Der Kreuzritter (Taschenbuch) / Stephen J. Rivelle Testbericht

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Erfahrungsbericht von galeria

Ein Schlachtenbericht aus erster Hand

Pro:

realitätsnäher geht`s kaum

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

Wie oft wünscht man sich, man wüsste was über seine Vorfahren, wer sie waren, wie sie gelebt haben, was sie dachten. Stephen Rivelle hatte das Glück, in Frankreich durch einen Zufall auf das geheime Tagebuch seines Ahnen zu stoßen, ein nahezu lückenloser Schlachtenbericht aus den Jahren 1096-1099, denn Roger l`Escrivel, Baron von Lunel, war einer der Heerführer der Kreuzzüge ins Heilige Land. Und sein Tagebuch beinhaltet nicht nur die grausamen Kriege in aller Schonungslosigkeit, sondern auch das Werden, Wachsen und auch den Fall dieses einstigen Heerführers. Seine Gedanken, Gefühle, seine inneren Kämpfe, die er mit sich ausfocht, gibt diesem uralten Buch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte und wird für mich zu einer Einmaligkeit.

Ein seit fast 900 Jahren verschlossener Kasten in der kleinen Kirche zu Lunel beinhaltete das Tagebuch und wartete auf den Nachfahren Roger l`Escrivel`s. Und Stephen Rivelle wäre kein Schriftsteller, wenn er diesen wertvollen Zeitzeugen nicht übersetzte und veröffentlichte. Fast 5 Jahre hat er dazu gebraucht, bis er mit Hilfe von Fachleuten die altprovenzalische Sprache sinnvoll umwandelte, so dass sie jedermann zugänglich sein konnte. Und so kam dieses Tagebuch eben auch in meine Hände.

Die Geschichte beginnt mit den Aufzeichnungen der Tage kurz bevor Roger von Lunel sich aufmachte, als Kreuzritter das Heilige Land zu befreien. Erst stellt er kurz sein bisheriges Leben vor als spräche er mit uns. Und dann kam der Abschied von Frau und Mutter. Und voller Hoffnungen und Träume, voll vom Glauben erfüllt, beginnt sein langes Martyrium. Er war nur drei Jahre weg, ging als junger Mann, kam aber uralt und gebrochen wieder in die Heimat. Seine Erlebnisse waren vom heutigen Standpunkt aus nicht zu ertragen, aber die damalige Zeit war eben so und nicht anders und so war auch der Mensch, so denke ich, belastbarer.

Und so schonungslos brutal, wie die Kreuzritter im Heiligen Land hausten, so offen spricht Roger in seinem Tagebuch, ebenso verheimlicht er uns in keinster Weise seine Gefühle, seinen Glauben zu Gott, den er immer öfter anzweifelt, je weiter er von zu Hause weg ist. Auch seine intimsten Gedanken bekommen wir zu lesen, es ist in jedem Fall ein Tagebuch, wo sich ein Mensch mit allertiefster Seele auslassen kann. Und das tat Roger von Lunel zur Gänze.

Dieses Buch wird jeden Leser nachhaltig beeindrucken. Wer zart besaitet sein sollte, dem rate ich ab, dieses Buch zu lesen, denn Gewalt, Blut und die ganze Härte eines Krieges werden hier offenbart. Es stellen sich mir folgende Fragen: Wie grausam kann ein Mensch sein? Wie abgebrüht kann ein Mensch sein, wie eiskalt und bar jeglichen Mitleids? Und wieso das Alles nur wegen einem unerschütterlich starken Glauben? Aber nicht der Glaube macht die Kriege sondern der Mensch selbst. Und NUR ein Mensch ist dieser Gewalttaten fähig, niemals ein Tier. Nicht nur das Denken unterscheidet den Menschen vom Tier, sondern auch seine Grausamkeit. Oder stützt sich gerade diese Grausamkeit auf das Denken? Wie sonst kann man sich wohl den Ideenreichtum erklären, den der Mensch an den Tag legt, um seine Feinde zu quälen?

Und wenn einer sagt, diese Grausamkeiten waren tagtäglicher Lebensinhalt im Mittelalter, so waren es doch genauso Menschen wie wir heute, und auch heute ist der Mensch noch keinen Schritt weiter gekommen. Und was mich immer noch wundert, für jede Tat im Namen Gottes haben die Geistlichen immer einen Spruch drauf, der alles wieder ins Reine bringt. Widerlich kann ich nur sagen.

Roger von Lunel machte Unheimliches durch, vor allem sein Kampf mit sich selbst. Ist dies wirklich von Gott gewollt? Wieso lässt Gott das zu? Zweifel, die Roger belasten.

Für mich selbst war dieses Buch ein faszinierender, aber auch ein harter Trip durch die Hölle eines Krieges. Und die ganze Zeit über war ich von dem Gedanken beseelt, das hier ist wirklich mal so gewesen, das ist kein historischer Roman wie sonst, wo nur ein Teil sich an historische Fakten hält, der Rest dazugesponnen ist. Das Tagebuch hier ist absolute Realität, was da vor mir liegt. Ich sag nur: Gänsehauteffekt.

Vielen Dank fürs Lesen,

eure Galeria.

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