Sweet Home Alabama - Liebe auf Umwegen (VHS) Testbericht

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Erfahrungsbericht von wildheart

Fairy-Tale-Time in Alabama

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Andy Tennant scheint auf Tränendrüsen und Romantik-Kitsch abonniert zu sein. Schon in „Herz über Kopf“ (1997, mit Salma Hayek), der leicht verfremdeten Cinderella-Geschichte „Auf immer und ewig“ (1998, mit Drew Barrymore) und „Anna und der König“ (1999, mit Jodie Foster) bewies er seine Vorliebe für die romantische Komödie. Noch eins drauf setzte Tennant mit dem süßlich-kitschigen Verschnitt von Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ in „Eins und eins macht vier“ (1995) – einer der vielen amerikanischen Filme, denen die heilige Familie mehr als heilig ist. Für seine neue Romanze ohne Tiefgang engagierte Tennant Mr. C. Jay Cox, der offenbar Drehbücher nach dem Muster „Man schaue sich genug Romantik-Komödien an und verpasse ihrem Raster eine neue, unverbindliche Geschichte“ schreibt. Mit der sympathischen Reese Witherspoon als Hauptdarstellerin kann dann praktisch-quadratisch-gut nicht mehr viel passieren.

Inhalt
Träume scheinen wahr zu werden. Melanie Carmichael (Reese Witherspoon) ist gerade dabei, in New York eine Karriere als Modedesignerin zu starten. Die Zeitungen berichten über ihre neue Kollektion. Nicht nur das. Der Sohn der New Yorker Bürgermeisterin Katherine Hennings (Candice Bergen), Andrew (Patrick Dempsey), will Mel heiraten. Nach einer ersten erfolgreichen Modenschau kommt Mel nach Hause und siehe da: ihre Wohnung erstrahlt im Glanz von Blumen. Wenig später führt er seine Angebetete in den dunklen Raum eines Hauses, das sich als Innenleben von Tiffany’s erweist und macht ihr vor versammelter Belegschaft einen Heiratsantrag samt diamantenem Ring. Mel nimmt den Antrag an, doch ein Problem steht dem trauten Glück in der New Yorker High Society noch im Wege: Jake Perry (Josh Lucas). Mit dem ist Mel – jedenfalls auf dem Papier –, noch verheiratet und er hat sich bisher geweigert, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen.

So bleibt Mel nichts anderes übrig, als Jake in Pigeon Creek, Alabama, einen Besuch abzustatten. Nebenbei kann sie auch gleich ihre Eltern Pearl und Earl Smooter (Mary Kay Place und Fred Ward) besuchen, die sie sieben Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Mel war aus Alabama geflüchtet, um ein anderes Leben anzufangen.

Jake weigert sich allerdings weiterhin, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen, denn er liebt Mel noch immer – seit dem Versprechen, das sich beide als Kinder gegeben hatten: immer beisammen zu bleiben. Mel versucht alles mögliche, um Jake dazu zu bewegen, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Sie plündert das immer noch vorhandene gemeinsame Konto, stellt Jake vor seinen Freunden bloß und beleidigt zudem dessen besten Freund Bobby Ray (Ethan Embry). Als Jake endlich unterschreibt, scheint dem Glück nichts mehr im Wege zu stehen, zumal Andrew sich inzwischen gegen seine Mutter durchgesetzt hat, die für ihn eine standesgemäßere Ehefrau haben wollte ...

Inszenierung
Wir befinden uns im Märchen. Was Tennant und Cox ihrem Publikum mit „Sweet Home Alabama“ auftischen, ist nirgendwo anders als am Reißbrett der Dream & Fairy-Tale Inc. entworfen worden – und bedient damit genau die Erwartungen eines Großteils des Publikums. Wie in „Plötzlich Prinzessin“ (USA 2000) Anne Hathaway vom hässlichen und tollpatschigen Entlein zur gesitteten Prinzessin und damit zu ihrer wahren Bestimmung fand, durchschreitet Reese Witherspoons Melanie the way back to the roots where she belongs. Die Geschichte ist derart unglaubwürdig, dass einem die Haare zu Berge stehen. Doch sie ist über weite Strecken eben nett, das heißt nützlich in bezug auf einen bestimmten Publikumsgeschmack, inszeniert. Ich resümiere:

1. Eine junge Frau mit 26 Jahren gehört schon zur ersten Garde der Modedesigner.
2. Sie ist für den Sohn der New Yorker Bürgermeisterin erste Sahne.
3. Am Schluss kehrt sie 1. und 2. den Rücken und findet sich in den Armen ihres inzwischen zum Glasbläser avancierten Ex-Noch-Ehemanns wieder.

Wenn das keine Märchenstunde ist. Dickköpfiger Redneck gegen städtischen Märchenprinz, Glasbläserei gegen politische Karriere. Da werden so manche Wünsche wahr – jedenfalls im Kinosessel.

Doch ich will nicht ungerecht sein. Denn solche Komödien entfalten ihre Wirkung nur, weil wir uns alle irgend etwas davon wünschen. Jake hat sich jahrelang gegen die Scheidung gewehrt, weil er Mel noch immer liebt und hofft, sie (nur wie?) wiederzubekommen. Der Zufall (oder ist es Bestimmung?) führt sie zusammen, erst streitend, dann versöhnlich. Schön, dass es solche Männer noch gibt (jedenfalls im Film).

Tennant reitet zudem auf dem in schon etlichen Filmen der vergangenen Jahre gepflegten Stadt-Land-Gegensatz. Das richtet sich nicht allzu sehr gegen Großstädte wie New York, zaubert aber ein Bild von ländlichen Gegenden à la Pigeon Creek, das Einfältigkeit, Einfachheit, eine gewisse Rohheit und sympathische Lebensweisheit kombiniert und den Eindruck erwecken soll: Schön ist es, auf dem Land zu sein. Und nicht zuletzt sind die Rednecks gar nicht so rau, wie von ihnen immer behauptet wird. Sogar Homosexualität wird mit einem freundlichen Lächeln begegnet (Bobby Ray ist schwul). Für eine solche Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, in der Gerüchteküchen brodeln, aber an allem hinter vorgehaltener Hand getuschelten Schwatz oder auch heraus gebrüllten Flüchen sich eben doch ein wahrer Kern verbirgt, muss eine Lanze gebrochen werden. Dabei weiß sicherlich fast jeder, dass der Süden eben doch etwas komplizierter aussieht, und New York ebenso – auch wenn die Einwohner von Pigeon Creeks „Sweet Home Alabama“ zu ihrer Nationalhymne erklärt haben.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Mel und Jake sich am Schluss bekommen. Denn das ist von der ersten Minute an so sonnenklar, dass es keiner weiteren Diskussion bedarf. Darum geht es auch gar nicht. Es geht um einen gewissen Kick auf dem Weg dahin. Und Reese Witherspoon tut ihr bestes, um sich im Gesamtkontext der Märchenstunde zu bemühen, zu ihren Wurzeln zurückzufinden, zu erkennen, dass Jake eben doch der einzige ... na, und so weiter. Josh Lucas spielt eine komplexe Person, so komplex, dass sie für die Geschichte eigentlich zu komplex erscheint. Patrick Dempsey spielt das Klischee vom jungen, aufstrebenden und gut aussehenden Karrieretypen des Nordens, der gegenüber dem Süden und Mel ein Maß an Toleranz vorlegt, dass man nur noch staunen kann: Als Mel ihm kurz vor der Trauung in Alabama sagt, sie wolle doch zu Jake zurückkehren, und seine Mutter ihn daraufhin auffordert, sich diese Erniedrigung nicht gefallen zu lassen, antwortet er – Mel in die Augen schauend –: Doch, er lasse sich diese Erniedrigung gefallen. Es gibt eben doch noch wahre Männer.

Auch wenn „Sweet Home Alabama“ keine Umwege (wie der deutsche Zusatz zum Filmtitel suggeriert), sondern höchstens Schleichwege inszeniert, weil letztlich schon anfangs alles klar ist, gefällt der Film weniger in seinen größtenteils zu gewollt und gequält wirkenden komödiantischen Szenen, sondern eher in den ernsten Teilen. Die Jokes wirken oft abgeschmackt, kopiert oder wenig lustig, die Aussprache zwischen Mel und Jake auf dem Hundefriedhof dagegen sogar glaubwürdig.

Reese Witherspoon – das ist nicht die Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ (1961), auch wenn der Film anfangs derartiges suggeriert. Es ist ihr und uns zu wünschen, dass ihr künftig bessere und geschmackvollere Rollen angeboten werden. An einigen Stellen beweist sie nämlich ihr Talent, etwa als sie – betrunken – Jakes Freunde beleidigt und Bobby Ray blamiert. So (glaubhaft) böse kann sie spielen.

Fazit
Was soll ich sagen? Den Film empfehlen? All diejenigen, die solche Märchenstunden lieben, gehen da eh rein, alle anderen eher nicht. Also gehe ich mal von meinesgleichen aus. Es gibt derzeit bessere Filme. Und wer die Wahl hat, sollte einen anderen Kinobesuch planen.

Wertung: 5 von 10 Punkten.

Sweet Home Alabama – Liebe auf Umwegen
(Sweet Home Alabama)
USA 2002, 109 Minuten
Regie: Andy Tennant

Drehbuch: C. Jay Cox, Douglas J. Eboch
Musik: George Fenton
Director of Photography: Andrew Dunn
Schnitt: Troy T. Takaki, Tracey Wadmore-Smith
Spezialeffekte: –
Hauptdarsteller: Reese Witherspoon (Melanie Carmichael), Josh Lucas (Jake), Patrick Dempsey (Andrew), Candice Bergen (Kate), Mary Kay Place (Pearl Smooter), Fred Ward (Earl Smooter), Jean Smart (Stella Kay), Ethan Embry (Bobby Ray), Melanie Lynskey (Lurlynn), Courtney Gains (Wade), Mary Lynn Rajskub (Dorothea), Rhona Mitra (Tabatha), Nathan Lee Graham (Frederick), Sean Bridgers (Eldon), Fleet Cooper (Clinton)

Offizielle Homepage: http://www.sweethomealabama.de/alabama/index.html
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0256415

Weitere Filmkritik(en):
„Chicago Sun-Times“ (Roger Ebert):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/2002/09/092704.html

„Movie Reviews“ (James Berardinelli):
http://movie-reviews.colossus.net/movies/s/sweet_home.html

„New York Times“ (Stephen Holden):
http://www.nytimes.com/2002/09/27/movies/27ALAB.html


© Ulrich Behrens 2002 für
www.ciao.com
www.yopi.de
www.dooyoo.de

21 Bewertungen, 1 Kommentar

  • XXLALF

    03.11.2010, 09:00 Uhr von XXLALF
    Bewertung: besonders wertvoll

    au mann, wie kitschig ist dieser film, dem ich absolut nichts abgewinnen kann. super bericht dazu, bw, und ganz liebe grüße