Requiem for a Dream (DVD) Testbericht

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ab 12,97
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Erfahrungsbericht von Kuhli

Seifenblase, Luftschloss, Traum, Tod

Pro:

perfekt, beklemmend

Kontra:

*würg*

Empfehlung:

Ja

~ STORY ~

Die Witwe Sara Goldfarb (Ellen Burstyn, Der Exorzist) lebt mit ihrem Sohn Harry (Jared Leto, Fight Club) auf Coney Island. Während sie am liebsten den ganzen Tag vorm Fernseher sitzen möchte, hindert ihr Sohn sie wieder einmal daran, da er selbigen beim örtlichen Pfandleiher versetzt, damit Sara in kurze Zeit später wieder abholen kann. So beschafft sich Harry immer wieder genug Geld um sich mit seiner Freundin Marion (Jennifer Connelly, A beautiful mind) und seinem Freund Tyrone (Damon Wayans, Scary Movie) einen Schuss Heroin zu setzen. Doch da sie alle einen Traum haben aus diesem Kreislauf auszusteigen, setzen sie alles daran ihn in Erfüllung gehen zu lassen.
Sara erhält einen Anruf. Eine Anmeldung zu einem Casting für ihre Lieblingsfernsehshow. Unterlagen werden zugeschickt, werden ausgefüllt, werden wieder Richtung Fernsehsender abgeschickt und es wird gewartet. Endlich geht ein Traum in Erfüllung, jetzt müsste Sara nur wieder in ihr rotes Kleid passen, dass sie im Fernsehen tragen will, da bekommt sie den Tipp einer Nachbarin. Diätpillen.
Harry und Tyron bauen ihr Drogen-Imperium auf. Mit anfangs kleinen Portionen mausern sie sich immer mehr zu den Hauptdealern der Region. Das Geld fließt in Mengen, der Stoff auch. Nur noch ein wenig mehr Geld und Harry und Marion können ihren eigenen Klamottenladen eröffnen und aus dieser Gegend verschwinden.
Ein Traum wird wahr. Viermal. Sara kommt ins Fernsehen und die drei Jugendlichen raus aus ihrer tristen, einsamen Umgebung...

Doch im Leben kommt immer alles ganz anders, vor allem anders als man es sich denkt. Sara nimmt fleißig ihre Pillen. Lila am morgen, blau am nachmittag, orange abends ung grün nachts. Tatsächlich nimmt sie ab, bald geht der Reißverschluss ihres roten Kleides wieder zu. Doch warum nicht mal die doppelte Ration Pillen nehmen? Die dreifache... Und während sie vergebens wartet, dass sie eine endgültige Einladung vom Studio bekommt, verfällt sie den Pillen und dem Wahn.
Harry und Tyron haben mittlerweile genug Geld verdient, um ein neues Leben anzufangen. Aber ein bisschen fehlt ihnen noch, sie wollen mehr, deswegen wollen sie im großen Kreise dealen, doch das geht mächtig schief. Nicht nur die Drogen auch das komplette Geld ist weg. Und während Sara sich in Halluzinationen vor Angriffen ihres wildgewordenen Kühlschranks fürchtet, fault Harrys Arm, Tyrone verfällt in Depressionen und Marion macht eine erniedrigende Bekanntschaft mit einem Doppeldildo...


~ KRITIK ~

Vor 5 Jahren überraschte ein bis dato unbekannter New Yorker Regisseur mit einem Film über einen schizophrenes Mathegenie mit Verfolgungswahn.
Viele werden sich jetzt fragen, ist das schon so lange her? Und unbekannt? Ron Howard hatte doch schon einige Filmhits zuvor. Aber nein, sagt da der André. Ich sprach von „überraschte“. Hollywood-Schizophrenie ist nicht überraschend, nicht originell, wenig nennenswert.
Der Regisseur heißt Darren Aronofsky, sein Werk Pi. Schwarz/weiß, unbequem, schwer zugänglich, bedrückend, genial.
Aber oft werden Debutfilme hochgelobt und was oft folgt ist der freie künstlerische Fall. Geben die Produzenten etwas mehr Geld, mehr Farbe und namhafte Schauspieler wird oft aus den Wunderkindern und ihren Erstlingsgeniestreichen ein Einzelfall, ein Glückstreffer. Sie hatten eine gute Idee, einen guten Film, doch wo bleibt die Idee, der Esprit, die Leichtigkeit für Film 1 plus X.
Noch mal zum verdeutlichen. Pi ist genial. Wie kann man das toppen ohne sich nur selbst zu kopieren, Erwartungen aber zu erfüllen? Ich weiß nicht, wie es geht, aber ich weiß, dass es geht.
Mit enormen Erwartungen und einem ganz anderen Bild des Films in meinem Kopf begab ich mich auf einen halluzinogen Filmtrip, der Todesmesse menschlicher Träume. Requiem for a Dream ist 6,283. Requiem for a Dream ist Pi mal zwei.
Aronofsky hat es nicht nur geschafft sein zurecht hochgelobtes Werk Pi zu überbieten, er erfindet sich neu, verfeinert seinen Stil und hat erneut ein Meisterwerk geschaffen, dass mich nachhaltig psychisch und physisch mitgenommen hat.
Aber erstmal Schluss mit meiner obligatorisch-theatralen Lobhudelei, denn wir wollen ja wissen, was macht diesen Film so anders, so gut?

Basierend auf dem Buch von Hubert Selby Jr., der im Film einen Gastauftritt als Gefängniswächter hat, verfilmte Aronofsky nicht nur einen Film über die zerstörerische Kraft der Drogen, sondern zudem einen Film über die Verluste unserer modernen Gesellschaft. Wenn am Ende in den letzten Einstellungen des Films die vier Protagonisten alle einzeln in ihren Betten liegen und die Kamera von einem Close-up wegzoomt und sie alle sich zur Seite drehen und ihre Beine anziehen, dann ist diese Rückkehr zur Embryonalstellung der Vieren stellvertretend für da, was sie vermissen. Schutz. Nähe. Geborgenheit. Was sie durchmachen mussten, bis sie dort alle vereinsamt hinvegetieren erzählt der Film in einer Drastik, die weh tut. Dabei fängt alles verhältnismäßig harmlos an. Zwar schon mit einer gewissen Düsterheit, aber dennoch mit einem hoffen auf Besserung fängt der Film an. Plötzlich ohne große Einleitung sehen wir Harry der den Fernseher seiner Mutter klaut, ihn mit Tyrone verscherbelt. Obwohl Harry seine Mutter dafür auch noch verantwortlich macht, liebt sie ihren Sohn, verteidigt ihn, lädt die Schuld tatsächlich auf sich. Ihr Sohn ist alles was sie hat, seitdem ihr Mann verstorben ist. Als sie den Anruf der Castingagentur hat, sieht sie einen neuen Sinn in ihrem Leben, die Frauen aus der Nachbarschaft sind stolz auf sie, sie steigert sich so hinein ins Fernsehen zu kommen, und dort ihre heile (nicht existente) Welt zu präsentieren. Warum macht sie das? Der Film bietet mehrer Ansätze. Langeweile. Alleine den ganzen tag zuhause. Die Decke fällt ihr auf den Kopf. Verlorene Selbstachtung. Sie fühlt sich zu dick, hässlich. Trauer. Sie vermisst ihren toten Mann und ihren Sohn, der sich kaum noch blicken lässt. Alles zusammen vereint sich zu seiner Sucht, einer Sucht nach Anerkennung, einer Sucht nach Nähe. Eine Sucht, die nicht auf illegalen Drogen beruht, eine Sucht, die den Medien und dem Verlust von Geborgenheit entsprungen ist. Aronofsky verschleiert nicht, dass auch das Fernsehen uns den hang gegeben hat dünn zu sein und dünn als Ideal, als lebenslänglich angestrebtem Ziel zu sehen. Durch die Pillen fühlt sich Sara gut, doch nachdem sie sich daran gewöhnt hat, erfährt sie kein Glücksgefühl mehr, sie nimmt die doppelte Ration. Hier stößt der Film wieder an eine bittere Ecke. Der Arzt der Sara die Pillen verschreibt, schaut ihr nicht in die Augen, er verschreibt ihr die Pillen und verschwindet wieder. Böse kostet Aronofsky diese Szenen aus. Ebenso in dem Handlungsstrang von Harry und seinen Freunden. Marions Eltern geben ihr alles was sie nicht von ihnen will. Geld. Geborgenheit. Schutz. Nähe. Die holt sie sich nun, dass sie erwachsen geworden ist bei Harry. Die beiden sind glücklich und haben einen Traum. Ein eigenes Geschäft, weg von Coney Island. Ebenso sieht es ihr Freund Tyrone, doch bis dahin entgehen sie ihrem Frust mit Heroin, Kokain und Ecstasy.

Auch wenn Aronofsky hier viele Themen anschneidet, Drogensucht, Medienmacht, Einsamkeit, Verlust, Desinteresse, vermischt er alles so clever, wenn auch so konstruiert, dass man meinen mag, dieser Film wäre ein reiner Drogenfilm, da alles miteinander verschmolzen ist und eine unglaubliche Einheit bildet. Vielleicht ist es aber auch deswegen ein Drogenfilm, weil man Droge an sich weiterfächern kann. Droge gleich Sucht. Magersucht, Fernsehsucht, Sucht nach Anerkennung. Drogen sind mehr als illegale chemische Substanzen, eine Droge ist das, was uns von anderem ablenkt und uns dadurch besser fühlen lässt. Schnell der Fernseher angemacht und die Probleme draußen lassen. Schnell noch was abnehmen, da man sonst mit nichts zu trumpfen vermag.

Wer hier einen lakonischen Trainspotting-Verschnitt erwartet, wird enttäuscht. Nichts ist hier cool oder derbe. Wirklich kein Film ging mir je so nahe. Vielleicht liegt es daran, dass auch Aronofsky sich nie von seinen Charakteren entfernt. Nicht nur die Story, auch die Kamera klebt an ihren Akteuren. Die wohl bedrückenste Szene dabei spielt mit einer Kameratechnik, die spätestens seit „Engel“ von Ben bekannt sein dürfte und auch in Anatomie kam sie schon zum Einsatz. Die Kamera wird den Schauspielern vor den bauch geschnallt und so haftet die Kamera wortwörtlich am Gesicht der Akteure. Hier ist es Marion. Um wieder an Geld zu kommen, schläft sie mit dem widerlichen Arnold, einem Freund ihrer Eltern. Wir sehen sie mit dieser Kameratechnik in einer ungemütlichen, erdrückend langen Sequenz von der Wohnungstür Arnolds, über den Fahrstuhl raus auf die Straße wo sie sich samt Kamera bückt und knapp am Objektiv vorbei sich übergibt, dazu den widerlichsten, im verstörend künstlerisch-positiven Sinne, Soundtrack und der Zuschauer möchte sich am liebsten mit auf die regennasse Straße werfen und seinen Mageninhalt ausleeren. Jennifer Connely zeigt spätestens hier, dass sie oscarwürdig ist, auch wenn sie die Goldstatue für einen anderen Film bekommen hat. Wir erinnern uns. Der schizophrene Hollywoodfilm. Welch Zufall.
Damon Wayans, dem Publikum, wenn nicht aus Ghettofilmen, dann als Dauerbekiffter Klische-Afro bekannt, zeigt meiner Meinung wirklich zum ersten Mal, dass er mehr kann. Er spielt hier nicht den dauergrinsenden, dauerbekifften, coolen Jointdreher. Wenn er gerade in einem Wagen eines Dealers sitzt um neue Drogen zu beschaffen, wird dieser erschossen. Blut spritz in Damons Gesicht. Schnitt. Er rennt mit aufgebunder Kamera. Jede kleinste mimik seines Gesichtes sieht der Zuschauer ohne Schleier. Beängstigend gut wirkt er in dieser Szene. Im ist für manch einen Blödelfilm verziehen. Zudem bin ich der Meinung, dass gerade bei ihm an Ende das Leiden fast am stärksten rüberkommt. Er sehnt sich nichts mehr wieder her als Geborgenheit. Als Kind im Arm seiner Mutter. Der große, schwarze Dealer erleuchtet in einem neuen, einem realen Bild. Auch böse Dealer waren mal Kinder im Arm ihrer Mütter.
Jared Leto hat eine der schwersten Rollen. Eigentlich müsste er das *sorry* Arschloch des Films sein, doch er und das Drehbuch schaffen eine Gratwanderung zwischen dem Hass auf diesen selbstzerstörerischen, jungen Mann, der sich alles verscherzt und einem entfremdeten, traurigen Jungen, der ansonsten keine Aussicht sieht. Schon in der ersten Szene wird er eigentlich nicht sympathisch in Szene gesetzt, dennoch weiß man, warum er sich so verhält. Das ist keine Ausrede, aber leider ein Grund.
Das absolute Highlight des Films bleibt aber Ellen Burstyn. Ihr minutenlanger Monolog darüber, dass sie so einsam ist, geht mehr ans Herz, als jeglicher falscher Liebespathos anderer Filme. Ihre Szenen sind von düsterer, depressiver Einsamkeit geprägt und die optischen Spielereien ihrer Wahnvorstellungen sind nicht nur kreativ sondern ungeheuerlich beängstigend. Da man immer aus der subjektiven Sicht Saras schauen darf, blickt man nie in die Welt hinter dem Wahn. Gerade die letzte groß inszenierte Wahnvorstellung in der sich Sara auf einmal mitten in der Fernseh-Show befindet ist nicht nur genauso magenverstimmend und verstörend, beängstigend wie der Rest des Films, sondern arbeitet auf den großen Showdown hin, der mich fast mein Frühstück noch mal hätte sehen lassen. Die darauf folgende finale Viertelstunde lässt die sowieso gänsehautförderne Musik noch schriller anklingen. Gänsehaut, nicht wegen eines theatralischen Chorgesangs, sondern wegen kalter, zerrender Geigenklänge. Quietschende Kreide auf der Tafel ist nichts dagegen. Zudem schnelle Schnitte zwischen den vier Protagonisten. Immer wieder sieht man jeden nur Sekunden bis weiter gezappt wird. Jeden gbegleitet man so fast zeitgleich auf seinem Leidenstrip. Einer davon genügt eigentlich, um zu verstören. Doch vier auf einmal, wäre wie gesagt fast zuviel für meinen Magen gewesen. Nur die Intensität des Films fesselte mich mehr vor den Fernseher als vor die Kloschüssel. Beim zweiten schauen des Film, war ich dann im Vorhinein so angespannt, dass mir nicht mehr übel war, da ich vor lauter Konzentration nicht mehr wirklich intensiv am Filmgeschehen teilnahm.

Auch sonst geizt der Film nicht mit optischen Einfällen. Wohl nur NBK hatte so viele Schnitte. Wer Pi gesehen hat, kennt in etwa Aronofsky Stil. Während man dort immer und immer wieder sah, wie der Hauptdarsteller z.B. seine unzähligen Schlösser der Tür verschloss und wieder aufschloss und jedes Einzelne mit einer Großaufnahme, benutzt er diese Tricktechnik hier vor allem bei den unzähligen Drogenkonsumen des Films. Man sieht wie ein Finger gegen eine Tüte mit Kokain schnipst. Schnitt. Man sieht Kokain auf eine Glasplatte fallen. Schnitt. Man sieht wie ein Schein zusammengerollt wird. Schnitt. Man sieht mikoroskopische Aufnahmen einer Blutbahn. Schnitt. Man sieht eine Pupille die sich erweitert.
Alle diese Szenen in Großaufnahme und nur Bruchteile von Sekunden lang. Solche Sequenzen begleiten den ganzen Film. Man sieht nie wie Drogen direkt eingenommen werden. Immer nur diese abstrakten Bildfolgen. Weiterhin wird hier Splitscreen und Zeitraffer genial wie kaum wo anders eingebunden. Eine Referenz zu der Wilhelm Tell-Szene aus „Uhrwerk Orange“ ist hier wohl nicht rein zufällig. Keine Einstellung ist langweilig, auch wenn sich Bilder wiederholen. Sie bilden eine abartige Drogen-Collage, den besten Film der je zum Thema gemacht wurde? Zum Thema Drogen? Sicherlich. Auf jeden Fall. Zum Thema Mensch? Ganz weit oben. Zum Thema Wie können wir Andrés Tag mit Übelkeit verderben? Der Kandidat hat die volle Punktzahl


~ FAZIT ~

Muss ich noch mehr sagen? Optisch nicht nur beeindruckend originell und innovativ, sondern auch beklemmend und verstörend. Passen zur Geschichte. Einer dunkeln Geschichte vom Verlust über Seinerselbst durch Sucht jeglicher Art und der ewigen, hoffnungslosen Suche nach Geborgenheit in einer suchtbestimmten Welt.

Keine Frage. 11 üble von 10 halluzinogenen Punkten. Ohne Übertreibung. Eine Offenbarung.


~ DATEN ~

Requiem for a Dream
Von Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky und Hubert Selby Jr.
Mit Jennifer Connelly, Ellen Burstyn, Jared Leto, Damon Wayans und Sean Gullette
FSK 16 (fragwürdig!!!)
Ca. 97 Minuten

17 Bewertungen