Mein Leben (gebundene Ausgabe) / Marcel Reich-Ranicki Testbericht

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Erfahrungsbericht von Gozo-Bernie

Reich-Ranicki - ein bedenkliches Geschenk

Pro:

Kurzweilig zu lesen - sehr guter Ueberblick ueber die dt.Literatur

Kontra:

Manchmal bis oft die Meinung des Autors

Empfehlung:

Ja

Marcel Reich-Ranicki ist einer der grossen in der deutsch-sprachigen Literatur, ob es einem nun passt oder nicht. Mit dem Band MEIN LEBEN hat er, erstmals veroeffentlich bereits im Jahre 1999, bei der Deutschen Verlagsanstalt einen dicken Waelzer vorgelegt, der eben sein Leben beschreibt. Sein Leben in verschiedenen Stationen und an verschiedenen Orten. Der nicht unumstrittene Kritiker hat dabei selbst fuenf (Zeit-)Abschnitte gewaehlt.

Der erste umfasst seine Jugend, zunaechst in Polen und dann in Deutschland (Berlin), von wo die Familie 1938 wieder nach Warschau deportiert wurde. Dann folgte die Zeit in Warschau waehrend des Krieges, wo er das Warschauer Ghetto ueberlebte. Der dritte Teil umfasst die Jahre ab 1944 bis 1958, wo er recht schnell wieder nach Berlin kam, diesmal im Sold des polnischen Geheimdienstes, und von dort auch wieder (freiwillig) in seine Heimat Polen zurueckkehrte. Im vierten Teil (1958 – 1973) beginnt mit seiner Reise aus Polen nach Frankfurt, diesmal am Main, seine Zeit in der Bundesrepublik und sein Wirken als allseits umstrittener Literaturkritiker. Etwas kurz geraten finde ich den letzten Teil, der die Zeitspanne von 1973 bis 1999, bis also praktisch zum Erscheinen des Buches umfasst, denn da war er ja, u.a.durch seine Fernsehauftritte (Literarisches Quartett) auf dem Hoehepunkt seiner Bekannheit, oft nach dem Motto ’viel Feind – viel Ehr’.

So haben wir wirklich eine sehr bewegenden Lebensgeschichte, die „eines polnischen Juden während der Zeit vor und im zweiten Weltkrieg“ (Zitat von Shizuka, yopi-Bericht rev/279156) aber dann auch die des groessten Literaturkritikers im deutschen Sprachraum seit dem 2. Weltkrieg. Und da ist Reich-Ranicki ja auch allen bedeutenden und unbedeutenden Literaten begegnet, hat sie gelobt oder geschmaeht, gar beleidigt (und wurde auch selbst nicht selten beleidigt). Und das ist das Tolle an seiner Biografie, dass der Autor auch da kein Blatt vor den Mund nimmt, z.B. den auch nicht unbedingt weniger umstrittenen, zumindest in manchen Kreisen, Hans Magnus Enzensberger als ‚offensichtlich ein Barbar’ bezeichnet, weil dieser eine andere Auswahl der Schillergedichte fuer ein Buch trifft, als es ueblich ist (und fuer Reich-Ranicki auch sein muss).

Und Geschichten und Anekdoten dieser und aehnlicher Art findet man in dem ganzen Band. Durchaus kurzweilig zu lesen. Und so ganz nebenbei kriegt man einen sehr guten Ueberblick ueber die deutsche (im Sinne von deutschsprachige) Literatur der Nachkriegszeit, von der Gruppe 47 bis eben ans Ende des 20. Jahrhunderts. Aber da es eine Autobiographie ist, ist natuerlich auch Privates wie das Eheleben des Autors geschildert.

Fuer Fans hier eine
LESEPROBE

"Es ist der 12. März 1999, Tosias Geburtstag, der Tag, an dem ihr achtzigstes Lebensjahr beginnt. Wir sind allein, es ist sehr still, ein später Nachmittag. Sie sitzt, wie immer, auf dem schwarzen Sofa vor einer unserer Bilderwände, hinter ihr die Porträts von Goethe, Kleist, Heine und Fontane, von Thomas Mann, Kafka und Brecht. Auf dem Schränkchen neben dem Sofa stehen einige Fotos: Andrew, mein Sohn, jetzt fünfzig Jahre alt, nach wie vor Professor der Mathematik an der Universität von Edinburgh, und Carla, seine Tochter, bald zwanzig Jahre alt, Studentin der Anglistik an der Universität von London.
Ich sitze Tosia gegenüber und tue nichts anderes als das, womit ich einen beträchtlichen Teil meines Lebens verbracht habe: Ich lese einen deutschen Roman. Aber ich kann mich nicht recht konzentrieren und lege das Buch auf den niedrigen Tisch. Für einen Augenblick trete ich auf unseren großen, viel zu selten benutzten Balkon. Das Wetter ist freundlich und angenehm, die Sonne geht unter, es ist ein schönes, vielleicht, wie üblich, ein etwas zu schönes, ein gar zu feierliches Schauspiel. Ich kann mich nicht erinnern, von diesem Balkon aus, obwohl wir hier schon über 24 Jahre wohnen, einen Sonnenuntergang gesehen zu haben. Ist mir Natur etwa gleichgültig? Nein, gewiß nicht. Aber mir ergeht es wie manch einem deutschen Schriftsteller - sie langweilt mich rasch. Auch jetzt werde ich etwas unruhig und kehre unschlüssig ins Wohnzimmer zurück.
Tosia liest ein polnisches Buch, es sind Gedichte von Julian Tuwim. Ganz leise setze ich mich hin, ich will sie nicht stören. Sucht sie in der Lyrik ihre, unsere Jugend? Bald werden es sechzig Jahre sein, daß wir zusammen sind. Immer wieder haben wir versucht, unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen, immer wieder war die Literatur unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht. So war es einst im Getto, so ist es bis heute geblieben. Und die Liebe? Ja, es gab Situationen, unter denen Tosia viel gelitten hat. Es gab auch, weit seltener freilich, Situationen, unter denen ich gelitten habe. In seinem »Tristan« schrieb vor etwa achthundert Jahren Gottfried von Straßburg: »Wen nie die Liebe leiden ließ, / dem schenkte Liebe niemals Glück.« Wir haben viel Leid erfahren, und viel Glück wurde uns geschenkt. Doch was auch geschah, an unserer Beziehung hat es nichts geändert, nichts.
Es ist immer noch ganz still, man hört kaum einen Hauch. Tosia blickt vom Buch auf und sieht mich an, lächelnd und fragend, als würde sie spüren, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe. »Weißt du, jetzt, auf unserem Balkon, als die Sonne unterging, da ist mir eingefallen, womit ich das Buch abschließen werde.« »Ja«, sagt sie erfreut und will wissen: »Womit?« »Mit einem Zitat.« Ich schweige, sie lächelt wieder, diesmal, wie mir scheint, mild ironisch: »Und du meinst, daß mich das überrascht? Also los: Was zitierst Du?« »Ein schlichtes Wort von Hofmannsthal« - antworte ich. Sie wird etwas ungeduldig: »Ja, aber was denn nun? Verrat' es mir doch endlich.« Ich zögere einen Augenblick, dann sage ich: »Also enden soll das Buch mit den Versen:

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein,
daß wir zwei beieinander sein.«"

Das Buch, jetzt in unveraenderter 15. Auflage auf dem Markt, hat die ISBN 3-421-05149-6, umfasst 566 Seiten und kostet 25 Euro. Es ist ein Leinenband, der Schutzumschlag zeigt u.a. den Autor. Ein Buch, das man durchaus jemandem schenken koennte – wenn man die Person genau kennt. Denn man kann damit auch ins Fettnaepfchen treten, was Marcel Reich-Ranicki auch oft genug machte, manchmal wohl mit voller Absicht. Ich habe den Band nicht gekauft, sondern aus dem Kulturzentrum Bruno Herding in Catania entliehen. Bei 15 Auflagen duerften auch genug Baende auf Flohmaerkten und im internet fuer den beruehmten 1 Euro zu erhalten sein. Es gibt mittlerweile auch ein Taschenbuchausgabe fuer unter 10 Euro.

Ich vergebe durchaus 5 Sterne, denn Schreiben kann der Mann! Und er langweilt nie, im Gegenteil, er kann einen ganz schoen auf die Palme bringen …

Gozo-Bernie
27.11.06

105 Bewertungen, 39 Kommentare

  • tk7722

    07.11.2008, 10:23 Uhr von tk7722
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein sehr interessanter Bericht, liebe Grüße

  • sigrid9979

    24.10.2008, 17:12 Uhr von sigrid9979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Prima Berichtet Lg Sigi

  • frankensteins

    24.10.2008, 14:39 Uhr von frankensteins
    Bewertung: sehr hilfreich

    ganz liebe Grüße Werner

  • Iris1979

    30.07.2008, 16:20 Uhr von Iris1979
    Bewertung: sehr hilfreich

    Super Bericht. LG Iris

  • anonym

    04.03.2007, 19:08 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    LG Damaris :-)

  • Johann1A

    03.03.2007, 22:39 Uhr von Johann1A
    Bewertung: sehr hilfreich

    Guter Bericht. Beste Grüße Johann

  • Zzaldo

    27.01.2007, 20:52 Uhr von Zzaldo
    Bewertung: sehr hilfreich

    ein sh von mir für Dich.LG Stephan

  • TheBestGirl

    24.01.2007, 14:16 Uhr von TheBestGirl
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg sarah

  • Django006

    05.01.2007, 05:59 Uhr von Django006
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & *lg* Alan ;>))))

  • frechdächsin

    01.01.2007, 17:33 Uhr von frechdächsin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Frohes Neues Jahr! :-) LG Frechdächsin

  • snoopy202

    04.12.2006, 12:32 Uhr von snoopy202
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gut geschrieben. sh und lg. Udo

  • Estha

    02.12.2006, 12:13 Uhr von Estha
    Bewertung: sehr hilfreich

    toll :-)

  • panico

    01.12.2006, 01:34 Uhr von panico
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg panico:-)

  • wondergirl

    30.11.2006, 15:01 Uhr von wondergirl
    Bewertung: sehr hilfreich

    Gruß wondergirl

  • anonym

    30.11.2006, 00:26 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sh & lG von Diana (c;

  • anonym

    29.11.2006, 23:58 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Edith und Claus

  • Vicky

    29.11.2006, 23:50 Uhr von Vicky
    Bewertung: sehr hilfreich

    * Sehr hilfreich - Vic *

  • paula2

    29.11.2006, 22:10 Uhr von paula2
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh + LG

  • sandraberg

    29.11.2006, 12:27 Uhr von sandraberg
    Bewertung: sehr hilfreich

    endlich komm ich wieder mal zum CIS abarbeiten. na, da hab ich jetzt einiges vor mir ;-) liebe grüße, sandra

  • Sayenna

    28.11.2006, 19:58 Uhr von Sayenna
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :-)

  • crashtestdummie

    28.11.2006, 11:10 Uhr von crashtestdummie
    Bewertung: sehr hilfreich

    Eine Leseprobe hätte ich aber schon erwartet, der O-Ton macht doch bei RR die "Musik" ;-) Liebe Grüße auf die Insel!

  • bigmama

    28.11.2006, 01:21 Uhr von bigmama
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg Anett

  • anonym

    27.11.2006, 21:48 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich mag ihn nicht, ist das schlimm? Nicht weil er spitze Anmerkungen macht- einfach persönliche Antipathie, für die er nichts kann...

  • campimo

    27.11.2006, 21:23 Uhr von campimo
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨¨*:•. ... sh ... .•:*¨¨*:•.

  • stegi

    27.11.2006, 21:16 Uhr von stegi
    Bewertung: sehr hilfreich

    LG aus Österreich - Martin

  • anonym

    27.11.2006, 17:05 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :o)

  • LittleSparko

    27.11.2006, 14:50 Uhr von LittleSparko
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg, daniela

  • anonym

    27.11.2006, 14:19 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, LG Biggi :-)

  • topfmops

    27.11.2006, 13:50 Uhr von topfmops
    Bewertung: sehr hilfreich

    Genau wie Bazon Brock ein polemisierendes und polarisierendes Rumpelstilzchen!!

  • morla

    27.11.2006, 13:42 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich

  • racejulie

    27.11.2006, 13:26 Uhr von racejulie
    Bewertung: sehr hilfreich

    der Mann sagt mir ehrlich gesagt bisher nichts

  • phobee

    27.11.2006, 12:41 Uhr von phobee
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh & liebe Grüße!

  • HiRD1

    27.11.2006, 12:09 Uhr von HiRD1
    Bewertung: sehr hilfreich

    ~~ SH. Gruß, Ralf ~~

  • golubka

    27.11.2006, 11:59 Uhr von golubka
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße!

  • anonym

    27.11.2006, 11:53 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    ja ja...viel Neid viel Ehr:)

  • anonym

    27.11.2006, 11:21 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    schöner Bericht von Dir sh,LG Bernd

  • Baby1

    27.11.2006, 10:55 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    * LG Anita *

  • Sweeaty

    27.11.2006, 10:54 Uhr von Sweeaty
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter bericht! :) liebe grüße!!

  • waltraud.d

    27.11.2006, 07:50 Uhr von waltraud.d
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich