Stadion an der Hamburgerstraße (Braunschweig) Testbericht

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Erfahrungsbericht von LosGatos

Helmut, lass die Löwen raus...

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Dieser Beitrag ist einem Stück Heimat und natürlich allen Braunschweigern gewidmet.

Es muss im Frühjahr 1965 gewesen sein, d.h. ich war gerade mal 11. Damals begann ich, in der Braunschweiger Zeitung die Berichte des Sportreporters Jochen Döring über die Spiele der Braunschweiger Eintracht zu verfolgen. Ich (LosGatos) kannte somit die Namen der Spieler und ihre damals mittelmäßigen Erfolge. Es reichte immerhin für einen Mittelplatz in der Bundesliga (damals gab es nur die eine).

Eines Sonnabends holte mich mein Vater mittags von der Schule ab (ja, damals ging man noch 6 Tage die Woche zur Schule). Irgendwie kam das Thema Eintracht zur Sprache und mein Vater fragte mich (vielleicht mag er es später bereut haben), ob wir uns nicht mal so ein Spiel anschauen sollten. Das war für mich der Beginn einer neuen Ära.

Einige Stunden später war ich mit meinem Vater im Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße in Braunschweig. Eintracht spielte gegen den Club aus Nürnberg und gewann leicht 3:0. Das reichte für mich, um Blut zu lecken.

Das Stadion fasste damals nominell knapp 40.000 Zuschauer. Es entzieht sich jedoch meiner Kenntnis, ob das Stadion bis dato jemals ausverkauft gewesen war. Es war kein reines Fußballstadion, sondern wie alle Fußballstadien zu jener Zeit in Deutschland hatte es eine Aschenbahn zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen. Auch einen Gitterzaun gab es nicht. Es gab eine Holztribüne auf der Westseite mit Sitzplätzen, der Rest bestand aus Stehplätzen. Damals stand dieses Stadion den Bundesligaarenen anderer Städte kaum nach. Auf Schalke spielte man damals in der winzigen Glückaufkampfbahn, in Dortmund im Stadion „Rote Erde“ und in München auf Giesings Höhen an der Grünwalder Straße. Eine Besonderheit hatte das Braunschweiger Stadion damals: Im Gegensatz zu vielen anderen städtischen Stadien war es noch vereinseigen. Somit hieß es offiziell Eintracht-Stadion.

Gebaut war das Stadion 1923 worden. Das damalige Fassungsvermögen betrug 15.000 Zuschauer. Vor Gründung der Bundesliga wurde die Kapazität 1962 auf 35.000-40.000 Zuschauer erweitert.

Jedenfalls wollte ich (LosGatos) nach dem Nürnberg-Spiel am liebsten zu jedem Heimspiel. Da meine Eltern mich nicht allein dort hinlassen wollten, mein Vater aber auch keine Lust hatte, jedes Mal dorthin mitzugehen, war ich dann in der darauf folgenden Saison 1965/66 vielleicht nur 3-4 mal dort. Die Braunschweiger Durchschnittsmannschaft hatte wieder einen guten Mittelplatz erreicht. In der Mannschaft stand damals lediglich ein überdurchschnittlicher Spieler, der Stürmer Lothar Ulsaß. Als Deutschland 1966 zur WM nach England (da wo das ominöse Wembley-Tor fiel) fuhr, wurde er von Helmut Schön im endgültigen 22-köpfigen Aufgebot nicht berücksichtigt.

Eine neue Saison begann. An der Braunschweiger Mannschaft hatte sich nicht viel geändert. Der Mittelstürmer Dieter Krafczyk war zum Namensvetter nach Frankfurt gewechselt, dafür kam Saborowski aus Kiel. Ansonsten spielten die gleichen Spieler. Das System wurde etwas umgestellt. Damals war gerade der Libero erfunden worden. In Deutschland gab es einen jungen Münchner namens Franz Beckenbauer, der auf dieser Position mit Perfektion und Eleganz spielte. In Braunschweig wurde der bis dahin kaum aufgefallene Achim Bäse auserkoren, auf seine vergleichsweise alten Tage, Beckenbauer nachzueifern. Und der frühere Stürmer Jürgen Moll wurde von Trainer Helmut Johannsen zum Verteidiger umfunktioniert. Das Saisonziel hieß wie üblich: Mitspielen und Platz 10. Braunschweig startete „normal“ in die Saison mit einem Sieg und einer Niederlage. Am dritten Spieltag kam ausgerechnet der Angstgegner aus Köln nach Braunschweig. Gegen den hatte es bislang in allen vorherigen Bundesligaspielen (6 an der Zahl) ausnahmslos Niederlagen gegeben. Also schlechte Aussichten. Braunschweig spielte Köln jedoch total an die Wand, nur ein Tor wollte nicht fallen, weil der Kölner Torhüter Soskic alles, was zu halten war, und noch etwas mehr abwehrte. Als dann endlich durch Lothar Ulsaß das einzige Tor des Spieles fiel, brüllte ein Zuschauer, der unweit vor mir stand „Wenn Eintracht ’s gegen Kölle schafft, dann winkt die Deutsche Meisterschaft“. Schallendes Gelächter ging umher, ernst nahm so etwas damals natürlich niemand. Jedenfalls entwickelte die Mannschaft damals eine gehörige Heimstärke und auswärts bildete die eingespielte Abwehr ein schwer überwindliches Bollwerk.

In jener Saison war ich von 17 Heimspielen 15mal anwesend. Und damals war das Stadion aufgrund des anhaltendes Erfolges manchmal bis auf den letzten Platz gefüllt. Da ich (LosGatos) damals immer einen Kurvenstehplatz hatte (nur dafür gab es Schülerkarten für deutlich weniger als 5 Mark), musste man früh erscheinen. Es war oft ein beängstigendes Gedränge. Und wenn der Anpfiff nahte, brüllten die Zuschauer ungeduldig „Helmut, lass die Löwen raus“. Denn der Löwe ist das Wahrzeichen der Stadt Braunschweig und Bestandteil des Vereinswappens.

Die Flutlichtanlage des Stadions war damals kaum bundesligatauglich. Als es herbstlich wurde und Eintracht gegen Dortmund spielte, konnte ich aus der entfernten Kurve kaum erkennen, dass die sich im Spielrausch befindliche Eintracht nach torloser erster Halbzeit innerhalb kürzester Zeit den Ball 3mal im Dortmunder Tor versenkt hatte. Den Ehrentreffer kurz vor Schluss durch den heutigen Schalker Manager Rudi Assauer konnte ich besser wahrnehmen. Noch während der Saison wurde jedoch die Flutlichtanlage modernisiert. Wahrscheinlich ahnte man schon, dass Eintracht im nächsten Jahr im Europapokal ran müsste. Und so kam es dann auch: Braunschweig wurde 1967 Deutscher Fußballmeister und spielte im nächsten Jahr die legendären Europapokalspiele gegen Rapid Wien und Juventus Turin, wo das Stadion einem Hexenkessel glich und die Mannschaft nochmals über sich hinauswuchs. Dieser einmalige Erfolg spielte sich alles innerhalb von knapp 2 Jahren von 1966-1968 ab. Und damals entstand dieser Enthusiasmus, der bis heute (mehr als 30 Jahre danach) anhält, und jener Geist, der noch heute in dem Stadion wohnt wie ein Gespenst, das auf ewige Zeiten in einem Schloss zu Hause ist.

Man verzeihe mir diese Abschweifungen, die manchem unsachlich erscheinen mögen. Aber so wie der Glöckner von Notre Dame zur gleichnamigen Kirche in Paris gehört, so gehören die Braunschweiger Fußballanhänger zu ihrem Stadion. Nur wer die Historie kennt, kann nachvollziehen und verstehen, was im Braunschweiger Stadion abgeht, in guten wie in schlechten Zeiten.

In den 70er Jahren wurde das Stadion weiter umgebaut. Die Haupttribüne wurde abgerissen und durch eine modernere ersetzt, aus der Aschenbahn wurde eine Tartanbahn. Dabei hatte sich der Verein finanziell übernommen. Um den Bankrott zu verhindern, wurde das Eintracht-Stadion 1981 an die Stadt Braunschweig verkauft. Seitdem heißt es „Städtisches Stadion an der Hamburger Straße“.

Die Seelen, die in dem Stadion wohnen, kann man jedoch nicht mitverkaufen. Der Begeisterung hat das keinen Abbruch getan. Ungeachtet dessen, dass Braunschweig seit 18 Jahren keinen Erstligafußball mehr gesehen hat und sogar die Hälfte dieser Zeit gar in der dritten Liga verbrachte, und ungeachtet dessen, dass ein Großteil der heutigen Fans die glorreiche Zeit gar nicht miterlebt hat. Ein Geist ist unsterblich und begleitet jede Generation.

Wer ist Eintracht Braunschweig? Ein Präsidium, ein Trainer und ein paar Spieler? Nichts von alledem. Denn letztere sind ein, zwei, wenn es hochkommt vielleicht fünf Jahre in ihrem Job, den sie in Braunschweig ableisten. Sie kommen und sie gehen. Eintracht Braunschweig, das sind wir die Zuschauer und jener Geist, der im Braunschweiger Stadion zu Hause ist.

Seit 1980 lebe ich in München. Somit komme ich nur noch 1-2mal pro Jahr zu den Spielen der Eintracht. Letztmalig war ich am 18.5.2002 dort. Eintracht musste gegen Wattenscheid gewinnen, um in die 2. Liga aufzusteigen. Lange bis kurz vor Ende stand es 1:1. Die Polizei befürchtete Schlimmstes nach Spielende. Unzählige Sicherheitskräfte postierten sich bereits im Innenraum gegen womöglich enttäuschte und aufgebrachte Fans. In der Nachspielzeit fiel das Siegtor. Was folgte, war unbeschreiblich. Noch bevor das Spiel abgepfiffen wurde, wurden die Gitterabsperrungen geöffnet. Tausende strömten in den Innenraum und nach Abpfiff das Spielfeld. Einen tagelanges Freudenfest in Braunschweig nahm seinen Anfang. Und nach über 35 Jahren betrat auch ich erstmals den heiligen Rasen.

Wer noch etwas mehr über Eintracht Braunschweig lesen möchte, kann das in meinem älteren Bericht „Einmal Löwe, immer Löwe“ gerne tun.


NOCH EIN PAAR FAKTEN

Zeitweise waren Teile des Stadions baufällig. So wurde es in den neunziger weiter modernisiert. Die Gegengerade wurde zur Osttribüne. Die Kurven wurden modernisiert, die Südkurve dabei überdacht. Das Fassungsvermögen beträgt heute 25.000 Zuschauer, wovon 10.000 Sitzplätze sind und weitere 10.000 Plätze im Stehplatzbereich der Südkurve überdacht sind. Die Nordkurve, der sogenannte Gästebereich, fasst 5000 Stehplätze, die einzigst unüberdacht sind. Offensichtlich hat es sich im Fußball eingebürgert, dass man seinen Gästen immer die schlechtesten Plätze anbietet. Seit ein paar Jahren gibt es auch eine Anzeigetafel und Videowand.
Der Block 9 in der Südkurve gehört den Fan-Clubs und eingeschworenen Fans. Seit Jahren ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Eintracht-Mannschaft, wenn der Gegner nach der Platzwahl keinen Strich durch die Rechnung macht, zuerst in Richtung Südkurve spielt. Selten habe ich es anders erlebt.

Die Preise betragen derzeit für Stehplätze 9 Euro (ermäßigte Preise für Schüler und Studenten: 6,50 Euro). Der teuerste Sitzplatz kostet 23 Euro. Eine Dauerkarte, die eine ganze Saison gilt, gibt es in allen Kategorien jeweils zum Preis für 15 Einzelkarten.

Das Stadion erreicht man mit dem Auto von außerhalb kommend über die A2 (Ausfahrt BS-Nord) oder die A39 und A391. Parkplätze gibt es am Stadion und am Schützenplatz. Wenn ich zum Spiel fahre, parke ich meinen Wagen traditionell jedoch immer irgendwo im Siegfriedviertel und gehe die letzten max. 500m zu Fuß. Eingänge gibt es auf der Süd-, Ost- und Westseite. Das Mitbringen von Getränken und Verpflegung ist untersagt. Der Verein möchte da zusätzliches Geschäft machen. Entsprechende Kontrollen auch hinsichtlich gefährlicher Gegenstände finden am Eingang statt. Innerhalb des Stadions gibt es Verkauf von Fan-Artikeln, Getränken und Imbissen.

Im Gegensatz zu früher nehme ich heute meist einen Sitzplatz auf der Osttribüne, möglichst zentral und nicht zu weit unten. Dann hat man optimale Sicht auf alle Stellen des Spielfeldes. Normalerweise reicht es aus, sich die Karten an der Tageskasse zu kaufen. Wenn jedoch ein ausverkauftes Haus droht, kann man jedoch auch Karten im Vorverkauf kaufen oder über das Internet in der Geschäftsstelle bestellen.


FAZIT

Das Braunschweiger Stadion ist für mich ein Stück Heimat. So manche Stunde habe ich dort gefiebert und gezittert, gelitten, gehofft und gejubelt. Heutzutage ist es möglich, über Internetradio (www.bundesliga.de) Spiele der ersten und zweiten Bundesliga live mitzuerleben. Da ich nur selten in Braunschweig sein kann, ist mir somit zumindest ein Hauch von Stadionatmosphäre vergönnt. Leider haben Braunschweiger Fans derzeit wenig Grund zum Jubeln. Meistertrainer Helmut Johannsen und Fußballgott Lothar Ulsaß sind längst im Fußballhimmel. Aber ich hoffe, sie sitzen auf einer blau-gelben Wolke. Und wenn das Wetter günstig ist, schweben sie vielleicht bei einem Spiel der Eintracht über dem Braunschweiger Stadion. Und dann möge Johannsen die Zuschauer erhören und Lothar Ulsaß hinunterschicken, wenn es heißt „Helmut, lass die Löwen raus“.


Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 14.12.2002
Veröffentlicht bei Ciao, Yopi, Talk-On und vielleicht Dooyoo

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