Talkshows Testbericht

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Erfahrungsbericht von liskailonka

Schon mal über Talkshows nachgedacht?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Zerrüttete Ehen werden zusammengeführt oder intakte Ehen zerstört, ganze Familien werden (auch gegen ihren Willen) wieder zusammengeflickt, Arbeitslose werden entweder für toter Fisch ausgemacht oder auf die Schulter geklopft je nach Sympathie und Mitleidstour, Menschen werden lächerlich gemacht, auf den Arm genommen und für den letzten Dreck ausgemacht und danach wieder auf der Menschheit losgelassen.

Talkshows präsentieren uns das Schicksal der Menschheit und das im Stundentakt im deutschem TV; insgesamt etwa 13 Stunden täglich. Mit Themen wie: \"ändere Dich oder ich verlasse Dich\" oder \" Mein Busen ist zu klein/groß\" oder \"Du säufst Dich ins Grab\", sind diese Sendungen nicht mehr wegzudenken aus unsere Fernsehlandschaft.

Frauen, die sich selbst als tickende Sexbomben bezeichnen, betreten die Bühne und erzählen uns wie sie die Männer am Stück verschlingen; die Moderatoren sehen über gegenseitige Beleidigungen der Talkgäste hinweg und kitzeln diese auch noch, damit noch mehr PIEPPIEPPIEP ertönt. Die Gäste werden dann, zuckersüß und halbherzig, gemahnt sich doch an der Sendezeit zu erinnern und nicht soviele PIEPworte zu benutzen. Eigentlich ist es doch einfach; um so mehr PIEPs es in der Sendung gibt, umso höher die Quoten und umso erfolgreicher die Talkshow. Schon mal PIEP bei Fliege gehört?

Ist die Story des Talkgastes nicht aufregend genug, dann scheut sich ein Moderator nicht, noch 4 oder 5 Mal nachzuhaken, bis endlich die schmutzigen Details auf dem Tisch kommen, es wird solange gebohrt, bis der Talkgast auch das Letzte seiner Selbst preisgibt, egal wie dreckig, schmutzig, ordinäir oder gar abstoßend die Geschichte ist. Hier wird auf den Zuschauer gesetzt; nur wer alle Details kennt, kann richtig mitfiebern und sich ergötzen an das Freund und Leid eines Anderen und sich evt. auch noch selbst darin erkennen. Talkshows bieten so Ersatz für das eigene, mißlungene, Leben und sind ein Basar der Gefühle wo Emotionen verramscht werden an jeden der einschaltet,

Auch wenn der Zuschauer nicht im Studio anwesend ist, so nimmt er trotzdem Teil an dem Geschehen, weil er/sie sich emotionell involviert; der Zuschauer fiebert mit beim Vaterschaftstest, heult mit wenn die Tochter den Vater zum ersten Mal begegnet und schimpft mit wenn ein Mann gesteht das er seine Frau prügelt. Ganze Diskussionsrunden füllen so das heimische Wohnzimmer und wird zur Nebenbühne der Talkshow.

Für viele wird das Talkshowleben zum Lebensinhalt, weil das Leben dort auf der Bühne viel interessanter ist als das eigene, trostlose, Leben. Viele Zuschauer machen sich daraus ein Hobby und Lebensinhalt; die Talkshows bieten Einblicke in eine andere Welt, die nicht so trostlos und kontaktarm ist wie die eigene Welt daheim. Viele Leute die sich tagtäglich die Talkshows ununterbrochen reinziehen haben selbst kaum soziale Kontakte und stehen irgendwie auf Kriegsfuß mit ihrem eigenem Leben.

Auch gibt es viele Leute die sich einfach ergötzen an der, freiwilligen, Entblösung auf der Bühne; es kann nicht schäbig und nicht dreckig genug sein - der Zuschauer sucht hier eine Ersatzbefriedigung für sein eigenes Scheitern in Beziehung oder Arbeitskreis. Um so schlechter es den Talkgästen geht um so besser fühlt sich dieser Zuschauer.

Die Talkshows werden Minute für Minute sorgfältig geplant; es dürfen bloß keine unerwartete Sachen passieren, die den täglichen Seelentripp unterbrechen. Ein ganzes Team beschäftigt sich mit Themenauswahl, Casting und Unterbringung der Talkgäste. Damit auch bloß nichts schief läuft, bekommt der Moderator noch so ein Knöpflein im Ohr und bekommt so ständig Anweisungen aus der Regie, wie zu reagieren auf unerwartete Antworten und Aussagen von Talkgästen.

Wer sich als Talkgast meldet, der ist gefangen im Netz der Castingfirma. Der Gast wird solange bearbeitet und modelliert, bis das er seine Sache auswendig kennt und nur das macht und sagt, was ihm eingeflüstert worden ist. Die Geschichte die der Gast erzählen will, ist eigentlich uninterssant; hier wird der Gast so bearbeitet, das er/sie bloß nicht vergisst die dreckigen Details zu erzählen. Sollte der Gast trotzdem etwas vergessen, so bekommt der Moderator direkt über sein Knöpflein im Ohr, den Befehl direkt zu fragen, wie oft der Ehemann nun zugehauen hat (Beispiel).

Die häufig eingeblendete Hotlinenummern, die angeblich Hilfe bieten sollen oder die als Reaktionspodium zur Show geboten werden, bestehen zu 90% aus professionelle Castingfirmen, die so versuchen die neuen Talkgäste zu fangen. Auch wer ohne diese Absicht dort anruft, kann trotzdem so in den Netzen der Talkshows gefangen werden.

Talkgäste bekommen in etwa € 100 für ihre Geschichte; manchmal kommen auch noch Anreise und Schlafmöglichkeit dazu. Jemand der sich als Talkgast meldet, tut dies allerdings nicht fürs Geld, sonder sucht an erster Stelle nach einem offenem Ohr und evt. nach einer Lösung seiner Probleme (welche Art auch immer). Sie wollen auch einmal im Leben im Mittelpunkt der geschichte stehen und nicht immer als Prügelknabe herhalten müssen; einmal im TV, erscheint ihnen die Erfüllung schlechthin. Auch gibt es Talkgäste, die genau diese Sparte im TV ausnutzen um endlich den verhassten Lebenspartner oder die Kinder loszuwerden, weil sie sich dafür scheuen zuhause ein klärendes Gespräch zu führen.

Allerdings denken die wenigsten Menschen über die Konsequenzen ihres Talkshowauftrittes nach und das jeden Tag Millionen von Leuten zuschauen und sie auf der Straße begegnen könnte, dürfte den Wenigsten bewußt sein. Da hat man ein Geheimnis aus der Familie ausgeplaudert und auf einmal weiß ganz Deutschland davon, inklusive das ganze Nachbarhaus. Was nach der Talkshow mit den Gästen passiert oder welche Folgen die Sendung für den Gästen hat, ist den Moderatoren völlig egal; bei 3-4 Sendungen, die sie täglich aufnehmen müssen, können sie sich nicht auch noch um das psychische Wohl der Gäste kümmern.

Für mich sind die heutigen Talkshows nicht empfehlenswert; auf Kosten von Menschen werden hier auf billigste Art und Weise Quoten geschaffen und wenn wir den Blick nach Amerika werfen (Jerry Springer, wo sich die Talkgäste mit Stühle vermöbeln), dann dürften wir die kommenden Jahre noch mehr Dreck und Schmutz im Fernsehen erleben dürfen.

Buchtip:
Charles Lewinsky, Die Talkshow. Ein satirischer Roman. Erschienen beim Goldmann Verlag.

Meine Berichte erscheinen auch bei CIAO & DOOYOO.

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