Theater Testbericht

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Erfahrungsbericht von LosGatos

Jopi

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Die Gemeinde Ottobrunn bei München verfügt über ein eigenes Kultur- und Veranstaltungszentrum, das Wolf-Ferrari-Haus. Dort finden auch regelmäßig Theatervorführungen als Gastspiele statt. Zwar vermisse ich dort etwas das Flair und die prickelnde Theateratmosphäre, aber es hat den unschätzbaren Vorteil, dass man nicht erst in die Stadt fahren muss und dass die Eintrittspreise moderat sind. Dabei geben sich von Zeit zu Zeit dort durchaus namhafte Schauspieler die Ehre.

Als uns kürzlich wieder das ganzjährige Veranstaltungsprogramm ins Haus flatterte, schlug LosGatos’ Freundin vor, mal wieder ins Theater zu gehen, demnächst käme Johannes Heesters nach Ottobrunn.

Natürlich ist mir Johannes Heesters ein Begriff. Wusste ich doch, dass er vor einigen Jahren seinen 95. Geburtstag gefeiert hatte und das zum Anlass zu nahm, eine neue Schallplatte zu besingen mit dem Titel „Für dich werd’ ich 100 Jahre alt...“ Nun, dachte ich, an diesen 100 Jahren können eigentlich nicht mehr viele fehlen. In dem Alter kann man doch nicht mehr Theater spielen ....
So vermutete ich einen faulen Trick. Entweder ein Schauspieler gleichen Namens oder eine Nebenrolle mit 2-Minuten-Auftritt.

Dennoch kauften wir Karten im Vorverkauf zu 21 € pro Person. Dafür durften wir in der dritten Reihe, wenn auch etwas am Rande sitzen.

Gespielt wurde „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow, eine Komödie in 4 Akten, die 1904 in Moskau uraufgeführt worden war. Das Stück spielt im Russland des späten 19. Jahrhunderts. Verarmter Adel, der ein verschwenderisches Leben in Paris geführt hat, kehrt auf sein großes Gut in Russland zurück, dessen Prunkstück ein Kirschgarten ist und das umständehalber mit Schulden belastet ist. Eine Versteigerung droht. Ein ehemals leibeigener, mittlerweile reicher Kaufmann macht einen Vorschlag, wie man den Kirschgarten gewinnbringend opfern kann. Das sieht die adelige Besitzerin als unter ihrer Würde an, stattdessen geht das großspurige Leben weiter. Sie und ihr Clan hat den Bezug zur Realität verloren. Versteigerung und Auszug bleiben jedoch nicht aus.

Johannes Heesters spielt hier die Rolle eines alten Dieners, der quasi zum Inventar des Gutes zählt. Im Grunde genommen eine Nebenrolle, die hier aber zur Hauptrolle stilisiert wird. Er betritt als erster die Bühne, auf einen Gehstock gestützt. Da ich auf der Seite sitze, von der er die Bühne betritt, bekomme ich ihn erst spät zu Gesicht. Tosender Applaus hat ihn längst angekündigt. Ein weißhaariger Mann mit ebensolchem Bart, den ich in Unkenntnis seines Alters auf etwa 80 schätzen würde. Anfangs spricht er etwas leise mit leichtem Linda de Mol - Akzent, ist aber klar zu verstehen. Er ist in Erwartung der Ankömmlinge. Er kehrt immer wieder ins Stück zurück, 4 Akte und fast 3 Stunden lang, oft in sitzenden Rollen, das Geschehen kommentierend. Er ist es auch, der das Stück beschließt. Alles reist ab, lässt nur ihn zurück. Er kann das Haus nicht verlassen, die Tür wurde verschlossen. „Die haben mich hier vergessen“ ist sein letzter Satz.

In dem Stück spielen ca. 15 Personen, neben Heesters u.a. Dagmar Hessenland, die im richtigen Fernsehleben mal mit einem Dr. Dressler verheiratet war, und Heesters Frau Simone Rethel. Es ist klar, dass Johannes Heesters zum Schluss neben der sehr guten Dagmar Hessenland der meiste Applaus gebührt. Seine Verbeugung vor dem Publikum wird zu einer Schräglage, in die er sich quasi fallen lässt, während er von 2 Schauspielerkollegen gehalten wird.

Über Johannes Heesters sind sicher schon genug Biographien geschrieben worden. In wenigen Sätzen ist das nicht zu beschreiben. Er war wohl der erste Holländer, der in Deutschland lange vor Rudi Carrell Popularität erlangte. Aus Johannes wurde Jopi. Seine Schauspielerkarriere begann er noch als Stummfilmdarsteller. Im Dezember 2002 wird er 99 Jahre alt.
Näheres über ihn und sein Leben ist auf seiner Homepage zu erfahren:
http://www.johannes-heesters.de/

Die Aufführung von Tschechows „Kirschgarten“ war ein Gastspiel im Rahmen einer Tournee, die im schweizerischen Winterthur begann und im weiteren durch Süddeutschland führt. Diese Herbsttournee endet am 16.11.2002.
Näheres unter: http://www.der-kirschgarten.de/


Ich denke, die Person Johannes Heesters ist die beste Werbung dafür, gesund zu leben und alt zu werden. Er mag eine ganz seltene Ausnahmeerscheinung sein, der auch das notwendige Glück beschieden war. Vielleicht muss man auch nur eine 46 Jahre jüngere Frau heiraten, um selbst jung zu bleiben. Meine Großmutter ist erst im 99. Lebensjahr gestorben. Bis wenige Monate vor ihrem Tod erfreute sie sich auch bester Gesundheit. Mein Ziel ist es nicht unbedingt, 100 Jahre alt zu werden. Aber wenn ich dann noch so vital wäre wie Johannes Heesters, hätte ich nichts dagegen.


Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 20.10.2002
Veröffentlicht bei Ciao, Dooyoo, Yopi und vielleicht eComments und Talk-On

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