe durchaus 5 Sterne, denn Schreiben kann der Mann! Und er langweilt nie, im Gegenteil, er kann einen ganz schoen auf die Palme bringen …
Gozo-Bernie
27.11.06
105 Bewertungen, 39 Kommentare
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07.11.2008, 10:23 Uhr von tk7722
Bewertung: sehr hilfreichEin sehr interessanter Bericht, liebe Grüße
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24.10.2008, 17:12 Uhr von sigrid9979
Bewertung: sehr hilfreichPrima Berichtet Lg Sigi
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24.10.2008, 14:39 Uhr von frankensteins
Bewertung: sehr hilfreichganz liebe Grüße Werner
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30.07.2008, 16:20 Uhr von Iris1979
Bewertung: sehr hilfreichSuper Bericht. LG Iris
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04.03.2007, 19:08 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLG Damaris :-)
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03.03.2007, 22:39 Uhr von Johann1A
Bewertung: sehr hilfreichGuter Bericht. Beste Grüße Johann
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27.01.2007, 20:52 Uhr von Zzaldo
Bewertung: sehr hilfreichein sh von mir für Dich.LG Stephan
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24.01.2007, 14:16 Uhr von TheBestGirl
Bewertung: sehr hilfreichlg sarah
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05.01.2007, 05:59 Uhr von Django006
Bewertung: sehr hilfreichsh & *lg* Alan ;>))))
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01.01.2007, 17:33 Uhr von frechdächsin
Bewertung: sehr hilfreichFrohes Neues Jahr! :-) LG Frechdächsin
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04.12.2006, 12:32 Uhr von snoopy202
Bewertung: sehr hilfreichGut geschrieben. sh und lg. Udo
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02.12.2006, 12:13 Uhr von Estha
Bewertung: sehr hilfreichtoll :-)
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01.12.2006, 01:34 Uhr von panico
Bewertung: sehr hilfreichlg panico:-)
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30.11.2006, 15:01 Uhr von wondergirl
Bewertung: sehr hilfreichGruß wondergirl
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30.11.2006, 00:26 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichSh & lG von Diana (c;
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29.11.2006, 23:58 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichLiebe Grüße Edith und Claus
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29.11.2006, 23:50 Uhr von Vicky
Bewertung: sehr hilfreich* Sehr hilfreich - Vic *
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29.11.2006, 22:10 Uhr von paula2
Bewertung: sehr hilfreichsh + LG
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29.11.2006, 12:27 Uhr von sandraberg
Bewertung: sehr hilfreichendlich komm ich wieder mal zum CIS abarbeiten. na, da hab ich jetzt einiges vor mir ;-) liebe grüße, sandra
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28.11.2006, 19:58 Uhr von Sayenna
Bewertung: sehr hilfreichsh :-)
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28.11.2006, 11:10 Uhr von crashtestdummie
Bewertung: sehr hilfreichEine Leseprobe hätte ich aber schon erwartet, der O-Ton macht doch bei RR die "Musik" ;-) Liebe Grüße auf die Insel!
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28.11.2006, 01:21 Uhr von bigmama
Bewertung: sehr hilfreichlg Anett
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27.11.2006, 21:48 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichIch mag ihn nicht, ist das schlimm? Nicht weil er spitze Anmerkungen macht- einfach persönliche Antipathie, für die er nichts kann...
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27.11.2006, 21:23 Uhr von campimo
Bewertung: sehr hilfreich.•:*¨¨*:•. ... sh ... .•:*¨¨*:•.
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27.11.2006, 21:16 Uhr von stegi
Bewertung: sehr hilfreichLG aus Österreich - Martin
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27.11.2006, 17:05 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichsh :o)
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27.11.2006, 14:50 Uhr von LittleSparko
Bewertung: sehr hilfreichlg, daniela
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27.11.2006, 14:19 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichsh, LG Biggi :-)
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27.11.2006, 13:50 Uhr von topfmops
Bewertung: sehr hilfreichGenau wie Bazon Brock ein polemisierendes und polarisierendes Rumpelstilzchen!!
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27.11.2006, 13:42 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich
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27.11.2006, 13:26 Uhr von racejulie
Bewertung: sehr hilfreichder Mann sagt mir ehrlich gesagt bisher nichts
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27.11.2006, 12:41 Uhr von phobee
Bewertung: sehr hilfreichsh & liebe Grüße!
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27.11.2006, 12:09 Uhr von HiRD1
Bewertung: sehr hilfreich~~ SH. Gruß, Ralf ~~
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27.11.2006, 11:59 Uhr von golubka
Bewertung: sehr hilfreichliebe Grüße!
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27.11.2006, 11:53 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichja ja...viel Neid viel Ehr:)
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27.11.2006, 11:21 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichschöner Bericht von Dir sh,LG Bernd
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27.11.2006, 10:55 Uhr von Baby1
Bewertung: sehr hilfreich* LG Anita *
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27.11.2006, 10:54 Uhr von Sweeaty
Bewertung: sehr hilfreichguter bericht! :) liebe grüße!!
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27.11.2006, 07:50 Uhr von waltraud.d
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich
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