König Ödipus (Taschenbuch) / Sophokles Testbericht

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Erfahrungsbericht von Art_Decay

klassischer Fall von \"dumm gelaufen\"

Pro:

leidvoll, tragisch und schwer allgemeinbildend

Kontra:

wer sich generell nicht für diese Art der Literatur erwärmen kann, der wird mit \"König Sophokles\" ebenfalls wenig Freude haben

Empfehlung:

Ja

Die Pest tobt im antiken Theben, die Bevölkerung siecht dahin und leidet. Das Volk hofft auf die Hilfe seines Herrschers, des Königs Ödipus, der Theben bereits von der schrecklichen Sphinx befreien konnte, indem er ihr Rätsel (das wir – um der ebenfalls dahinsiechenden Allgemeinbildung willen - hoffentlich alle kennen) löste. Ödipus schickte bereits seinen Schwager Kreos nach Delphi, um vom Orakel Hilfe zu erbitten. Als Kreos zurückkehrt, bringt er folgende Kunde: der Mörder des Laois, zu Lebzeiten noch Herrscher über Theben und somit Ödipus’ Vorgänger, müsse gefasst und hingerichtet oder der Landesgrenzen verwiesen werden.
Da sich das Verbrechen mit konventionellen Mitteln nicht aufklären lässt, wird der blinde Seher Tereisias beauftragt, Licht ins kriminalistische Dunkel zu bringen. Doch dieser will nicht so recht mit der Sprache herausrücken, beinahe als fürchte er die Konsequenzen. Ödipus wittert Verrat und bezichtigt Tereisias und Kreos des Verbrechens. Um sich seiner Haut zu erwehren, prophezeit Tereisias, dass der Mörder selbst sich noch in Theben aufhalte:

„der Mann ist hier, ein Fremder, meint man, zugezogen, doch dann wird als gebürtiger Thebaner er entpuppen sich und sich nicht freun der Wandlung; blind statt sehend, Bettler anstatt reich: über ein fremdes Land hin, mit seinem Stab den Grund abtastend, wird er wandern. Ans Licht wird kommen: mit den eignen Kindern lebt er zusammen, als ihr Bruder und ihr Vater, der gleiche Mann ist der Frau, der er entspross, Sohn und Gemahl und des Vaters Mitsäer und sein Mörder!“

Was Ödipus nicht ahnt und wir natürlich – Sigmund Freud sei es gedankt – alle schon wissen: er selbst hat Laios, seinen Vater, der ihn – ebenfalls aufgrund einer Prophezeiung, nach der sein eigener Sohn ihn eines Tages umbringen und dann mit seiner Gattin rumsauen würde – in jungen Jahren fernab von Theben hat aussetzen lassen, praktisch „aus Versehen“ umgebracht. [Hach, wie ich lange, verschachtelte Sätze liebe.] Als unschuldig Schuldiger steuert Ödipus unaufhaltsam – denn er will ihn finden, den Mörder des Laios; um jeden Preis will er ihn finden, oh grauenvolle Ironie! – auf das verhängnisvolle Ende zu, und gerade das macht diese große griechische Tragödie so sehens- beziehungsweise lesenswert. Denn nach und nach werden vergangene Ereignisse enthüllt, beginnt sich der Nebel zu lichten und lange bevor Ödipus es sich eingestehen muss, beginnt das Publikum schon zu ahnen, wer der eigentliche Bösewicht ist. Spannend ist also weniger das tragische Ende, (das aus diesem Grunde hier auch verraten werden darf,) als vielmehr der Weg dorthin.

Wenn dann Iokaste, Mutter und zugleich Gattin des Ödipus, schließlich von der Decke baumelt, unser tragischer Held gebrochen und geblendet (welch Ironie des Schicksals: erst verspottet Ödipus die Blindheit des Sehers Tereisias, wenig später sticht er sich selbst die Augen aus...) des Landes verwiesen wird – fürwahr, eine Tragödie sondergleichen!

Um es auf den Punkt zu bringen: Sophokles „König Ödipus“ sollte ein jeder, der sich auch nur annähernd für die antike Tragödie interessiert, kennen und schätzen. Zudem: was der „kleine Hobbit“ für den „Herrn der Ringe“ ist, war „König Ödipus“ für „Antigone“. Wer also mit letzterem Drama nicht ganz klargekommen ist oder es genossen hat und nun auf der Suche nach Hintergründen ist, der ist mit dem „Prequel“ ganz gut beraten. (Eine Fortsetzung wird es leider Gottes nie geben. Es sei denn, George Lucas dreht eine. Oder Peter Jackson.) Die zwei Stunden zusätzlicher „Arbeitszeit“ sowie die 2,10 € (sofern man auf die allerorts verfügbare Reclam-Ausgabe zurückgreift) kann wohl ein jeder erübrigen.


Thomas Faust, 17.10.2002 (auch mal bei www.ciao.com erschienen. Da heiße ich TFaust99.)

24 Bewertungen, 2 Kommentare

  • morla

    14.10.2005, 14:37 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr hilfreich

  • the_real_cheetah

    13.06.2005, 18:50 Uhr von the_real_cheetah
    Bewertung: sehr hilfreich

    super bericht! Ja, ist schon tragisch, die Geschichte...^^ emy