The Bends - Radiohead Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Cover-Design:  sehr gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Erfahrungsbericht von suppengirl

"Kid A" - Meine Erwartungen wurden noch übertroffen

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Lange hatte ich auf die neue CD von Radiohead gewartet, nachdem ich eigentlich schon seit „The Bends“ überzeugter, spätestens aber seit „OK Computer“ enthusiastischer Konsument ihrer Songs bin. Viel wurde im Vorfeld über das Album geschrieben und gesprochen. Kaum etwas konnte man hören, denn es gibt weder Single-Auskopplungen noch Videos zu den Songs. Bevor ich die CD endlich in meinen Händen halten konnte, las ich die ersten Kritiken, vor allem auch hier bei ciao. Einige davon waren überraschend negativ, das Wörtchen „unhörbar“, das ich in Zusammenhang mit „Kid A“ des öfteren gehört oder gelesen habe, klingt mir noch in den Ohren. Ich war mehr als gespannt.

Dann war es endlich so weit: Ich befand mich ebenfalls in Besitz von „Kid A“. Und mich hat die CD sofort in ihren Bann gezogen. Gleichzeitig unverkennbar Radiohead (wer das anzweifelt, der hat nicht richtig zugehört), aber auch eine Weiterentwicklung. Wohin dieser Weg noch führt, das wissen die Mannen um Thom Yorke wahrscheinlich selbst noch nicht so genau, das zeigt wohl erst das nächste Album, das schon im nächsten Jahr erscheinen soll.

Wie man die Songs auf „Kid A“ als unhörbar bezeichnen kann, ist mir jedoch unbegreiflich. Klar einige der Stücke sind sehr experimentell. Aber es ist doch nicht so, dass Radiohead plötzlich alles auf den Kopf gestellt haben, was für ihre Musik vorher galt. Vielleicht klingt das jetzt überheblich, aber wer auf belanglose Hintergrundmusik steht, der sollte vielleicht wirklich nicht zu dieser CD greifen! „Kid A“ ist ein Gesamtwerk, das es verdient, dass man sich der Musik vollkommen widmet, sich in sie hinein versetzt. Wer dazu keine Zeit oder Lust hat, dem empfehle ich weiterhin den ganzen Tag das Radio laufen zu lassen.

Waren „Pablo Honey“ und „The Bends“ noch Alben, die man ohne Weiteres dem einst so populären Genre „Britpop“ zuordnen konnte, natürlich weit vor den meisten anderen Vertretern dieser Richtung (wobei ich nie wirklich verstanden habe, was für eine Musikrichtung das fest legen soll; populäre britische Musik? Nicht besonders einschränkend.), so zeigte „OK Computer“ schon an, dass sich Radiohead nicht auf Dauer dem Gitarrengeschraddel verschreiben wollten. Neue Wege wurden gesucht und gefunden, ohne dass dabei das verloren ging, was den typischen Radiohead-Sound ausmacht (ich habe noch immer nicht heraus gefunden, was das ist; vielleicht kanns mir wer sagen!). Auch bei „OK Computer“ wurde schon sehr viel mit Computern gearbeitet, bei „Kid A“ nimmt das noch größere Ausmaße an, Gitarren oder ein „echtes“ Schlagzeug sind da in einigen Liedern kaum auszumachen. So lange aber mit Computersounds so kreativ umgegangen wird und sich die Ergebnisse so anhören wie bei Radiohead, so lange kann ich damit mehr als gut leben. Das lässt mich vergessen, wie viel Käse man ertragen muss, weil es heute - dank der deshalb oft von mir verfluchten Computer - so einfach geworden ist, eine Platte zu machen und einen Hit zu landen, dass man dazu nicht einmal mehr mit einem Instrument umgehen können muss.

Radiohead haben mittlerweile eine Position, die es ihnen erlaubt zu machen, was sie wollen. Durch ihren Kultstatus in der ganzen Welt (außer in Deutschland!), werden sie sicher immer Käufer für ihre CDs finden. Manch einer wird ihnen vorwerfen, dass sie genau darauf spekulieren und sich deshalb erdreisten diese „unhörbare“ (was soll das eigentlich heißen???) Scheibe abzuliefern. Sicherlich werden gerade viele Radiohead Fans so denken, die etwas wie „The Bends“ erwarten - fetzige, zumindest zum Teil tanzbare Musik, oder den ein oder anderen Song zum Mitsingen - und zunächst von „Kid A“ sicher enttäuscht sein werden. Ihnen kann ich nur raten: Hört euch die CD einfach noch einmal an, völlig unvoreingenommen, und lasst euch darauf ein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man sich dieser atmosphärischen Dichte auf Dauer entziehen kann.

Ich glaube auch nicht, dass man Radiohead daraus einen Vorwurf machen kann. Ich habe hier schon irgend wo gelesen, dass gerade das Zurschaustellen der NICHT-Vermarktung dieser CD und die gleichzeitige Ankündigung einer neuen CD im nächsten Jahr, die cleverste Promotion war. Das glaube ich einfach nicht. Wie gesagt, wenn eine Band einen derartigen Kultstatus erreicht hat, dann ist es egal wie oder wo promotet wird, die CD wird erst einmal gekauft. Ob die Verkaufszahlen bei der nächsten Scheibe jedoch auch wieder so hoch liegen werden, möchte ich bezweifeln, denn ich fürchte trotz allem, dass „Kid A“ einige potenzielle Käufer erst einmal verschreckt hat. Schade eigentlich.

Zu den Songs:
1. Everything in its right place
Die erste Nummer beweist schon, was ich vorhin geschrieben habe. Dieser Song hört sich für meine Begriffe so radiohead-typisch an wie kein anderer und könnte genau so von „OK Computer“ stammen. Auf Gittarren wurde hier verzichtet, statt dessen lebt „Everything...“ hauptsächlich von Thom Yorks charismatischer Stimme. „Unhörbar“ ist dieses Stück sicher nicht, im Gegenteil, ich finde es sehr eingängig, fast schon ein Ohrwurm. Gerade der richtige Einstieg.

2. Kid A
Der Titelsong kommt ziemlich schräg und verschachtelt daher. Nicht wirklich eingängig öffnet er sich dem geneigten Zuhörerohr erst nach ein paar Mal Hören.

3. The National Anthem
Natürlich täuscht der Titel, denn unter einer Nationalhymne stellt man sich doch etwas anderes vor. Abgesehen vielleicht von den zum Schluss einsetzenden Bläsern und Streichern. Ansonsten ist das Stück ziemlich groovig und baut vor allem auf eine dominante und durchgehende Basslinie.

4. How to disappear completely
Ein wunderschöner Song, traurig und sehnsüchtig. Auch er könnte genau so oder zumindest so ähnlich auf „OK Computer“ zu finden sein.

5. Treefingers
Dieser Song ist der unaufwendigste der CD und trotzdem der, der am schwierigsten zu beschreiben ist. Ich kann nur sagen, ich liebe dieses Lied, wobei ich es als solches kaum bezeichnen mag. Ein Instrumentalstück, bei dem man vergeblich nach einer Melodie sucht. Statt dessen ist es mehr eine Art von Stimmung (eine Stimmung mit Nebengeräuschen!), die man hier hören kann. Ich könnte bei „Treefingers“ mehr als bei jedem anderen Stück der CD verstehen, wenn es jemand nicht leiden kann, aber mich hat es sofort in seinen Bann gezogen. Jetzt im Moment, wo ich das schreibe und an „Treefinger“ denke, läuft es mir schon kalt über den Rücken!

6. Optimistic
Auch dieser Song sehr eingängig, beinahe schon popig.

7. In Limbo
Klassisch mit viel Gitarre instrumentiert baut „In Limbo“ durch das ständige Gegenspiel zwei verschiedener Rhythmen eine enorme Spannung auf. Ebenfalls ein Gänsehautsong (nicht vor Schrecken!). Zumindest für mich.

8. Idioteque
Ein Song mit vielen Geräuschen, die durch Thom Yorkes Stimme zusammen gehalten werden, die zum Teil mehrschichtig zu hören ist. Wow, auch hier gibt’s Schauer auf dem Rücken. „Idioteque“ geht übrigens direkt in den nächsten Song über, ein weiteres Zeichen dafür, dass „Kid A“ als Einheit verstanden werden soll.

9. Morning Bell
Ein wunderschön melancholisches Stück. Besonders bei „Morning Bell“ hört man, dass Radiohead bei allen Experimenten nicht ihre Linie verloren haben.

10. Motion Picture Soundtrack
Der einzige Song, von dem ich lange nicht wusste, was ich davon zu halten habe. Versehen mit ziemlich kitschigen Elementen - Harfen und ein Harmonium oder so etwas Ähnliches - zeigt er eine von Radioheads großen Stärken auf: Sie machen schöne Musik, die aber niemals nur schön ist. Sie geben ihren Songs reichlich Ecken und Kanten und lassen das Hören niemals langweilig werden, da es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Nach dem letzten Song nicht gleich ausschalten, denn nach einer Pause folgt noch so etwas wie ein kurzer Epilog. Über den gibt es nicht viel zu sagen, aber er rundet „Kid A“ auf bemerkenswert einfache Weise zu einem Gesamtkunstwerk ab.

Ich weiß, über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber um „Kid A“ zu mögen, muss man Zeit und Konzentration mitbringen. Diese CD verdient mehr als eine Chance. Wenn ihr sie ihr gebt, werdet ihr das sicher nicht bereuen.

22 Bewertungen, 2 Kommentare

  • northstar

    09.04.2002, 23:53 Uhr von northstar
    Bewertung: sehr hilfreich

    Kid A ist klasse, ich liebe die Platte. :-)) Schöner Bericht! :-)

  • Stubs

    09.04.2002, 23:51 Uhr von Stubs
    Bewertung: sehr hilfreich

    ... tja in der Tat eine Chance verdient diese CD ... und ich bemüh mich ehrlich ... aber ich finde einfach nicht hinein in diese Songs ... ich weiß, es ist gut, aber ich versteh es nicht ... leider ... Gruß Stubs