Sitcom (DVD) Testbericht

Sitcom-dvd-komoedie
ab 12,02
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Auf yopi.de gelistet seit 10/2004

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Erfahrungsbericht von Bjoern.Becher

Der Tabubruch funktioniert nicht mehr!

Pro:

Darsteller, einige sehr starke Szenen, gut gedachtes Ende (siehe aber Kontra), Darsteller, Diskussionswürdig, insgesamt trotz aller Kontras deutlich besser als die Mehrheit der Filme, die den Weg ins Kino findet

Kontra:

schwach inszeniertes Ende, der Tabubruch funktioniert nicht mehr, teilweise sehr schwache Dialoge, in einigen Intention völlig misslungen, zerstört durch das Ende vielleicht die Bereitschaft zum Nachdenken des Zuschauers, schwach ausgestatte DVD

Empfehlung:

Ja

Die Sitcom spiegelte vor langer Zeit dem Menschen vor den Fernsehschirmen eine heile Familienwelt vor. Eine Welt, in der es zwar Zwist und Streit gab, am Ende aber immer wieder die Familie als eins gezeigt wurde. Nach dem Motto: „Wenn wir zusammenhalten, schaffen wir alles!“ Diese Friede-Freude-Eierkuchen-Familienleben ist schon lange aus den Sitcoms dieser Welt verschwunden. Dort geht es nur noch um Streit, Konflikte, Scheidungen, uneheliche Kinder und so weiter. Trotzdem sah sich Francois Ozon 1998 mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm genötigt, eben jenes Friede-Freude-Eierkuchen-Familienleben endgültig einzureißen. Passender Titel des Films: „Sitcom“!


Schon in der Eingangsszene wird eine Familie zerstört. Ein Haus ist zu sehen, ein Mann fährt vor. Er verschwindet im Haus. Ein Geburtstagslied ist zu hören. Die Kinder gratulieren ihrem Vater, der gerade das Haus betreten hat zum Geburtstag. Schüsse fallen, erschrecktes Schreien ist zu hören. Die Kamera zeigt weiter das Haus.

Wenige Monate vorher. Der Familienvater (Francois Marthouret), den man schon in der ersten Szene kennen lernen durfte, bringt seiner Familie eine Ratte mit. Seine Frau (Evelyne Dandry) reagiert abstoßend auf das schreckliche „Vieh“. Der Sohn Nicolas (Adrien de Van), ein introvertierter, strebsamer junger Mann und die Tochter Sophie (Marina de Van), eine aufgeweckte junge Frau, finden dagegen Gefallen an der Ratte. Genauso wie Sophies Freund David (Stéphane Rideau), Haushälterin Maria (Lucia Sanchez) und deren Ehemann Abdu (Jules-Emmanuel Eyoum Deido), die alle drei an diesem Abend zum Essen eingeladen sind.

Der Abend soll vieles verändern. Nicolas, der vorher die Ratte ausgiebig gestreichelt hat, verkündet Eltern, Schwester und Gästen, dass er von nun an schwul sei und Abdu, der von Nicolas Mutter darum gebeten wurde, mit dem Jungen zu reden, erfüllt seine Aufgabe etwas zu gewissenhaft und weist Nicolas in die Geheimnisse der körperlichen Liebe zwischen Männern ein. Nachts sucht Schwester Sophie sexuelle Befriedigung bei der Ratte statt bei ihrem Freund und stürzt sich danach aus dem Fenster.

Wenige Monate später. Die Familie ist zerbrochen. Sophie ist querschnittsgelähmt und sucht vergeblich sexuelle Erfüllung in Sado-Maso-Spielen mit David. Dieser macht mit, weil er Sophie liebt, sucht aber Trost zwischen den Brüsten von Maria. Nicolas veranstaltet „Schwulenpartys“ auf seinem Zimmer, bei denen auch Abdu, seine Schwester und die Zucchini, die es abends zu essen gibt eine große Rolle spielen (aber eine völlig andere als man jetzt denken würden). Der Vater verfolgt das ganze Treiben völlig desinteressiert und die Mutter verzweifelt. Als letzte Chance wenigstens ihren Sohn von seiner Homosexualität zu „heilen“, steigt sie schließlich sogar mit ihm ins Bett.


Francois Ozon will mit diesem Film - wie man schon an diesem kurzen Abriss der Story erkennen kann - Tabus brechen und damit ein Gegengewicht zu den Heile-Welt-Sitcoms setzen. Ein Anliegen mit dem er etliche Jahre zu spät kommt, so dass diese Intention des Films leer läuft. Der Tabubruch ist schon längst gegenwärtig in unsere Gesellschaft. Die Friede-Freude-Eierkuchen-Sitcoms sind Geschichte, stattdessen erlebte der Fernsehzuschauer schon in Sitcoms oder den täglichen Talkshows so viele Tabubrüche, dass er abgestumpft ist und ihn Ozon nicht mehr schocken kann.

So bleibt nur noch der Tabubruch um seiner Selbst willen. Darin ist Ozon größtenteils ein Meister, was er in späteren Werken erneut gezeigt hat. Wenn Nicolas und seine homosexuellen Freunde die Zucchini aus dem Kühlschrank nehmen, sie für ihre homosexuellen Spiele benutzen (die eigentlich ausschließlich in der Gedankenwelt des Zuschauers stattfinden, denn auf dem Schirm sind die Zucchini eher ein Ersatz für die Flache beim Flaschendrehen) und die Familie sie ihm am Abend essen und Schwester und Bruder dabei mit einem ganz besonderen Genuss, dann schockiert Ozon wirklich. Dann erreicht er seinen Tabubruch, wie er ihn wollte.

Wenn er dagegen die Mutter zu ihrem Sohn ins Bett steigen lässt, sie später ihrem Psychiater erzählen lässt, wie sie den Sohn zum Orgasmus gebracht hat, dann schockiert er überhaupt nicht. Das liegt nicht am res der Szene selbst, sondern an der Ozonschen Inszenierung. Äußerst plump vermittelt Ozon diese Szene dem Zuschauer. Sie gleitet ins Lächerliche ab, der Tabubruch geht verloren. Ein Fehler, der Ozon sehr selten passiert, aber nicht nur in dieser Szene. Ein Verlust auch die zu lahmen Dialogen des Films, die deutlich zynischer hätten ausfallen können.

Ähnlich das surreale Ende des Streifens. Ozon lässt den Vater die Ratte in die Mikrowelle stecken und essen. Daraufhin verwandelt sich der Vater in eine Ratte, fällt seine Familie an und diese muss ihn töten. Wie in einem platten Horrorfilm schlängelt sich die gelähmte Tochter mit dem Messer zwischen den Zähnen die Treppe hinauf um der Mutter gegen den Vater/die Ratte zu helfen. Es wirkt fast unfreiwillig komisch.

Ozons Intention in dieser Szene ist wieder zu loben, die Umsetzung durch die Inszenierung weniger. Er lässt den Zuschauer mit viel Fragen zurück und gibt dem Zuschauer den Auftrag sich Gedanken über das Ende zu machen. Das Problem ist: Viele Zuschauer werden diesen Auftrag nicht erkennen, werden die Surrealität des Ende befremdlich finden und sich von dem Streifen abwenden bzw. ihn abhaken. Eine bessere Inszenierung würde dafür sorgen, dass sich auch wirklich die Mehrheit der Zuschauer Gedanken macht. Dies muss man hier bezweifeln.

Dabei gibt es viel Anlass über das Ende nachzudenken. Durch die „Verwandlung“ des Vaters in die Ratte, ähnlich der Verwandlung von Kafkas Gregor Samsa in einen Käfer drückt Ozon vieles aus. Es lohnt sich über das Ende, nach dem Anschauen des Films, mit anderen zu diskutieren. Wollte Ozon mit diesem surrealen Ende (hinzukommt der Anruf der immer abwesenden Francoise) den Stellenwert der Kommunikation herausheben? Sollte das Ende zeigen, dass nicht die Ratte schuld am Niedergang der Familie war, sondern der Vater, weil er sich aus diesem Familienleben zurückgezogen hat, die Kommunikation nur auf das nötigste beschränkt hat und sein eigenes Leben lebte? Zeigt Ozon am Ende vielleicht sogar wieder die Heile Welt, die er bei den eigentlichen Sitcoms verachtete? Man sieht eine Diskussion nach diesem Film lohnt sich.

So ist Ozons Film vielleicht gar nicht die Demontage der Heile-Welt-Sitcoms, sondern stattdessen selbst ein Plädoyer für die Heile Welt? Ein ungewöhnliches, recht drastisches, teilweise sogar perverses, aber ein trotzdem funktionierendes? Dem widerspricht der Regisseur selbst: „Ich wollte eine Geschichte erzählen wie ein Kind - diese unglaublichen Geschichten, die man sich als Kind ausdenkt - und keine Zensur auf mich ausüben, also die niedrigsten Instinkte, Vulgäres, Lächerliches, Gefühle... alles ohne läuternde Absichten zeigen. So gesehen ist \"SITCOM\" der Film eines - perversen - Kindes.“

Soll das alles sein? Man mag es kaum glauben. Vielleicht ist es für den einen so, vielleicht nicht. „Sitcom“ ist einer der Filme, die man sich selbst anschauen sollte, um sein Urteil zu bilden. „Wird mir dieser Film gefallen?“ Eine Frage, die man bei kaum einem Film so wenig beantworten kann, wie bei Sitcom. Die einen werden den Film wirklich für das Werk eines perversen Kindes halten (in einem anderen Sinne als Ozon es wohl gemeint hat) und abstoßend finden (wobei das in der heutigen Zeit der Gewöhnung an solche Tabubrüche schon eher unwahrscheinlich ist). Oder andere sich sogar vielleicht langweilen. Andere werden herzhaft über eine köstliche Satire lachen und sich prächtig unterhalten fühlen (und dann vielleicht auch den deutschen Zusatztitel „Eine Komödie jenseits aller Tabus“ als passend empfinden). Und wieder andere werden ins Grübeln kommen, dem Film mehr Sinn geben wollen, als ihm Ozon vielleicht selbst gab. Werden einiges vielleicht an dem Film gut finden, anderes schlecht, werden über den Film mit anderen diskutieren, sofern sie die Möglichkeit haben. Der Autor dieser Zeilen gehört eindeutig zur letzteren Gruppe. Sieben von zehn Punkten!

D V D
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Technische Informationen:
Bildformat: 1,66 : 1
Tonformat: Dolby Digital 2.0 (Stereo)
Sprache: Deutsch
Untertitel:
Extras:

- Starinfos
- Web Link
- Bildergalerie
- Trailer

Die deutsche DVD von Sitcom ist nicht sonderlich berauschend. Das Bild geht bis auf geringe Mängel in Ordnung und der Ton haut keinen vom Hocker. Ist bei diesem Film aber auch nicht sonderlich nötig.

Bei den Extras sind die Starinfos zum Regisseur und allen wichtigen Darstellern recht knapp. Eigentlich nur eins bis zwei Sätze über die Person selbst. Dafür wird ganz kurz auf ihre Rollen und deren Bedeutung eingegangen. Ein Bildergalerie zeigt noch einige Szenen aus dem Film. Der Web Link macht den Besitzer der DVD noch kurz auf die Internet-Homepage von Pro-Fun media aufmerksam und die Trailershow liefert neben dem Trailer zu Sitcom, noch Trailer zu den Filmen „Hamam - Das türkische Bad“, „Head on“ und „Trick“.

F A Z I T
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Wie gesagt ein Film, den man nicht allgemein empfehlen kann. Fans des Regisseurs kann man sicher eine Sichtung ans Herz legen, der Rest sollte nach dem Lesen dieser Zeilen selbst beurteilen, ob ihm der Film gefallen könnte. Bevor man sich die schwach ausgestattete DVD aber kauft, ist eine Ausleihen empfohlen, zu groß ist die Gefahr, dass man an diesem Film nicht wirklich gefallen findet.

Film: 7 von 10 Punkten!
DVD: 2 von 5 Punkten!
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Gesamt: 6 Punkte auf meiner 10er Skala!

D A T E N
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Titel Deutschland: Sitcom
Originaltitel: Sitcom
Genre: Komödie / Drama
Frankreich 1998, FSK 16, Laufzeit: 80 Minuten

Darsteller: Evelyne Dandry (Hélène, Mutter), François Marthouret (Jean, Vater), Marina de Van (Sophie, Tochter), Adrien de Van (Nicolas, Sohn), Stéphane Rideau (David), Lucia Sanchez (Maria), Jules-Emmanuel Eyoum Deido (Abdu)

Regie: François Ozon
Produktion: Olivier Delbosc, Marc Missonnier
Drehbuch: François Ozon
Kamera: Yorik Le Saux
Musik: Eric Neveux
Schnitt: Dominique Petrot

W E I T E R F Ü H R E N D E * I N F O R M A T I O N E N
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Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0157044/

Online Filmdatenbank: http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=14897

© Björn Becher 2003, 2004

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